Pandemie: Ein Volk atmet auf

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By Paul Schuberth

Jetzt, da die Pandemie offiziell für beendet – oder zumindest für nicht mehr so gravierend – erklärt wurde, versuchen wir auf Semiosis ein Debriefing. Auch wenn die österreichische Gesundheitsagentur AGES ein solches bereits Anfang Januar 2021 mit dem umstrittenen schwedischen Epidemiologen Anders Tegnell veranstaltet hat. Es kam halt anders.

Dennoch wollen wir unsere kontinuierliche Berichterstattung mit Reflexionen ausklingen lassen. Die erste stammt von unserem Autor Paul Schuberth (Willkommen!). Er stellt Betrachtungen zu völkischem Denken, Rassismus und Eugenik während der Pandemie an.


Die historische Sonderform des Endes einer Pandemie

Vertraut man offiziellen Verlautbarungen und der allgemeinen Stimmung, ist die COVID-19-Pandemie vorbei. Bei genauer Betrachtung muss es sich um eine historische Sonderform eines Pandemieendes handeln. Im Jahr 2022, dem Jahr der Überwindung von COVID-19, forderte das Virus in manchen Ländern mehr Menschenleben als jeweils in den beiden Jahren davor – etwa in Kanada. Es tötete mehr Kinder und Jugendliche als zuvor – zum Beispiel in Frankreich . Das Virus war für einen enormen Anstieg der Hospitalisierungen von Kindern im Jahr 2022 verantwortlich, führt zu bislang ungesehenen Übersterblichkeitsraten in europäischen Ländern, und hinterlässt weiterhin Millionen mit eingeschränkter Gesundheit durch Long Covid oder durch andere postvirale Beeinträchtigungen. Und es hinterlässt gestörte Immunsysteme.

Die Hospitalisierungszahlen von Kindern – ein Rundblick durch Europa

Werden diese Umstände durch eine mögliche bessere psychische Gesundheit der Bevölkerung aufgewogen, nachdem Maskenpflicht und Lockdowns kein Thema mehr sind und Beschwichtigungen die Debatte dominieren?

Sind sie für eine freie Gesellschaft gestorben?

Wenn sich diese Frage doch stellen würde! Alle Indizien und Studien sprechen dafür, dass sich die psychische Situation, gerade auch die der Jüngeren, weiter verschärft. Schweden, ein Land ohne Maskenpflicht, Lockdowns und Schulschließungen, bildet da keine Ausnahme.

https://twitter.com/JSchmitzLeipzig/status/1590227815470755841?fbclid=IwAR2zXieZaTrDv0k650Vms5TP1M0Q7D4c1SPF668S8XLA0FKtXr9sfbGEREQ

Doch gab es in der Linken die Diskussion, ob Angst vor dem Virus, verstärktes Misstrauen gegenüber Mitmenschen, Vereinzelung, nationale Alleingänge, Grenzschließungen und ein Fokus auf Hygiene und Gesundheit des Volkes, neuem völkischen Denken, Rassismus und Autoritarismus Vorschub geleistet habe. Wenn es so gewesen wäre – dann müsste nach dem Ende der Pandemie, nach dem Ende einer „Angstmache“, zumindest in diesem Punkt Entwarnung gegeben werden können. Soll also jeder, der auch jetzt noch versehentlich an dieser als Atemwegserkrankung verharmlosten systemischen Gefäßerkrankung verstirbt, sein Leben für eine freiere, offenere Gesellschaft gegeben haben?

Lassen sich etwa aus linker Perspektive die Aufhebung der Maßnahmen, das Ende der Angst und der Vorsicht als Prävention gegen ein weiteres Revival des Völkischen begreifen?

Gegen die falsche linke Intuition

Was hier als haltlose Polemik daherkommt, verdient genaue Klärung: Brachten die letzten drei Jahre einen Booster für völkisches und rassistisches Denken – falls ja, und wenn es kein Zufall ist: Hat es nun mit zu viel oder zu wenig Gesundheitsschutz zu tun? Sind die Maßnahmen oder ihre Beendigung verantwortlich? Dieser Text wird sich, so viel sei vorausgeschickt, gegen das richten, was sich während der Pandemie als „linke Intuition“ erwies. Als nur ein Beispiel für diese Intuition soll hier ein kurzer Text aus der Wochenzeitung Jungle World dienen: In einem Artikel, indem er das allgemeine Ablegen der Maske für die Zukunft empfiehlt, spricht der Autor vom Versuch seitens des Staates, der

Bevölkerung Hygienewissen auf Kindergartenniveau beizubringen

als einer

volksgemeinschaftlichen Erziehungsanstrengung.

Die Assoziation der Pandemiepolitik mit einer Stärkung der Volksgemeinschaft ist nachvollziehbar. Aber eher im gegenteiligen Sinn dessen, was der Autor hier insinuiert. Wie oft bei unausgegorener linker Kritik während der Pandemie ist also richtig, was gesagt, aber falsch, was gemeint ist.

Ja, die Lockdown-Politik war autoritär!

Ein kurzes Intermezzo zur Verdeutlichung: Der Autoritarismus der Lockdown-Politik zum Beispiel wurde von Beginn an zu Recht angesprochen. Doch meist wurde so argumentiert: Das Autoritäre liege darin, dass mit den Mitteln der Grundrechtseinschränkungen und Schulschließungen undemokratisch zu weit gegangen wurde, um das Ziel des Gesundheitsschutzes zu erreichen.

Eher autoritär aber war, mit der bloßen Behauptung einer harten Seuchenbekämpfung Zustimmung zu einer Politik zu ergattern, die nur die weitere Funktionsfähigkeit der Bevölkerung gewährleisten sollte. Effektiver Gesundheitsschutz war nie das Ziel dieser Politik, sondern der Anschein von Gesundheitsschutz. Das Privatleben der Menschen wurde ebenso eingeschränkt wie weniger relevante Bereiche der Wirtschaft, nicht aber solche, die für die weltweite Konkurrenz Bedeutung haben. Über Infektionen in der Fabrikhalle, im Büro oder am Weg zur Arbeit wurde kaum gesprochen. Autoritär ist, den Vorrang des Profits auch dann nicht einzuschränken, wenn seine todbringende Konsequenz allen ersichtlich sein könnte.

Schließlich muss sich die Autorität nicht rechtfertigen, sondern nur behaupten.

Ist Gesundheitserziehung volksgemeinschaftlich?

Kehren wir zur Ausgangsfrage zurück und versuchen wir, sie Schritt für Schritt zu beantworten. Was könnte an dieser Gesundheitserziehung nun wirklich völkisch, „volksgemeinschaftlich“ sein? Zunächst: Fernsehspots, in denen über richtiges Händewaschen, Maskentragen und Abstandhalten aufgeklärt wurde, ironisch als „Erziehungsanstrengung“ abzutun, heißt, diese Aufklärungsversuche lächerlich und paternalistisch zu finden. Hier ist die Gewohnheit des Bewohners eines reichen Landes zu spüren, in dem die öffentliche Hygiene immer so weit gewährleistet war, dass sie persönliche keine große Rolle spielen musste. Dass aber diese Erziehung offensichtlich notwendig war, sagt noch nichts über ihre anderweitigen, vielleicht gefährlichen Wirkungen aus. Was nicht geleugnet werden sollte:

Die Angst vor dem Virus hierzulande hatte anfangs die Bevölkerung zusammengeschweißt, so sehr, dass es viele Asiat*innen in den unsicheren Wochen vor dem ersten Lockdown 2020 bereits mit einem aggressiven Volk zu tun bekommen hatten.

Antiasiatischer Rassismus

Soziologische Studien, die lange vor der Pandemie einen Zusammenhang von übertriebenem Reinlichkeitswunsch und Angst vor Keimen mit Rassismus festgestellt hatten, sind nicht einfach zu widerlegen. Es könnte also stimmen, dass dieser antiasiatische Rassismus unter anderem eine Folge der anfänglichen „Panikmache“ war – aber ebenso, dass die Panikmache als Überkorrektur nur einsetzte, weil Monate zuvor in Europa deren Gegenteil geherrscht hatte und kaum Vorkehrungen getroffen worden waren, sie überflüssig zu machen. So dreht sich das Bild um, und das teilweise völkische Erwachen scheint nicht mehr mit allzu strengem Gesundheitsschutz zusammenzuhängen, sondern eher mit seinem Fehlen.

Weil es für diese Ansicht im März 2020 womöglich noch zu früh war, mangelte es an antirassistischer Kritik, die nicht zugleich das Virus verharmloste. So wie die Dinge kurz vor dem ersten Lockdown standen, wurde die Panikmache (als berühmtes Beispiel: „Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist“ – Sebastian Kurz) schließlich als Mittel eingesetzt, um Zustimmung zu den Maßnahmen zu erlangen, die den Zusammenbruch des Gesundheitssystems verhindern sollten. (Dass genau das als Ziel ausgegeben wurde, schloss natürlich die Akzeptanz Tausender Toter mit ein.)

Panikmache als Ersatz für Pandemiebekämpfung

Doch die Ausbrüche des Rassismus als dadurch bedingten, ebenso alternativlosen Automatismus zu verstehen, heißt auch: sich die Erinnerung an den abwegigen Gedanken madig zu machen, die Angst hätte, anstatt in Hass auf Asiaten, in Hass auf die Bedingungen kanalisiert werden können, unter denen etwa die chinesischen Textilarbeiterinnen in Norditalien in diesem florierenden Industriezweig schuften müssen: Enge, fehlender Gesundheitsschutz, Überarbeitung und Erschöpfung, der eine Schwächung des Immunsystems folgt.

Die Panikmache war dennoch nie ein Mittel einer wirksamen Pandemiebekämpfung, sondern ihr Ersatz. Vor allem aber war sie der erste Schritt der Gewöhnung an Durchseuchen und Sterbenlassen. Neben der Desorientierung, die sie stiftete – zusammen mit fehlender fundierter Aufklärung über Übertragungswege, Selbstschutz usw. –, hinterließ sie das Gefühl, dass es so schlimm ja nicht gekommen sei.

Nach dem Motto: Wer am wenigstens dazu gehört, muss am meisten beweisen

Aber die weiter bestehende rationale Angst vor der Bedrohung musste in Irrationales umschlagen, als kaum etwas unternommen wurde, den realen Grund für diese Angst zu beseitigen. Einer Bevölkerung, die, um weiter zu funktionieren, verdrängen musste, dass ihre Gesundheit in noch krasserem Ausmaß als üblich für die Gesundheit der Wirtschaft geopfert wurde, wurde dafür als Volk allerhand Spektakel geboten: In US-amerikanischen Städten wurden Obdachlosen Parkplätze zugewiesen, damit sie die Abstandsregeln einfacher einhalten können (Wer kein Haus hat, hat auch keinen Hausverstand?), anstatt sie in den leerstehenden Hotels übernachten zu lassen.

In Göttingen wurde beispielsweise ein Hochhaus, das hauptsächlich von Roma und Sinti bewohnt wird, nach ersten Coronafällen mit einem Zaun abgeriegelt, anstatt die Betroffenen in sichere Einzelquarantäne zu begleiten. Bei Coronafällen in Asylunterkünften wurde teilweise das ganze Heim in Quarantäne gestellt, und die Bewohnerinnen dem Virus überlassen. Und bei Tausenden Infektionen unter migrantischen Wanderarbeiterinnen in Schlachthäusern oder in den engen Erntehelfer-Unterkünften hieß es, dass es keinen „signifikanten Übersprung“ (Armin Laschet) hinein in „die allgemeine Bevölkerung“ gebe. Diese Vorgehensweisen folgen dem Muster: Wer am wenigsten zum Volk gehört, muss am vehementesten beweisen, sich zum Schutz desselben zu verhalten.

Rechtsextreme verlangen den Schuss ins eigene Knie

Dieser verstärkte Rassismus und Sozialchauvinismus ist keine unabwendbare Folge der Pandemie an sich, schon gar nicht ihrer vermeintlich zu strengen Bekämpfung – letzteres zu behaupten hieße, den nie angestellten Gärtner zum Sündenbock zu machen!

Der Rassismus-Boost ist die Folge einer Pandemie in einer kapitalistischen Welt, in der die Bedingungen nicht mehr kritisiert werden, die zur Hervorbringung neuer Viren, ihrer beschleunigten Ausbreitung und der Verhinderung ihrer Bekämpfung wesentlich beitragen. In einer vielleicht möglichen Gesellschaft, in der von Anfang an FFP2-Masken zur Verfügung gestanden wären, in der Spaziergänge nicht, dafür die Arbeit in der Fabrikhalle aber komplett eingeschränkt worden wäre, in der niemand infolge eines Lockdowns um seine Existenz hätte bangen müssen, in der Infizierte und Verdachtsfälle in freundlichen Hotels oder Spitälern versorgt und von der Familie isoliert worden wären, anstatt die Kollektivansteckungen in Haushalten als familiären Zusammenhalt zu etikettieren, in der es eine massive Ausweitung von Angeboten psychologischer Hilfe gegeben hätte, in der es gelungen wäre, dem Ziel „Zero Covid“ unter nicht diktatorischen Umständen näherzukommen; in dieser Gesellschaft wäre die Suche nach „Sündenböcken“ für eine gelungene Seuchenbekämpfungspolitik, für eine gelungene Eindämmung, sinnlos gewesen – sie wäre ein Schuss ins eigene Knie. In der existierenden Welt aber wird die Forderung nach dem Schuss ins fremde Knie wieder erhoben: von Rechtsextremen.

Frei nach Bebel: Rassismus ist die Seuchenbekämpfung der dummen Kerls

Sie bereiten mit ihrer Propaganda fürs weiche Knie und harte Herz – einer Mischung aus Angstmache und Verächtlichmachung der Angst – eine Stimmung vor, die den regierenden Konservativen und Sozialdemokraten nur zupass kommt, auch wenn sie sie in Nebensätzen kritisieren. Rassismus wird sich im Programm von Leuten, die eine Beschädigung der Kapitalakkumulation vorschlugen, um eine der Menschen abzuwenden, nicht finden lassen. Pochten Vertreter einer ernsthaften Eindämmungsstrategie auf eine Schließung der Grenzen, dann nicht, um die Aufnahme von Flüchtlingen einzuschränken, sondern um die Verschiebung von Geschäfts- und Urlaubsreisen zu fordern. Im Gegenteil war und ist Rassismus, ob als Programm oder als willkommene Ablenkung: die Seuchenbekämpfung der dummen Kerls.

Die radikale Internationale der Tegnells und Allerbergers

Dabei ist nicht nur die Rede von der österreichischen FPÖ, die es zustande brachte, die Gefährlichkeit des Virus zu leugnen, dabei aber Flüchtlinge als gefährliche Überträger zu brandmarken. So machte etwa Anders Tegnell, als schwedischer Staatsepidemiologe für den schwedischen Sonderweg und damit für die Sonderbehandlung kranker und alter Menschen zuständig, wiederholt Ausländer für steigende Infektionszahlen verantwortlich. Wenngleich der Tegnell-Bewunderer Franz Allerberger, der mittlerweile in Ungnade gefallene ehemalige Chef der österreichischen Gesundheitsagentur AGES, immer wieder völkische Töne anschlug, konnte in Deutschland und Österreich Blameshifting seitens der Regierung so offen nicht unternommen werden. Ein Hinweis darauf, dass das Erschreckende am „schwedischen Weg“ auch in einer Radikalisierung der öffentlichen Debatte besteht.

Volk gegen Bevölkerung

Lässt sich Mitte 2022, nach über zwei Jahren Pandemie, für Österreich und Deutschland – zum Beispiel – behaupten, dass das Volk erfolgreich gegen die Bevölkerung ausgespielt wurde? Hat man es nun mit noch mehr Gemeinschaft anstatt Gesellschaft, mit mehr „Wir“ und „Die-da“, mit mehr Opferbereitschaft zu tun?

Die allgemein akzeptierte Durchseuchungsstrategie muss eugenisch genannt werden. Dem milden „Weihnachtsgeschenk“ namens Omikron (Wenisch) – und seinen aus politischen Gründen nicht neu benannten Nachfolgern – fallen in der Mehrheit Alte, schwer oder leicht Vorerkrankte, aus verschiedenen Gründen Ungeimpfte (Nadelphobie!), Behinderte, auch schwer psychisch erkrankte Menschen zum Opfer. Weiters überproportional viele Arme, Obdachlose, Migrant*innen – und wer noch aller zur Gruppe der in dieser Gesellschaft Schwachen gehört, die man so nicht nennen sollte, damit sich das schlechte Gewissen der Starken in Grenzen hält.

Sie alle kommen in der öffentlichen Diskussion entweder gar nicht vor, oder aber als Objekt der Verhöhnung. Nach der Aufhebung der Maskenpflicht in den Schulen Österreichs gab der zuständige Minister als Konzession an vorerkrankte Schüler oder an Schüler mit kranken Eltern eine Verordnung heraus, nach der in bestimmten Fällen „individuelle Lösungen“ gefunden werden können. Betroffene müssen also vortreten, höflich um Stigmatisierung bitten und auf weiteren Schutz hoffen … also: Angenommen, die These eines teilweisen völkischen Erwachens stimmt, müsste dessen Ursprüngen nachzuspüren sein. Die politische und mediale Rhetorik ab März 2020 war in Österreich und Deutschland (und wer weiß, wo sonst noch überall) eine des großen „Wir“. Eines „Wir“ allerdings, das nicht Solidarität, sondern festen Zusammenhalt derer versprach, die dabei nicht erdrückt würden.

Lockdown als nationaler Kraftakt

„Unser großer, nationaler Kraftakt“ – also der in seiner Wirksamkeit halbherzige und in seiner sozialen Abfederung engherzig durchgeführte Lockdown – war von Anfang an mit dem großen Versprechen der Rückkehr zur Normalität verknüpft. Alleine das musste den einstweilen noch rhetorischen Ausschluss solcher Menschen bedeuten, für die schon die alte Normalität die Hölle gewesen war, die nicht erst mit dem ersten Lockdown aus heiterem Himmel auf sie hereingebrochen war.

Auch das „Wir meistern die Krise“ verriet schon, dass ohne großes Aufhebens ausgemustert werden kann, wer beim Meistern unter die Räder kommt. In dieses erfolgreiche „Wir“ schafften es logischerweise die nicht, die schon tot waren oder noch fürs Wohl des Vaterlands und seines Kapitals sterben würden.

Todeszahlen akzeptabel machen

Ausweg aus der Gesundheitskrise hieß nie, die Infektionen gegen Null zu drücken, sondern die Todeszahlen zu akzeptieren, um weitere rote Zahlen zu verhindern; hieß, die Zahl der Autoverkäufe und Flugreisen wieder auf das Vorkrisenniveau zu heben, das jetzt, 20 Millionen Tote weltweit später, endlich erreicht werden konnte. Was, außer von Rechtsextremen, nie ausgesprochen werden musste, um dennoch Leitfaden für Politik und Gesellschaft zu sein: Die Gesundheit des Einzelnen zählte nur, wenn sie für die gesunde Funktionalität des Volkskörpers relevant war. Wann aber haben Sie das letzte Mal einen Obdachlosen, einen schwer Kranken oder eine 90-Jährige wirklich Mehrwert schaffen sehen?

Die Verharmlosung der Pandemie kannte keine Klassen und Parteien mehr

Unwiderlegbarer Ausdruck dieser Einstellung war die rasch eingeführte öffentliche Meinung, nach der die Krise nicht akut ist, solange die Intensivstationen nicht zum Bersten voll sind. Das wurde so locker ausgesprochen und hingenommen, als seien die Intensivstationen mit Coca-Cola-Flaschen oder Sandsäcken gefüllt. Die an der in diesem Text gestellten Frage Interessierten muss ebenso verdächtig stimmen, dass die Verharmlosung der Pandemie keine Parteien, keine Klassen mehr kannte. Die gemeinsame Öffnungserklärung im März 2021 vom deutschem Arbeitgeberverband und Gewerkschaftsbund bedeutete einen Aufstieg der Sozialpartnerschaft zur Mordpartnerschaft.

In den Betrieben konnten sich die Chefs – sie selbst im eigenen Büro oder im Homeoffice – auf die vielen starken Arbeiter*innen verlassen, die besondere Hygienemaßnahmen vereinzelter Kolleg*innen und damit eine verminderte Produktivität mit Spott oder Mobbing ahndeten: Auf Dauer eine FFP2-Maske zu tragen, senkt die Leistungsfähigkeit, und sich die Hände zu desinfizieren oder gründlich zu lüften, kostet einfach Zeit.

Es ist schon viel geschafft…

Diese Helfershelfer im Betrieb, im Büro und in der Schule – dabei ist nicht infrage gestellt, dass ihr Verhalten auch aus einer ehrlichen Bewältigung der eigenen Angst resultieren könnte –, diese Helfershelfer also dürften sich bestärkt, ja vielleicht unter Druck gesetzt fühlen von einer bestimmten Entwicklung: Musste von der Reduktion der Menschen auf austauschbare Bestandteile des Betriebs sonst mit einigem Aufwand abgelenkt werden, wird heute die Aufmerksamkeit gerade auf sie gelenkt. Uns geht es gut, heißt es, wenn die Kinder endlich wieder die „Institution zur Verteilung des Menschenmaterials auf die gesellschaftlichen Hierarchien“ (Thomas Ebermann) besuchen können, um sich dort ihre redlich verdienten „Sehr gut“ oder „Nicht genügend“ abzuholen. Es ist schon viel geschafft, heißt es, wenn Oma und Opa endlich wieder das Recht in Kauf nehmen dürfen, die eigene Gesundheit beim Aufpassen auf die Enkelkinder zu riskieren – weil die Pflicht zum Homeoffice abgeschafft wurde, während dessen Mama und Papa doch zu viel Zeit vertrödelt hatten. Es ist schon viel gewonnen, ja eigentlich das Gröbste überstanden, da die großen Konzerne wieder so gut dastehen, dass sich ihre Vorstandsvorsitzenden nicht mehr schämen müssen, wenn sie sich die Boni auszahlen.

Maskenverbot bei Großkonzernen

Wer fragt, ob nicht jeder unnötige Pandemietote einer zu viel sei, macht sich verdächtig und muss sich korrigieren: Ist nicht auch jedes vorübergehend geschlossenes Café eines zu viel? Eine andere Frage muss offen bleiben: Ist es nun ein qualitativer, oder bloß ein gradueller Unterschied, dass früher die Opferbereitschaft stillschweigend vorausgesetzt, heute aber mit Selbstbewusstsein eingefordert wird? Um es vorsichtig zu formulieren: Die Industriellenverbände hatten während der Pandemie mehr Einfluss als die Behindertenverbände. Wo und wie sie nur konnten, drängten sie auf frühere Öffnungen, Lockerungen von Verordnungen, Öffnungen von Schulen. Doch ob, was hier ausgeheckt wurde, für das Wohl des Profits wirklich das Beste war, ist gar nicht sicher. Beispiele wie Neuseeland legen nahe, dass sich effektiver Seuchenschutz und schnelle Wirtschaftserholung nach den herrschenden Maßstäben auch gemeinsam managen ließen.

Wo trotzdem der Fetisch der Verwertbarkeit gegen die tatsächlichen Möglichkeiten der Verwertung durchgeboxt wird, wo ein latent völkisches Bewusstsein der kapitalistischen Logik, der es eigentlich zu Gehorsam verpflichtet wäre, vorauseilt – darf man sich die Frage gefallen lassen, wer überhaupt noch einen Überblick hat über alle Dynamiken, die hier freigesetzt werden. Dass Großkonzerne in Deutschland teilweise ein FFP2-Maskenverbot durchsetzten, müsste einen rasend machen, wenn es kapitalistischer Vernunft folgen würde – lässt einen aber tatsächlich erschaudern, da es das gar nicht tut.

Quelle: ARD-Panorama

Arbeitsquarantäne: Infektionen für die Wirtschaft

Bei der unglaublichsten der vielen Seuchenverbreitungsmaßnahmen verschränken sich praktischer Rassismus und strukturell völkische Motive. Die Arbeitsquarantäne (Deutschland) sah vor, dass Kontaktpersonen und symptomlos Infizierte zwar zur Arbeit gehen müssen, ansonsten aber nicht die Wohnung verlassen dürfen. Dieses Instrument wurde 2020 eingerichtet, um relevante Bereiche wie die Gesundheitsversorgung oder die öffentliche Sicherheit auch bei hohem Infektionsdruck nicht durch Personalmangel zu gefährden.

Tatsächlich aber kam es hauptsächlich bei der Erntearbeit oder in den Schlachthäusern zum Einsatz, wo alleine aufgrund der Wohn- und Arbeitssituation der meist aus Osteuropa stammenden Saisonarbeitskräfte permanent mit Clustern gerechnet werden musste. Die Lösung könnte wahnwitziger nicht sein: Es sollen nicht die Infektionsketten durchbrochen werden, sondern einfach ihre Bedeutung für den geordneten Ablauf im Betrieb minimiert werden.

Wahnsinn als Normalität

Den vereinzelten kritischen Stimmen aus Gewerkschaften hielt man – mit anderen Worten – entgegen: Es sei mit dem Anspruch des Tierwohls nicht vereinbar, Schweine nur zum Zwecke des Wohls der Arbeiter nicht rechtzeitig zu schlachten, da sonst überfüllte Ställe drohten. Und wie soll sonst die unablässige Versorgung der Menschen mit einer Ernährung gelingen, die unter anderem dazu führt, dass Rentnerinnen dem Staat nicht allzu lange zur Last fallen?

Hier ist der Wahnsinn als Normalität installiert, und der Wahn der Coronaskeptiker nur ein Abklatsch dieser Normalität. Mittlerweile legen Studien nahe, dass zu frühe körperliche Anstrengung – und Ernte- oder Schlachtarbeit fällt eindeutig unter diese Kategorie – nach einer, auch mild verlaufenden, oder während einer asymptomatischen Infektion ein erhöhtes Risiko mit sich bringen, an Long Covid zu erkranken.

Der Bevölkerung geht es schlecht; das Volk hat sich erholt

Doch solange sich die volkswirtschaftlichen Schäden in „akzeptablen“ Grenzen halten, gilt noch immer: Der einzelne mag es nicht immer geschafft haben.

Wir aber sind gut durch die Krise gekommen.

Der Bevölkerung mag es schlecht gegangen sein, das Volk aber hat sich noch von jedem einzelnen Coronatod recht schnell – und nachhaltig – erholt.


2 Gedanken zu „Pandemie: Ein Volk atmet auf“

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