Zahlen, die die COVID-19-Pandemie betreffen, sind von öffentlichem Interesse. Das beginnt mit den Infizierten, geht über die Krankenhausaufenthalte bis hin zu den Krankenständen der Beschäftigten. Was ist mit den Schülerinnen und Schülern? Wie viele Schüler*innen haben sich seit Semesterbeginn mit Corona infiziert? Öffentliches Interesse bedeutet in Österreich leider nicht: öffentlich verfügbare Daten. Mehrere sich widersprechende Datenquellen, Systemausfälle und unvollständige Auskünfte gehören zu unserem Pandemiealltag. Dass das Bildungsministerium aber nichts Genaues wissen will und bei einer Medienanfrage zum Thema zuerst an die APA verweist, stellt doch eine Besonderheit dar.

Eine Recherche.


Antwort eins: Zahlen finden Sie über die APA

Nein, so habe ich das natürlich nicht gemeint, erklärt die freundliche Pressesprecherin am Telefon. Ich hatte per Mail die Zahlen der mit COVID-19 infizierten Schüler*innen erfragt und keine Antwort erhalten. Auf Nachfrage trudelte aus der Presseabteilung die folgende Antwort ein:

Die Zahlen der positiv getesteten Schülerinnen und Schüler sind seit Semesterbeginn wöchentlich, in letzter Zeit sogar täglich, über die APA kommuniziert worden, wo Sie alle Zahlen finden

Ok, die amtlichen Zahlen erfragt man in Österreich also bei der Presseagentur, so meine erschütterte Reaktion per Mail. Daher kam es jedenfalls zu dem eher heftigem Telefongespräch mit der Ministeriums-Pressesprecherin. Bei diesem durfte ich dann erfahren, dass das Bildungsministerium tagesaktuell nur die Zahlen aus acht Bundesländern kenne. Schließlich habe Wien sein eigenes Testsystem (und meldet diese Zahlen offenbar nicht weiter). Wir vereinbarten genauere Infos für den folgenden Tag.

Antwort zwei: Eine doch-noch Auskunft aus dem Ministerium

Die Antwort aus dem Ministerium kommt spät, aber sie kommt in Form einer Erzählung:

Wir sind in der Woche von 6. September mit 281 positiven PCR-Tests bei Schüler/innen in 3 Bundesländern (die anderen hatten noch Ferien) gestartet. In der Woche darauf, als dann alle Länder getestet haben, waren es 528 Positive. Der Wert war dann einige Wochen stabil und ist vor den Herbstferien auf 1087 gestiegen.
In den Herbstferien haben sich viele Kinder angesteckt, in der Woche danach (8.11. bis 12.11) haben wir 2555 positive Schüler*innen gefunden. In der Woche darauf war der Peak mit 4069 positiven. Danach ist der Wert relativ schnell wieder gesunken. Vor Weihnachten waren es dann wieder bloß 397 positive Kinder.

So geht die Ministeriumsgeschichte. Nach den Weihnachtsferien herrsche aber ein Testchaos, wie unumwunden zugegeben wird. Ausgerechnet in der Hochphase der Omikronwelle können wir nicht wissen, wie viele Kinder und Jugendliche infiziert sind. Denn:

Daten wurden zu spät, fehlerhaft und unvollständig an die Schulstandorte übermittelt. Das Bildungsministerium hat daher eine Qualitätsprüfung mittels Vergleichsmessung durch Expertinnen und Experten in Auftrag gegeben.

Der Letztstand von heute ist: 2800 Klassen sind wegen Omikron-Infektionen gesperrt worden. Bei rund 55.000 Klassen bundesweit scheint das nicht zu viel zu sein. Aber haben wir gerade nicht total unzuverlässige Test und testergebnisse?

Antwort 3: Eigene Recherchen

Die Corona-Ampelkommission widmet in ihren wöchentlichen Berichten den Schultests jeweils eine Seite. Immerhin. Nun haben wir diese händisch ausgewertet und präsentieren die Ergebnisse für jede Kalenderwoche.

September 2021: 10436 positive PCR-Tests

In den ersten beiden Septemberwochen hat die Ampel-Kommission die Zahlen aus dem EMS übernommen. Das erklärt die relativ hohen Werte. Die folgenden Wochen zeigen deutlich niedrigere Ergebnisse von um die tausend entdeckten Infektionen in den Schulen. Das Sicherheitskonzept an den Schulen scheint nicht gut zu funktionieren, denn das Monitoring klappt nicht ordentlich.


Oktober 2021: 4079 positive PCR-Tests

In der letzten Oktoberwoche hatten die Schüler*innen Ferien. Die Antigen-Zahlen sind also Nachläufer. Der Schnitt der wöchentlichen Infektionen in Schulen liegt bei rund Tausend.


November 2021: 14753 positive PCR-Tests

Im Lockdown vom 22. November bis 12. Dezember 2021 blieben die Schulen offen. Für die Kalenderwoche 47 fehlen sämtliche Zahlen.


Dezember 2021: 3730 positive PCR-Tests


Die Dezember-Zahlen sind relativ niedrig. Die letzten Wochen fallen in die Ferien.

Bis zu den Weihnachtsferien: 32998 positive PCR-Tests

Januar 2022: Inmitten der Omikronwelle sind Ampelkommission und Ministerium im Blindflug: Null Infektionen offiziell!

Für den Januar 2022 liegen bislang keinerlei keine amtlichen Zahlen der Testergebnisse vor. Der Grund: Das Test-Konsortium ARGE für molekulare Diagnostik habe Datenbankprobleme. Das bedeutet aber auch, dass Ministerium und Ampel-Kommission auf Schätzungen und Mutmaßungen angewiesen sind, um das Infektionsgeschehen in den Schulen zu beurteilen.


Seit Beginn der Pandemie: 226.514 Kinder und Jugendliche (fünf bis 14 Jahre) infiziert

Quelle: Alex Brosch

Die Anzahl der positiven Tests in dieser Übersicht folgt den altersbezogenen Angaben der AGES. Rund 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben sich bislang mit Corona infiziert. Spätfolgen und Folgeerkrankungen werden offiziell klein geredet. Expert*innen wie Michael Wagner haben deshalb schon lange Alarm geschlagen.


Zum Weiterlesen: Das Rätsel mit den Schultests – Wie die Labore an die lukrativen Aufträge kamen

2 Gedanken zu „Flood the zone with numbers? Die Schultests und ihre zweifelhaften Ergebnisse“

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