Corona-Virus: „Österreich galt ja nicht als Risikogebiet!“ – Chronologie der Ereignisse in Tirol

Das Tiroler Paznauntal sowie die Gemeinde St. Anton am Arlberg waren die ersten Regionen in Österreich, die unter Quarantäne gestellt worden sind. Das geschah am 13. März. Kanzler Kurz verkündete diese Entscheidung im Zuge einer dramatischen Presskonferenz. Vier Tage später, am Abend des 17. März, wurde auch über das Skigebiet Sölden eine Quarantäne verhängt. Seit dem 19. März ist ganz Tirol abgeriegelt, sowie weitere Wintersport-Regionen im Salzburger Land und am Arlberg. Fest steht: Dies geschah zu spät. Denn mindestens seit dem 5. März wussten die österreichischen Behörden von Corona-Infektionen in den Skigebieten. Sie reagierten zu Beginn gar nicht, dann zögerlich (so wurden nur die Apres-Ski-Hütten in Ischgl gesperrt).  Und dann wollte man plötzlich alle Gäste und Gastronomiemitarbeiter so schnell wie möglich los werden. Knapp bevor die Quarantäne verkündet wurde.

Warum ist dies so abgelaufen? Bei seiner Recherche nach Antworten hat Sebastian Reinfeldt zwei Zugänge gewählt, die wir in zwei aufeinanander folgenden Artikeln darstellen. In diesem klären wir den zeitlichen Ablauf und die Zuständigkeiten: Wer hatte wann welche Informationen? Wer traf wann welche Entscheidungen – und warum? Im Folgeartikel wird die Spur des Geldes interessant. (Für die Recherchen haben wir mit der investigativen Rechercheplattform Fass ohne Boden kooperiert. Danke für diesen produktiven Austausch.)


Aktualisierungen am 20.3. (SMS-Nachrichten an den Besitzer des Kitzloch), am 22.3. (Infos zum Zillertal), am 22. März (Info aus Bayern), am 23.3. (Anzeige des Landes Tirol), am 26.3. (Corona-Tests in Ischgl am 7.3.) und am 28.03 (SPIEGEL-Recherche). Mitarbeit von Katharina Rohrauer.


15. bis 19. Januar: Der britische Patient 0 infizierte sich in Ischgl

Die Dailymail berichtet über den wahrscheinlichen „Patienten 0“ in Großbritannien: Daren Bland, 50 Jahre alt und von Beruf IT-Konsulent. Er verbrachte mit drei Freunden seinen Schiurlaub in Ischgl. Die Apres-Ski-Bar Kitzloch war gerammelt voll:

Die Leute waren aufgeheizt und verschwitzt vom Skifahren. Die Kellner brachten hunderte Shots an die Tische. Man kann sich kaum eine bessere Heimat für das Virus vorstellen.

Nach meiner Rückkehr war ich 10 Tage lang krank. Ich konnte nicht aufstehen, ich konnte nicht arbeiten, ich hatte Atemnot.

Daren Bland hat auch seine Frau angesteckt. Seine Freunde reisten nach dem Urlaub zurück nach Dänemark und in die USA. Dort wurden sie positiv auf das Coronavirus getestet, schreibt die Dailymail.

Freitag, 30. Januar: Das Bayerische Landesamt für Gesundheit informiert die Tiroler Gesundheitsbehörden über eine Corona-erkrankte Frau

Die Betroffene hatte in der Woche zuvor ihren Urlaub in der Dormunder Hütte im Kühtai verbracht. Die Bayrischen Behörden informieren die Tiroler Behörden auf der anderen Seite der Grenze. Die wiederum erklären laut eines Berichts in den Bezirksblättern vom 30. Januar:

Wir haben uns umgehend mit der Hüttenwirtin in Verbindung gesetzt, um die identifizierten 23 engen Kontaktpersonen, die vornehmlich aus Deutschland stammen, zu identifizieren. Sie werden über den Krankheitsfall persönlich informiert und dafür sensibilisiert, ihren Gesundheitszustand in enger Abstimmung mit dem jeweiligen Gesundheitsamt im Auge zu behalten. Sollten sich Krankheitszeichen entwickeln, wird eine Abklärung eingeleitet“, erklärt Franz Katzgraber, Vorstand der Abteilung Landessanitätsdirektion.

Die Kontaktpersonen stammten also vorwiegend aus Deutschland. Der Virus blieb offenbar.

Ende Februar: Erster positiver Corona-Fall in Ischgl (laut Strafanzeige des Landes Tirol)

Eine Mitarbeiterin eines nicht namentlich genannten Betriebs aus Ischgl soll sich mit dem Corona-Virus infiziert haben. Der Arbeitgeber hat sie nach Hause geschickt und den Behörden den Fall aber nicht gemeldet. Unklar ist bislang, ob die Mitarbeiterin, die Symptome zeigte, eine Verdachtsfall war oder ob sie auch tatsächlich positiv getestet wurde. Auch die Bezirkshauptmannschaft Landeck ermittelt nach dem Epidemiegesetz.

Sonntag, 1. März: Alle Passagiere eines Flugs von München nach Island werden auf den Corona Virus getestet

In Reykjavik landet ein Flugzeug aus München, in dem sich viele Isländer befinden, die in Tirol Schi fahren waren. Islands Strategie gegen den Coronavirus fußt auf möglichst vielen Testungen, daher werden auch alle Passagiere des Flugzeugs auf das Covid 19 Virus getestet.

Torolfur Gudnason, Chef Epidomologe in Island, meldet 16 Coronafälle über das EU-weite Frühwarnsystem für Infektionskrankheiten EWRS .

Mittwoch, 4. März: Island erklärt Ischgl zur Gefahrenzone und infomiert Österreich

Gudnason schreibt über das EWRS System eine Nachricht an alle Mitglieder und eine an die österreichischen Behöreden und nennt ausdrücklich den Ort Ischgl als Corona-Hotspot. Um 23:55 Uhr gibt es in Island 8 Corona Fälle, deren Ursprung in Ischgl liegt.

Donnerstag, 5. März: Island gibt eine Reiswarnung für Ischgl heraus

Die isländischen Gesundheitsbehörden geben eine ausdrückliche Reisewarnung für den Ski- und Partyort Ischgl heraus. Island setzt den Ort im Paznauntal auf die Liste der „high-risk areas“ – neben China, Italien, Südkorea und Iran, weil Heimkehrende positiv auf das Virus getestet wurden. Diese Information hat auch die österreichischen Behörden erreicht. Dieter Walser, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Paznaun – Ischgl wird über die – mittlerweile 14 Personen aus Island iformiert, die sich nachweislich in Ischgl angesteckt haben.

„Die Betroffenen waren nicht Teil einer einzigen Gruppe, sie wohnten in fünf verschiedenen Hotels und hatten unseres Wissens keinen Kontakt untereinander“ schreibt eine Mitarbeiterin der isländischen Behörde an Walser.

Es ist somit klar, dass das Virus in Ischgl nicht auf einen einzelnen Überträger oder einen „Hotspot“  eingegrenzt werden kann, sondern im ganzen Ort grassiert und von jedem Urlauber übertragen werden kann. Ischgl ist Drehscheibe von COVID-19. Von dort aus verbreitet sich das Virus. Die Österreichischen und/oder Tiroler Behörden haben zu dieser Zeit davon Kenntnis, dennoch werden keine Maßnahmen gesetzt. Die Gefahr wird ignoriert und niemand infomiert.

Kanzler Kurz: „Ich bin frühzeitig gewarnt worden“

Bundeskanzler Sebastian Kurz meinte in einem Puls24-Fernsehinterview am 17. März mit Bezug auf den Corona-Virus wörtlich:

Ich bin sehr dankbar, dass ich schon vor zwei Wochen von einigen ausländischen Regierungschefs außerhalb Europas gewarnt wurde und dadurch auch in Österreich so viel Druck drauf gemacht habe, dass wir harte Maßnahmen setzen.

Wenn die Aussage vom 17.März 2020 mit den zwei Wochen stimmt, so ist das Wissen, dass von österreichischen Skigebieten eine Gefahr ausgeht, sogar noch vor dem 5. März in der Bundesregierung angekommen. Hat sie diese Informationen etwa nicht weiter gegeben? Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass der Tiroler Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber noch am selben Tag (am 5.3.) in einer Aussendung argumentiert, die isländischen Touristen hätten sich erst im Flugzeug von München nach Reykjavik angesteckt. Indes traten die Symptome bei den betroffenen Isländern schon bald nach ihrer Ankunft in Island auf. Aufgrund der Inkubationszeit ist der Hinweis des Sanitätsdirektors (!) also sachlich unzutreffend. Das Partywochenende in Ischgl, in Sölden, am Arlberg und im Salzburger Land kann am Freitag – wie geplant – starten. Alle Skilifte, Hütten, Bars und Restaurants sind offen. Es sollte eine Corona-Party werden, von der zu dieser Zeit weder die Gäste noch die Beschäftigten etwas wussten.

Freitag, 6. März: Eine Reisegruppe aus Bremerhaven reist nach ihrem Skiurlaub in Sölden infiziert heim – das Gesundheitsministerium lässt sich von Platter unter Druck setzten.

Der Blog Norderlesen berichtet am 13. März 2020 über den ersten Corona-Patienten im norddeutschen Bremerhaven. Der Mann war mit einer „Herrenrunde“ auf  Skiurlaub in Sölden, berichtet er. Seit Sonntag (8. März) steht er unter Quarantäne, inzwischen wurde auch seine Ehefrau positiv getestet, obwohl sie nicht mit in Sölden war. Sie hatte sich bei ihm angesteckt. Der Betroffene erzählt über die Zeit in Sölden:

Beim Apres-Ski waren die Tanzflächen voll, und da hat auch mal jemand geniest. Wir haben während des Urlaubs alle schon Halschmerzen, Husten und Schnupfen bekommen. Eine Erkältung halt, dachten wir. Das Wetter war entsprechend.

An Corona haben Sie nicht gedacht? Überhaupt nicht, so richtig krank gefühlt haben wir uns ja auch nicht. Und Österreich galt nicht als Risikogebiet.

Mehrfach betont der Mann im Gespräch, dass Österreich ja kein Risikogebiet war. Die gesamte Reisegruppe, insgesamt fünf Männer, hat sich während des Skitrips infiziert. Ab Sonntag wusste die zuständige deutsche Gesundheitsbehörde Bescheid. Er hatte sie angerufen und wurde daraufhin getestet.

Die Behörden wissen nachweislich von der dezentralen Verbreitung des Virus in Ischgl. Dass der Virus sich in Menschenmassen besonders leicht verbreitet, ist ebenfalls schon lange bekannt. Trotz Warnungen von Virologen werden nur Tests beim Servicepersonal der Tourimusstätten angeregt.

Österreich stuft nur Südtirol als „potentiell gesundheitsgefärdend“ ein

Das österreichischen Gesundheitsministerium stuft Südtirol als „potentiell gesundheitsgefährdend“ ein. Nach Intervention von Landeshauptmann Günter Platter, der sich um den Ruf seiner Skigebiete sorgt und einen Kollateralschaden für Tirol befürchtet, hebt das Gesundheitsministerium die Reisewarnung wieder auf. Deutschland indes warnt vor Reisen nach Südtirol.

Was wäre geschehen, hätten die österreichischen Behörden bereits jetzt eingegriffen?

Samstag, 7. März Barkeeper aus Ischgl erfährt von positivem Corona-Test

Nachdem am Vortag nur ein Medienbericht über 9 Isländer erschienen war, die sich in Österreich infiziert haben, wird nun in der Region offiziell bekannt, dass ein Barkeeper aus dem Ischgler Apres-Ski-Lokals „Kitzloch“ positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die Partys gehen indes unvermindert weiter. Medienberichte gibt es keine.

Laut einem Bericht der Kronenzeitung entsendet die Tiroler Landessanitätsdirektion Ärzte nach Ischgl, um dort zu testen – allerdings nur ausgewählte Personen. Dies berichtet einer der Ärzte.

Wir durften nur von der Behörde definierte Personen testen. Meine Kollegen und ich spürten aber, dass das Coronavirus schon weit im Land angekommen war. Wir waren uns einig, dass viel mehr Tests notwendig wären als jene durchgeführten bei aus Italien angereisten Personen oder der Putzfrau der Isländer

Daher führten die Mediziner im Ort eigenmächtig Test durch. Das Resultat:

Am nächsten Tag gab es dann die positiven Ergebnisse. Da hätte man Ischgl bereits dicht machen müssen, darin sind wir uns ebenfalls einig. Die Situation wurde aus unserer Sicht klar unterschätzt, man hat zu spät reagiert.

Sonntag, 8. März: die Tiroler Landesregierung: „Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung“

Ganz im Gegenteil gibt die Landesregierung Tirol am folgenden Tag bekannt;

Infoblatt Corona Ischgl am 8.März 2020

„Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich“, informiert Anita Luckner-Hornischer von der Landessanitätsdirektion Tirol. (…) „Für alle BesucherInnen, die im besagten Zeitraum in der Bar waren und keine Symptome aufweisen, ist keine weitere medizinische Abklärung nötig. BarbesucherInnen, die aktuell grippeähnliche Symptome haben, sollen die Gesundheitshotline 1450 wählen und werden in der Folge ärztlich abgeklärt. Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung.


In Norwegen registriert man unterdessen bereits 500 Corona-Fälle, bei denen die Ansteckung in Österreich erfolgte. Die große Mehrheit davon in Ischgl. Tirol wird daher auch dort auf die Liste der Risikogebiete gesetzt. Die norwegische Gesundheitsbehörde FHI (Folkehelseinstituttet) meldet diese Fälle sogar über das Frühwarnsystem des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) den österreichischen Behörden. Am Morgen des 9. März leitet das Gesundheitsministerium in Wien diese Meldung an die Landessanitätsdirektion Tirol weiter. Auch Dänemark setzt Ischgl mittlerweile auf die Liste der Hochsicherheitsgebiete. All das berichtet das Ö1-Morgenjournal um 8 vom 19.3.2020.

Das Kitzhorn und alle anderen Lokale und Lifte im Paznauntal sind weiterhin geöffnet. Das (Apres) Ski Geschäft boomt.


 


Montag, 9. März: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass…

Nun nimmt auch Finnland Tirol in die Liste der Risikogebiete auf. Der Grund: Es haben sich Infektionen unter finnischen UrlauberInnen gehäuft, die aus Ischgl zurückgekehrt sind. Gleiches tut Schweden.

Und in Tirol? Lediglich das Ischgler „Kitzlochwird behördlich geschlossen, und das zwei Tage, nachdem bekannt geworden war, dass ein Barkeeper des Lokals positiv auf Corona getestet ist. Nun meint die Tiroler Landesregierung:

In diesem Zusammenhang kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass es eine Verbindung zu einem Teil der in Island positiv getesteten Personen gibt, die sich nach jüngsten Erhebungen kürzlich ebenso in Ischgl in besagter Bar aufgehalten haben.

Trotz dieser Häufung expliziter Reisewarnungen meinen die Behörden vor Ort immer noch, es „kann nicht ausgeschlossen werden“ und lassen die Partys in den anderen, noch geöffneten Skibars weiter laufen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die Faktenlage klar: In den Skigebieten Ischgl und Sölden grassiert das Corona-Virus.

Hörl (ÖVP): Willst du am Ende der Saison in Ischgl Schuld sein?

Der Tiroler Blog die tiwag veröffentlicht zwei SMS-Nachrichten des mächtigen Manns im Hintergrund, des ÖVP-Politikers Franz Hörl, seines Zeichens Obmann des Fachverbandes der Seilbahnwirtschaft. Er schrieb an den Besitzer des Ischgler Kitzlochs, dass er zusperren sollte. Falls nicht, sei er „schuld am Ende der Saison in Ischgl und eventuell Tirol.“

Erste SMS von Hörl an Peter Zangerl. Quelle: die tiwag.
Zweite SMS an Zangerl. die tiwag

 


Brisant: Der SMS-Schreiber Hörl betreibt selbst einen Gasthof im Zillertal, den Gaspingerhof in Gerlos. Von dort meldet die Tiroler Tageszeitung am 22. März bereits 32 Corona-Fälle. Die Gesundheitsbehörden gehen davon aus, dass der Zeitraum vom 8. bis 15. März besonders kritisch war. Hörl bestätigte übrigens den Inhalt der Nachrichten, und dass sie am 9. März geschrieben wurden. Hotels aus der Region kontaktieren derweil ihre Gäste, um sie zu warnen. Auch im Hotel Hörls gab es mindestens einen Corona-Positiv-Fall.

Dienstag, 10. März: Ischgl wird No-Go-Area in Dänemark, doch der Skibetrieb geht unvermindert weiter

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen erklärt auf einer Pressekonferenz Ischgl wörtlich zu einer No-Go-Area. Doch der Betrieb der Skilifte geht weiter; die Restaurants laden zum Schmaus. Lediglich die Après-Ski-Lokale in Ischgl müssen schließen. Das Bundesgesundheitsministerium verfügt per Erlass, der an alle Landeshauptleute ergeht,

dass nach § 15 des Epidemiegesetzes 1950 sämtliche Veranstaltungen in ihrem Wirkungsbereich, die ein Zusammenströmen größerer Menschenmengen mit sich bringen, zu untersagen sind, bei denen mehr als 500 Personen (außerhalb geschlossener Räume oder im Freien) oder mehr als 100 Personen in einem geschlossenen Raum zusammenkommen.

Eine Woche, nachdem die erste Meldung aus Island gekommen ist, reagiert der Tiroler Landeshauptmann, auf Druck der österreichischen Bundesregierung. Dass nur Apres Ski untersagt wird, alle anderen Lokale, Restaurants und Geschäfte weiterhin geöffnet haben, zeigt, wie halbherzig diese Reaktion ausfällt.

Im Nachbarort St. Christoph findet ein Sportärzte Kongress statt, die Veranstaltung wird wegen Covid 19 abgebrochen, dennoch entscheidet sich eine Mehrheit, nicht abzureisen, sondern Skifahren zu gehen. Mindestens neun Ärzte infizieren sich.

Mittwoch, 11. März: Skibetrieb wird untersagt, doch erst ab Samstag

Das Land Tirol gibt nun bekannt, dass der Skibetrieb untersagt wird – vorläufig für zwei Wochen, und das erst ab Samstag, 14. März. Am gleichen Tag ist um 11 Uhr auf der Idalp auf 2300 Metern noch voller Betrieb, wie dieses Webcamfoto beweist. Dabei dürfte die Zahl von 500 Personen im Freien überschritten worden sein. Und auch in Sölden läuft der Skibetrieb weiter, und das bis zum 14. März, wie das nächste Webcamfoto vom Giggijoch belegt.

Webcam-Foto vom 11.3.2020 um 11 Uhr. Voller Betrieb auf der Ischgler Idalp
Giggijoch – Sölden, 14. März 2020 um 11 Uhr. Der Skibetrieb läuft immer noch

Donnerstag, 12. März: Das Epidemiegesetz erzwingt das Ende der Wintersaison

Nun also doch: Das Land Tirol widerruft, was es tags zuvor bekannt gegeben hatte und stellt nunmehr den Skibetrieb für die gesamte Wintersaison und in ganz Tirol ein. Die Seilbahnen werden allerdings erst mit Ablauf Sonntag, 15. März 2020, geschlossen; die Beherbergungsbetriebe ab Montag, 16. März 2020. Grundlage dafür: das Epidemiegesetz, das seitens der Bundesregierung bereits am 10. März in Anschlag gebracht wurde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Ischgler Gastronomie werden förmlich aus dem Ort geworfen.

Freitag, 13. März: Ausrufen der Quarantäne für St. Anton und das Paznauntal

Über St. Anton am Arlberg, Ischgl und andere Orte im Paznauntal wird die Quarantäne verhängt, und das mindestens eine ganze Woche nach den offiziellen Warnungen aus Island, aus Dänemark, aus Norwegen, Schweden und aus Deutschland. Die Urlauber müssen Hals über Kopf den Ort verlassen. Viele mieten sich über Nacht in Innsbruck in Hotels ein. Ganze Reisegruppen irren durch Tirol und suchen Unterkunft. Auf das Virus getestet werden sie bei der Abreise nicht.

Resultat: Mindestens 1000 Menschen in den fünf nordischen Staaten, in Deutschland, Österreich und vermutlich einigen anderen Ländern sind durch das Corona-Virus via Ischgl infiziert worden.

Samstag, 15. März: Positiver Corona-Test bei Barmann in Sölden

Nun geht es auch in Sölden offiziell los: Ein Mitarbeiter der Apres-Ski-Bar „Schirmbar“ erfährt abends von seiner Diagnose. Drei Tage zuvor, am Donnerstag, bekommt er eine Nachricht, dass ein aus Sölden heimgereister Gast positiv getestet wurde. Daher hatte er sich freiwillig testen lassen. Zeitgleich wird am Samstag in Brandenburg an der Havel die Corona-Infektion eines Sölden-Urlaubers bestätigt. Der Skibetrieb in Sölden läuft indes weiter, bis Sonntagmittag.

Montag, 16. März: „Wir haben alles richtig gemacht“ (Gesundheitslandesrat Tilg)

Alles richtig gemacht„. Der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg kann in einem Interview mit der „ZiB 2“ keine Fehler seitens der Behörden erkennen.

Der Vorwurf, dass sich da die Bergbahnlobby durchgesetzt habe, „stimmt nicht“. Tirol habe ständig Maßnahmen getroffen, „die Gesamtvorgangsweise war richtig“.

Dienstag, 17. März: „Wir haben das Menschenmögliche gemacht“ (Landeshauptmann Platter)

Tags drauf meint der Tiroler Landeshauptmann Platter im Interview mit dem Standard:

Es dürfte allen klar sein, dass diese Krisenbewältigung eine unfassbar schwierige Aufgabe ist. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass das Menschenmögliche gemacht wurde in der jeweiligen Situation, um angepasste Maßnahmen zu setzen. Aber ich will dazu auch sagen: Wir lernen tagtäglich dazu, in Tirol, aber auch weltweit. Dieses Virus ist ja nicht in Ischgl entstanden. Daher mussten wir erst lernen, damit umzugehen. Und wir haben etwa im Laufe der Zeit festgestellt, dass eine Verbreitung dort wesentlich schneller gegangen ist, wo mehr Leute zusammenstehen. Man wird danach schauen müssen, was ist gut gelaufen und was weniger.

Am Abend werden sowohl Sölden im Ötztal als auch St. Christoph am Arlberg unter Quarantäne gestellt. Landeshauptmann Platter erläutert nun:

Uns liegen drei positive Testungen von Personen aus Sölden vor, wo wir wiederum nicht ausschließen können, dass ein Bezug zu einer Schirmbar hergestellt werden kann.

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Die Grundstruktur dieser Recherche bildete die ausgezeichnete Zusammenschau der Ereignisse in Ischgl Das ist ja nichts anderes als eine Grippe, die für die allermeisten nicht tödlich ist“, die auf dem Blog Homopoliticus erschienen ist.

2 Kommentare

  1. „Nach Intervention von Landeshauptmann Günter Platter, der sich um den Ruf seiner Skigebiete sorgt und einen Kollateralschaden für Tirol befürchtet, hebt das Gesundheitsministerium die Reisewarnung wieder auf.“
    Als Quelle geben Sie einen kostenpflichtigen Spiegel-Artikel an, auf den ich keinen Zugriff habe.
    Bitte ein paar Zusatzinfos, danke!

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