Wie der städtische Sender W24 als Parteisender der SPÖ Wien agiert.

W24 erreicht in etwa pro Tag 44.000 Zuseher im Wiener Kabelnetz, das ist ein Marktanteil von 4,5 Prozent. Er könnte ein demokratisches Medium sein, ist es aber nicht. Weil das die SPÖ Wien offenbar so nicht will. Christoph Ulbrich hat sich die Berichterstattung zur Wahlwiederholung in der Wiener Leopoldstadt angeschaut. Und herausgefunden, dass W24 ganz brav Her Masters Voice ist. Ist uns diese SPÖ-Lobhudelei das Geld wert?


Der Wiener Stadtsender W24 steht über die Wien Holding Medien Beteiligungs GmbH im Eigentum der Stadt Wien. Geschäftsführer sowohl der der Beiteiligungs GmbH als auch der W24 Programm GmbH als auch der W24 Produktions GmbH ist Marcin Kotlowski. Insgesamt ist Kotlowski Geschäftsführer von 7 Unternehmen.

SPÖ-nahes Führungsteam

Kotlowski ist SPÖ-Mitglied und arbeitete vor seinem Einstieg bei W24 unter anderem als Sprecher von SPÖ-Staatssekräter Josef Ostermayer und als Kommunikationschef der Bundes-SPÖ.

Programmdirektor ist mit Michael Kofler der früher Landesjugendreferent von Wien, also ein  Magistratsbediensteter war. Der Stv. Chefredakteur Hannes Huss, arbeitete früher wie Kotlowski für die Kommunikation der SPÖ. Daniel Stocker war vor seinem Einstieg bei W24, Geschäftsleiter bei echonet communications, einer Tochtergesellschaft des SPÖ-nahen echo medienhaus.

Unausgewogene Berichterstattung

In der Nachrichtensendung W24 Aktuell berichtet W24 in den letzten 4 Wochen ausführlich über die Wahlwiederholung der Bezirksvertretung in der Leopoldstadt. Die Berichterstattung von W24 wirkt dabei subjektiv wie die des SPÖ-Parteisenders. Wir haben uns genau angeschaut welche der kandidierenden Parteien wie oft und wie viel in der Sendung W24 Aktuell zu Wort kommt – und ob das subjektive Empfinden einer empirischen Überprüfung stand hält.

  • Am 22.08. beginnt die Berichterstattung mit einem ausgewogenen Beitrag
  • Am 26.08. berichtet W24 als Topmeldung 3:27min über den Wahlkampfauftakt der SPÖ
  • Am 06.09. berichtet W24 2:40min über das Wirtschaftsprogramm der Grünen für den Bezirk
  • Am 08.09. berichtet W24 ganze 32sek über den Wahlkampf der ÖVP
  • Am 09.09. berichtet W24 3:08min ausgehend von einem Streitgespräch zwischen SPÖ und FPÖ in über alle Fraktionen. (FPÖ ca. 45sek, SPÖ ca. 38sek, Grüne ca 14sek, ÖVP, Neos,Wien Anders jeweils ca 5sek)
  • Am 13.09. berichtet W24 als Topmeldung 4:18min über einen Wahlkampf-Besuch von SPÖ Kanzler Kern in der Leopoldstadt. In einem ziemlich unkritischen Beitrag darf Kern über die Vorzüge der Leopoldstadt schwärmen. Interviewt werden neben Kern primär SPÖ-Funktionäre. Kern muss sich so kritische Fragen gefallen lassen wie: „Was ist der Partei hier gut gelungen Herr Bundeskanzler?“
  • Ebenfalls am 13.09. interviewt W24 8:00min ÖVP-Spitzenkandidat Hubert Pichler unter dem Titel „ÖVP: Schweres Terrain im Zweiten“
  • Am 14.09. ist SPÖ-Landesparteisekräterin Sybille Straubinger zu Beginn der Sendung 7:10min im Studio. (Detail am Rande: Die Moderatorin duzt Straubinger und kündigt sie als Landesparteisekräterin an, ohne die Partei zu nennen – als ob es in Wien nur eine Partei gäbe.)
  • Ebenfalls am 14.09. berichtet W24 4:12min über den Hotspot Praterstern. Im O-Ton zu Wort kommen SPÖ (42sek), ÖVP (28sek) und Neos (23sek). Kurz angeschnitten werden auch die Positionen der Grünen (16sek) und der FPÖ (5sek).
  • Am 15.09. berichtet W24 3:28min über den Endspurt im Wahlkampf. Berichtet wird nur über SPÖ (ca 1:55min) und ÖVP (ca. 0:50min). Im O-Ton zu Wort kommen ausschließlich SPÖ-Funktionäre bzw. Sympathisanten.
  • Ebenfalls am 15.09. ist der Grüne Klubobmann David Ellensohn 9:06min im Studio.
  • Am 16.09. berichtet W24 schließich nochmals 3:20min darüber was „die Leopoldstadt auszeichnet“ und warum mann den Bezirk „lieben“ muss. Zu Wort kommen SPÖ-Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, SPÖ-Bezirksvorsteher Hora und SPÖ-Nationalratsabgeordnete Lisa Hakel.
Das Wahlergebnis der Parteien 2015 im Vergleich zur Sendezeit in W24 Aktuell.
Das Wahlergebnis der Parteien 2015 im Vergleich zur Sendezeit in W24 Aktuell.

Äußerst unausgewogene Dauer der Berichterstattung

Zusammengerechnet zeigt sich eine enorme Verzerrung in der Berichterstattung. W24 berichtete insgesamt 21:30 Minuten über die SPÖ, 12:16 Minuten über die Grünen. Immerhin 9:55 Minuten über die in der Leopoldstadt eigentlich bedeutungslose ÖVP. Aber nur ganze 50 Sekunden über die wesentlich stärkere FPÖ. Über die Neos die fast gleichstark sind wie die ÖVP berichtet W24 ganze 28 Sekunden. Wien Anders wurde einmal 5 Sekunden erwähnt. Besonders ins Gewicht fallen hier die Studiointerviews mit PolitikerInnen der SPÖ, der Grünen und der ÖVP. Während mit Politikern der FPÖ, der NEOS und von Wien anders keine Studiogespräche geführt wurden. Ebenfalls Bemerkenswert: Obwohl eindeutig die Bezirksvertretungswahl in der Leopoldstadt Thema war, waren die Gäste der SPÖ bzw. Grünen mit Sybille Straubinger und David Ellensohn Landespolitiker, die gar nicht zur Wahl standen.

Zwar ist eine Gewichtung nach der Größe und somit Relevanz einer Partei für ein Medium an sich nicht ungewöhnlich oder verwerflich. Bei W24 fällt allerdings die enorme Verzerrung hin zur SPÖ auf. Auch die ÖVP, die in der Bezirksvertretung mit gerade einmal 4 Mandaten vertreten ist, war deutlich überrepräsentiert, während die in der Leopoldstadt wesentlich stärkere FPÖ in der Berichterstattung praktisch nicht vor kam. Ebenso wie die Neos und Wien anders.

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