Shirley: Es fehlt die kritische Beleuchtung der politischen Strategien und Motive auf Basis der wissenschaftlichen Evidenz

Shirley ist wahrscheinlich all denjenigen Twitter-Nutzer*innen bekannt, die in Zeiten der Pandemie dort nach seriösen Informationen gesucht haben. Dabei ist sie oft Politiker*innen und Journalist*innen mit ihrem weiten Wissenhintergrund auf die Nerven gegangen. Zumeist in Form von Studien, die sie vorstellt und verlinkt. Derzeit hat sie auf Twitter 3000 Follower*innen. Zu Beginn der Pandemie waren es 1000. Sie hat einen Brotberuf in einem ganz anderen Bereich. Daher möchte sie anonym bleiben. Shirley ist eine Citizen-Journalistin der Covid19-Pandemie. Mit ihr sprach Sebastian Reinfeldt.


Siehst du dich als Citizen-Journalistin?

Ja, ich denke schon. Ich habe Themen recherchiert und auf Twitter kommuniziert, die von Medien gar nicht, oberflächlich und vielfach sogar völlig irreführend berichtet wurden.

Wie viel Zeit wendest du zur Recherche und zum Schreiben auf? Wie reagiert dein soziales Umfeld?

Es kommen schon sehr viele Stunden zusammen. Aufgrund einer gesundheitlichen Einschränkung bleibt aber automatisch mehr Zeit für dieses „Hobby“.

Mein Umfeld nutzt mich als vertrauenswürdige Informationsquelle. Nach vielen „News“ in den Medien melden sie mir oft zurück, dass sie das von mir schon seit Monaten wissen. 😉

Was sind deine Quellen?

Anerkannte Expert:innen aus den unterschiedlichen Fachgebieten, wissenschaftliche Publikationen und die internationale Presse.

Veröffentlichungen von (politischen) Funktionären, Institutionen, vermeintlichen Expert:innen und Medienberichten, die ich der wissenschaftlichen Evidenz gegenüberstelle.

Was ist deine Triebfeder, als Citizen-Journalistin zu berichten?

Fassungslosigkeit darüber, dass es für durchschnittliche Medienkonsument:innen kaum möglich ist, sich in Österreich umfassend und fundiert zu informieren. Das Fehlen von praktischen Hinweisen zu Risikoreduktion und verständliche Erklärungen.

Hast du das schon vor Beginn der Pandemie getan?

Vor der Pandemie habe ich mich vor allem gegen Rechtsextremismus engagiert. Viele Faktencheck-Methoden konnte ich auch gut gegen die Desinformation im Zuge der Pandemie nützen.

Wo siehst du beim Thema Pandemiebekämpfung die Hauptmängel des professionellen Journalismus?

Grundlegende Mängel beim Wissenschaftsjournalismus bzw. dessen Abwesenheit bei Interviews und Medienberichten.

Es wurde vielfach nicht die wissenschaftliche Evidenz wiedergegeben, sondern nur die zum Teil irreführenden Aussagen von in Österreich als Expert*innen geltenden Personen, ohne deren Aussagen und Motive auch nur ansatzweise kritisch zu beleuchten.

Das Fehlen von Faktenchecks zu Positionen der Politik und der Institutionen wie Ages oder der ÖGKJ. Wissenschaftsfernen oder -leugnenden Pseudoexpert*innen wurde dagegen breiter Raum eingeräumt.

Keine oder zu wenige grundlegende und verständliche Darstellungen der Übertragungswege von Covid-19 und des Infektionszyklus, unzureichende Erklärung der Aussagekraft der unterschiedlichen Testformate oder der Schutzmechanismen von Masken, Belüftung etc.

Daraus folgend auch keine lebenspraktischen Hinweise für die Bevölkerung zur Optimierung von Schutzmaßnahmen und kein Aufzeigen der systematischen Lücken.

Was hältst du generell von der österreichischen Medienlandschaft?

Enttäuschend. Entweder hat die unkritische Wiedergabe der Aussagen der Regierung dominiert oder aber Regierungskritik mit verharmlosenden und desinformierenden Scheinexpert*innen und ebensolchen (Oppositions-)Politiker*innen.

Eine kritische Beleuchtung der politischen Strategien und der Motive aller politischen Akteure auf Basis der wissenschaftlichen Evidenz war kaum zu vernehmen.

Als Tiefpunkt empfand ich zB die völlig unkritischen Interviews mit Haditsch oder Apfalter auf Ö1.

Es gibt offenbar nur wenige Ausnahmen bei Journalist:innen bei den klassischen Medien, die in ihren Redaktionen jedenfalls die Ausnahme darzustellen scheinen.

Wie siehst du selbst deine Rolle als Citizen-Journalistin? Eher kompensierend oder kritisierend?

Zu Beginn veröffentlichte ich in erster Linie Informationen zu Übertragungswegen, Optimierung von Schutzmaßnahmen, Aussagekraft von Tests etc. mit fundierten Belegen.

Das ging über in das Kommentieren von politischen Entscheidungen zu Eindämmungstrategien und „Manöverkritik“, aber auch positive Anmerkungen zu Lerneffekten zB bei der konkreten Eindämmung von lokalen Clustern.

Als aber letzen Herbst die Lernkurve in der Politik und der Gesundheitsbehörden und -institutionen weiterhin stagnierte, verstärkte sich meine Kritik und meine Fassungslosigkeit darüber, dass die Medien ihrer Aufgaben überwiegend nicht nachkamen.

Bist du auch mit professionellen Journalist*innen in Kontakt? Wenn ja, wie gestaltete sich der? Gibst du Tipps und Hinweise? Bekommst du Tipps und Hinweise?

Loser Kontakt zu einigen unabhängigen Journalisten. Was von meinem Tweets aufgegriffen wird, kann ich nicht beurteilen.

Bist du mit Wissenschaftler*innen in Kontakt? Falls ja, beschreibt bitte, wie der zustande kam und wie er abläuft,

Nur über Twitter, selten Austausch via DMs zB zu konkreten Studien.

Irgendwann ist die Pandemie zuende bzw. nicht mehr im medialen Fokus. Wirst du dann eher mit Recherchieren und Schreiben aufhören oder beim Thema weitermachen oder ein anderen Thema suchen?

Ich werde dann sicher kürzer treten. Allerdings werde ich auch danach meine Energie für die Aufarbeitung einsetzen. Dabei geht es mir nicht um einzelne Fehlentscheidungen unter Zeitdruck, sondern um die Verantwortung für die systematische Desinformation und die verfehlten Strategien, die die Gesundheit und das Leben so vieler Menschen gekostet hat.

Ich will, dass die Motive und die Methoden auf den Tisch kommen. Das wird aber sicher ein schwieriges Unterfangen, weil sich die Akteure gegenseitig in Schutz nehmen werden und das ebenso wieder auf Desinformation basieren wird.

Es werden sich aber auch nach der Pandemie sicher andere Themen ergeben, die beleuchtet werden müssen, weil sie von den klass. Medien unzureichend abgedeckt werden.

Kannst du dir vorstellen, deinen Brotberuf zu verlassen und ganz in/für Medien zu arbeiten?

Nein. Ich bin in einem völlig anderen Berufsfeld tätig, das für mich gut passt. Überdies glaube ich, dass es kaum möglich wäre in der aktuellen Medienlandschaft so zu berichten, wie es meinen Anforderungen entsprechen würde.

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