oe24.at: Fake News im Dienste HC Straches?

Zeitung Österreich Asylbewerber

“Asylwerber: 41% der “Jugendlichen” lügen”, behauptet oe24.at und “lügt” dabei gleich selbst. Gastautor Klemens Herzog erklärt, wie oe24.at – die Online-Präsenz der Tageszeitung ÖSTERREICH – in seinen Überschriften Tatsachen verzerrt. Und wie HC Strache und oe24.at eine Symbiose bilden. Zum Nutzen beider.


Worum geht es eigentlich in dem Artikel, der am 02. April veröffentlicht wurde?

Innenminister Wolfgang Sobotka hat eine Anfrage des FPÖ-Abgeordneten Walter Rosenkranz beantwortet. Dieser wollte wissen, wie oft im Jahr 2016 sogenannte Altersüberprüfungen bei jungen AsylwerberInnen durchgeführt wurden – und wie oft danach auf Volljährigkeit oder Minderjährigkeit entschieden wurde. Wenn junge AsylwerberInnen keine Ausweispapiere vorweisen können, sind die Behörden auf ihre Angaben angewiesen – und können sie in Zweifel ziehen.
Im Kampf um Clicks und Shares im nationalistischen Sumpf ist der oe24.at-Redaktion nun aber offenbar nichts zu deppert und nichts zu ekelhaft. Menschen werden bewusst beeinflusst und mit verkürzten Headlines in die Irre geführt.

Eine sprachliche Kleinigkeit mit umso größerer Wirkung

Was denkst du dir, wenn du diese Überschrift liest?: „Asylwerber: 41% der „Jugendlichen“ lügen“.
Ich denke mir: Na Wahnsinn, fast die Hälfte lügt. Und ich denke mir auch, dass ich mit dieser Interpretation nicht alleine stehe. Sie ist nahe liegend. Sie ergibt Sinn. Oe24.at behauptet also – oder nimmt billigend in Kauf, so verstanden zu werden -, dass 41% der jugendlichen AsylwerberInnen bezüglich ihres Alters lügen.

Fake News?

Die Behauptung ist jedoch absoluter Schwachsinn. 41%., das ist der Anteil jener, bei denen die Altersüberprüfung die Altersangaben der AsylwerberInnen nicht stützte. Und weil diese Untersuchung sehr teuer (und auch umstritten) ist, wird sie auch NUR bei Verdachtsfällen durchgeführt. Bei eben diesen Verdachtsfällen bestätigte sich der Verdacht bei 41% der Untersuchten. Das heißt eben nicht, dass vier von zehn jugendlichen Asylwerbern lügen; sondern, dass sich in jedem vierten von zehn Fällen der Verdacht der BeamtInnen des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl erhärtet hat.
Mit etwas Kreativität (davon mangelt es gerade der Zeitung ÖSTERREICH bekanntlich nicht) könnte die Schlagzeile deshalb auch lauten: “Teure Asyl-Altersgutachten unter Kritik. Mehr als die Hälfte aller Verdachtsfälle unbegründet“

Blaue Symbiose

Dass die Überschrift aber lautet, wie sie eben lautet, hat vielleicht auch einen anderen Grund. Sie lässt sich verkaufen. An den wütenden, nationalistischen Mob, der immer schon wusste, dass alle lügen: die Flüchtlinge, die Gutmenschen, die Regierung, die EU.

Ob nun 41 Prozent, 70 Prozent, 80 Prozent oder doch 100 Prozent der jungen AsylwerberInnen lügen? Darüber herrscht in den Reaktionen noch Uneinigkeit. Das postfaktische Zeitalter lässt grüßen.

Postings unter oe24-Artikel
Postfaktische Postings unter dem Beitrag

An einen lässt sich die Story ganz besonders gut verkaufen: nämlich an Heinz Christian Strache. Der teilt sie mit den Worten auf seinem Facebook-Imperium: Wer in Österreich Asyl will und gleich mit einer Alterslüge startet, hat von vornherein jedes Recht auf Schutz verloren!“ .

Win-Win Situation für oe24.at und Hc Strache

Oe24.at bekommt durch HC Straches Seite über 570.000 Fans Traffic (und dadurch Werbeeinnahmen)und das auf einen äußerst dünnen Artikel. HC Strache und seine FPÖ bekommen im Gegenzug für ihre Partei-Propaganda ein „objektives“, „journalistisches“ Mäntelchen. Ein einfaches Geschäft: Der eine hat, was der andere will.  Und so wird getauscht: Reichweite gegen tendenziöse Berichterstattung.

Ein Share von Strache verdreifacht die Reichweite

Auch die öffentlich verfügbaren Zahlen belegen diese Symbiose und die enorme Medienmacht von Strache. Auf der Facebookseite von oe24.at hat das Posting, das den Artikel verlinkt, schon 24 Stunden nach dem Veröffentlichen 1100 Reaktionen (Likes, wütende Emojis, …) und 308 Shares.

Strache, der den Artikel 6 Stunden nach seiner Facebook-Veröffentlichung geteilt hat, motivierte in kürzerer Zeit 4600 Reaktionen und 1060 Shares. Also mehr als ein Dreifaches. Ein nicht geringer Anteil hat sich wohl in der Folge auch auf die Homepage von oe24.at verirrt und lässt den Unique Clients – Zähler der Bannerwerbung – in die Höhe schnellen.

Nun könnte man den Vorwurf erheben, dass solche Artikel für Strache höchstpersönlich geschrieben werden. Auch wenn dies niemand der Verantwortlichen offen zugeben würde, bestätigt Krone.at-Chefredakteur Richard Schmitt in einem Interview mit dem Fleisch Magazin, zumindest die beschriebene Win-Win-Situation:

Wenn Strache einen normalen Bericht von uns auf Facebook teilt, dann merken wir, das haut die Quote auf das 1,5-Fache hoch. Und umgekehrt kriegt er natürlich auch mehr Traffic, wenn wir ihn pushen. (Fleisch Magazin, Sommer 2016)

Auffällige Zufälle im beim verlinkten Artikel

  • Die FPÖ verzichtete auf eine eigene Presseaussendung / OTS-Meldung zur parlamentarischen Anfragebeantwortung. Der Weg in die oe24.at-Redaktion dürfte ein anderer gewesen sein.
  • Die Krone hat diese Steilvorlage (zumindest in der Onlineversion) ausgelassen. Vielleicht hat sich dieses Win-Win-Geschäftsmodell mittlerweile so gut entwickelt, dass es eine gewisse Arbeitsteilung zwischen oe24.at und krone.at gibt.
  • Neben oe24.at berichtet kein anderes Medium von der Anfrage. Einzig und allein dem FPÖ-nahen und immer wieder durch seine Nähe zum Rechtsextremismus und anderen Obskuritäten auffallenden Online- und Zeitungsportal info-direkt, ist die Anfrage auch einen Artikel wert.

In Zukunft soll es dafür Presseförderung geben

Was oe24.at (ÖSTERREICH) in diesem Fall betreibt, ist eine bewusste Irreführung der LeserInnenschaft mit der Hoffnung im rassistischen Milieu besonders viele Clicks, Likes, Shares und damit Werbeeinnahmen an Land zu ziehen. Sollte die beschriebene Symbiose zwischen Boulevard und FPÖ tatsächlich geplant vollzogen werden, wäre dies ein massiver Verstoß gegen die Grundfesten journalistischer Ethik. Nachweisen wird man das jedoch nicht können.

Die Indizien reichen jedoch für folgendes Urteil: Diese Praxis hat im Journalismus nichts zu suchen. Wieso ein Medienunternehmen, welches so etwas nicht nur toleriert, sondern aktiv forciert mit öffentlichen Geldern (Inseraten) künstlich am Leben erhalten wird, ist und bleibt unverständlich. 14 Millionen Euro gingen im Jahr 2016 an öffentlichen Geldern oder Kammerbeiträgen an das Medienunternehmen Österreich. Im aktuellen Online-Lokalaugenschein schaltet etwa die Wirtschaftskammer Wien ein Inserat neben dem besagtem Artikel.

Das WIFI schaltet auf oe24.at

Auch Medienminister Drozda sollte sich nochmals gründlich überlegen, den Presseförderungstopf tatsächlich für dieses journalistische Worst-Case-Szenario frei zu geben.


Klemens Herzog studiert “Journalismus & Neue Medien” an der FH der Wirtschaftskammer Wien und ist auf Twitter unter @blaumilch_kanal zu finden.

2 Kommentare

  1. Könntet Ihr Eure Beiträge vor der Veröffentlichung lektorieren, bitte? Guter Artikel, aber die Kommasetzung und Rechtschreibung sind leider nicht optimal. Ich übernehme das gerne für Euch. LG

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*