Papamonat: Zwischen Topfenwickel und Message Control

Seit September 2019 besteht für frisch gebackene Väter ein Rechtsanspruch auf den Papamonat. Doch längst können nicht alle Familien vom neuen Recht profitieren. Klemens Herzog berichtet von den eigenen Erfahrungen und versucht herauszufinden, wie es mit dem Papamonat unter der neuen Regierung weitergeht.


Schlaflose Nächte sind dank Papamonat etwas erträglicher

Es ist halb drei Uhr nachts. Ich stehe etwas verträumt in der spärlich beleuchteten Küche, lade auf einen Esslöffel eine Ladung Topfen. Das natürliche Heilmittelchen gegen Wehwehchen jeglicher Art landet auf einem Wattepad und wird sorgfältig verstrichen. Zurück im Schlafzimmer nuckelt die Kleine recht zufrieden an Mamas Brust. Ist der nächtliche Hunger gestillt, entfaltet der Topfen seine kühlende Wirkung auf den beanspruchten Hautregionen. Diese und ähnliche schlafraubenden Intermezzos (Herumtragen, Wickeln, etwas vorsingen, …) verlaufen deutlich entspannter mit der Gewissheit, in ein paar Stunden nicht ins Büro zu müssen. Papamonat sei Dank.

Versammlung der Kuscheltiere

Zeit für erste Bindung und Haushaltsführung

Ein paar Monate zuvor, Ende August 2019, erreichte mich eine Mail der Gewerkschaft. Es gäbe „Grund zu feiern“, schreiben sie. Das freie Spiel der parlamentarischen Kräfte brachte, gegen den Widerstand der ÖVP, den Rechtsanspruch auf den Papamonat. Nun habe

wirklich jeder Vater die Chance, mehr Zeit mit Kind und Familie zu verbringen.

Die Teilgewerkschaft GPA-djp freute sich über einen „bahnbrechenden Schritt im Kampf um Gleichstellung“. Auch ich freute mich. Denn mein knausriger Kollektivvertrag räumt mir bei der „Niederkunft“ meiner Lebensgefährtin lediglich einen (!) freien Tag ein; etwas mehr Zeit wollte ich schon haben, um meine Tochter gebührend in der Welt willkommen zu heißen. Und nicht nur das: Wenn ein größeres familiäres Netzwerk fehlt, ist während des Wochenbettes (so nennt man den Zeitraum bis etwa acht Wochen nach der Entbindung, in dem sich die Mutter bestmöglich schonen soll) jedenfalls Unterstützung durch den Partner notwendig: Sei es im Haushalt, bei Amtswegen oder bei der fachgerechten Montage des Beistellbettes.

Der Familienzeitbonus: Erst hat man ihn – doch kurze Zeit später ist er wieder weg!

Getrennt von der Dienstfreistellung, die umgangssprachlich Papamonat genannt wird, ist das Finanzielle:

Erwerbstätige Väter, die sich direkt nach der Geburt intensiv und ausschließlich der Familie widmen,

können den sogenannten Familienzeitbonus beantragen. Auch hier wird geknausert: Es ist eine Pauschalleistung in der Höhe von 700 Euro. Wichtige Anschaffungen für unsere Kleine mussten wir also mit der Hälfte meines bisherigen Gehalts auf die Beine stellen. Ohne ein zuvor angespartes Polster und der Unterstützung von Großeltern und Bekannten wäre sich das kaum ausgegangen. Darüber hinaus werden die 700 Euro einem später bezogenen Kinderbetreuungsgeld angerechnet. Wer als Vater also nach dem Papamonat in Karenz geht, verliert den gesamten Familienzeitbonus wieder.

Im Dutzend billiger

Den Papamonat muss man sich leisten können

Den Papamonat muss man nicht nur wollen, man muss ihn sich schlicht auch leisten können. Und das können sicher nicht alle, die sich prinzipiell für den Papamonat interessieren. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wieder: Durchschnittlich 800 Bezieher gab es in den Monaten Jänner bis September 2019. Bei etwa 7000 monatlichen Geburten. Mit dem Start des Rechtsanspruches im September 2019 stieg die Zahl der Bezieher auf knapp über 1000 an. Noch aktuellere Daten lassen noch auf sich warten. Die ersten Zahlen zeigen aber, dass der Rechtsanspruch ein Schritt in die richtige Richtung zu sein scheint. Um die Inanspruchnahme weiter zu steigern, ist es notwendig den entgangenen Lohn während des Papamonats voll auszugleichen und auf eine Anrechnung auf das später bezogene Karenzgeld zu verzichten. Eine Forderung, die nicht nur vom ÖGB erhoben wird, sondern auch von den Grünen wiederholt geäußert wurde – zumindest vor ihrer Regierungsbeteiligung.

Wie geht es weiter mit dem Papamonat?

Laut Regierungsprogramm ist der Papamonat der neuen Regierung ein „wichtiges Anliegen“. Eine „Reform des Papamonats zur Verbesserung der Vereinbarkeit“ wird in Aussicht gestellt. Wie diese Worthülsen genau zu verstehen sind, wollten mir allerdings trotz mehrmaliger Nachfrage per Mail weder VertreterInnen von der ÖVP noch von den Grünen beantworten. Der Familiensprecher der ÖVP leitete mich an die Ministerin weiter. Von der Pressestelle kam aber keine Antwort. Die Familiensprecherin der Grünen fragte noch nach, für welches Medium ich schreibe und bis wann ich denn eine Antwort bräuchte. Danach gab es trotz Erinnerung keine Antwort.

Im Wahlkampf – und dann danach

Diese Nicht-Positionierung überrascht; denn noch im Wahlkampf wurde ein „Lohnausgleich bis zur maximalen Höhe des Arbeitslosengeldes während des Papamonats“ gefordert. Etwas schmunzeln musste ich angesichts dieser Unklarheit, als ich neulich ein Interview mit dem Grünen Vize-Chef Stefan Kaineder im Standard las. Dort sagte er:

Rote Linie, Bünde, Lager – mit diesem Denken kann ich und kann meine Politikergeneration nichts anfangen. Es gibt ein 300-Seiten-Regierungsprogramm. Und da ist alles klar definiert.

Was mit der angekündigten Reform gemeint sein könnte, ob sich bei der Umgestaltung konservativ-patriarchale Vorstellungen oder progressiv-feministische Zugänge durchsetzen werden, worauf sich also zukünftige Papas und ihre Familien einstellen können, ist trotz Lektüre des „klar definierten“ Regierungsprogramm und unbeantworteten Nachfragen ungewiss.

Mein süßes Wahlzuckerl

Was ich aber genau weiß: Für mich und meine mittlerweile dreimonatige Tochter war der Papamonat eine sehr wertvolle Zeit. Dieses intensive Kennenlernen im ersten Monat hat im besten Sinne Spuren hinterlassen: Fast immer, wenn ich jetzt vom Büro heimkomme, lächelt sie mich an. Und ich lächle zurück. In der Gewissheit, dass uns diese gemeinsame Zeit niemand mehr nehmen kann. Nicht die Industriellenvereinigung, die den Papamonat als „Wahlkampf-Populismus“ brandmarkte; nicht der Wirtschaftsbund, der von einem „Wahlzuckerl“ warnte; und nicht die Wirtschaftskammer, die von einer „inakzeptable(n) Belastung der Betriebe“ sprach.

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