Wikipedia-Schiedsgericht nach Rücktritten beschlussunfähig – Rechter Zugriff hält an

Nach einem weiteren Rücktritt eines Mitglieds des Wikipedia-Schiedsgerichts ist dieses Schlichtungsgremium nun beschlussunfähig. Ausgelöst wurde die Rücktrittswelle, weil das Schiedsgerichtsmitglied MAGISTER im September 2016 seine Mitgliedschaft in der AfD offen legte. Die Person hinter “MAGISTER” ist, so haben Semiosis-Recherchen ergeben, Kreisvorstandsmitglied in einem nördlichen Kreisverband der rechtspopulistischen Partei in Mecklenburg-Vorpommern und hat deren Landtagswahlkampf vor Ort organisiert. Das Offenlegen seiner Mitgliedschaft und seiner politischen Funktion in einer Skype-Konferenz des Schiedsgerichts ist von der Mehrheit des Schiedsgerichtsmitglieder als „offene Provokation“ gewertet worden. Daher sind von den eigentlich zehn Mitgliedern des Gremiums jetzt nurmehr vier übrig. Eine Neuwahl findet voraussichtlich im Mai 2017 statt. Bis dahin ist das Schiedsgericht lahm gelegt.

Damit ist ein vorläufiger Höhepunkt in den ideologischen Auseinandersetzungen um Wikipedia erreicht. Aus Kreisen der AfD, rechter Burschenschaften und der rechtsextremen Zivilgesellschaft wird seit Jahren Druck auf die Internet-Enzyklopädie ausgeübt. Das Ziel: Kulturelle Hegemonie. Sebastian Reinfeldt hat einige Beispiele recherchiert.


Die AfD möchte ihre eigene Geschichte schreiben

Es sind vier Themenbereiche, in denen ein systematischer und ideologisch motivierter Zugriff aus der rechten Ecke nachweisbar ist.

Das betrifft erstens Wikipedia-Beiträge über die AfD selber. Hier sind mutmaßliche Partei-Accounts aktiv, die sich darum kümmern, dass die Geschichtsschreibung über die rechtspopulistische Partei von dieser kontrolliert wird. Es geht dabei um die politische Zuordnung der Partei. Im entsprechenden Text auf Wikipedia heißt es daher etwas verdruckst:

Politikwissenschaftler verorten die AfD seit 2014 im politischen Spektrum rechts von den Unionsparteien und bezeichnen sie überwiegend als rechtspopulistisch oder vom Rechtspopulismus beeinflusst. Der Führungswechsel der Partei im Juli 2015 wurde als Rechtsruck und Sieg des nationalkonservativen über den wirtschaftsliberalen Parteiflügel eingestuft. Verschiedene Wissenschaftler erkennen seither bei Teilen oder bestimmten Führungspersonen der AfD auch rechtsextreme beziehungsweise völkisch-nationalistische, so zum Beispiel antisemitische Tendenzen und Argumentationsmuster.

Mit immer neuen rhetorischen Tricks wird dagegen gekämpft, dass diese politische Einordnung der Partei bestehen bleibt.  In den entsprechenden Diskussionen werden unliebsame Positionen von bestimmten Accounts aus diffamiert. Politikwissenschaftliche Erkenntnisse über die Partei werden permanent geleugnet. Das betrifft besonders die weiter gehende Einordnung als „völkische“ Partei beziehungsweise das Vorhandensein eines “völkischen Flügels” innerhalb der AfD. In seitenlangen Diskussionen versuchen rechte Aktivisten, diese Einordnung zu verhindern.

Wikipedia als Plattform für NS-Devotionalien

Zweitens geht es  um die deutschnationale Geschichtsschreibung. Um dieses Feld hat sich besonders der oben erwähnte AfD-Schiedsrichter jahrelang gekümmert. Zum Beispiel mit Texten zum Deutschen Orden, zur Preußischen Geschichte und über deutsche Panzer. Auffällig ist hier erstmal nur die Themenwahl und einige seltsame Formulierungen in den Beiträgen. Ansonsten kommen die Texte neutral daher und arbeiten die Literatur zum jeweiligen Thema auf. Erst auf den zweiten Blick wird offensichtlich, worum es wirklich geht.

Denn: Wikipedia wird drittens mit unzähligen Texten zu Militaria, NS-Devotionalien und angeblichen deutschen Kriegshelden des 2. Weltkriegs geflutet. Ziel ist offensichtlich, diese NS-Kriegshelden „neutral“ in Wikipedia darzustellen und ihre Funktion im Nationalsozialismus zu normalisieren. Ein Mentee des betreffenden AfD-Funktionärs (mit Username: PimboliDD) hat mehr als 1000 Artikel zu diesen Themenbereichen verfasst, in denen er sogar ausdrückliche NS-Literatur als auch auf Wikipedia zitierfähig eingeführt hat. So lange es möglich war, wurde das offensichtlich ideologisch motivierte Treiben von PimboliDD nicht nur gedeckt – er und MAGISTER haben gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet.

Beispiel: Kapitän zur See Günther Lütjens

Etwa bei einem Artikel zu Günther Lütjens, dem Kapitän zur See des Schlachtschiffes Bismarck, das 1941 samt ihres Kapitäns durch die britische Flotte versenkt wurde. Auf dem Wikipedia-Artikelfoto aus 1934 prangt das Abzeichen mit Hakenkreuz, das Lütjens stolz an seiner Brust trägt. Peinlich genau listet der Artikel seine Wehrmachts-Dienstauszeichnungen auf. So wurde ihm trotz seiner angeblichen Ablehnung der Novemberpogrome und seiner Abwendung vom Nationalsozialismus bereits 1938 das „Komturkreuz mit Stern des Ungarischen Verdienstordens mit brillantiertem Bruststern“ verliehen.  Mit befremden liest man im Wikipedia-Text, dass bei der Verleihung „der ungarische Reichsverweser Miklós Horthy und Hitler zugegen waren“ Kein Wort über den historischen Zusammenhang, über die Bedeutung der Marine und solcher Personen für die aggressive NS-Kriegsmaschinerie. Nichts dergleichen, stattdessen angebliche Heldengeschichten und Orden. Der gesamte Text ist militaristisch, apologetisch und glorifiziert einen NS-Kämpfer. Verfasst wurde er im wesentlichen von PimboliDD, zusammen mit seinem Mentor MAGISTER, dem AfD-Funktionär.

Ein weiteres, noch drastischeres Beispiel, ist der Text über den NS-Offizier Helmut Wick, in dem durchwegs rechtsextreme Literatur zitiert wird. Autor: Wiederum der MAGISTER-Mentee PimboliDD, mittlerweile auf Wikipedia gesperrt.

Auch deutsche Burschenschaften schreiben ihre NS-Geschichte selbst

Viertens geht es um die Geschichte der deutschen Burschenschaften. Offenbar wird dafür gesorgt, dass Burschenschaften ihre eigene, unkritische Geschichtsschreibung auf Wikipedia verewigen können. Und das insbesondere bei so sensiblen Themen wie der Rolle der Burschenschaften in der NS-Zeit oder ihrer Funktion als Sammelbecken für (Ex- ?)Nazis nach dem Krieg. Dass die in den Artikeln Betroffenen so machtvoll und ideologisch motiviert intervenieren, zeugt von auch hier von einem systematischen Zugriff.

Kritisiert wird von dieser Seite etwa folgendes, durch eine historische Quelle belegtes Zitat. In den Diskussionen wird immer das gleiche Spiel gespielt: Seriöse Quellen werden als unqualifiziert dargestellt – und stattdessen die eigene Sichtweise als einzig Mögliche angeführt.

In den 1920ern kooperierten die Burschenschaften mit völkischen und nationalistischen Gruppen und übernahmen dabei deren antirepublikanische und völkische Positionen.“ Wie aus dem Artikel hervorgeht, gibt es die Burschenschaften als einheitliche Gruppierung nicht und gab es in den 1920ern ebenfalls nicht. Ich vermute, dass die Autoren mit der pauschalen Aussage die Burschenschaften den Verband DB meinen, der aber nur einen Teil der Burschenschaften vertrat. Das „Lexikon des Dritten Reichs“ ist an dieser Stelle schlicht ungenau, zumal es auch einen ganz anderen Fokus hat. Wie bei allen anderen Themengebieten auch, ist solche Literatur zu bevorzugen, die sich mit dem Artikelgegenstand selbst beschäftigt.

In allen vier Bereichen finden sich aber auch Engagierte, die sich von den Interventionen nicht einschüchtern lassen und um Wikipedia als offene Enzyklopädie kämpfen. Dass Wikipedia nicht ein rechtes Wörterbuch wird, scheint ein lohnendes Ziel zu sein. Spannend wird in diesem Zusammenhang, ob ein bekennender AfD-Funktionär nochmals ins Schiedsgericht gewählt wird. Das erscheint allerdings unwahrscheinlich.

Das Beitrags-Foto ist das Nutzerfoto von MAGISTER auf seiner persönlichen Wikipedia-Nutzerseite. Es zeigt einen Hundsgugel (Mailand 1400-1410)

Credits: Von David Monniaux – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=132275

3 Kommentare

  1. Das Beispiel Günther Lütjens zeigt eine intensive Interaktion zwischen Magister und PimboliDD. PimboliDD nannte diesen Artikel einen Leckerbissen und generierte ihn aus der üblichen Militärfanliteratur, deren oberes Ende Bücher des Motorbuchverlages sind, über deren Qualität ein Besuch der nächsten Bahnhofsbuchhandlungen einen guten Eindruck vermittelt. Günther Lütjens militärische Großtat war, dass er mit der Bismarck (einem wegen der Größe in Fankreisen geliebten Schiffes) als es in einem Gefecht unrettbar verloren war (die Ruderanlage war zerschossen) nicht aufgegeben und wenigstens die eigene Mannschaft gerettet. Lütjens starb den “Heldentod” mit über 2000 eigenen Leuten. Diese Heldentat ist in der NS-Propaganda ebenso angesehen, wie sie heute noch in gewissen Militärfankreisen ist.
    Nun die entstandene Hagiographie in WP wurde nicht nur um solche schmalzigen Abschnitte wie zur “Persönlichkeit” “Nur wenige Menschen bezeichneten den Admiral als fröhlich” versehen sondern auch noch Kandidat für eine Wikipediaauszeichnung vom Tandem Magister und PimboliDD vorgeschlagen. Hier bekam der Artikel ein geteiltes Echo, und fiel letztlich krachend durch weil eine unumgehbare Sekundärquelle (Holger Afflerbach: „Mit wehender Fahne untergehen“. Kapitulationsverweigerung in der deutschen Marine. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 49. Jahrgang 2001, S. 608.) nicht im Artikel verwendet, und auch in der Literatur fehlte. Afflerbach wertet den “Heldentod” als überflüssig und auch unter den damaligen Umständen nicht notwendig.
    Wäre Magister und PimboliDD wirklich an den Grundprinzipien von WP interessiert, die auch ein Primat neuerer wissenschaftlicher Literatur enthält und eigentlich die Fanliteratur für unzulässig erklärt, hätte der Artikel vom Standpunkt den Afflerbach vertritt neu ausgerichtet werden müssen. Die Kandidatur wurde abgebrochen und vom Duo nach kurzer Pause neu zur Kandidatur gestellt. Afflerbach wurde zwar nun referiert, allerdings umstellt von Konjunktiven und selbstgebastelten bzw. der Militärfanliteratur entnommenen Abwertungen.

    Was wir hier haben ist eine bewusste Rückkehr zum besinnunglosen Heldentod durch das Meister-Novize Duo. Wäre MAGISTER tatsächlich ein neutraler Historiker, wie viele bis zu seinem AfD Outing glaubten, er hätte auf seinen Novizen einwirken müssen, dem das technische Rüstzeug und Wissen fehlte diese der modernen Geschichtschreibung widersprechende Darstellung zu wählen. Er hätte, wäre er dem Standpunkt der Wissenschaft verpflichtet freundlich auf seinen Novizen einwirken müssen, diese Kandidaturen zu wagen.

    1. Sehr interessant, also auf mehreren Ebenen.
      Ich hab ihm das mit der Kreis-Aktivität nicht geglaubt, aber nach meinem Fund von Semiosis dann schon.
      Wird wohl im Vergleich eine sehr lässliche Sünde sein, aber der Herr bringt sich auch selber in Quellenverzeichnisse ein.

      2 Bücher von ihm sind in Wismar nicht ganz unbekannt: eins über die sog. „Wismarer Kogge“, eins über die Not der Bevölkerung 1945 mit einem Beispieltext online voller Militärränge (nee, kaufen werd ich es jetzt garantiert nicht mehr). Beide sind aus den 2000ern, also eben nicht neu oder Afd-bezogen.

      Kritik wie die hier im Artikel und im Kommentar finde ich ganz wichtig. Es geht eben nicht um die formelle Mitgliedschaft, aber die wollte er jetzt wirksam ausnutzen; passt ja zeitlich auch schön zum gefühlten Afd-„Durchmarsch“ in MV. Auf der Wikipedia sind die Neutralen bis Verteidiger wohl leider in der Lage, mit Argumenten auf andren Ebenen „MAGISTER“ zu halten oder jedenfalls den Schaden zu verlängern.

  2. In der Magister-Diskussion liegt das Interesse weitestgehend auf der Frage der formalen Mitgliedschaft, die von denen einen als für WP schädlich angesehen wird, während andere – es sind nicht wenige – das Bekenntnis zur AfD loben und den AfD-Einbezug als wünschenswerte Erweiterung des demokratischen Spektrums betrachten. Wenig Interesse findet die naheliegende Frage nach den Bedingungen, die es dem späteren AfD-Mitglied ermöglichten, jahrelang erfolgreich seine Inhalte auszubreiten und zu verbreiten. Inzwischen aber ging sie denn doch in die laufende Diskussion ein: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia_Diskussion:Schiedsgericht#Mein_Resumee

    Dort finden sich dann auch weitere aufschlussreiche Beispiele dazu, was in Wikipedia möglich ist, weil die Verhältnisse es erlauben.

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