Zur Diskussion über die Deutschkurse. Eine Stellungnahme

Man spricht Deutsch. Unter dieser Überschrift berichtete die Wiener Zeitung Anfang 2016 über diejenigen Menschen, deren Arbeit im Zuge der Flüchtlinge, die nach Wien kommen, mit in den Vordergrund gerückt ist: Unterrichtende für Deutsch als Fremdsprache. In dem Artikel wurde Kritik an den Kurskonzepten und an dem System der Auftragsvergabe durch das AMS geübt. Nun setzte sich auch die ZiB 2 kritisch mit dem Thema auseinander. Ich bin Betriebsrat in der Erwachsenenbildung und seit 1998 Deutsch-Unterrichtender. Eine Stellungnahme.

Meine Kollegin im Fernsehbeitrag des ORF trägt eine Perücke und eine Sonnenbrille, sie verbirgt sich. Eigentlich ist das erschreckend, denn wir sollten uns trauen können, offen zu sprechen und unsere Vorschläge vorzubringen. An ihren Bewegungen versuche ich trotzdem zu erraten, wer dies denn sein könnte, und ob ich sie vielleicht kenne. Denn was sie berichtet, trifft voll zu. Bis zu 36 Stunden Unterrichten für rund 1500 Euro monatlich. Das ist zu viel anspruchsvolle Arbeit für zu wenig Gehalt. Und führt bei vielen ins Burn-Out – was ich persönlich auch schon erlebt habe.

Viele haben Angst, offen zu sprechen, denn sie befürchten, dann keine Jobs mehr zu bekommen. An den Arbeitsplätzen wird nicht selten mit Druck gearbeitet, damit die planerischen Vorgaben umgesetzt werden können. Und die lauten: So viele Menschen und so preiswert wie möglich durch die Maßnahmen zu schleusen. Unsere Kritik an diesem Vorgehen äußern wir untereinander im TrainerInnenzimmer oder in den Fluren immer wieder, auch in Teamsitzungen und MitarbeiterInnengesprächen wird sie vorsichtig ausgedrückt, doch es ändert sich bisher nichts zum Guten.

Als ich 2009 mit meiner Arbeit in den AMS finanzierten Kursen in Wien begonnen habe, unterrichteten wir in einem Kurs 4 Stunden täglich von Montag bis Freitag, und dies 4 Monate lang. Das sind insgesamt 80 Unterrichtseinheiten pro Monat, und 320 für den gesamten Kurs, der eine Stufe abgedeckt hat. Neben den grammatischen Grundfertigkeiten und dem Wortschatz gab es genug Raum für offene Kurssituationen und kooperative Lerneinheiten. Nunmehr unterrichten wir 3 Stunden pro Kurs, die von Montag bis Freitag und das 3 Monate dauern (oder von Montag bis Donnerstag, das dann 4 Monate). Das sind 180 Unterrichtseinheiten für eine Stufe, an deren Ende in der Regel eine offizielle ÖSD-Sprachprüfung steht, auf die auch noch vorbereitet werden muss. Alleine diese Zahlen machen deutlich, nach welchen Vorgaben die Sprachkurse derzeit konzipiert werden müssen.

Wer jemals eine Fremdsprache als Erwachsene/r gelernt hat, wird wahrscheinlich bemerkt haben, dass dies ein offener Prozess ist, der einen oft lebenslang begleitet. Die neue Sprache wird so etwas wie eine zweite Haut und oftmals ein Teil einer neuen persönlichen Identität. Sie zu benutzen ist etwas anderes, als den Umgang mit einem Werkzeug zu erlernen. Eine lebendige Sprache zu unterrichten ist für mich bis heute eine faszinierende Angelegenheit, denn ich bin zwar Vermittler von Regeln und von einem Wortschatz, aber zugleich auch Begleiter, Impulsgeber und einfach: Gesprächspartner über alle Dinge, die bei den Teilnehmenden in ihrem Leben wichtig sein können. Jeder Tag, an dem wir in unserem Kurs wieder etwas mehr miteinander kommunizieren, ist auch ein persönlicher Gewinn. Ich stehe als Mensch mit meinem Wissen und mir meiner Persönlichkeit im Kurs. Jeden Tag.

In dem ZiB2-Beitrag meint die AMS-Chefin Petra Draxl verteidigend, dass es eine hohe TeilnehmerInnenzufriedenheit mit den Deutschkursen gibt. Das wissen wir, denn wir leisten gute Arbeit, auch wenn die vorgegebenen Bedingungen nicht passen und auch, obwohl es dafür definitiv kein gutes Geld gibt. Weil wir uns überwiegend nicht an den mechanischen Vorgaben des AMS orientieren, sondern an einem Sprachlernverständnis, wie ich es oben geschildert habe. Wir wünschen seit langem, dass die Kurskonzepte so verändert werden, dass sie einer offenen Lernsituation von erwachsenen Menschen entsprechen – und dass wir von unserer Arbeit leben können. Dass die AMS-Chefin (ausgerechnet!) meint, wir würden nur die Gunst der Stunde nutzen, um auf uns aufmerksam zu machen, zeigt, dass sie eins nicht gelernt hat: zuzuhören und die Arbeit derjenigen Menschen, die im AMS-Kontext aktiv sind, Wert zu schätzen. Hier hilft uns vielleicht eine Eigenschaft, die wir in unserem Beruf dringend brauchen: Geduld und die Hoffnung, dass Worte den Ausschlag geben können.

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