Das Ischgl-Dossier

Die Infektionsketten von Ischgl sind ein handfester Skandal. Beim Verbraucherschutzverein von Peter Kolba haben sich mittlerweile 5380 Personen als Geschädigte aus der ganzen Welt gemeldet. 73 Prozent von ihnen sind oder waren COVID-19 infiziert. 77 Prozent waren in Ischgl und im Paznauntal. 25 Personen sind mittlerweile verstorben, 10 liegen im Koma.

Die Aufklärung in der Sache kommt nur schleppend und weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit voran. Weil in einem solchen Fall unabhängige Medien eine wichtige Rolle spielen, haben wir ein Ischgl-Dossier zusammengestellt: Unsere wichtigsten Recherchen und Veröffentlichungen in eine zeitliche Reihenfolge gebracht. Dafür haben wir die wichtigsten Infos kurz zusammengefasst. Sie legen wir euch zusammen mit unserer aktualisierten Chronologie der Ereignisse ans Herz:  damit ihr den Überblick nicht verliert. Bleibt gesund!


Coronavirus: „Die Ischgl-Mistsäcke wussten seit langem um massivste Verdachts-Fälle“

Der erste Bericht und praktisch „der“ Auslöser für die kritische Berichterstattung des Semiosisblogs. Im anonymen Briefkasten fanden wir am 12.März einen Bericht von einem Ischgl-Urlauber. Nach Prüfung der Plausibilität der Angaben haben wir uns dazu entschlossen, Passagen daraus am 14. März zu veröffentlichen:

Die Ischgl-Mistsäcke wussten allerdings bereits seit spätestens Dienstag – vergangene Woche – um massivste Verdachts-Fälle. Sie sagten aber nix, um die Saison zu retten. Erst am Dienstag mussten dann alle Après Ski Läden schließen, mittlerweile ist Ischgl dicht.

Der Skibetrieb ist eingestellt und die komplette Skisaison ist vorzeitig beendet. Viele hundert Fälle wohl. Ich bin Sonntagabend, meine Mitreisenden X, U und Y erst Montag heimgefahren. Ich höre immer auf mein Bauchgefühl … In Ischgl war ich lediglich Freitagabend drei Stunden in Trofana. X hatte dann am Montagabend Symptome. Das gestrige Testergebnis war positiv.

Infoblatt Corona Ischgl am 8.März 2020

Die Aussagen und Schilderungen des Hinweisgebers entpuppten sich auch im Nachhinein als zutreffend.

Die Medieninformation des Landes Tirol vom 8. März 2020 findet sich ebenfalls im Original in diesem ersten Beitrag. Dort meinen die Behörden:

Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist (…) unwahrscheinlich.

Ein Koch aus Ischgl: „Die wollten uns nur los werden!“

Sehr schnell wurde auch klar, wie mies die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Tourismus von ihren Vorgesetzten und von der lokalen Politik behandelt wurden. Die Schilderungen eines Kochs aus einem Ischgler Spitzenrestaurant führen dies am 17. März vor Augen:

Schaut, dasss ihr bis 14 Uhr hier raus seid, ansonsten kommt ihr nicht mehr raus!“, hieß es. Ich hab das Nötigste gepackt und den Rest einfach zurück gelassen. [Die Pressekonferenz von Bundeskanzler Kurz fand an diesem Tag um 14 Uhr statt. Der Hotelchef wusste offenbar bereits vorher, was der Kanzler dort verkünden würde.]

Nun noch das Beste: Wir wollten Gewissheit haben, ob wir gesund sind bzw. positiv und baten unseren Chef, einen Arzt ins Hotel kommen zu lassen, wie es auch in einigen anderen Hotels gemacht wurde. Dies wies er ausdrücklich ab. Daraufhin bin ich am selben Tag noch zum Hausarzt in Ischgl und wollte mich testen lassen. Dies wurde wiederum nicht gemacht, da ich keine Symptome aufwies. Aber ich hatte Kontakt mit mindestens einer positiv getesteten Person. Also sind – sicher Hunderte Mitarbeiter – unregistriert noch ausgereist, von denen mit Sicherheit eine Vielzahl positiv ist.

Corona-Virus in Tirol: Werden Gerichtsverfahren eingeleitet?

In diesem Beitrag findet sich die Schilderung einer deutschen Urlauberin, deren ältere Mutter nach einem eintägigen Busausflug am 7. März ohne Besuch in einer der einschlägigen Bars schwer an COVID-19 erkrankte. Dies ist ein Hinweis darauf, dass zu dieser Zeit das Virus bereits massiv im Ort umging. Deshalb fordert die Tochter Konsequenzen. Wir berichteten am 22. März:

Ich kann leider aus meiner Sicht nicht nachvollziehen, wer dafür verantwortlich gewesen ist, das Gebiet rechtzeitig ab zu sperren.
Sie sehen, was es jetzt für uns für gravierende Folgen hat und ich muss wirklich sagen, ich bin wütend und enttäuscht, dass ich mich offenbar nicht auf Behörden verlassen kann! Denen mein Wohlergehen und die Gesundheit meiner Familie bzw. von anderen Menschen offenbar nicht am Herzen liegt.

Tourismusverband Paznaun: „Dass sich die Ereignisse in Ischgl derart überschlagen würden, war nicht ansatzweise abzusehen“

Für diesen Artikel vom 26. März haben wir verschiedene Berichte von Betroffenen zusammengestellt, die uns mittlerweile erreicht oder die wir gesammelt hatten. Der Zahnarzt aus Ischgl erzählt beispielsweise:

In den Après-Ski-Läden war ab Mitte, Ende Februar bereits ein großer Teil des Personals infiziert

Und der Tourismusverband Paznaun kommt dabei ebenfalls und erstmals zu Wort. Selbstkritisch meint er:

Nach den dramatischen Entwicklungen der nächsten Tage und mit Wissenstand heute wäre eine Quarantäne wohl bereits bei Aufkommen des ersten leisesten Verdachtes auf einen Erkrankungsfall die effizienteste Maßnahme zu Eindämmung einer Weiterverbreitung des Virus gewesen.

„We trust our authorities 100%!“

Der meistgelesene Artikel im Ischgl-Dossier ist die Wiedergabe des Original-Mailverkehrs zwischen einer niederländischen Urlauberin (die nämlich nicht nach Ischgl gekommen ist) und dem Tourismusverband Paznaun, den wir am 30. März veröffentlicht haben. Ein Auszug der Mails, die am 6. März zwischen den Niederlanden und Ischgl hin und her gesendet wurden:

Hello,

Please call the Icelandic authorities and ask them for their explanation instead of just trusting a statement. The number is +354 544 4113. In this case you can make up your own mind.

The infection has well been traced to Ischgl by the Icelandic authorities. Airplanes are low risk and it’s impossible that 10 people got infected in a plane and show symptoms that soon.

Die Antwort des Tourismusverbands hat durchaus Potential zum Spruch des Jahres:

Hello,

we trust our authorities 100%.

Best,

Die ungestellte Frage an den Tiroler Landeshauptmann Platter

Am selben Tag noch veröffentlichten wir eine Frage an den Landeshauptmann Platter, die wir im Rahmen der virtuellen Pressekonferenz nicht stellen durften. Daraufhin reichten wir sie an die APA Tirol ein. Auch dort ohne Erfolg. Es ging dabei um die ersten Beweise, dass Ischgl tatsächlich eine Virenschleuder in Europa geworden war:

Das Mess- und Beratungsunternehmens umlaut hat gestern Trackingdaten von potentiell Infizierten veröffentlicht, die vom 1. bis 14. März von Ischgl weggereist sind. Daraus geht hervor: Die höchste Reisedichte zeigt die Analyse in Österreich, der Schweiz, in der Straßburg-Region und in München und Stuttgart auf. In Skandinavien waren die Hauptziele Oslo, die Region um Helsinki und Örebro.

Soweit also der Kontext. Nun die Frage(n):

Wie kommentieren Sie das Resultat dieser Auswertung, dass von Ischgl ausgehend Tausende potentiell Infizierte das Virus in Europa verteilt haben?

Und: Könnten diese Daten nicht auch für die allfällige Aufklärung der Infektionswege innerhalb Tirols und Österreichs nützlich sein? Planen Sie, diese Daten anzufordern und auszuwerten?

Im Zillertal: „Verstorben. Nach kurzer schwerer Krankheit“

Wir bekamen Hinweise, dass sich im Zillertal im März Todesfälle aus der Hotellerie häuften. Eine Recherche in den veröffentlichten Parten konnten diese zum Teil erhärten, auch wenn der Anstieg insgesamt nicht dramatisch war. Auch eine statistische Auswertung, die wir inḿ Text bekannt gemacht haben, verdeutlicht dies. Veröffentlicht wurde diese Recherche am 2. April:

Das Telefon läutet. Das kommt nicht überraschend, denn der Anruf war angekündigt. Am anderen Ende der imaginären Leitung redet die Stimme einer Person aus dem Zillertal. Eine Stimme, die nicht genannt werden möchte und nicht genannt werden kann. Denn im Tal herrsche, so wörtlich, eine „Omerta“. Dieser Ausdruck stammt aus der Mafiasprache und meint: ein Schweigegebot. Wer es durchbricht, muss mit harten Konsequenzen rechnen. Im Falle Tirols mit der Vernichtung der wirtschaftlichen und sozialen Existenz. Nur „wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden“, heißt es in Sizilien. Und offenbar auch in Tirol.

Corona-Zahlen: In Österreich herrscht ein intransparentes Chaos

Praktisch täglich haben wir Beschwerden von Menschen verschiedener Berufe gelesen, die die amtlichen Zahlen zur Pandemie in Österreich auswerten wollten. Wir haben einen von ihnen um einen Beitrag gebeten. Er schreibt: Noch am 9. April mussten sie die Zahlen von den Seiten des Ministeriums mit der Hand abschreiben.

Das „Zauberwort“ in diesem Zusammenhang hieße „maschinenlesbare Daten“ oder „Open Data“. Gemeint ist damit, wenn Behörden Zahlen und Analysen in Formaten publizieren, die unabhängige Forscher und Journalisten ohne größeren Aufwand — d.h. vor allem ohne händisches Abtippen — weiterverwenden können. Die österreichischen Behörden haben das bis heute nicht zustande gebracht. Man muss hier für technisch nicht Versierte besonders festhalten: Das kann unmöglich an technischen Hürden liegen. Die tägliche Publikation einer maschinenlesbaren Datei mit Zeitreihendaten zu Tests, bestätigten Fällen, Hospitalisierungen und Todesfällen wäre ein trivialer Vorgang.

Am 10. April meint die Landessanitätsdirektion Tirol zum Corona-Virus: Das Übertragungsrisiko von Mensch zu Mensch ist relativ gering

Wiederum durch Hinweise direkt aus Tirol haben wir davon erfahren, dass in Innsbruck noch zu diesem Zeitpunkt die folgende offizielle Information zu COVID-19 vor mobilen Teststationen verteilt wird:

Nach bisher vorliegenden Informationen besteht die Möglichkeit einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung durch eine Tröpfchen- oder Schmierinfektion. Das Übertragungsrisiko von Mensch zu Mensch ist relativ gering und liegt nach derzeitigem Informationsstand etwas höher als jenes der Influenza. Vergleichsweise sind Masernviren 5–7x leichter übertragbar.

Video-Interview mit einem Seilbahnmitarbeiter

Seit dem 20. Februar sei im Ort bekannt gewesen, dass das Virus in Ischgl umgeht, berichtet dieser Mitarbeiter der Silvrettaseilbahn AG. Veröffentlicht haben wir das Video-Gespräch mit ihm am 13. April. Dabei erzählt auch er, wie er vom Arzt vor Ort nicht auf Corona behandelt worden ist.

Ab 20. Februar, so berichtet er, gebe es bereits Gerüchte wegen des Corona-Virus im Ort. Es soll in Ischgl umgehen. Nicht nur er fühlt sich zu dieser Zeit nicht gut, sondern auch Seilbahn-Kollegen zeigen Symptome.

Also kontaktiert er die Arztpraxis von Andreas Walser im Ort. Dort wurde er nicht untersucht. Lediglich am Telefon erklärt ihm eine Frauenstimme: Das werde schon wieder von alleine und er solle einfach 2-3 Tage daheim bleiben. Getestet wurde er in dieser Zeit nicht. Nach einigen Tagen fühlt er sich besser und geht auch wieder arbeiten. Ob er zu dieser Zeit ein Viren-Überträger ist, bleibt offen.

Zahlenspielereien in Tirol

Ohne befriedigende Erklärung sind bis heute die Ergebnisse der Recherche zur Tiroler COVID-19 Statistik geblieben. Es fehlen nämlich positiv Getestete aus den Reihenuntersuchungen im Paznauntal und aus den Alters- und Pflegeheimen, meinen wir. Aber die Landesregierung (die uns mittlerweile antwortet) sieht dies am 19. April anders:

Selbstverständlich werden immer alle Testungen und Ergebnisse in den Statistiken und im Dashboard umgehend eingetragen. Dies betrifft selbstredend auch die Ergebnisse der Schwerpunkttestungen aus den Quarantänegebieten sowie aus den Alten- und Pflegeheimen. Ergo: Auch diese Ergebnisse spiegelt das Dashboard des Landes aktuell wider.

Über eine frühe Corona-Meldung aus Island

Sebastian Reinfeldt ist zum Lokalaugenschein nach Ischgl gefahren, sobald dies möglich war. Dort hat er den RTL-Reporter Christof lang getroffen, der ihm die Kommunikation zwischen Island und Österreich gezeigt hat. Die erste Meldung der isländischen Gesundheitsbehörden an Österreich erfolgte bereits am 3. März, allerdings ohne weitere Ermittlungen von österreichischer Seite.

In Ischgl haben wir uns mittlerweile ins Auto zurück gezogen, um Ruhe zu haben. Dort zeigt Christof Lang am Laptop isländische Meldungen in das Europäische Frühwarnsystem EWRS. Die erste, Österreich betreffend, erfolgte bereits am 3. März 2020. In ihr taucht zwar der Name Ischgl nicht auf. Aus der Meldung geht aber eindeutig hervor, dass in Island Menschen positiv getestet wurden, die sich zuvor in Österreich aufgehalten hatten.
Erst nach der zweiten Meldung in der berühmten Nacht von 4. auf 5. März sendete das Ministerium an die isländischen Kolleginnen und Kollegen eine Rückfrage-Mail und informierte die Tiroler Behörden. Vielleicht hätte man bereits am 3. März die Orte und die Umstände erfragen sollen? Oder sogar müssen?

Ischgl: Der Barkeeper war nicht der erste Corona-Fall mit Bezug zum Kitzloch

Wer war eigentlich der erste Corona-Patient in Ischgl? Aufgrund der Berichte, die wir erhalten haben, müsste es ja bereits früherer Infektionen gegeben haben. Die Verantwortlichen wollen uns aber glauben machen, der Barkeeper des Kitzloch sei am 7. März der erste Corona-Fall in Ischgl gewesen. Dem ist nicht so. Unsere Recherchen haben ergeben: Die Behörden hatten bereits ab 5. März Kenntnis von positiven Tests mit Kitzloch- Bezug. Erfragt haben sie diesen leider erst am 8. März. Die Tiroler Landesregierung bestätigt dies auf Semiosis-Nachfrage:

Nach Bekanntwerden der ersten positiven Testung des Barkeepers in Ischgl am Abend des 7. März wurden die drei ErasmusstudentInnen am 8. März nochmals explizit von den Behörden auf das Kitzloch angesprochen und befragt. Daraufhin bestätigten die drei ErasmusstudentInnen am späten Abend des 8. März, dass sie im Kitzloch waren.

Hintergründe: Eine Chronologie der Ereignisse und die Spur des Geldes in Tirol

Um den Überblick nicht zu verlieren, führen wir eine aktualisierte Chronologie der Ereignisse (was ist wann passiert bzw. bekannt geworden?) und recherchieren die Spur des Geldes: Wer ist in Tirol wie mit wem geschäftlich und politisch verbandelt? Diese Recherche wird nach vielen Hinweise in den nächsten Tagen aktualisiert werden.

Offene Frage: Bitte in den Kommentaren Hinweise lassen (oder per Daten-Briefkasten)

Noch längst ist nicht alles geklärt in dieser Causa. Habt ihr noch Hinweise oder eigene offene Fragen? Bitte hinterlasst sie in den Kommentaren oder auf Wunsch anonym im Briefkasten. Danke!


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