Kleinunternehmungen und EPUs: Es werden viele auf der Strecke geblieben sein

Die Vorwürfe wiegen schwer: Naivität, Inkompetenz – oder etwa doch Absicht? Unsere Gastautorin Sonja Lauterbach kritisert die Rettungsmaßnahmen der Regierung für Allein- und Kleinstunternehmungen seit Wochen scharf auf Twitter. Wir haben sie daher um einen Gastkommentar zum Thema gebeten. Nach Lektüre scheint klar zu sein: Es muss sich rasch Grundlegendes ändern. Sonst wird der Futur 2 aus der Überschrift zum rückblickenden Perfekt. Dann sind definitiv viele auf der Strecke geblieben. Mit fatalen Kosnequenzen.


Öffnung bringt Allein- und Kleinstunternehmungen mehr Probleme als Lösungen

Es ist erstaunlich, mit welcher Naivität die Verantwortlichen offenbar davon ausgehen, dass mit Maßnahmen, die an der Realität der meisten Wirtschaftstreibenden vorbeigehen, die Wirtschaft wieder in Schwung gebracht werden könnte. Das ganze Land wartet sehnsüchtig auf eine Normalisierung des Alltags, doch das wird noch ziemlich lange dauern. Und wie diese Normalität nach der Krise wirklich aussehen wird, weiß heute noch keiner.
Die schrittweise Öffnung der Geschäfte wird den meisten betroffenen Allein- und Kleinstunternehmern mehr Probleme als Lösungen schaffen. Die meisten Ladenbesitzer und Gastronomen leben von Laufkundschaft und Touristen. Beide Gruppen werden weder die Straßen, noch die Shops fluten. Es ist auch nicht klar, welche Auswirkungen das beispielsweise auf individuelle Vereinbarungen mit den Vermietern haben wird, die vielen eine Mietreduktion während der verordneten Schließung gewährt haben. Oder ob die Wiederöffnung auf die Fristen der Stundungen von Kreditraten, Sozialversicherungsbeiträgen oder ähnlichem Einfluss haben wird. Was allerdings sicher ist: Es wird teurer, denn die Öffnung bedeutet auch, dass variable und sprungfixe Kosten, beispielsweise Strom und Desinfektionsmittel, zu den Fixkosten dazukommen. Und das Umsatzloch wird nicht kompensiert.

Dienstleistungen lassen sich oft nicht nachholen

Die geltenden und angekündigten Maßnahmen zwingen gerade Ein-Personen-Unternehmer (EPU) und Kleinstunternehmer (mit bis zu neun Mitarbeitern) in die Schuldenfalle, da die so vollmundig angekündigte „unbürokratische Koste-es-was-es-wolle-Soforthilfe“ keine Hilfe ist. Dienstleister werden besonders hart getroffen, da man gerade Dienstleistungen nicht nachholen kann. Keiner geht öfter zum Friseur oder zur Fußpflege als üblich. Es ist auch nicht anzunehmen, dass Kunden die doppelte Menge Schuhe, Möbel oder Schmuck kaufen oder alle Haushaltsgeräte ersetzen werden. Wie die zusätzlichen Kreditraten und all die gestundeten Zahlungen erwirtschaftet werden sollen, bleibt im Dunkeln.

86 Prozent der Firmen gehören zu den kleinsten Unternehmungen

Gerade die „Hilfsmaßnahmen“ helfen den „Kleinsten“ nicht, sondern treiben sie reihenweise in die Insolvenz. Und das zum Schaden der Gesamtwirtschaft, denn diese Gruppe umfasst über 86% aller Firmen im Land und schafft jeden fünften Arbeitsplatz. Da viele Kleinstunternehmer auch Auftraggeber sind, kann man davon ausgehen, dass knapp eine Million Menschen betroffen sein werden.
Auch die buchhalterischen und steuerlichen Besonderheiten, von der Kleinunternehmerregelung bis zu den Grenzen der Einnahmen-Ausgaben-Rechner, scheinen den Verantwortlichen nicht bewusst zu sein, wenn man die Richtlinien genauer betrachtet. Einnahmen, Einzahlungen und Einkommen werden mit einer Hartnäckigkeit verwechselt, die fast schon eine Kunstform für sich ist.
Wenn die Strategie zur „Rettung der Wirtschaft“ nicht rasch von Systemerhalt der „alten Normalität“ auf Strukturerhalt der Branchen umschwenkt, wird ein Aufbau der Wirtschaft – wann auch immer das sein wird – nicht möglich sein. Denn wie die „neue Normalität“ nach der Krise aussieht, weiß heute noch niemand.

Nötig ist eine Krisen-Grundsicherung

Um Branchen strukturell zu retten, sollten vor allem EPU und Kleinstunternehmer nicht im Gießkannenprinzip von der WKO abgewickelt werden. Das Bundesrechenzentrum verfügt über sämtliche Zahlen und Daten, um je nach Branche einen Umsatzdurchschnitt zu ermitteln. Den auf die Anzahl der Steuernummern je Branche herunter zu brechen, ließe sich technisch ohne großen Aufwand lösen. Die so ermittelten Beträge könnten wirklich unbürokratisch an die selbstständig Erwerbstätigen und Kleinstunternehmer als befristete Krisen-Grundsicherung ausbezahlt werden. Und zwar monatlich vom Finanzamt. Somit wäre eine parlamentarische Kontrolle über wenigstens einen Teil der mit Milliarden gefüllten Hilfstöpfe gewährleistet. Ein weiterer Vorteil wäre, dass dieses Vorgehen einfach kalkulierbar ist. Wenn man diese Zahlungen bis drei Monate nach der Krise ausbezahlen würde, wären auch die dann nötigen Investitionen jeder Branche für den Start „danach“ gesichert.
Das würde auch die WKO entlasten.

Apropos WKO: Bis heute ist nicht klar, wer in der Wirtschaftskammer genau Zugriff auf die sensiblen Daten von Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern hat, was mit den Daten genau passiert und wer das und die Milliardentöpfe unabhängig kontrolliert.

Die Hilfen und die Angst

Die Vielzahl an Fonds, die wie Pilze aus dem Boden schießen, und die Sonder-Hilfstöpfe, wie beispielsweise das Gastro-Hilfspaket, machen deutlich, dass Aktionismus über Fachkompetenz gestellt wird. Die Richtlinien sind schwammig und gehen weit an der Praxis vorbei. Die Furcht vor Missbrauch der Hilfsgelder verhindert, dass das Geld dort ankommt, wo es dringend benötigt wird: Bei den Unternehmen. Und keiner der Verantwortlichen hat sich bis heute die Frage gestellt, wie ein Einnahmen-Ausgaben-Rechner überhaupt Missbrauch im großen Stil betreiben könnte.

Eine Insolvenzwelle würde einen Dominoeffekt auslösen

Doch nicht nur die „Kleinsten“ werden im wirtschaftlichen Regen stehen gelassen. 99% aller Unternehmen in Österreich sind KMU, die über 67% aller Arbeitsplätze schaffen und über 50% aller Lehrlinge ausbilden. Sie repräsentieren rund 62% der gesamten Wertschöpfung. Dazu kommen etwa 540.000 Selbstständige und EPU; die zeichnen sich durch ihre enorme Flexibilität aus und sind somit gerade beim Aufbau der Wirtschaft nach der Krise von großer Bedeutung. Keine andere Unternehmensform ist in der Lage, sich so rasch an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen.
Wenn dieser bedeutende Teil der heimischen Wirtschaft nicht strukturell geschützt wird, hat das fatale gesamtwirtschaftliche Folgen. Vor allem, wenn man ein paar Jahre in die Zukunft denkt. 
Es droht eine Insolvenzwelle, die zwingend einen Domino-Effekt auslösen wird. Die Folgen sind nicht bezifferbar, da jeder Tag ohne Umsatz Eigenkapital frisst. Da es für Selbstständige kein Sicherungsnetz gibt, ist die drohende Endstation die Sozialhilfe. Somit wird auch Vermögen vernichtet. Wie zukünftige Generationen das Sozialbudget finanzieren werden, ist fraglich. Immerhin fehlen, wenn nicht rasch reagiert wird, auch die zukünftige Kaufkraft und Nachfrage.

Vor der Krise: Größtenteils gesunde Unternehmen

Eines lässt sich nicht ignorieren: Nach der Coronakrise folgt die Wirtschaftskrise – und die Klimakrise wird beide überdauern.
Es wäre ein großes Maß an Fachwissen gefragt, um die gesundheitlichen Maßnahmen intelligent mit ökonomischen zu flankieren. So zu tun, als wären alle wirtschaftlichen Maßnahmen alternativlos und dem Virus geschuldet, ist nicht nachvollziehbar. „Koste es, was es wolle“ darf sich nicht auf Arbeitsplätze und berufliche Existenzen beziehen. Schon gar nicht in einer Krise.
Die meisten EPU und KMU waren vor Corona gesunde Unternehmen mit gut funktionierenden Geschäftsmodellen. Die meisten haben investiert, um beispielsweise mit der Digitalisierung nicht nur Schritt zu halten, sondern eine Nasenlänge voraus zu sein. Der radikale Lockdown hat enormen Schaden verursacht. Allein der Einzelhandelsumsatz im Non-Food-Bereich ist im März 2020 nominell um 29% eingebrochen. In nur 14 Tagen!

Die „alte Normalität“ von Massen- und Billigtourismus

Die Stimmung bei Unternehmern wird nicht besser, wenn Gernot Blümel am 8.5.2020 verkündet:

Wir sind bereit, der AUA zu helfen.

Die Austrian hat 2019 einen dramatischen Einbruch der EBIT-Marge im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet. Und das, obwohl massiv Personal abgebaut wurde.
Gerade am Beispiel der Luftfahrtindustrie zeigt sich, wie wichtig Fachkompetenz wäre:
Natürlich ist eine Airline systemrelevant. Und selbstverständlich ist sie als Arbeitgeber, für den Tourismus und die Logistik von Bedeutung. Sie repräsentiert jedoch auch die „alte Normalität“ von Massen- und Billigtourismus. Ein Blick auf die Börsenkurse zeigt, dass aktuell die ganze Lufthansa nicht einmal mehr 2 Milliarden Euro wert ist und sie verliert pro Stunde rund 1 Million Euro. Man müsste somit gerade bei den „Großen“ sehr genau hinschauen, ob die Geschäftsmodelle in einer „neuen Normalität“, wie auch immer die nach der Krise ausschauen wird, tragfähig sein werden.

Wir lassen niemanden zurück – oder etwa doch?

Vor allem sollten sich die Verantwortlichen sehr genau überlegen, welche Signale mit derartigen Ankündigungen gesendet werden. Wirtschaft ist zu 50% Psychologie. Es geht somit auch um ein kluges Erwartungsmanagement. Das wurde zu Beginn der Krise gut gemacht. „Wir lassen niemanden zurück“ hat dazu beigetragen, dass die rigorosen Maßnahmen von der Bevölkerung und den Unternehmern mitgetragen wurden. Was auf diese aufmunternde Startbotschaft aber folgte, lässt befürchten, dass am Ende der Einschränkungen ganz schön viele auf der Strecke geblieben sein werden.


(Quellen: WKO, Wirtschaftsministerium, BMF, OeNB, EPU-Forschung, Statistik Austria)


Unsere Gastautorin Sonja M. Lauterbach ist eine gebürtige Wienerin mit Schweizer Pass. Sie ist seit vielen Jahren als selbstständige Unternehmensberaterin und Executive-Coach tätig. Davor war sie in leitenden und geschäftsführenden Positionen international erfolgreich

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