Schifoan in den Kitzbüheler Alpen: Wenn man es sich richten kann

Die Verordnungen in Österreich sind eindeutig. Schifahren ist in der Freizeit nicht gestattet. Allerdings gibt es, wie so oft, eine Ausnahme. Profisportler*innen können ihren Sport ausüben und dafür auch trainieren. Aber: Diese Ausnahme wird weidlich ausgenutzt. Dies hat ein Semiosis-Augenschein in den Kitzbüheler Alpen ergeben. Dort finden unter dem Deckmantel eines örtlichen Schiklubs und der FIS normale Schilehrerstunden auf den Pisten statt –  hochprofessionelles Pflugfahren inklusive. Und die zuständigen Behörden und Organisationen stellen sich auf Semiosis-Nachfrage erst einmal ganz dumm. Eine Recherche von Sebastian Reinfeldt.


Die Ausnahme von der Regel

Mittlerweile leben wir in Zeiten der 2. COVID-19-Schutzmaßnahmenverordnung. Sie trägt die einprägsame Kurzform 2. COVID-19-SchuMaV und ist seit 7. Dezember 2020 in Kraft. In ihr ist eindeutig geregelt, wie es auf den Schipisten zugehen soll: gar nicht nämlich.

Das Betreten von Sportstätten gemäß § 3 Z 11 des Bundes-Sportförderungsgesetzes 2017 (BSFG 2017), BGBl. I Nr. 100/2017, zum Zweck der Ausübung von Sport ist untersagt.

Das ist die Regel, die der Paragraf 9 festhält. Die Ausnahme folgt im Text unter der Ziffer 2.

2) Ausgenommen vom Verbot des Abs. 1 sind Betretungen von Sportstätten

  1. durch Spitzensportler gemäß § 3 Z 6 BSFG 2017

Der Paragraf 3, Ziffer 6 des Bundes-Sportförderungsgesetzes (BSFG), auf den diese Ausnahme verweist, definiert Leistungs- und Spitzensport folgendermaßen:

Wettkampforientierter Sport mit dem Ziel, nationale oder internationale Höchstleistungen hervorzubringen

Spitzensport?

Ob das zu Höchstleistungen führen wird, was am 7. Dezember 2020 auf den Schipisten der Kitzbüheler Alpen betrieben wird, scheint mehr als fraglich. Auf dem Video sehen wir, wie eine sehr junge Frau den Schneepflug übt. Sicherlich stellt dieser eine unabdingbare Grundlage des Schifahrens dar. Doch kann dieses „Training“ wohl kaum zu der Ausnahme gezählt werden, die in der Verordnung genannt ist. Denn vom Erreichen einer Höchstleistung ist die junge Frau, die ängstlich hinter ihrem Schilehrer herfährt, noch sehr, sehr weit entfernt.


7.12.2020. Pass Thurn/Resterkogel


Diese gewöhnlichen Schilehrerstunden finden auf der Resterhöhe statt, einer Region entlang der Bundesländergrenze zwischen Tirol und Salzburg. Es sind die Kitzbüheler Alpen. Die Schilifte und Seilbahnen am Resterkogel sind in Betrieb, ebenfalls aufgrund einer Ausnahmegenehmigung.

Paragraf 4 der Bundesverordnung erlaubt dies allerdings nur mit Einschränkungen:

(3) Die Benützung von Seil- und Zahnradbahnen ist nur zu den in § 2 Abs. 1 Z 1 bis 4 und 6 bis 9 genannten Zwecken oder zum Zweck der Ausübung von Sport durch Sportler gemäß § 9 Abs. 2 Z 1 zulässig. § 3 ist sinngemäß anzuwenden.

Neben den zuerst erwähnten dringenden Besorgungen (die stehen in Abs. 1 Z 1 bis 4 und 6 bis 9) ist festgelegt, dass nur Sportler*innen mit den Seilbahnen und Schiliften fahren dürfen. Abstandsregeln haben dabei ebenso zu gelten.

Noch nicht einmal die Abstandsregeln gelten

Doch an diesem Morgen des 7. Dezembers 2020 gelten solche Regeln weder an der Mittelstation der Seilbahn noch auf den Schiliften. Die Menschen stehen dicht gedrängt, obwohl es ein Leichtes wäre, hier auf den einen Meter Abstand zu achten. Auch bei den Schiliften erscheint es fraglich, ob die Personen, die dort eng nebeneinander sitzen, wirklich in einem Haushalt leben.

Skistation Kitzbüheler Alpen

Schilift Resterhöhe, 7.7.2020

Die Excel Race Academy

In diesem Schigebiet sind zwei Pisten präpariert. Eine für die Profis und eine weitere, eine so genannte Publikumspiste. Während am Profihang Slalomstangen aufgestellt werden, treiben sich drumherum weitere Gruppen auf Schiern herum. Einige von ihnen stammen offensichtlich aus England. Es sind aber sicher keine Profis, die hier unterwegs sind. Auf den Bildern und Videos können wir Trikots mit dem Aufdruck Excel Race Academy erkennen. Dieser private britische Schiklub aus Fleetwood im Norden Englands macht im Internet Werbung dafür, dass dort auch Athletinnen und Athleten trainieren können. Ein weiteres Video von diesem Tag zeigt, wie weit diese Gruppe noch von Höchstleistungen entfernt ist.


7.12.2020. Pass Thurn/Resterkogel


Einen Tag später: FIS-Rennen am Pass Thurn

Tatsächlich findet einen Tag später am Pass Thurn ein FIS-Rennen statt. Und zwar ein Slalom. Veranstalter ist der 2017 neu gegründetet Ski-Club Oberpinzgau. Die Ergebnisse vom 8.12.2020 sind offiziell beglaubigt und werden auf der FIS-Homepage auch veröffentlicht.


Am Rande dieses Events bietet sich ein ähnliches Bild wie am Vortrag. Auf der einen Seite des Hangs tummeln sich Fahrerinnen der C-Kader ihrer Länder (oder noch niedriger) bei einem offiziellen Rennen. Auf der anderen Seite des Schigebietes können privilegierte Anfänger*innen ganz normal Schi fahren und einfachste Schwünge üben.

8.12.2020. Pass Thurn/Resterkogel – abseits des FIS-Rennens


Wer ist verantwortlich?

Dieses Video- und Bildmaterial und die Beobachtungen von Tourengeher*innen legen es nahe, dass an diesen Tagen in den Kitzbüheler Alpen die Verordnung mehrfach umgangen worden ist. Denn neben dem unterklassigen Wettkampfsport fanden dort offensichtlich ganz normale Schikurse statt.

Mit der Frage nach der Verantwortung für solche Veranstaltungen beginnt ein Ringelreihen, das in Österreich typisch ist. Als Reaktion auf eine Semiosis-Anfrage nach einer Ausnahmegenehmigung für Schipisten und Schilifte an die Bezirkshauptmannschaft Kitzbühel verwies mich diese an die Bezirkshauptmannschaft Salzburg.

Nach Kenntnisstand der Bezirkshauptmannschaft Kitzbühel gibt es derzeit im Bezirk Kitzbühel keinen Schibetrieb. Möglicherweise beziehen sich Ihre Informationen auf das Schigebiet „Resterhöhe“, wo es dem Vernehmen nach Trainingsbetrieb für Spitzensportler gibt. Dieses Schigebiet liegt auf Salzburger Landesgebiet und somit außerhalb der örtlichen Zuständigkeit der Bezirkshauptmannschaft Kitzbühel.

Die gleichlautende Anfrage an die Bezirkshauptmannschaft Salzburg erfuhr eine seltsame Antwort:

Für uns ist nicht ganz eindeutig, wie wir Ihnen behilflich sein könnten. Vielleicht könnten Sie das nochmal genauer schildern.

Dann nochmal ganz genau

Was ich dann tat. Doch war diese Mühe umsonst. Kurz vor Erscheinen dieses Artikels erreicht mich die zweite Antwort. Darin verweist mich die Bezirkshauptmannschaft Salzburg an …. die zuständige Tiroler Bezirkshauptmannschaft, die ich ja bereits gefragt habe und die mich an die Salzburger verwies: Österreichisches Ringelreihen, um unangenehme Fragen nicht zu beantworten.

Wir dürfen Sie in dieser Angelegenheit Zuständigkeitshalber an die FIS und an die Kitzbüheler Bergbahnen verweisen beziehungsweise an die zuständige Bezirkshauptmannschaft auf Tiroler Seite verweisen. Das Skigebiet reicht nur teilweise (zu einem kleinen Teil) nach Salzburg.
Nach unserem Kenntnisstand wurde der Bezirkshauptmannschaft Zell am See bisher nichts gemeldet, dass es Verstöße gegen die Corona-Verordnung gab.

Der Ski-Club Oberpinzgau

Veranstalter des Schirennens am 8. Dezember 2020 ist laut FIS-Kalender der noch junge Ski-Club Oberpinzgau. Auch an ihn richtete ich eine schriftliche Anfrage. Sie blieb bislang ohne Antwort.

Sehr geehrter Günther Fankhauser,

der Ski-Club Oberpinzgau wird als Veranstalter eines FIS Ski-Rennens (Slalom, weiblich) am 8.12. 2020 angeführt. Außer zum Zweck des Hochleistungssports ist Schifahren in Österreich derzeit aufgrund der COVID-Verordnung untersagt.
Daher meine Fragen:

  • Wie haben Sie als ausrichtender Verein die Eigenschaft „Profisport“ beim Benützen der Skipisten am Pass Thurn an den Tagen 7.12. und 8.12. kontrolliert?
  • Welche Regeln gelten dabei?
  • Wie wurde das Benützen der Seilbahnen und Schilifte an diesen Tagen kontrolliert, die ja ebenso unter die genannte Verordnung fallen? Auch hier gilt die Ausnahme: Spitzensport.
  • Kennen Sie die Excel Race Academy? Kooperieren Sie mit diesem privaten britischen Ski-Klub?

Excel Race Academy

Und schließlich will ich von dem privaten Skiklub aus England wissen, wer genau die schönen Tage in den Kitzbüheler Alpen verlebt hat.

Dear people at Excel Race Academy,

(t)o our knowledge a team from Excel Race Academy is just down in Austria, Kitzbühel region (or has just been there). We would like to know:

  • How many athlets are in Austria right know (or have been there)? What is their age?
  • How much personal is in Austria to accompany and to service them?
  • Is this a training-programme of the British Ski and Snowboard BSS (das ist der britische Schiverband) or a private training-group?
  • Which COVID-19 securitiy measures do you enhance?
  • Which organisation in Austria is organizing access to lifts and race-tracks?
  • How do you organise accomodation in Austria?

Auch diese Anfrage blieb bislang unbeantwortet.


Titelfoto: Mittelstation Pass Thurn, Kitzbühler Alpen; Fotos und Videos wurden uns von privater Seite zugespielt. Die Person möchte anonym bleiben.

3 Kommentare

  1. Seilbahnen sind ein öffentliches Verkehrsmittel. Daher sind dieselben Regelungen wie für Busse, U-Bahnen, Straßenbahnen etc. anzuwenden: 

    Ist auf Grund der Anzahl der Fahrgäste sowie beim Ein- und Aussteigen die Einhaltung des Abstands von mindestens einem Meter nicht möglich, kann davon wie in allen öffentlichen Verkehrsmitteln ausnahmsweise abgewichen werden. Daher ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes (MNS) verpflichtend. So schützen Sie sich und die anderen!

    Und Skifahren für berufliche Zwecke wie die Skilehrer Ausbildung sind erlaubt.

  2. Schon mal so eine Ausbildung gemacht? Auch angehende Schilehrer üben den Pflugbogen. Recherchieren Sie einmal in Wien, was da alles falsch läuft.

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