Gekommen, um zu lernen – Warum kommen Asyl- und subsidiär Schutzberechtigte aus den Bundesländern nach Wien?

Ist es wirklich nur das Geld aus der Mindestsicherung, das Geflüchtete nach Wien treibt?  Nein, sagt eine aktuelle, bisher unveröffentlichte Studie, die Peter Hajek im Auftrag des Außenministeriums durchgeführt hat. Bildung, Sprachangebote und eine gute Infrastruktur sind mindestens eben so schwerwiegende Argumente. Unsere Gastautorin Birgit Hebein, Sozialsprecherin der Wiener Grünen, hat die Studie schon mal gelesen. In einem Gastbeitrag fasst sie die Ergebnisse zusammen.


Die Metropole bietet einfach mehr Chancen

Sie wollen Deutsch lernen. Sie wollen arbeiten. Sie sind auf der Suche nach Perspektiven. Sie haben gehört, dass es in Wien im Vergleich zu den anderen Bundesländern höhere Sozialleistungen und bessere Ausbildungsmöglichkeiten gibt. Sie haben gehört, dass es in Wien leistbaren Wohnraum gibt. Sie wollen Kontakte knüpfen. Sie glauben, dass die Metropole mehr Chancen bietet als die Kleinstadt und das Dorf.

Das sind, in aller Kürze, die Ergebnisse einer explorativen Studie. Peter Hajek hat sie im Auftrag des Außenministeriums durchgeführt: Die Frage war warum von Asyl- und subsidiär Schutzberechtigten ihr Bundesland verlassen und nach Wien übersiedeln (die Studie liegt mir vor und wird bestimmt demnächst veröffentlicht, vgl. dazu auch Die Presse vom 04.06.2017).

Sie wollen die Sprache lernen und Perspektiven entwickeln

Hajek und ein Team von Native-Speakern haben Ende 2016 und Anfang 2017 insgesamt 58 Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak interviewt. Bestimmte soziodemografische Merkmale (Geschlecht, Alter, Bildung) entsprechen der tatsächlichen Streuung innerhalb der Zielgruppen. Zwar lassen sich aus diesen 58 Interviews keine empirisch belastbaren Trends ablesen – wie das die AutorInnen der Studie auch betonen. Aber bestimmte Erwartungen und Vorstellungen lassen sich durchaus erhärten.

Am wichtigsten: Sie wollen die Sprache lernen, als Grundvoraussetzung für alles weitere. JedeR zweite Befragte hatte beim Umzug die Erwartung, dass sie oder er in Wien rasch einen Deutschkurs besuchen könne. JedeR Dritte hoffte, in der Großstadt leichter Arbeit zu finden oder eine Berufsausbildung zu absolvieren. JedeR Fünfte (und überdurchschnittlich viele junge Menschen) ging davon aus, dass in Wien leichter Kontakte zu knüpfen sind als auf dem Land.

Höhe der Mindestsicherung ist nicht das wichtigste

Natürlich spielt auch die Höhe der Mindestsicherung eine Rolle. Für 40 % der Befragten war dieser Faktor zumindest mitentscheidend. Allerdings: Viele der interviewten Personen „führten andere, wichtigere Gründe an, die für den Umzug nach Wien den Ausschlag gaben“ (Hajek 2017: 17). Konkret die Möglichkeiten zum Spracherwerb, die Job- und Ausbildungsperspektiven, die Chance neue Netzwerke aufzubauen.

Also: Die Wiener Mindestsicherung ist ein Pull-Faktor, aber nicht der einzige und bei weitem nicht der wichtigste.

Was sagt uns das nun auf politischer Ebene?

Auch wenn das lediglich eine explorative erste Studie war, der rasch weitere folgen sollten, scheint der politische Auftrag einigermaßen klar:

  • Österreichweiter flächendeckender Ausbau von Deutschkursen für Asyl- und subsidiär Schutzberechtigte (und klarerweise auch für AsylwerberInnen)
  • Verstärkte Anstrengungen Arbeits- und Ausbildungsplätzen für Asylberechtigte zu Schaffen
  • Schaffung von leistbarem Wohnraum

Würden wir diese Herausforderungen meistern, stellte uns auch die Binnenmigration vor keine größeren Probleme mehr. Viele der interviewten Asylberechtigten hätten keine Probleme, an ihre österreichischen Herkunftsorte zurückzukehren, wenn es dort in ausreichend Deutschkurse gäbe. Denn, und das ist die wichtigste Botschaft, wenngleich verallgemeinert: Sie wollen arbeiten. Sie haben eben keine Lust, auf Dauer den mehr oder weniger milden Gaben des Sozialstaates ausgeliefert zu sein. Sie sind auf der Suche nach Perspektiven. Und sie kommen, um zu lernen. Dafür sollten wir die Voraussetzungen schaffen – landesweit.


Birgit Hebein
Foto: Grüne Wien

Birgit Hebein ist Sozialsprecherin der Wiener Grünen. Sie verhandelt für die Grünen gerade die neue Wiener Mindestsicherung.

Die in Villach geborene Sozialarbeiterin war von 2005-2010 Bezirksrätin in Rudolfsheim-Fünfhaus. Seit 2010 ist Sie Mandatarin im Wiener Gemeinderat.

1 Kommentar

  1. Eine wichtige Forderung wäre, dass es für Asylwerber/innen und subsidiär Schutzberechtigte, die eine „gelungene“ Integration vorweisen können (zB Ausbildungsplatz, erfolgreicher Schulbesuch, Lehrstelle, etc…), eine Art Aufenthaltsbewilligung/Bleiberecht (ähnlich der Rot-Weiß-Rot-Karte) geben soll.

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