Politik mit (und ohne) Zahlen

Es könnte ein launiger Text werden. Darüber, dass der Amtsschimmel mal wieder fröhlich wiehert. Doch ehrlich gesagt findet Sebastian Reinfeldt die Tatsache eher frustrierend: Mehr als ein Jahr nach Beginn der Covid19-Pandemie gibt es in Österreich immer noch kein eingespieltes, transparentes Berichten über die wichtigsten Gesundheitsdaten. Zwei Beispiele aus aktuellen Recherchen in politisch unterschiedlichen Bundesländern zeigen auf, wie groß der Nachholbedarf bei transparenten Gesundheitsdaten hier ist.


Beharrlichkeit ist eine gute Eigenschaft für Journalist*innen. Immer wieder nachfragen, sich nicht zu schnell abwimmeln lassen. Das gehört zum Berufsbild. Wenn es um investigative Recherche geht, liegt es in der Natur der Sache. Bestimmte Personen haben etwas verborgen, was nicht ganz koscher ist. Um dies aufzudecken, braucht es Ausdauer und Geduld. Anders gelagert ist der Fall aber, wenn es sich um öffentliche Daten zum Thema Gesundheit handelt. In ihnen geht es ja um uns alle. Daher gehören diese Zahlen und Statistiken auch uns allen, sollte man meinen. Und nicht einem Ministerium oder einer Landesbehörde oder einer Krankenanstalt.

Wie viele Kinder und Jugendliche lagen mit COVID19 in Oberösterreich im Spital? Keine Antwort

In Österreich sehen das die Institutionen mitunter völlig anders. Gesundheitsdaten sind  offenbar immer noch ein Staatsgeheimnis beziehungsweise sie betrachten diese als eine Art privaten Schatz. Selbst einfachste Fragen wollen sie nicht beantworten. So etwa die oberösterreichische Landesregierung, wenn es um die Zahl der Kinder und Jugendlichen geht, die mit COVID19 ins Krankenhaus gekommen sind. Semiosis und medonline recherchieren als Follow-up gerade den aktuellen Stand.

Frage: Wie viele Kinder und Jugendliche (0-19) wurden in Oberösterreich (von Beginn im März 2020 bis Ende März 2021 oder bis zum heutigen Tag) an/mit/nach Covid-19 (inkl. MISC/PIMS) hospitalisierungspflichtig? Wie viele davon in folgenden Altersgruppen (wenn möglich): 0-4, 5-14, 15-19 Jahre?

Antwort des Krisenstabs der Landesregierung: Aufgrund der breiten Spitalslandschaft in Oberösterreich ist eine aussagekräftige Auswertung in dieser kurzen Zeit leider nicht möglich.

Aus einigen anderen Bundesländern liegen diese Zahlen übrigens vor, obwohl sie die Anfrage am selben Tag erhalten haben. In Oberösterreich geht das angeblich nicht. Die Begründung liest sich so, als ob man sich dort schlicht nicht die Mühe machen möchte. Öffentlichkeit stört.

Die ominöse Intensiv-Stufe 9 in Wien. Nix genaues weiß man nicht

Seit Wochen ist bekannt, dass die Intensivstationen in Wien am Limit arbeiten. Wir haben uns beim Semiosisblog dafür entschieden, den Stand der Belegungen tagesaktuell zu dokumentieren. Da sind wir das einzige Medium, dass sich jeden Tag die Mühe macht und nachfragt.

Allerdings können wir nicht feststellen, ob ein Punkt, ab dem nix mehr geht und triagiert werden muss, bereits überschritten wurde. Wir sind da auf Aussagen anderer angewiesen. Mitteilungen von Personen, die auf den Stationen arbeiten, besagen jedenfalls:

Wir sind am Limit.

Nun haben wir das in Wien gültige Triage-Papier veröffentlicht. Zudem wissen wir, dass es in Wien einen Stufenplan gibt. Dieser enthält acht Stufen. Derzeit ist mindestens die achte Stufe aktiviert.

In dieser Stufe sind 310 intensivmedizinische Betten (davon rund 100 Betten mit High-Flow-Oxygen-Geräten) und 768 Normalbetten für die Betreuung Corona-Kranker vorgesehen. Insgesamt verfügt der Gesundheitsverbund über rund 6.000 Normalbetten sowie 550 Intensivbetten – allerdings in Summe und nicht nur für an Covid-19 erkrankte Menschen. Der Preis des Bettenfreimachens für Corona-Patientinnen und -Patienten ist die weitere Reduktion von Leistungen. Die Akutversorgung bleibt aber jedenfalls immer aufrecht.

Eine neunte Stufe ist in diesem Papier eigentlich nicht vorgesehen. Sie wird aber vorbereitet. Diese Information ist bestätigt. Indes: Was beinhaltet diese Stufe neun? Unsere Nachfragen  ergeben eine Vertröstung nach der anderen. Wir bekommen keine Antwort. Besteht kein öffentliches Interesse daran, all das zu wissen? Wir denken schon.

Die Motivation mag verschieden sein. In Oberösterreich sind korrekte Zahlen über Kinder und Jugendliche keine Mühe wert. Covid19 scheint sie überall zu betreffen, nur in diesem Bundesland halt nicht. In Wien befürchtet man wahrscheinlich, dass wir uns zu viele Sorgen machen. Informationen könnten uns nur verunsichern. Aber wenn es darum geht, Erfolgsmeldungen zu kreieren und zu verkünden, dann sind bei den Behörden die passenden Zahlen immer ganz schnell zur Hand. Wetten?

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