„Zertifikat“ – viel Geld für – ja für was eigentlich?

TrainerInnen, SozialpädagogInnen und FachtrainerInnen – sie alle kennen das. Das Arbeitsmarktservice (AMS) verlangt bestimmte Voraussetzungen, sonst darf man vom Institut, das einen anstellt, nicht als Trainingspersonal eingereicht werden. Bei einer Ausschreibung des AMS für eine Arbeitslosenmaßnahme passt ansonsten die Qualifikation nicht. Zertifikate sind also gefragt. Diese sind nicht billig. Ihr Inhalt ist allerdings fragwürdig. Das hat unsere Autorin Susanne Wiegele herausgefunden.


Was umfasst eine Ausbildung als AMS-Trainer?

Es ist natürlich durchaus vernünftig, wenn sich die Unterrichtenen aus- und weiterbilden – sollte man meinen. Denn natürlich wollen Sie ja auch von einer Fachfrau bzw. einem Fachmann unterrichtet werden und nicht von einem, sagen wir, Landschaftsgärtner in die Geheimnisse des Digital Publishing eingeweiht werden. Oder von einer Frisörin Tipps und Tricks für die richtige Bewerbung bekommen. (Nichts gegen Landschaftsgärtner und Frisörinnen, aber ich kann Ihnen ja auch nicht die richtige Bepflanzung für Schattenplätze oder die neueste Schneide- und Färbetechnik beibringen, auch wenn ich das schon mal im Fernsehen gesehen habe.)

Was zertifiziert ein Zertifikat?

Eine dieser Voraussetzungen ist eine TrainerInnenausbildung. Das AMS legt sogar fest, welche Module ganz unbedingt auf dem Zertifikat stehen müssen:
• Gruppenprozesse / Gruppendynamik
• Grundlagen der Kommunikation
• Grundlagen der Moderation / Moderationstechniken
• Methodik – Didaktik / Methodeneinsatz
• Präsentationstechniken / Medieneinsatz
• Konfliktmanagement
• Seminarphasen / Seminarplanung
Auch das ist vernünftig, denn Sie wünschen sich natürlich, dass der Mensch, der da vor der Gruppe steht, weiß, was er tut, wie er es tut und warum er es tut.

Dann wird es „österreichisch“

Die Berufsbezeichnung „Trainer,Trainerin“ ist in Österreich nicht geschützt (ebenso wie „Coach“), jede und jeder von Ihnen kann morgen aufwachen und beschließen, sich „Trainerin“ oder „Coach“ auf die Visitenkarte drucken zu lassen.  (Versuche von Fachgruppen innerhalb der Wirtschaftskammer, sich die Begriffe exklusiv schützen zu lassen, schlugen bislang fehl.)

Das bedeutet auch, dass jeder Trainerausbildungen anbieten kann, sofern er sich das (zu)traut. Jeder kann auch ein Fantasie-Zertifikat ausstellen. (Und dieses Fantasie-Zertifikat kann man sogar ISO zertifizieren lassen). Die österreichischen UnternehmerInnen traut sich prinzipiell viel zu – also gibt es auch viele Anbieter von TrainerInnenausbildungen. Durchaus seriöse. Und andere.

Was bringt eine Ausbildung?

Da die TrainerInnenausbildung verpflichtend ist, gibt es immer einen Markt – und dieser wird bedient. Für ganz schön viel Geld.
Die Preise liegen zwischen 1.700 und 2.300 Euro. Ein paar Extras gehen immer, da gibt es dann „Upgrades“, „Zertifizierungsgebühren“, „Evaluierungsgebühren“ – die österreichischen UnternehmerInnen trauen sich nicht nur viel zu, sie sind auch äußerst kreativ!
Einmal googeln reicht und Sie finden jede mögliche Konstruktion – vom Unternehmen, das Ihnen anbietet, auch „nicht formale“ Bildung anzuerkennen – ein Vorgang, der insgesamt etwa 1.000,- Euro kostet –
(Netterweise weist das Unternehmen, die Weiterbildungsakademie, darauf hin, dass Weiterbildungskosten anfallen können, falls nach dem Check der eingereichte Qualifikationen noch etwas fehlen sollte. Möchten Sie raten, wie oft das sein wird? Ah, Sie brauchen nicht zu raten, Sie wissen, dass sicher noch ein Tausender nötig sein wird? Glernte/r ÖsterreicherIn, was?) bis zum Unternehmen, das die gesamte TrainerInnenausbildung als Fernstudium anbietet – nur die 3-5 seitige Arbeit, die man schreiben muss, wird vor Ort präsentiert. Um wohlfeile 1.900,- sind Sie dabei. (Ich habe den Verdacht, dass das deshalb als Fernstudium angeboten wird, weil das Institut, freiraum, eigentlich ein Yoga-Studio ist. Es kann ja nur das sein, oder?)

Mit 5 Punkten sind Sie schon dabei!

Immerhin haben es zwei Anbieter direkt in die offiziellen Ausschreibungsunterlagen des AMS geschafft – während die verpflichtende TrainerInnenausbildung, egal wo sie gemacht wurde, ein „Muss“-Kriterium (0 Punkte) ist, belohnt das AMS die zertifizierte Ausbildung zur „ErwachsenenbildnerIn“ bei der „Weiterbildungsakademie“ und bei der „Vitalakademie“ mit 5 Punkten bei der Bewertung der Qualifikation – also gleich hoch wie z.B einen „Lehrgang zum akademischen xy“ oder ein Bakkalaureat.

Von der Friseurin zur Erwachsenenbildnerin

Ich würde Ihnen ja jetzt gern sagen, dass das im Sinne von Durchlässigkeit bei Bildungswegen toll ist, wenn jemand mit irgendeiner abgeschlossenen Berufsausbildung (also unsere Frisörin von vorhin) einfach „ErwachsenenbildnerIn“ werden kann und so einen gleichwertigen Abschluss wie jemand mit Bakkalaureat hat – kann ich aber nicht. Außerhalb der AMS Maßnahmen gilt das nämlich definitiv nicht. Da interessiert sich niemand für dieses Zertifikat. Da betreiben sie Erwachsenenbildung, weil sie kompetent sind, Fachwissen haben und weil sie jemand bucht, der ihre Leistung dann evaluieren lässt. Und dann bleibens im Geschäft – oder eben nicht.
Unsere Frisörin von vorhin ist übrigens ein gutes Beispiel.

Das Papierl kann sie sich jetzt irgendwo hinpicken

Wenn sie Erwachsenenbilnderin war, dann ist sie vermutlich eine von den 1.200 gekündigten AMS Trainerinnen.
In der eigens gegründeten Arbeitsstiftung ist sie leider nicht, weil ihr Arbeitgeber nicht einmal im Traum daran denkt, etwas für sie einzuzahlen.
Vielleicht hat sie damals, um einen Job zu bekommen, die 1.900 für eine TrainerInnenausbildung zusammengekratzt.
Das Papierl kann sie sich jetzt irgendwo hinpicken.
Schad eigentlich.


Susanne Wiegele ist seit Jahrzehnten Lehrtrainerin. Sie unterrichtet an einer Fachschule und schreibt Bücher. Zum Beispiel Krimis wie die Wien-Krimi-Reihe Fetzer. Daher ist sie auch Krimi-Coach (!).

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