Der “angebliche” Karl Pfeifer seziert die ungarische Politik

Immer wieder Ungarn. So lautet der Titel des jüngst veröffentlichten Buchs des Journalisten und Autors Karl Pfeifer, das im Oktober 2016 in Wien im Bundesratssaal des österreichischen Parlaments vorgestellt wurde. Der Untertitel macht dabei klar, worum es geht: Autobiographische Notizen, Nationalismus und Antisemitismus in der politischen Kultur Ungarns. In der ersten Podcast-Folge des Semiosisblogs wird das Buch vorgestellt und zugleich die politische Situation in Ungarn beleuchtet. Bezugnahmen auf Österreich inklusive. Von Sebastian Reinfeldt


Die erste Folge von Semcast, der Podcastreihe des Semiosisblogs: Der “angebliche” Karl Pfeifer seziert die ungarische Politik gibt es auch zum Download.

 

 

 

Die Lebensgeschichte Pfeifers bis zu seiner Rückkehr nach Österreich 1951 ist eine Fluchtgeschichte. Er wurde 1928 in Baden bei Wien geboren. Bis heute hat er lebhafte Kindheitserinnerungen an seine Zeit dort, etwa an die öffentliche Volksschule, die er dort besuchte. Dann musste er 1938 mit seinen Eltern über die Schweiz, Italien und Kroatien ins damals noch neutrale Ungarn fliehen; dort lernte er mit 10 Jahren Ungarisch und trat der links-zionistischen Jugendorganisation Haschomer Hazair bei. 1943 konnte er sein Leben durch eine neuerlich abenteuerliche Flucht unter falschem Namen von Ungarn nach Palästina retten. Dort wuchs er in einem Kibbuz auf. Immer wieder betont er, dass seine Haltung zu den Menschen, zur Welt und zur Politik im Kibbuz entscheidend geprägt wurde. 1951 kehrte er als besagter angeblicher Karl Pfeifer nach Österreich zurück.

2000: Pressekonferenz von Schwarz-blau

Im Jahr 2000 – zur Angelobung der schwarz-blauen Koalition – rettete der ehemalige Flüchtling, der mittlerweile als Journalist arbeitete, die Ehre der hiesigen Journalistinnen und Journalisten, so erinnert sich Karl Öllinger. Denn Karl Pfeifer war es, der öffentlich die unangenehmsten Fragen stellte, als eine Pressekonferenz der schwarz-blauen Regierung im ORF live gesendet wurde. Übrigens ist der damalige Kanzler Wolfgang Schüssel bis heute ein großer Fan der rechtspopulistischen Regierung in Ungarn.

Auf Kritik wird beleidigend reagiert

Die Texte in seinem Buch führen die Lesenden also durch die Geschichte Europas – von den 1950er Jahren bis heute. Die meisten Geschichten und Analysen beziehen sich ausdrücklich auf Ungarn. Sie handeln von verschämtem und offenem Antisemitismus, von politischer Heuchelei im realsozialistischen System – und von der Unterdrückung freier Meinung. Der Autor seziert die ungarische Politik, weil er ein Seismograph ist, also jemand, der die Erschütterungen in Europa aufzeichnet, da er früh registriert, in welche Richtung sich eine politische Bewegung entwickelt. Außerdem ist er engagierter Kritiker und politischer Aktivist, wenn es denn sein muss. Nicht nur auf Pressekonferenzen, übrigens. Daher kam auch die Europabgeordnete Ulrike Lunacek aus Brüssel zur Buchpräsentation angereist, da Karl Pfeifer für sie kritische Expertise zu aktuellen Situation in Ungarn bereitstellt. Was wohl mit dafür verantwortlich war, dass sie sich öffentlich kritisch zur politischen Entwicklung im Land äußerte und aus diesem Grund in Ungarn auf das Übelste beschimpft wurde. Der bereits erwähnte hochrangige Fidesz-Politiker Zsolt Bayer hatte Lunacek öffentlich eine „gehirnamputierte, an Krätze leidende Idiotin” genannt.

Rechtspopulistische Schwesterparteien mit fäkalen Antisemiten

Auf die Verleihung des dritthöchsten ungarischen Ordens an besagten Zsolt Bayer reagierte wiederum Karl Pfeifer im Januar 2011 in einem Kommentar für die Zeitung Die Presse. Dies ist einer der vielen Texte in seinem neuen Buch, in denen auf eine konkrete politische Entwicklung Bezug genommen wird. Die Überschrift des Textes über Zsolt Bayer – Der geehrte Fäkal-Antisemit – stammt, so erzählt Pfeifer, übrigens von der Redaktion der konservativen österreichischen Zeitung selbst. In ihm wird die Europäische Volkspartei, der europaweite Zusammenschluss christdemokratischer Parteien, scharf angegriffen, weil sie die rechtspopulistische und antisemitische Fidesz-Partei immer noch als Schwesterpartei akzeptiert.

Position beziehen!

Das alles geschah und geschieht mitten in Europa – von Österreich aus gesehen sogar in unmittelbarer Nachbarschaft, vor unseren Augen und in der nächsten Nähe unserer Ohren. Wir müssen es nur sehen und hören wollen. Karl Pfeifer überwindet für uns nicht nur die Sprachbarriere zum Ungarischen. Er positioniert sich dabei unmissverständlich , denn er will diejenigen, die seine Texte lesen, dazu bringen, dass sich ebenfalls positionieren.
Immer wieder begegnet ihm antisemitischer „Wahn“, allerdings nicht nur im rechtspopulistischen Schlaraffenland Ungarn. Ihm, und der Verleugnung des Antisemitismus, begegnet er dann gerne mit einem einfachen Verweis. Dieser besteht schlicht aus dem Nachsatz: „Das war so“.

Sagen, was ist!

Zu sagen, was ist, kann ja bekanntlich eine revolutionäre Tat sein. Besonders gilt dies, wenn es um die rechtspopulistische Kaste geht, die Ungarn regiert. Sie überziehen das Land mit einer politischen Propaganda, die bewusst und deutlich Anleihen an der unrühmlichen Vergangenheit des Landes nimmt. Karl Pfeifer verweist immer wieder darauf, dass die vorherrschende politische Rhetorik im Nachbarland sich konsequent sprachlichen Bildern und Redewendungen bedient, die dem „halb-faschistischen“ Horthy-Regimes entstammen.

Ohne Antisemitismus geht die Chose nicht

Insofern mag es nicht verwundern, dass das Orban-Regime in Ungarn durch diese absurde Wiederholung alter Rhetorik gekennzeichnet ist, zusammen mit eine autoritären Herrschaft, die keinen Widerspruch duldet. Das Land sieht sich im Krieg mit den Flüchtenden, die nach Europa kommen. Sie werden als bedrohliche Fremde charakterisiert. Und, so ist einer der jüngsten Texte im Buch überschrieben: Ganz ohne Antisemitismus geht die Chose nicht.

Karl Pfeifer, Immer wieder Ungarn, Edition Critic, Berlin 2016

Dieser Podcast wurde für den Semiosisblog produziert. Gestaltung und Text von Sebastian Reinfeldt. Die Musik zur Semcast-Signation verwenden wir mit freundlicher Genehmigung von Paul Schuberth. Die begleitenden Ungarischen Tänze von Johannes Brahms entstammen einer Gemma-freien Musikproduktion.

Die RSS-Feed Adresse des Semcasts ist: https://www.semiosis.at/feed/podcast

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