Die NS-Vorfahren der Identitären: „Im Dienst der Rassenfrage“

Die identitäre Ideologie der weißen  Jugend ohne Migrationshintergrund und Vermischung ist natürlich nicht neu. Sie kreist um die Fiktion einer reinen, weißen, arischen Rasse, die sich gegen die angebliche Überfremdung durch Migration zur Wehr zu setzen glaubt. Hinter diesem Verteidigungsdenken steckt allerdings unverholen eine Auslese-Ideologie, die Identitären verstehen sich als weiße Elite. Der Mensch, so führt die identitäre Generation selber aus,

braucht die Form, die Zucht, die ständige Disziplinierung, die nur der Freie sich selbst auflegt und sich selbst als Ziel setzt.

Das klingt ein wenig nach Abgeschrieben bei schlechten Nietzsche-Interpreten. Doch gibt es historischeVorbilder dieser Zuchtgedanken – und zwar direkt im Nationalsozialismus. Eines dieser Beispiele lässt sich derzeit im photoinstitut Bonartes anschauen.  Gezeigt werden Fotoarbeiten der österreichischen Fotografin Anna Koppitz, die unter anderem im reichsdeutschen Zuchtinstitut, der Reichsschule Burg Neuhaus bei Wolfsburg, Fotografien der erträumten reinen deutschen Frauen (und Männer) gemacht hat, die dann für Propgandazwecke als Illustrationen verwendet wurden. Eine historische Ausstellung zwar, aber brandaktuell.

Anna Koppitz war eine der vielen österreichischen Fotografinnen, die in der Zeit vor 1938 in Wien arbeiteten, größtenteils in eigenen Ateliers . Doch im Unterschied zur Mehrheit ihrer Kolleginnen war sie nicht-jüdisch. „Vor allem in Wien gab es zuvor hunderte Ateliers, die in der ganzen Stadt verteilt waren“, so der Fotohistoriker Anton Holzer über die damalige Branche. Viele davon sind von Frauen betrieben worden: „Und zwar zu 80, 90 Prozent von jüdischen Frauen.“ Nach 1938 IMG_20160413_190109blieben dann nurmehr diejenigen übrig, die den rassischen Blick fotografisch festhalten und formen konnten. Anna Kopitz arbeitete im Auftrag des NS-Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft, Walther Darré. Ihre Bilder machen den rassischen Blick sichtbar, zugleich lässt sich das äußerst Konstruierte, ja Künstliche dieses Blicks erkennen.

Ich habe Ihrem Minister gerne die Zusage gemacht in der Blutsfrage mitzuarbeiten und hoffe ihn nicht zu enttäuschen. Ob es sich nun um Portrait- oder Aktaufnahmen handelt, ist mir gleich; Schwierig ist nur, die passenden Menschen dazu zu finden.

In diesem Brief an den Sekretär von Minister Darré vom 18. Jänner 1940 bringt Anna Koppitz, – Fotografin und Ehefrau des 1936 verstorbenen österreichischen Fotografen und Lebensreformer Rudolf Koppitz  – die ideologische Konstruiertheit der wissenschaftliche Rassenkunde auf den Punkt. Aus der „Blutsfrage“ wurde ein abschätzender (taxonomischer) und ideologischer Blick. Die Fotografin war selber keine Ideologin, und auch die Nazis schätzten sie als unsicher ein, denn sie hatte das Rassedenken nicht verinnerlicht, wie sie meinten. Ihre Bilder spiegeln den Zeitgeist und die Zuchtideologie des Nationalsozialismus wieder. Und sie hat gerne und bereitwillig kollaboriert und damit eine Politik unterstützt, die in der aktiven Ausmerzung der Anderen in den Konzentrationslagern ihren logischen Höhepunkt fand.

In der Reichsschule Neuhaus wurde in den 1930er Jahren eine neue leibesuebungenländliche Elite herangebildet und einer ständigen körperlichen und geistigen Disziplin unterworfen. Die „artgerechte Leibeserziehung“ etwa, die in den Lehrgängen auf Burg Neuhaus unterrichtet wurde, bestand aus der sogenannten „Neuhaus-Gymnastik – einer Synthese aus Sportübungen und Volkstänzen, aber durch Trommelschläge im Rhythmus synchronisiert und kollektiviert, wodurch die Übungen ein militärisches Gepräge bekommen haben.

Neben dieser Eliteschulung – nach den Neuhaus-Lehrgängen sollten die augebildeten Bauernburschen und (in der Kriegeszeit fast ausschließlich) Bauernmädels in ihren Heimatgemeinden Führungsaufgaben übernehmen – wurde viel Wert auf Propgandaauftritte gelegt. Bei den sogenannten Reichsnährstandsausstellungen wurden die Tänze und Übungen öffentlich präsentiert. Die landwirtschaftliche Elite stellte sich auf diese Weise den Volksgenossen vor und machte Werbung für das konstruierte rassische Ideal.

Die spannende und lehrreiche Ausstellung in der Sailerstätte 22 im 1. Bezirk ist noch bis 8. Juli 2016 zu sehen. Man muss sich vorher anmelden unter info@bonartes.org.  In diesem Zeitraum werden auch mehrere Vorträge angeboten. Empfehlenswert!

Die Fotos sind eigene Aufnahmen aus den Ausstellungsräumen.

 

 

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