Großbritannien: Der freie Markt der (Corona-) Viren

Das Vereinigte Königreich gehört nicht mehr zur Europäischen Union. Der Brexit ist vollzogen. Was sich nunmehr abzeichnet, ist, dass jenseits des Kanals ein Experimentierlabor des Neoliberalismus entsteht. Oder des politischen Abenteurertums. Oder etwas von beidem. Jedenfalls wollte man im Königreich keine Einschränkungen des Alltags verordnen und setzte bis vor kurzem auf eine eigenwillige Strategie bei der Bekämpfung des Corona-Virus: Stärkung der „Herden-Immunität“. Auf den britischen Inseln soll der freie Markt der Viren gelten. Eine sehr hohe Zahl von Opfern wird dabei einkalkuliert. Darüberhinaus könnte das staatliche Gesundheitssystem in die Knie gehen, wohlmöglich, um es danach problemlos zu privatisieren. Von Sebastian Reinfeldt.


Der Plan: Herden-Immunität erreichen

Die Wortwahl mag irritieren, doch ist „Herden-Immunität“ ein in der Gesundheitspolitik durchaus gebräuchlicher Ausdruck. Gemeint ist damit, dass in einer Bevökerung nicht jede einzelne Person immun gegen eine Viruserkrankung sein muss. Sondern, dass, wenn bereits eine kritische Masse immun ist, die Ansteckungsrate dieser Krankheit insgesamt sinkt. So lautet denn die Wette der britischen Politik, angeleitet von den Beratern Chris Whitty und Sir Patrick Vallance: Um eine zweite Corona-Welle nächsten Winter zu verhindern, soll jetzt die Herden-Immunität der Britinnen und Briten erreicht werden. Das normale Leben ging daher vergangenes Wochenende praktisch ungebremst weiter.

Die Alten sterben, die Jungen werden immun

Kurz zusammengefasst setzte die Regierungsstrategie bis jetzt darauf, dass diejenigen, die jünger als 40 Jahre alt sind, durch den Corona-Virus nicht lebensgefährlich erkranken. Ihre zu erwartenden milden Krankheitsverläufe würden also die Herden-Immunität als Ganzes stärken. Wir handeln nach dieser Logik, wenn wir uns impfen lassen. Wir stärken unser Immunsystem und zugleich die Herden-Immunität. Doch ist eine bewusste Infektion mit dem Corona-Virus nicht mit einer Impfung vergleichbar, betont William Hanage, Harvard-Professor für Epidemologie  in einem Beitrag für den Guardian. Damit diese Maßnahme  wirksam werde, müssten zwei Drittel der Bevölkerung die Erkrankung durchmachen – mit entsprechenden Opfern, berichtet die Schweizer NZZ. In Großbritannien geht man indes von noch höheren Zahlen aus: Eine ungebremste Corona-Pandemie würde bis zu 7,9 Millionen Menschen (!) ins Krankenhaus bringen. Ältere und solche mit Vorerkrankungen würden sterben. Ein geleaktes Dokument von Public Health England (PHE) schätzt zwischen 318.000 und 531.000 Toten. The Guradian zitiert aus diesem offiziellen Briefing:

As many as 80% of the population are expected to be infected with COVID-19 in the next 12 months, and up to 15% (7.9 million people) may require hospitalisation. [Es wird davon ausgegangen, dass 80 Prozent der Bevölkerung sich mit dem COVID-19 Virus anstecken und bis zu 15 Prozent (7,9 Millionen Menschen) sich in einem Krankenhaus aufhalten müssten]

If the mortality rate turns out to be the 1% many experts are using as their working assumption then that would mean 531,100 deaths. But if Whitty’s insistence that the rate will be closer to 0.6% proves accurate, then that would involve 318,660 people dying. [Bei einer Sterberate von 1 Prozent, die viele Expertinnen und Experten als Arbeitshypothese verwenden, würde das 531.100 Tote bedeuten. Aber wenn Whittys Beharren darauf, dass die Rate eher Richtung 0,6 Prozent geht,richtig ist, dann würde das bedueten, dass 318.660 Personen sterben.] Anmerkung: Chris Whitty ist einer der medizinischen Berater der Johnson-Regierung und gilt als Mastermind dieser Strategie.

Das nationale Gesundheitssystem Großbritanniens

Auf diese knapp 8 Millionen Aufnahmen im Krankenhaus im Verlauf eines Jahres wäre das britische Gesundheitssystem (so wie jedes andere) selbstverständlich nicht vorbereitet. Konkret gibt es noch nicht einmal genügend Tests für das Gesundheitspersonal, selbst dann, wenn sie Symtome zeigen, berichtet der Fernsehsender Channel 4 News und The Guardian unter Berufung auf jenes Dokument.

Wachstumsrate der COVID-19 Infektionen im Verrgleich Stand: 15. März 2020, abends, inkl. Österreich (rot) und GB (lila). Grafik: Pablo Torija

Sparen im Gesundheitssystem

Nach Jahrzehnten des Neoliberalismus in verschiedenen Parteifarben verfügt Großbritannien heute nur noch über 4000 Intensivbetten. Das sind 1500 mehr als in Österreich – bei einer rund achtfachen Einwohnerzahl. Die vorhandenen Betten sind zudem zu 75 Prozent ausgelastet. Auch die Testmöglichkeiten auf das Virus sind zu gering: Derzeit sind täglich 4000 Tests auf das COVID-19 Virus möglich. Das ist deutlich zu wenig, denn alleine im Gesundheitsbereic arbeiten 2,5 Millionen Menschen. Selbst wenn es gelingt, auf die geplanten 10.000 Tests pro Tag aufzustocken, so werden die Menschen, die an der Front arbeiten, nicht getestet werden können. Am schlimmsten ist: Die Regierung hat auch gar keine Pläne dies zu tun. Wie bei der gesamten Bevölkerung soll auch hier selektiert werden. Nur die als wichtg angenommenen Personen sollen auch einen Test bekommen. Sozialdarwinismus eben. Daher setzt Premier Johnson auch in seiner jüngsten Ansprache immer noch auf Freiwilligkeit. Immerhin meint er nun, es sei besser, sich von Massenansammlungen fern zu halten.


Bildquelle: Screenshot Sky News.

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