Sag mir, wo die Blumen sind! – Oder: Wie konnte Unidos Podemos innerhalb von nur 6 Monaten 1 Million Stimmen verlieren?

Viele Personen haben bereits über die spanischen Wahlergebnisse und die Wahlniederlage von Unidos Podemos geschrieben.* Leider basieren viele dieser Analysen mehr auf Mutmaßungen denn auf Fakten. So offenbaren die Analysen hauptsächlich die kognitiven Voreingenommenheiten der Schreibenden. Der folgende Text kommt von Pablo Torija (er ist Sozialwissenschaftler und Podemos-Aktivist) stellt mehr Fragen als er Antworten gibt, doch immerhin leiten sich diese Fragen aus Daten ab. (Text auf Deutsch und Englisch)

Aufgrund der Daten, die wir bislang zur Verfügung haben (also lediglich die regionalen Wahlergebnisse), lassen sich immerhin zwei Erklärungen für die Wahlniederlage ausschließen, die einige Leute propagiert haben: Das Zusammengehen von Izquierda Unida (IU) und Podemos zu Unidos Podemos war negativ. Und der hierarchische Aufbau von Podemos ist an seine Grenzen gestoßen. Wir werden zuerst analysieren, warum beide Erklärungen schlicht falsch sind und dann präzisere Interpretationsansätze vorlegen.

Erklärungsmuster 1) Das Zusammengehen von Podemos und Izquierda Unida war negativ

Dieses Erklärungsmuster ist falsch. Woher wissen wir das? Es gibt zwei Regionen, in denen IU und Podemos bereits 2015 eine Koalition gebildet hatten: Galizien und Teruel.** Sollte ihr Zusammengehen wirklich negativ gewesen sein, dann müssten sich diese Regionen bei den Wahlen diesmal ja anders verhalten haben. Konkret heißt das, wenn das Zusammengehen negativ gewesen wäre, hätten dort die Wahlergebnisse NICHT schlechter ausfallen müssen, denn Podemos und IU sind diese Koalition bereits vor den letzten Wahlen eingegangen. Wenn wir die Jahre 2015 und 2016 vergleichen, dann sehen wir aber, dass Teruel und Galizien einen ähnlichen Verlust an Wählerstimmen verzeichnen wie andere, vergleichbare Regionen.

Erklärungsmuster 2) Die hierarchische Organisation von Podemos ist an ihre Grenzen gestoßen

Auch diese Erklärung ist falsch. Weder Podemus noch IU sind in den vergangenen sechs Monaten hierarchischer geworden, und ihre Basis war im Wahlkampf äußerst aktiv. Aufgrund der hohen Erwartungen an das Wahlergebnis waren sie sogar noch aktiver als vorher, und das sowohl online als offline.
In vielen Wahllokalen gab es mehr WahlbeobachterInnen von Unidos Podemos als von anderen Parteien. Die politischen Zusammenkünfte waren voller enthusiastischer AktivistInnen. Auch außerhalb Spaniens waren Unidos Podemos-WahlbeobachterInnen in 68 Konsulaten aktiv, drei mal so viele wie 2015.

Es mag uns nicht gefallen, wie Podemos oder Unidos Podemos funktionieren, doch können wir dadurch den großen Verlust an WählerInnenstimmen in den vergangenen sechs Monaten nicht erklären.

Das ist wohl alles, was wir derzeit mit Sicherheit sagen können. Andere mögliche Erklärungen könnten sein, dass die Wahlkampagne zu weich war oder zu kreativ – mit zu vielen 🙂 Smilies und <3 Herzenchen. Es gibt da verschiedene Meinungen. Wenn der Sorpasso geklappt hätte, dann würde diejenigen, die jetzt alles kritisieren, genau das loben. Der Einfluss solcher Elemente auf das Wahlergebnis kann jedenfalls kaum evaluiert werden.

Außerdem könnte wir die Wahlniederlage noch durch externe Faktoren erklären. Etwa durch den Brexit, die Angstkampagne, die Situation in Venezuela, die geringen Auswirkungen der Korruptionsskandale, die Medienattacken gegen Unidos Podemos. Diese Faktoren sind aber kontingent, sie hängen von der politischen Konjunktur ab, und wir können daraus nichts lernen.

Warum hat die Linke bei ArbeiterInnen verloren?

Jedoch gibt es einige Informationen, die wir für unsere Analysen in Betracht ziehen sollten. Zum Beispiel war der Rückgang an WählerInnenstimmen in ländlichen Gebieten geringer als in urbanen Zonen. In den zehn größten Städten Spaniens fiel die Zustimmung für Unidos Podemos um vier Prozentpunkte (von 27% auf 23%) – und im Rest des Landes nur um einen Prozentpunkt (von 19% auf 18%). Darüber hinaus ging die Unterstützung in ArbeiterInnen-Gegenden noch mehr zurück. Etwa in den Vorstädten rund um Madrid fiel die Zustimmung zu UP um fast fünf Prozentpunkte.
Außerdem lagen die Zustimmungswerte von Pablo Iglesias bei den Podemos-AnhängerInnen nach den Dezemberwahlen 2015 bei 7,6 (von 10 möglichen Punkten), und vor den Juni-Wahlen 2016 bei 6.6 von 10 Punkten. Bei den AnhängerInnen von IU fiel die Zustimmung von 5 auf 4. Dasselbe passierte allerdings nicht bei Pedro Sanchez (Vorsitzender der sozialdemokratischen PSOE), denn seine Werte blieben mit 6.5 die gesamte Zeit über konstant.

Angesichts dieser Daten könnten wir einige Fragen stellen, die möglicherweise der Schlüssel zur Erklärung des WählerInnenverlustes sind. Etwa, wurde Podemos als eine Partei wahrgenommen, die nicht die Interessen der ArbeiterInnenklasse verteidigt? Dachten die Leute vielleicht, dass sich Podemos nicht um sie kümmert, nachdem der PSOE-Ciudadanos-Pakt abgelehnt worden war? Wurde Pablo Iglesias als eine Person angesehen, die in erste Linie Ministerien kontrollieren möchte, und nicht als eine, die die Probleme der Leute lösen möchte? War Pablo Iglesias der beste verfügbare Kandidat, oder hätte vielleicht jemand, der sowohl von dem WählerInnen der IU als auch von Podemos unterstützt wird, bessere Resultate eingefahren?

In den kommenden Monaten werden wir über genauere Daten verfügen können, die uns in die Lage versetzen, diese Fragen genau zu beantworten, doch der gegenwärtige Stand der Informationen scheint Erklärungen zu stützen, die auf genau diesen Fragen aufbauen.

In jedem Fall sollten wir akzeptieren, dass das Ergebnos ein komplettes Desaster war. Sie sind dabei weniger ein Desaster für Podemos/Unidos Podemos, die 71 Sitze im Parlament gewonnen haben und die damit ein herausragendes Ergebnis erreicht haben – im Vergleich zu den Aussichten der traditionellen Linken.
Das Wahlergebnis ist ein Desaster für das Land. Spanien und seine Völker sind die großen Verlierer dieser Wahlen. Da sich nichts ändern wird, ist die Zukunft klar: Mehr Korruption, mehr Räumungen, mehr Armut und mehr Repression.

*Eine instruktive Analyse des Wahlergebnisses in Spanien hat auch das Mitglied im Parteivorstand der Linken, Dominic Heilig, vorgelegt.

** Sowohl Teruel als auch Galizien sind ländliche Gegenden. In Galizien gibt es ebenfalls starke nationale Gefühle und sogar eine eigene Sprache.

{Übersetzung: Sebastian Reinfeldt}


Where Have All the Flowers Gone?
Or: how could Unidos Podemos loose 1 Millon votes in six months.

Many people have already written on the Spanish electoral results. Unfortunately, most of their analysis are based on speculations rather than in facts and the analysis are likely to show mainly the cognitive biases of the writers. The following article provides more questions that answers but all of them based on data.

Given the little data we already have (only electoral results), there are two explanations that some people maintained which should be ruled out: The convergence between IU and Podemos was negative and the hierarchical organization of Podemos (or IU) has reached its limits. Let’s analyze why are they wrong:

1) The convergence between Podemos and Izquierda Unida was negative.

This explanation is wrong. How do we know that? There were territories where IU and Podemos were already members of a coalition in 2015: Galizia and Teruel. If the convergence was negative, these territories should have behave differently now. Concretely, if convergence was negative there should not be a voting drop in these regions as Podemos and IU had already formed a coalition there. By comparing 2015 and 2016 we see how these Galizia and Teruel also experience voting drop comparable with similar* regions.

2) The hierarchical organization of Podemos has reached its limits.

This explanation is also wrong. Podemos (or IU) did not become hierarchical in the last 6 months and their bases where extremely active during the last campaing. In fact the high expectations they were even more active (both online and offline). In many electoral schools Unidos Podemos election controllers outnumber those of other parties. The political meetings were full of enthusiast volunteers and abroad there were electoral controllers in 68 Spanish consulates. Three times more than in 2015!

We might not like how Podemos/Unidos Podemos works, but this way of working cannot explain the huge lost of voters in the last 6 months.

And that is probably all we can say with certainty now. Other possible explanations could be that the campaign was too soft or that it was too creative, or too full of smilies and hearts. There are many opinions but probably if the sorpasso would have happened, those that criticize these things would be, today, praising them. The impact of these elements can hardly be evaluated.

There are other external explanations which could be considered: The Brexit, the fear campaign, the situation in Venezuela, the little effect of corruption scandals, the media attacks, etc… but all these possibilities are contingent and we cannot learn from them.

However, there is some information that we should consider for our analysis. For instance. the voting drop in rural areas was lower than in urban areas. In the 10 largest cities the drop of UP is around 4 points (from 27% to 23%) and in the rest only 1 point (from 19% to 18%). Furthermore, the voting drop in working-class areas was even higher: In the suburbs around Madrid the voting drop is always around five points.

Also, the evaluation of Pablo Iglesias, among Podemos voter was after the elections in December 7.6** and prior the June elections 6.6. He lost one point in six months. Among IU voters his evaluation dropped from 5 to 4. This did not happened with Pedro Sanchez. The evaluation of Pedro Sánchez among his voters was constant after 20D and before 26J among his voters (ca. 6.5).

Why did the left lose the votes of the working-class?

With this information we could ask some question which are likely to be key for the understading of the voting drop: Was Podemos seen as a party that do not defend the interests of the working-class? Did the people think that Podemos was not caring about them after they rejected the PSOE-Ciudadanos pact? Was Pablo Iglesias seen as a person only interested on controlling Ministries and power rather than a person interested in solving the problems of people? Was Pablo Iglesias the best candidate available or a candidate supported by both IU and Podemos voters could have obtained better results?

In the coming months we will obtain micro-data which will enable us to better answer this questions, but the current level of information supports an explanation based on these questions.

In any case, we should accept that the results are a complete disaster. They are not a disaster for Podemos/UP which gains 71 seats in the parliament and obtains an outstanding result given the traditional left prospects. They are a disaster for the country. Spain and its peoples are the big losers of these elections. As nothing will change, the future is clear: More corruption, more evictions, more poverty and more repression.

* Both Teruel and Galizia are rural areas. Also Galizians have a strong national sentiment and even their own language.

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