Frei von Schamgefühl und Silbersteins

Die Illusion, Österreich habe den Antisemitismus überwunden, lässt sich nur durch weitere Illusionen retten, etwa die, dass Kurz’ und Pilz’ Aufrufe zur Silbersteinigung bloß zufällig antijüdischer Hetze gleichen. Ein Beitrag von Richard Schuberth


Satire ist längst die Munition ausgegangen gegen den Horror der Realität, und lächerlich macht sich der Kabarettist in seinem blasierten Bescheidwisserton, wenn der mit Dartspfeilen nicht nur auf Godzillas Zehen zielt, sondern sie auch noch beschämend weit verfehlt. Das letzte Mittel wäre vielleicht gespielte Naivität, eine Art satirische Mäeutik, welche die Missbraucher der Sprache beim Wort nimmt. In diesem Sinne: Who the fuck are the Sibersteins?

Wie alles begann: Ein Kandidat hält die bevorstehende Nationalratswahl eigentlich für eine Volksabstimmung darüber, „ob wir die Silbersteins und andere wollen“, dem anderen Kandidaten ist das noch zu zaghaft (möglicherweise steckt ersterer mit den Silbersteins unter einer Decke und will ihnen bloß Zeit zur Flucht verschaffen). Er – noch näher an Volkes Wille als der Büttel der Unternehmerverbände – will gleich gar keinen dieser ominösen Silbersteins entkommen lassen, und sie alle – ob rot, ob schwarz, ob blau – einbuchten lassen.

Wen meinen sie aber mit den Silbersteins? Tal Silberstein, der von einer dirty political class angeheuert wurde, um das angemessene campaigning für sie zu betreiben, kann es wohl nicht sein, weil hat den nicht die israelische Polizei schon im August verhaftet? Die Suche im Internet nach Dunkelfrauen und Hintermännern des Silberstein-Clans ist verwirrend, wie das oft bei jüdischer Ambivalenz der Fall ist, denn die scheinen alle eine weiße Weste zu haben, aber auch das gehört – wie man weiß – ja oft zum Spiel von Menschen, die Silberstein heißen oder so ähnlich.
Michael Silberstein (1834–1910), Rabbiner und Schriftsteller? August Silberstein (1827–1900), österreichischer Dichter? Adolf Silberstein (1845-1899), österreichischer Journalist und Schriftsteller? Der Buchenwald-Überlebende Jacob Silberstein oder etwa gar die von der Gestapo 1941 ermordete Juristin Malka Silberstein? Wen um alles in der Welt meinen sie?

Versuchen wir uns zur Lösung des Rätsels an den Originalzitaten vorzutasten. Am 7. Oktober verriet Sebastian Kurz beim Landesparteitag der steirischen ÖVP das wahre Ziel jenes Staatsstreichs, der sich bis dahin als Nationalratswahl getarnt hatte:

„Der 15. Oktober wird auch eine Volksabstimmung darüber, welchen Stil wir in diesem Land haben wollen, ob wir die Silbersteins und andere wollen, die versuchen den politischen Gegner anzupatzen und fertig zu machen, oder ob wir unseren Weg wollen, nämlich das Land zum Positiven zu verändern.“

Watson, halten Sie fest: Silbersteins machen offenbar politische Gegner fertig und sind ein Hemmschuh für die Veränderung des ganzen Landes zum Positiven. Am 9. Oktober deutete der gleichnamige Führer der Liste Pilz bei einer Pressekonferenz schon konkretere Maßnahmen gegen die Silbersteins an:

„Wenn wir diese Republik Silberstein-frei machen wollen, und es mir ein ganz großes Ziel in der Politik, Österreich Silberstein-frei zu machen, und da ist es völlig egal, ob es rote Silbersteins, schwarze Silbersteins, blaue Silbersteins oder von mir aus auch grün-türkis gestreifte Silbersteins sind, wenn wir Österreich Silberstein-frei machen wollen, dann müssen wir klare Strafbestimmungen und Gefängnisstrafen in die Gesetze gegen den Parteienstaat reinschreiben.“

Der unbedarfte Leser ist dadurch zwar nicht klüger, doch kann er nach reiflicher Überlegung nur den Schluss ziehen, dass diese Silbersteins eine ziemliche Plage sein müssen, und sie irgendwie nicht organisch zu dem „Uns“ gehören, das Pilz und Kurz da befreien wollen. Es handelt sich gewiss um eine gewissenlose Bande, die anders als wir zu keiner Heimat, keiner Farbe, keiner Sache steht, sondern sich zwielichtig wieselnd dem jeweils größten materiellen Vorteil andient, und aus bloßer Missgunst über die eigene molchhafte Niedrigkeit die nationale Harmonie zerstört, per Zwietracht und Intrige. Die große Koalition, die trotz Differenzen ja doch zusammenstand wie Securities vor dem Ball der Industriellenvereinigung, haben die Silbersteins ruchlos gegeneinander ausgespielt. Doch wissen wir: In welcher Familie gibt es keine Differenzen, für deren Verdrängung sich nicht ein außenstehender Dritter schlachten ließe.

Langsam beginne ich selber diese Silbersteins zu hassen. Was haben wir ihnen denn getan, dass sie uns so sehr hassen? Meine besten Silbersteins waren Freunde, aber wie können wir ihnen je verzeihen, was wir ihnen am liebsten antun wollen …

Ob Roth-, ob Schwarz- ob Blauschild …

Zu weit gegriffen, jede Ähnlichkeit mit real existierendem Antisemitismus ist rein zufällig, würde Peter Pilz einwenden, und sich die Antisemitismuskeule verbitten, mit der man ihn gerade erwischt hat.
Schlau und durchtrieben wie ein Eskimo würde er „Böses, wer Böses denkt dabei“ sagen. Denn Silberstein stehe für die Korruptheit eines ganzen Systems, unabhängig von Partei- und Hautfarbe, ganz gleich also, ob Roth-, ob Schwarz- ob Blauschild – und wer das jüdisch codiere, beweise ja bloß, dass er selber in antisemitischen Kategorien denke – ha, erwischt! –, während er selbst als verdienter Antifaschist und Islamkritiker glaubhaft beweise, dass man einen Juden auch unabhängig von seiner Herkunft kritisieren darf. (Und aus lauter Freude über diese Befreiung aus den Zwängen der Wiedergutmachung darf er ihn auch gleich in den Plural setzen.) Wer die Silbersteins sind, bestimme ich.

Antisemitismus reloaded

Völlig überzogen erscheint dem durchschnittlich verbildeten Vernünftler knapp links der Mitte dieses ständige Herumreiten auf dem Antisemitismus. Wie die neurotische Folklore derer, die bloß ihr Wissen aus den vielen Semestern des Studiums all der grauslichen Sachen einer überwundenen Vergangenheit anbringen und permanent den Teufel an die Wand malen müssen. Dabei habe der Rassismus unserer Zeit sich doch eher auf muslimische Einwanderer eingeschossen.
Liberale Naivität geht rassistischen Stereotypen auch gerne in die Falle, indem sie diese beim Wort nimmt und etwa glaubt, die Welt vom Antisemitismus zu befreien, wenn sie staunenden Menschen erklärt, wie viele Prozente des Weltjudentums dann doch keine krumme Nase haben, und in Schulschnupperstunden mit sympathisch-migrantischen Probanden den Nachweis erbringt, dass Ausländer nicht strenger riechen als wir.

Die Juden sind vielleicht die unwichtigste Eigenschaft des Antisemitismus. Dessen mit weitem Abstand beste Analyse – und niemand, der sich ernsthaft damit beschäftigt, kommt um Lektüre und Reflexion herum – bleibt das Kapitel „Elemente des Antisemitismus“ aus Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung. Doch auch verwandte Geister wie Fromm, Améry, Sartre oder Anders gelangten zu dem mehr oder minder übereinstimmenden Ergebnis, dass man Antisemitismus als einen pathologischen Kollateralschaden der Moderne fassen müsse. Das ist keine metaphysische Überhöhung, sondern die Diagnose ganz konkreter sozialpsychologischer und ideologischer Verzerrungen.

Alles was das Phantasma kohärenter und harmonischer Gemeinschaft in einer zutiefst hierarchischen, verdinglichenden und ausbeuterischen Gesellschaft gefährdet, wird einem bestimmten Nexus aus Wurzellosigkeit, Dekadenz, kaltem Materialismus und konspirativer Machtgier zugeschoben, der nicht zwingend ein jüdisches Antlitz tragen muss, aber bei Bedarf jederzeit eines aufgesetzt bekommt. Bei der Audition für den konzeptuellen Sündenbock war man lange nicht fündig geworden, ehe eher zufällig die Juden vorbeikamen. Seither wurden sie mit Bocksgesicht gezeichnet.

Es gibt keinen genuinen Antisemitismus, gewiß keine geborenen Antisemiten“, wussten Horkheimer und Adorno. „Die Erwachsenen, denen der Ruf nach Judenblut zur zweiten Natur geworden ist, wissen so wenig warum, wie die Jugend, die es vergießen soll. Die hohen Auftraggeber freilich, die es wissen, hassen die Juden nicht und lieben nicht die Gefolgschaft. Diese aber, die weder ökonomisch noch sexuell auf ihre Kosten kommt, haßt ohne Ende.“

Auch Pilz und Kurz hassen weder Silberstein noch lieben sie ihn, doch wissen sie, welche Glöckchen sie in dem über Generationen antisemitisch programmierten Unterbewusstsein ihrer „Gefolgschaft“ anschlagen müssen, mit glänzenden Namen zum Beispiel, und welche wichtige Funktion das Plural-s dabei erfüllt.

Antisemitismus und allgemeine Fremdenfeindlichkeit teilen sich gewiss bestimmte Muster, doch verstehen kann beides nur, wer das je Besondere daran erfasst. Judenfeindlichkeit ist nicht nur ein speziell auf jüdische Menschen zugeschnittener Rassismus. Vielmehr sind die Juden auf diesen projektiven Megarassismus zugeschnitten. Und eines der größten Probleme jüdischer Identitätsfindung ist bekanntlich, sich als Jude von der normativen Schablone des Antisemitismus zu emanzipieren.
Marxistisch interpretiert: Wer sich den Sozialismus verbittet, landet beim Sozialismus der dummen Kerle, wie der Sozialdemokrat August Bebel den Antisemitismus und vor allem die jüdisch codierte Vorstellung eines vagabundierenden heimatlosen Kapitals so erfrischend unpopulistisch genannt haben soll. Damals hatten Linke noch so viel Vertrauen in die Intelligibilität der Massen, dass sie bei ihnen auch Dummheit beim Namen nennen konnten und nicht vor ihr kuschten wie die heutigen, die kein größeres Problem zu haben scheinen als die Angst, elitär zu wirken.

Die da oben und die da unten gemeinsam gegen die da draußen

Dass auch Peter Pilz sich antisemitischer Codes bedient, und zwar auf sehr aggressive und geradezu lueger-haft selbstherrliche Weise, mag viele seiner linken Sympathisanten schockieren. Und dennoch hat das eine gewisse ideologische Folgerichtigkeit. Als Antikorruptionist ist er nolens volens Agent einer Fiktion von politischer Gesundheit gegen die Pathologie des Missbrauchs, von Sauberkeit gegen Schmutz, von anmutiger Gekämmtheit gegen dreckigen Filz. Bereits der aufwändige Kampf gegen die illegalen Auswüchse einer legalisierten und institutionalisierten Umverteilung macht sich zu deren Komplizen und trägt Züge der populistischen Ablenkungsshow. Das Ressentiment gegen die Wirtschaftsverbrecher lässt das Verbrechen der Wirtschaft ungeschoren, und der Kampf gegen die da oben, die sich’s richten, verschwendet keinen Gedanken daran, wie eine gerechtere Gesellschaft einzurichten sei, in der sich zumindest die Spuckhöhe verringert. Solange die Profiteure von Deregulierung, Privatisierung und der Diskriminierung von Migranten und Prekariat ihre mal bewunderten, mal gehassten Gauner, Hinterzieher und Abzocker periodisch zum Abschuss freigeben, lässt sich der Schein demokratischer Selbstreinigung aufrechterhalten. Saubermacher wie Peter Pilz sind notwendige Schachfiguren in diesem Spiel, ihre Springerfunktion aber verleitet sie gerne zu Hybris, zu populistischen Einmannkriegen, und die Personalisierung der Verhältnisse muss permanent die Verschwörung der Ratten gegen eine potenziell harmonische Gemeinschaft predigen. Diese Ratten tragen heimische Namen, aber ist mal ein kapitaler Fang wie ein israelischer Silberstein zur Hand, wäre man doch ganz schön dumm, wenn man die kollektiv unbewusste Folklore der „dummen Kerls“ nicht bediente. Zumal dieser Prachtkerl geradezu wie ein Schaubild antijüdischer Stereotypen wirkt, die nach den uralten Gesetzen antisemitischer Projektion natürlich in der Persiflage aller Miesheiten bestehen, welche auch das österreichische Establishment auszeichnen.

Und die FPÖ schaut durch die Finger

Der Antisemitismus ist der Boden, auf dem Österreich und sein Verdrängungsnationalismus gediehen. Lange vor den Nazis war er mehrheitsfähig. Seine weder goldenen noch silbernen Steine liegen griffbereit am Boden, um sie gegen die zu werfen, denen man diese Namen gab. Antisemitismus ist eine Ressource, nach der man nicht tief bohren muss – er ist der allen Parteien verfügbare populistische Notfallschlüssel.
Die FPÖ konnte ihn in dem Wissen, wo die versiegelte Vitrine mit dem Hammer ist, pro forma vernachlässigen, um bei ihrem Kampf gegen die Mauren mit schwarzen Hüten durch Israel zu wieseln. Doch kaum ist man auf Dienstreise, nehmen einem die anderen das Heiligste weg. Am frechsten Peter Pilz, der es stolz grinsend wie ein aus der FPÖ-Parteizentrale geklautes Szepter auf PKs herumreicht und auch gleich zur Demonstration seiner Entschlossenheit der imaginären Mischpoche eines längst in Israel einsitzenden Mannes namens Silberstein um die Ohren haut.

Gib uns unseren Antisemitismus zurück!

Wenn Silberstein im Rahmen seines Dirty Campaignings Kurz mit dem verruchtesten Oberweisen Zions, Georges Soros, in Verbindung bringt, beweist das nur, dass der die Österreicher mindestens so gut kennt, wie Kurz und Pilz sie kennen. Dass aber ein stammesfremder Jude sich des Antisemitismus der Österreicher bedient und ihn gegen diese wendet, bestätigt, was der Antisemit schon immer gewusst hat, und was – hat er es vergessen – Kurz und Pilz ihm ins Gedächtnis rufen müssen: Es ist unser Antisemitismus, wir wurzeln in ihm wie der Enzian im Almengrund. Ein Silberstein kann ihn noch so geschickt gegen unsere Jungs wenden, es fehlt ihm die tiefe Herzensbindung an ihn, er wird ihn nachahmen können wie der Japaner unser Jodeln, die Chinesin unsren Mozart, wie Sascha Baron Cohen unsre Niedertracht, aber er wird ihn nicht wie wir gegen ihn fühlen – schlau und berechnend, wie die Silbersteins nun mal sind.

Alternative facts – wie es sich wirklich zutrug. True story!

Man kann die Geschichte auch anders erzählen. Nach dem Tod von Jitzchak Rabin engagiert sich ein junger israelischer Idealist namens Tal Silberstein in der Friedensbewegung, bei der Initiative Dor Schalem Doresch Schalom (Eine ganze Generation fordert Frieden). In einem Ghetto namens Österreich gerät er auf die schiefe Bahn. Zu Beginn des Jahrtausends wird er dort Zeuge, wie gewissenlose Händler schachern und betrügen und den von den Sozialdemokraten schon etwas ramponierten Tempel des Sozialstaats plündern und schänden; wie sie mit den weibischsten Täuschungs- und Verführungskünsten galizischer Wanderzauberer die Leute verhexen und – anstatt gegen die Diebe – gegen Einwanderer hetzen.
Ihm, dem gutherzigen Sohn der Wüste, bot sich also eine moralische Verworfenheit, gegen die Sodom nahezu ein Gomorra ist.

Weil er weiß, dass das ganze System dem Fluch Jehovas nicht mehr entgehen kann, versucht Silberstein, bevor er sich in seine Heimat absetzt, ein letztes Mal etwas Taschengeld aus der Zuchtlosigkeit der Parteien zu ziehen und lässt sich von einer von ihnen für sogenanntes Dirty Campaigning anheuern, eine Methode, um vom vorherrschenden Schmutz durch mediale Schlammschlachten abzulenken. Doch die Naivität seiner tief in der Negev verwurzelten Bodenständigkeit lässt ihn nicht ahnen, dass er selbst Opfer einer Verschwörung wurde, gegen welche diejenige der Weisen von Zion sich wie ein nordischer Stammesrat ausnimmt. Nie bekam er nämlich die SMS-Korrespondenz zweier Sektionschefs zu Gesicht, die vor seiner Anheuerung stattfand. An dieser Stelle wollen wir der interessierten Öffentlichkeit erstmals und exklusiv Auszüge daraus zugänglich machen. (Wir tun dies bei vollem Risiko des fehlenden Rechtsschutzes, da Alfred J. Noll unsere Vertretung abgelehnt hat.)

A: Dirty Campaigning ist überall angesagt, und wir hinken den Trends wieder mal hinterher wie damals im 1968er-Jahr.
B: Aber das machen wir doch schon seit Menschengedenken.
A: Hinterherhinken?
B: Das sowieso. Ich mein’ das Dörti Kampäning.
A: Dirty Campaigning, nicht Anpatzen, du Trottel.
B: So richtig fette Scheiße?
A: Genau.
B: Wir brauchen einen Juden dafür, einen Juden, der glaubt, schlauer als wir zu sein. Edelmetall im Namen bevorzugt.
A: Ich glaub’, wir haben den richtigen Mann für euch.
B: Wenn es auffliegt, laden wir unsre ganze Scheiße auf ihm ab.
A: Du redest schon richtig so wie in den bundesdeutschen Synchronisationen der US-amerikanischen Serien.
B: Danke dir, Ferry. Er muss alles das sein, was wir sind: prinzipienlos, käuflich, gemein, rücksichtslos, doof, aber gerissen.
A: Ein richtiger Jud halt.
B: Aber wir sind doch gar keine richtigen Juden.
A: Du bist so ein Trottel, Herr Sektionschef
B: Jetzt versteh ich. Wir sagen einfach: Der Silberstein war’s.
A: Genau, du Blitzkneißer.

Fake-Site als Impulsgeber für politische Grausamkeit?

Als Dirty Campaigner war Tal Silberstein allerdings eine ziemlich taube Nuss. Doch  seine Harmlosigkeit passte perfekt zu dem perfiden Plan, dessen Fäden sich über seinem Kopf alsbald zusammenzogen. Denn der Macher der Facebook-Seite Wir als Sebastian Kurz – darauf angelegt, Kurz als rechten Bösewicht vor liberalen und christlich-sozialen Wählern anzuschwärzen – übersah völlig, dass es diese in Österreich kaum mehr gab und die Verbliebenen dadurch neutralisiert waren, dass sie ihre Kleinvillen in Wald- und Weinviertel mit Bewegungsmeldern, Stacheldraht und Sprengfallen bewehren mussten. Denn sie hatten auf besagter Facebookseite gelesen:

Zigtausende Migranten warten in Italien darauf, nach Mitteleuropa weiter zu kommen. NGOs drohen die Menschen nach Österreich zu bringen. Soll Österreich sich das gefallen lassen?

Die treuen Anhänger des Sebastian Kurz aber zeigten sich durch solche Posts erbost. War er etwa mit diesem Gejammer gar auf die kernlose Kern-Linie umgeschwenkt? Kurz muss in dämonisches Lachen ausgebrochen sein, wenn er die Harmlosigkeiten las, mit denen Silberstein ihm schaden wollte, so, als wollte er ihm durch Verharmlosung schaden.

Man sollte nicht länger um den heißen Brei herumreden: Das Dirty Campaigning war ein von der ÖVP der SPÖ gelegtes Kuckucksei, das diese der ÖVP zu legen glaubte – und beide einem armen Gauner wie du und ich namens Silberstein legten. Der Dreck der ganzen Dreckskampagne sollte vom wahren Murenabgang ablenken, den Kurz lostreten wird, dem größten Mehrfrontenangriff auf die Reste des Sozialstaats, auf Refugees und Immigranten, die unverschämteste Begünstigung der Reichen, zu der österreichische Öffentlichkeit je wegschaute.

Suzana Martinović fand kürzlich treffende Worte für dieses Programm: „Das was als ,neuer Stil’ bezeichnet wird, ist eigentlich von vorvorgestern. Es werden Menschen einfach entwertet. Nicht nur Migranten, sondern alle, die jenseits der Wohlstandsspeckgürtellinie leben. In dem Programm fehlt nur noch der Vorschlag zur ,Lebenszeitflexibilisierung von Wohlstandsnutznießern und alleinstehenden Bevölkerungszuwachsverweigerern und -innen’.“

Die Opfer werden wie üblich nicht wissen, wie ihnen geschieht, umso mehr aber, was sie wollen: nie wieder Silbersteins. Ein sauberes, dreckfreies, silbersteinfreies Österreich. Oder frei nach Adorno: Jede Debatte über Sozial- und Wirtschaftspolitik ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, dass Silberstein nicht sich wiederhole.

Epilog

Die Entdeckung der Saison ist wirklich der Peter Pilz. Mit seiner bewunderungswürdigen Gelenkigkeit ist er tiefer in den Kanal gestiegen, als sich Strache je trauen würde, und hat dort auch eine Handvoll Protestwähler rekrutieren können. Die riechen genau so gut wie er. Voll auf geht die Taktik, die da heißt: Wir dürfen Heimat, Rassismus und Niedertracht nicht der FPÖ überlassen. Oder auf Klugscheißerisch: Wir müssen die semantischen Räume des Rechtspopulismus besetzen. Oder auf Wahrheitsliebhaberisch: Wir müssen noch tiefer runtersteigen, als die Menschen von den Verhältnissen ohnehin gedrückt werden, um sie dann zu uns runterzuziehen.

Der alte Mann des rechten Ressentiments, H.-C. Strache, aber versteht die Welt nicht mehr und kann einem beinahe leid tun. Seine germanischen Bärenfelle sind ihm davongeschwommen. Seine Motorik hat sich verlangsamt. Der gemeine Ulk der Konkurrenten, sich allesamt Strache-Masken aufzusetzen, lässt ihn bisweilen vor laufenden Kameras an der eigenen Identität zweifeln. Und sogar am schadenfrohen Lachen seiner Gegner lässt sich eine tiefsitzende Grausamkeit erkennen, die man eigentlich nur seinesgleichen zugetraut hätte.

Doch was soll aus dem alten Herrn Kanzleirat bloß werden? Je nach verbliebener Vitalität wird er entweder in serbischen Ecklokalen die Handflächen zu Romamusik auf Glasscherben blutig schlagen oder aber – die wahrscheinlichere Variante – seinen alten Hut nehmen, den er so gerne in Yad Vashem trug, und endgültig nach Jerusalem ziehen. Dort wird man ihn etwas geistesverloren, aber gutmütig zum Stammcafé in der Altstadt spazieren sehen, mit älteren Herren Schach spielen, jüdische Kinder streicheln, arabischen Bonbons geben; und dort wird er vielleicht, so er das von Stress, Hass und Schnee getrübte Gedächtnis wiederfindet, seine Memoiren beginnen. Man wird ihn als Tourist freundlich grüßen, obwohl man ihn kennt. Und ihn nicht unbedingt rehabilitieren, aber realistischer in den Kontext seiner Zeit zu setzen wissen: Er war wohl ein Vordenker der politischen Arschlöchrigkeit, doch beileibe nicht das einzige.


Richard Schuberth, 1968 geb. in Ybbs an der Donau, ist freier Autor. Seine Essaysammlung „Unruhe vor dem Sturm” ist vor kurzem im Drava Verlag erschienen (am 20. Oktober wird er daraus um 19.30 Uhr in der Arena Bar lesen – Margaretenstraße 117).

Ein weiterer Text des Autors zu Peter Pilz erschien vor zwei Wochen auf Semiosis.

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