Beckley.Institute Wien: Eine geplante Insolvenz in der Bildungsbranche

„Nach meinen Informationen waren Sie als Trainer auf Werkvertragsbasis für die Schuldnerin tätig. Ihre Forderungen wären daher bis 9.8.2016 zweifach am Handelsgericht Wien anzumelden.“ Solch ein Schreiben haben dieser Tage rund 25 Deutsch-Unterrichtende erhalten. Alle haben für das Beckley.Institute gearbeitet. Im Firmenbuch der Sprachschule sind zudem 8 Angestellte verzeichnet, von denen die meisten im Sekretariat beschäftigt waren. Beckley ist insolvent. Doch sowohl der Zeitpunkt der Insolvenz als auch die Ereignisse zuvor und danach werfen Fragen auf. Sebastian Reinfeldt hat die Hintergründe recherchiert. Heraus gekommen ist ein kleiner Wirtschaftskrimi in der Bildungsbranche.

Verwaiste Räumlichkeiten, ratlose Kolleginnen und Kollegen – das ist die Hinterlassenschaft einer gescheiterten Expansionsstrategie im Sprachkursbereich. Noch vor der Verwertung durch die Masseverwalterin in der repräsentativen Wiener Innenstadtadresse Am Gaben 30 wurde das Beckely.Institute leer geräumt: Beamer, Laptops, I-Pads – alles, was von Wert war und leicht zu tragen, ist abtransportiert. Übrig bleiben 2 PCs, Firmenhandys – und die Unterrichtenden, die mit leeren Händen dastehen, da sie als WerkvertragsnehmerInnen beschäftigt worden sind. Ihre ausstehenden Honorare können sie vergessen, nur ein paar Lehrwerke durften sie mitnehmen. Verschwunden sind auch der Eigentümer, er hat sich offenbar nach Dubai abgesetzt, sowie die beiden Geschäftsführerinnen (eine davon ist seine Ehefrau). Eine weilt in den USA, der Aufenthaltsort der zweiten Geschäftsführerin ist unbekannt. Die Londoner Eton-Filiale des Firmendachs Eton-Institute war ebenso geschlossen, und wird in diesen Tagen als Beckley.Institute in London neu eröffnet. Eine simple Transaktion, die als Insolvenz abgewickelt werden soll?

Fest steht jedenfalls, dass das Geschäft nicht an mangelnden TeilnehmerInnen oder zu hohen Gehältern oder an den Honoraren der Unterrichtenden gescheitert sein kann. Noch 2014 wurde in einer OTS-Presseaussendung großspurig verkündet, dass das Wiener Eton-Institute nunmehr Beckley.Institute heißen würde und eine Tochtergesellschaft der in Dubai ansässigen Eton-Gruppe ist. Die Ausgründung sei der Startschuss zur Ausweitung der Geschäftsaktivitäten auf Europa, hieß es dabei vollmundig.

Beckley.Institute hat derzeit zwei Filialen in der Wiener Innenstadt, eine am Graben 30 und eine am Tiefen Graben 9, und wird noch bis Ende 2015 um fünf weitere Niederlassungen in Österreich und Europa wachsen.“

Im Hintergrund dieser angekündigten Expansionsstrategie standen möglicherweise hohe Gewinnerwartung der Investoren, die das in Dubai ansässige Eton Institute sponsern. Der Wiener Standort Am tiefen Graben wurde bald aufgegeben. Beckley operierte am Sprachkursmarkt mit einer renommierten Geschäftsadresse und relativ günstigen Kurspreisen. So boten sie noch für diesen Sommer 2016 Intensivkurse für Teens mit 32 Unterrichtseinheiten für 279 Euro an. Die vergleichbare Deutschakademie gegenüber der Oper hat 48 Unterrichtseinheiten für 250 Euro im Angebot. 50 Minuten Einzelunterricht bei Beckley kosteten 49 Euro, was im Firmenkundenbereich auch eher am unteren Ende liegt.

Die Unterrichtenden waren auf Werkvertragsbasis auf Abruf beschäftigt, sie erhielten kärgliche 18 Euro brutto die Stunde. Um davon leben zu können, mussten schon 4 Kurse pro Tag abgehalten werden, um dann mit 144 Euro brutto Tagesverdienst auszusteigen. Bei Krankheit null Euro, wenn man Urlaub will oder nur mal ein paar freie Tage braucht, dann bedeutet auch das einen absoluten Verdienstausfall. Ebenso im Insolvenzfall. „Die Kurse waren eigentlich gut ausgebucht“, berichtet eine Sprachlehrerin. Ein Indiz dafür: „Die Insolvenz wurde mitten in einer offiziellen ÖSD-Sprachprüfung mit rund hundert Teilnehmenden angekündigt.“ Das war natürlich ein Schock für alle, trotzdem wurden die Prüfungen zuende geführt.

Seitdem ruht der Geschäftsbetrieb offiziell. „Die Gesellschaft ist infolge Eröffnung des Konkursverfahrens aufgelöst“, so lautet der entsprechende Eintrag im Firmenbuch. Aber warum ist das Beckley.Institute in Wien eigentlich in die Insolvenz gegangen? Denn das Geschäft lief offenbar gut, und die Unterrichtenden – laut Presseaussendung  als „hochqualifizierte TrainerInnen“ gelobt – arbeiteten für einen Hungerlohn und garantierten dadurch eine erkleckliche Gewinnspanne.

Eine gut vorbereitete Insolvenz

Es schaut so aus, als ob die Insolvenz gut vorbereitet war. Der Alpenländische Kreditorenverband berichtet zwar, dass das

 Abgleiten in die nunmehrige Insolvenz auf Umsatzrückgänge und den daraus resultierenden Problemen zurückgeführt wird. Die aktuellen Vermögensverhältnisse müssen im Zuge des Verfahrens erst überprüft werden. Gemäß der vorgelegten Unterlagen sind von diesem Insolvenzverfahren derzeit 33 Gläubiger mit Gesamtforderungen von rund EUR 76.000,00 betroffen.

Das passt allerdings nicht zu den Beobachtungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Noch im Winter 2015/2016 absolvierten die Sekretärinnen Schulungen in Dubai. Außerdem muss man sich derzeit in Wien wirklich anstrengen, um die hohe Nachfrage nach Deutschkursen nicht gewinnbringend zu befriedigen. Im Firmenbuch findet sich ein Hinweis, was im Hintergrund abgelaufen sein mag: Im April 2016, zwei Monate vor der Anmeldung der Insolvenz, übernahm der Ehemann einer der Geschäftsführerinnen des Beckley-Instituts die Geschäftsanteile von einer in Dubai ansässigen Consultingfirma namens Acutate Limited. Von seiner Ehefrau hätte er zu diesem Zeitpunkt wissen können – ja müssen – , dass es der Firma wirtschaftlich schlecht geht. Trotzdem legte er die 35.000 Euro Mindesteinsatz für eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung ein, mit seinem privaten Vermögen haftet er nicht. Über die Firma im Hintergrund, die Beckley.Institute zufälligerweise zum genau passenden Zeitpunkt abstieß, Acutate Limited, ist wenig bekannt. Offiziell berät sie halt, und zwar in den Vereinigten Arabischen Emiraten und im arabischen Raum. Für die Wiener Filiale fungierte Actuate möglicherweise als eine Strohpuppe.

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Hummeressen in der Insolvenz

Seltsam ist auch, dass weder für die Geschäftsführung noch für den Eigentümer die Insolvenz ein großes Unglück zu bedeuten scheinen. Im Netz tauchte zeitgleich mit der Verkündung der Insolvenz ein Urlaubsfoto des Eigentümer- und Geschäftsführungs-Ehepaares auf. Es zeigt ein üppiges mediterranes Hummeressen, das sie im Urlaub genießen. Überhaupt wohnten laut Geschäftsdokumenten sowohl der Eigentümer als auch seine Frau (die seit 2010 Co-Geschäftsführerin  ist) wie auch die zweite Geschäftsführerin (ebenso seit 2010 dabei) an derselben Adresse, in der Kreuzgasse in Währing. Das entsprechende Haus ist ein unscheinbarer, leicht herunter gekommener Altbau, es handelt sich wohl um eine reine Postadresse.

Ende heißt auch nicht Ende: Aus Beckley Wien ist einfach Beckley London geworden

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Neue Kursangebote in der Insolvenz

Wohin man also schaut, hinter Beckley steht eine Fassade, hinter der weitere Fassaden stehen. Greifbar ist niemand. Die Ungereimtheiten in dieser Insolvenzsache reichen noch weiter. Zwar heißt es für London und Wien, dass die Geschäftstätigkeit ruht und die Räumlichkeiten derzeit geschlossen sind. Auch die Facebook-Seite von Beckley gibt diese Auskunft. Doch ist nach Verkündung der Insolvenz bereits ein neues, attraktives Kurs-Angebot aufgetaucht. Beckley.Institute bietet vom 3. bis 10. Juli kostenlose „Virtual classes“ für Französisch, Spanisch und Arabisch an. Offenbar wird für eine Fortsetzung der Geschäftstätigkeiten – unter demselben Namen an einem anderen Standort – auf diese Weise neue Kundschaft  akquiriert. Die technische Ausrüstung dafür wurde ja bereits in Sicherheit gebracht. Wahrscheinlich werden die angebotenen Konversationskurse über die Muttergesellschaft, also das Eton-Institute in Dubai oder das neue Beckley.Institute in London abgewickelt. Mittlerweile hat Beckley nämlich eine neue Adresse, es residiert in London, in der South Molton Street. Und während dieser Text geschrieben wurde, hat sich auch das Aussehen der Beckley-Hompage andauernd verändert. Sie wird auf die neue Geschäftstätigkeit in Großbritannien hin adaptiert.

Zurück bleiben die Teilnehmenden, die bereits im voraus Kursgebühren bezahlt haben, und die Unterrichtenden und Angestellten. Sie können diesem Treiben nur zuschauen. Zurecht sind sie empört, denn in einem System, das solche Geschäftspraktiken ermöglicht, bleiben sie völlig schutz- und rechtlos zurück.


Recherchen wie diese sind sehr zeitaufwändig. Bitte unterstützt diesen Blog. Wie es geht, das steht hier. Danke!

1 Kommentar

  1. Ein Fall für die Staatsanwaltschaft, der dennoch wie das Hornberger Schießen ausgehen dürfte. Denen würde man am liebsten ein russisches Inkassobüro schicken, würde man sich nicht wieder besinnen.

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