Eine einfache Frage und keine Antworten: Wie viel Lehrer*innen haben sich bisher mit Corona infiziert?

Die Lockdowns gehen an den österreichischen Schulen ziemlich spurlos vorüber. Wir wissen, dass die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen weiterhin hoch sind. Trotzdem will die Regierung ab nächster Woche (13. Dezember) wieder öffnen, ohne dass eigene Regelungen für Schulen angekündigt wurden.

Was wir in diesem Zusammenhang nicht wissen: Wie steht es eigentlich um die Lehrenden in den Schulen Österreichs? Gibt es Zahlen zu den Infektionen im Lehrkörper? Wie geht es den Betroffenen? Von offizieller Seite haben wir dazu genau nichts erfahren. Inoffiziell berichten uns Lehrende aus ihrem Berufsalltag erschreckendes. Eine Recherche. [Kleine Updates am 10.12.2021]


Die Anfrage: Wie viele Lehrer/innen haben sich bislang mit Corona infiziert?

Den Anfang dieser Recherche bildet eine simple Medienanfrage, die wir an verschiedenste kompetente Institutionen verschickt haben: Wie schaut es mit den Corona-Infektionen bei Lehrer*innen aus?

Engagierte Lehrer*innen, die nicht namentlich zitiert werden wollen, haben Semiosis quasi auf die Spur gebracht. Sie meinten:

Das wird geheim gehalten.

Grund genug, Fragen zu dem Thema per Mail zu versenden. Es lautet:

Sehr geehrtes Presseteam

aufgrund von Anfragen recherchieren wir, wie viele Lehrer*innen bislang positiv getestet wurden bzw. an SARSCoV2 erkrankt sind.
Könnten Sie uns da mit Zahlen weiterhelfen? Konkret geht es um folgende Fragen:

+ Wie viele Lehrer/innen haben sich insgesamt bislang mit Corona infiziert? (Wenn möglich nach Schultypen aufschlüsseln)

+ Wie viele sind schwer erkrankt, berufsunfähig geworden oder gar gestorben?

+ Wie ist der aktuelle Stand bestätigter Covid-19-Fälle beim Lehrpersonal ?

Diese Frage stellten wir dem Bildungsministerium, der AGES, einzelnen Bildungsdirektionen und der staatseigenen Gesundheit Österreich. Die Antworteten schicken uns – nicht das erste Mal beim Thema Corona – im Kreis. Wir beginnen beim Bildungsministerium.

Dokumentation: Bildungsministerium: Das Bildungsministerium wertet nur die Schülertests aus

Die Antwort aus dem Bildungsministerium ist überraschend. Zwar muss sich das Lehrpersonal regelmäßig testen lassen. Das zuständige Ministerium will aber nichts von den Ergebnissen wissen. Denn es teilte uns mit:

Diese Fragen müssten Sie bitte an die Gesundheitsbehörden richten. Das Bildungsministerium erhebt nur die Zahl der positiven Schüler/innentests.

Dokumentation: Bildungsdirektionen der Bundesländer geben keine Auskunft

Die Bildungsdirektionen in Salzburg, Oberösterreich und Tirol können uns ebenso keine Auskunft geben:

Sg Herr Reinfeldt, zu Ihren Fragen kann seitens der Bildungsdirektion Salzburg keine Auskunft gegeben werden. Daten liegen nur der Gesundheitsbehörde vor.

Dokumentation: Gesundheit Österreich hat keine Daten

Die Gesundheit Österreich wertet Gesundheitsdaten aus. Etwa, wie stark die vierte Welle Kinder und Jugendliche betrifft. Daher haben wir auch dort nachgefragt.

Sehr geehrter Herr Dr. Reinfeldt,
solche Daten bzgl. Berufsgruppen stehen der Gesundheit Österreich GmbH nicht zur Verfügung. Möglicherweise kann Ihnen da die AGES mit Schätzungen weiterhelfen.


Dokumentation: Die AGES meint, das Bildungsministerium ist die erste Anlaufstelle

Schließlich haben wir es bei der AGES versucht. Erfolglos.

Sehr geehrter Herr Reinfeldt, zu den Cluster Analysen liegen uns keine weiteren berufsgruppenspezifischen Auswertungen vor. Erste Anlaufstelle für spezifische Erhebungen sind das Bildungsministerium bzw. die jeweiligen Gesundheitsbehörden.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr AGES Pressemanagement


Wir sind also einmal quer durch Österreich im Kreis geschickt worden. Vom Bildungsministerium bis zur AGES – und wieder zurück.

Zeitgleich haben wir auf anderen Kanälen gefragt, was denn die Betroffenen in Schulen erleben. Wir geben hier drei Berichte wieder. Zum Teil waren etwa ein Drittel der Lehrenden aus dem Kollegium infiziert.

Oberösterreich: Die Maßnahmen werden nicht eingehalten.

Der Bericht aus einer Schule in Oberösterreich liest sich erschreckend. Die Schulleitung scheint lieber Anti-Impfpropaganda zu verbreiten, als die Kolleginnen und Kollegen zu schützen:

Bei uns wird – von der Leitung bewusst unterstützt – kein Wert auf die Einhaltung der verordneten Regelungen zur Prävention gelegt. Ein Teil des Kollegiums trägt konsequent keine Maske im Unterricht oder im Lehrerzimmer oder verwendet diese zumindest bewusst falsch (falscher Sitz, Manipulationen von Filtern und Haltebändern).

Dementsprechend viele Infektionen finden sich im Kollegium. Seit Schulanfang haben sich vier ungeimpfte Kolleg*innen infiziert, drei weitere waren oder sind von einem Impfdurchbruch (nach zweimal Astra Zeneca) betroffen. Die Leitung ist ungeimpft und trägt ebenfalls nur im Notfall korrekt Maske. Darüber hinaus erzeugt sie massiven Druck gegenüber den geimpften Kolleg*innen hinsichtlich der Booster-Impfung. Diese solle erst in den kommenden Weihnachtsferien in Anspruch genommen werden, um Personalausfälle zu vermeiden.

Weiters kooperiert die Leitung nicht mit dem Contact Tracing im Falle infizierter Lehrer*innen: Definitiv als K1 einzustufende Kolleg*innen (Exposition von Ungeimpften im geschlossenen Raum ohne MNS, Dauer mehr als 30 min) werden als K2 gemeldet (ähnliches Prozedere bei den Schüler*innen). Wir wurden auch angewiesen, mittels AG-Test positiv getestete Kinder nachzutesten. Ist der zweite (oder gegebenenfalls dritte) Test negativ, erfolgen vonseiten der Leitung keine weiteren Schritte, wenn kein massiver Gegendruck bzw. Eigeninitiative entsteht.

Durch die Disziplinlosigkeit hinsichtlich Schutzmaßnahmen in unserem Kollegium sind auch bereits mindestens zwei Cluster in Klassen mit mehreren betroffenen Schüler*innen und deren Familienmitgliedern nachvollziehbar. Auch das wurde / wird von der Leitung bestritten und entsprechende Meldungen an die Bildungsdirektion und die Gesundheitsbehörden unterbleiben.

Tirol: Zwei Lehrer arbeitsunfähig

Auch in Tirol betrifft es einige Kollegen sehr schwer. Sie haben sogar Folgeschäden:

Wir haben (bisher) zwei Kollegen mit Folgeschäden. Beide Fälle sind dramatisch (…) und Langzeit arbeitsunfähig.

Die Details dieser Fälle wollen wir hier nicht wiedergeben, weil sie möglicherweise Rückschlüsse auf die betroffenen Lehrer*innen zulassen.

Nochmals Oberösterreich: 28 Prozent der Lehrkräfte infiziert.

Es handelt sich um ein kleines Gymnasium in einer oberösterreichischen Kleinstadt. Insgesamt gibt es 32 Lehrkräfte. 84Prozent, also 27 von 32, sind geimpft, weitere neun Prozent (drei Personen), gelten momentan als genesen. Insgesamt waren seit Pandemiebeginn 28 Prozent der Lehrkräfte infiziert oder erkrankt: neun von 32.

Ein Drittel von ihnen, bevor es eine Impfung gab, ein Drittel aufgrund von Impfdurchbrüchen (in der vierten Welle), ein Drittel ist freiwillig ungeimpft (in der vierten Welle). Sechs der insgesamt neun Fälle waren in der vierten Welle. Von den freiwillig ungeimpften Lehrkräften haben sich in der vierten Welle 60 Prozent (drei von fünf) infiziert.


Zum Thema:

Minister Fassmann: Ihr Konzept der offenen Schulen wird den Gegebenheiten nicht gerecht – Offener Brief


Das Titelbild zeigt die ehemalige Volksschule in Ostermarsch. Es findet sich auf Wikipedia: GregorHelms at German Wikipedia, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ehemalige_Volksschule_Ostermarsch.JPG

2 Replies to “Eine einfache Frage und keine Antworten: Wie viel Lehrer*innen haben sich bisher mit Corona infiziert?”

  1. Danke für die tolle Recherche, spannende Antworten aus dem Ministerium, die so gar nicht mit den zu befüllenden Statistikfeldern übereinstimmen.
    Bei uns 32 Lehrer:innen, mittlerweile 10 genesen, obwohl wir uns sehr genau an Masken, Hygiene, Abstand und Lüften halten, aber Delta hat ordentlich Gas gegeben und wir hatten jede Menge positiver Kinder .

  2. Das wissen sie wirklich nicht, da man in der Umfrage immer nur ausfüllen muss, wie viel Personal positiv ist – dazu gehören aber auch Schulwart/Schulwartin, Reinigungskräfte, Schulassistenzen, Freizeitpädagoginnen/Freizeitpädagogen und natürlich auch die LehrerInnen.

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