Warum verharmlosen wir die Pandemie und ihre Folgen?

Gehören Sie auch zu den Menschen, die derzeit vor ihrem Fernseher sitzen oder die Info-Seiten aus Österreich durchlesen und sich fragen: In welcher Realität lebe ich gerade? Gesundheitsminister und Kanzler überbieten sich mit Öffnungsankündigungen. Viele tun schon wieder so, als sei die Pandemie vorbei. Schließlich sind wir ja bald alle geimpft … Oder etwa nicht? Ist es Unachtsamkeit oder pure Absicht, dass Covid19 gerade so verharmlost wird? Dabei geht das Infektionsgeschehen weiter. Das bedeutet auch: neue Mutationen entstehen. Long Covid poppt auf. Die Stadt Wien kann derzeit grade mal den über 50-jährigen ein Impfangebot machen. Die ungeimpfte Jugend wird bei der nächsten Welle den Preis dafür zahlen, dass sie bislang alle Einschränkungen mitgetragen hat. Weil wir verharmlosen.

Sebastian Reinfeldt fasst sein Unverständnis über die falschen Informationen und Bilder in Worte.


Long-Covid: Schlecht recherchiert, ungenau und verharmlosend

schreibt die Twitter-Userin Karla Küken, eine Betroffene und Citizen-Journalistin (sie betreibt einen eigenen Long Covid-Vlog), nachdem spätabends, am 31. Mai 2021, ein Beitrag zu Long Covid, also zu den lang anhaltenden Symptomen der Krankheit in der ZiB2 im ORF über den Fernsehbildschirm flimmerte.

Long Covid heißt ein Phänomen, dass laut Gesundheitskasse bei etwa 10 Prozent der Erkrankten auftritt,

so der Moderator zu Beginn des Beitrags. Dabei spricht er von schweren und lang anhaltenden Folgen der Krankheit. Über diese Spätfolgen wird bereits seit Sommer 2020 in Fachjournalen und Studien berichtet. Nicht so in Österreich. Hier ist diese Krankheit überhaupt erst seit März 2021 im System der Gesundheitskassen codierbar. Zuvor war dies schlicht ein (U099) Post-COVID-19-Zustand, nicht näher bezeichnet. Die Zahl von 10 Prozent, die auf Angaben eben jener Gesundheitskasse beruht, kann also nur so daher geschätzt sein. Wirklich belastbar ist sie nicht. Internationale Studien ergeben nämlich ganz andere Werte. Etwa Norwegen. Über 60% der Patient*innen sind nach einem halben Jahr nicht gesund. So lautet das Ergebnis einer so genannten Kohortenstudie. Die meisten der Untersuchten waren nur mild an Covid erkrankt und leiden später unter Fatigue (eine besondere Form von Erschöpfung) und Konzentrationsproblemen.

In a Norwegian prospective cohort study of 312 patients, 61% of COVID-19 patients (247 home-isolated and 65 hospitalised) had persistent symptoms at six months. //

In einer norwegischen prospektiven Kohrtenstudie von 312 Covid19-Patien*innen (von ihnen waren 247 zu Hause isoliert und 65 im Krankenhaus) hatten 61 Prozent anhaltende Symptome im Verlauf von 6 Monaten.

Britische Studie: 1 von 7 positiv Getestete haben Symptome und das mindestens 12 Wochen lang

Im April 2021 kam in Großbritannien eine breit angelegte empirische Studie mit folgendem Ergebnis heraus:

Nearly one in seven Britons who tested positive for COVID-19 continued to have symptoms for at least 12 weeks.

// Annähernd 1 von 7 positiv Getestete in Großbritannien haben mindestens 12 Wochen lang Symtome.

Diese Studie hat mehrere Teile. In einem davon haben Betroffene (mit positivem Testergebnis) selbst und monatlich über ihre anhaltenden Symptome berichtet. 674.000 Personen meldeten Einschränkungen, davon klagten 196.000 Menschen über starke Folgen für ihren Alltag.

Mehr Frauen und die Altergruppe der 25 bis 34-jährigen betroffen

Zudem wurde ein Zufallssample von 21.622 Teilnehmenden und eine Kontrollgruppe gebildet. Das Ergebnis:

Among a sample of over 20,000 study participants who tested positive for COVID-19 between 26 April 2020 and 6 March 2021, 13.7% continued to experience symptoms for at least 12 weeks. (…) Of study participants who tested positive for COVID-19, symptom prevalence at 12 weeks post-infection was higher for female participants (14.7%) than male participants (12.7%) and was highest among those aged 25 to 34 years (18.2%).

// In einer Auswahl von mehr als 20.000 Patient*innen mit positivem Testergebnis zwischen 26. April 2020 und 6. März 2021 weisen 13,7 Prozent Symptome für mindestens 12 Wochen auf. Das Auftreten von Symptomen auch noch 12 Wochen nach der Infektion war bei Frauen höher als bei Männern und am höchsten bei der Gruppe der 25 bis 34-jährigen.

Sind wirklich nur 150 Kinder und Jugendliche bislang schwer erkrankt?

Am selben Tag wie der ZiB2-Beitrag erscheint in der Zeitung Die Presse ein Interview mit Reinhold Kerbl, dem Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Darin führt dieser aus:

Bisher sind in Österreich rund 150 Patienten unter 18 Jahren schwer erkrankt.

Nun ist es natürlich Definitionssache, was der Ausdruck schwer erkrankt bedeuten soll.  Hospitalisationspflichtig, also die Einweisung in ein Krankenhaus, fällt nach meinem Verständnis eindeutig in die Kategorie eines schweren Krankheitsverlaufs. Bis Ende März 2021 sind allerdings nicht 150, sondern mehr als 1200 Kinder und Jugendliche in einem Krankenhaus behandelt worden, davon knapp 100 auf einer Intensivstation. So die Zahlen, die eben diese Gesellschaft seit Monaten nicht öffentlich macht, trotz andauernder Nachfragen und Bitten und Betteln von Journalist*innen.

Die Pandemie ist nicht vorbei

Nach einer Naturkatastrophe sind die Menschen mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Nach einem Hurrican etwa haben sie irgendwann einmal die Folgen der Zerstörungen beseitigt. Die Versicherungen haben die Schäden bezahlt (oder auch nicht), staatliche Hilfen sind geflossen (oder auch nicht). Das Leben geht jedenfalls weiter, halbwegs so wie zuvor.

Wir sind derzeit nicht in einer solchen Situation. Covid19 hat sich eben nicht wie ein Wirbelsturm verzogen. Weiterhin erkranken Menschen daran. Sie liegen im Krankenhaus oder auf der Intensivstation. Es sind fast 10.500 Menschen an und mit der Krankheit verstorben. Damit weist Österreich übrigens eine in Europa vergleichsweise hohe Rate pro Kopf auf.


Auch die Peaks im November 2020 sind bemerkenswert.

Quelle: OurWorldinData, abgefragt am 1.6.2021

Michel Reimon: Meine Erschöpfung wurde immer größer, mein Unverständnis über mich selbst auch

Die weiteren Folgen von Covid19 treten aber nur vereinzelt auch öffentlich zutage. Der grüne Nationalratsabgeordnete Michel Reimon hat das Schweigen über seine Long Covid-Krankheit gebrochen und berichtete am Wochenende in den sozialen Medien, wie es ihm erging, bis er realisierte, wie krank er eigentlich war:

Also arbeitete ich weiter, meine Erschöpfung wurde immer größer, mein Unverständnis über mich selbst auch. Es muss gehen, ich muss mich halt mehr anstrengen, dachte ich – Mitte April hatte ich den zweiten epileptischen Anfall. Also kein unerklärlicher Einzelfall, den man abhaken kann.
Eine gute Freundin, klinische Psychologin, der ich oft erzählte, wie es mir geht, rief mich ein paar Tage später an: „Ich habe eine Patientin, die eins zu eins deine Symptomatik zeigt. Die hatte vor ein paar Monaten Corona. Mach einen Antikörper-Test.“
Zwei Tage später hatten wir Gewissheit.
Ich schreibe das auch in dieser Ausführlichkeit, um eventuell Betroffene in der selben Situation aufmerksam zu machen. Dass alle eure Nasen-Rachen-Tests negativ waren, heißt nur, dass ihr zu diesen Zeitpunkten das Virus nicht hattet und niemanden anstecken konntet. Es heißt nicht, dass ihr es nie hattet. Wenn ihr im Zweifel seid, macht einen Test. Ach was, ich war ja gar nicht im Zweifel. Macht lieber auf jeden Fall einen.

Warum verharmlosen wir ?

Warum rückt das alles aus dem Fokus und wird verharmlost, klein geredet und gerechnet? Ist diese Krankheit erst dann wirklich real und bedrohlich, wenn die Intensivstationen wieder überquellen und die Menschen, die dort arbeiten, nicht mehr können? Wer bestimmt derzeit unsere Wahrnehmung von Covid19 und wo wir wirklich stehen?

Die Regierung, Expert*innen und Medien

Die Ankündigung einer Sache bleibt im Gedächtnis hängen, als ob das Benannte bereits passiert wäre. Mit dieser simplen Methode arbeitet die Regierung, oder zumindest ihr ÖVP-Teil. Österreich öffnet!, heißt es trimphierend auf den Regierungsseiten im Internet. Dort wird ein Grüner Pass beworben, mit dem wir Zutritt ins normale Leben hätten. Weder das normale Leben noch den Pass gibt es bereits. Letzterer sollte am 4. Juni ins Leben gerufen werden. Nun verzögert er sich um mindestens eine Woche. Die Regierung tut aber so, als sei er bereits Wirklichkeit.

Diese Regierungsseite im Netz ist weder neutral noch sahclich und informierend. Sie verbreitet Propganda.

https://www.oesterreich.gv.at/, abgerufen am 1.6.2021

Wir seien vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen, heißt es dazu passend im Stakkato von Seiten der Regierung. So Bundeskanzler Sebastian Kurz im Mai 2020 und auch im Februar 2021 im Nationalrat. (Siehe der Videoausschnitt aus seiner Rede)


Indes: Seine Aussage ist schlicht falsch, wie ein Blick auf die vergleichenden Statistiken ergibt. Wenn man dabei nicht Cherry-Picking betriebt. Oder anders gesagt: Die Aussage wird nur dann richtig, wenn wir uns die Folgen kleinrechnen. Wie das eben bei Long Covid passiert. Sind ja eh nur 10 Prozent. Oder bei den Kindern und Jugendlichen. Sind ja eh nur 150 Kinder. Oder bei der höheren Säuglingssterblichkeit. Sie sei nur eine normale saisonale Schwankung. Oder, oder, oder …

Das alles hat Methode. Aber wir sollten da nicht mitspielen.


Long-Covid Studien zum Download

Prevalence of ongoing symptoms following coronavirus (COVID-19) infection in the UK  April 2021

LongCovid_Studie_Norwegen (Preprint) Februar 2021

Britische Pionierstudie vom Sommer 2020: Postdischarge symptoms and rehabilitation needs in survivors of COVID-19 infection: A cross-sectional evaluation

oder als Link mit Zitierungen und Kommentaren zur Pionierstudie: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32729939/


Das Netz der Verhamloser*innen

Siehe dazu auch die Semiosis-Recherche: Falsch beraten? Das Netz der Corona-Verharmloser*innen

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