„Say it loud …“, nicht mehr so nach Innen kommunizieren

Es sei schön, wenn man mal wieder unter Seinesgleichen ist, schreibt eine Demonstrationsteilnehmerin von #M19 in Wien auf Facebook. Diese Aussage hat mich nachdenklich gemacht. Menschlich verständlich, politisch aber fatal. Die hiesige Linke kommuniziert intensiv, aber viel nach Innen hin. Sich auf die richtige Linie einzuschwören scheint wesentlich zu sein. Unser Gegenüber jedoch sitzt mitten in der Gesellschaft. Und kommuniziert dort. 

Menschlich verständlich, das Bedürfnis untereinander zu sein, und mal durchzuatmen, um sich wechselseitig zu bestätigen. Das ist zudem auch eine legitime Motivation, eine Demonstration zu besuchen. Besonders, wenn man sich ansonsten in einer Umgebung aufhält, die zunehmend feindlich gegenüber Geflüchteten und Linken wird. Mehr als 30 Prozent Zustimmung für die FPÖ in Umfragen beschreiben eine soziale und politische Realität, die wir nicht wegdemonstrieren können. Unsere Demonstrationen kommen derzeit einfach zu spät, nämlich dann, wenn die Stimmung schon gekippt ist. Denn der Hass und die Aggressionen sind Alltagserfahrungen, mittlerweile nicht mehr nur für Geflüchtete und MigrantInnen, sondern auch für die sogenannten „Gutmenschen“. Die Anwürfe stehen plötzlich nicht mehr nur in Zeitungskommentaren und Flugblättern, sie sind tägliche Erfahrung. Das soziale und politische Klima im gesellschaftlichen Mittel- und Unterdeck ist sehr rauh geworden.

Die rechte Gefahr lässt sich nicht wegdemonstrieren

Also, zu wem sprechen wir eigentlich? Die Teilnehmenden einer Demonstration wissen in der Regel, warum sie dort sind. Ich habe das immer komisch gefunden, wenn mir da nochmal die Welt erklärt wird. Eigentlich will man ja Menschen erreichen, die (noch) Außen stehen. Also muss man auch mit ihnen sprechen, und dafür eine geeignete Ausdrucksweise finden. Nur „Say it loud….“ zu skandieren, scheint mir dafür nicht passend zu sein. Das beeindruckt niemand von denjenigen, die nur mal schauen wollen oder zufällig in der Nähe sind. Warum sind die Refugees denn welcome?

Es ist eine Aspekt der Macht, dass die wesentliche öffentliche Diskussion über eine Demonstraion sich mit den Demozahlen beschäftigt und nicht mit ihren politischen Zielen. Die Polizei sagt 2500, die Veranstalter 16000. Ich weiß, das ist unfair. Aber so ist die Welt derzeit nun mal. Jammern hilft da gar nichts. Aber überlegen, wie wir anders und mit anderen Zielgruppen kommunizieren, wäre lohnend. Denn die rechte Gefahr und alltägliche Gewalt verschwindet so schnell nicht.

Neue Bündnisse erfordern (auch) eine andere Sprache

Wie anders kommunizieren? Da gibt es kein fertiges Rezept, das einfach nur angewendet werden muss. Aber es erfordert einen politischen Schritt, gedanklich und in der Welt: neue Bündnisse eingehen zu wollen, und tatsächlich um die gesellschaftliche Mitte zu kämpfen, die der politische Gegner gerade im Sturm erobert. Besteht der politische Wille, Bündnisse anderer Art einzugehen? Mehr mit Organisationen und Gruppen zusammen zu arbeiten, die politisch ganz woanders stehen, die aber ebenso eine FPÖ geführte Regierung in Österreich verhindern wollen. Ich denke da an ein Spektrum von der katholischen und evangelischen Kirche, der jüdischen Gemeinde bis hin zu einigen Gewerkschaften und denjenigen Hilfsorganisationen, in denen ein Großteil der vielen ehrenamtlichen HelferInnen aktiv sind. In dieser Koorperation – wie auch immer sie aussehen mag – entstehen dann andere Kommunikationsformen. Im Idealfall nicht top-down, sondern bottom-up.

Auf der politischen Ebene ist der Durchmarsch der FPÖ nicht mehr zu stoppen. Denn die politische Ebene ist eine der Ursachen ihres Erfolgs. Auf gesellschaftlicher Ebene vielleicht schon.

 

 

4 Kommentare

  1. Guter und tapferer Kommentar, weil Du den Mut hast, die Realität zu erwähnen. Leider hat er wenig Chancen auch beherzigt zu werden.
    Und es gibt schon genug Leute, die sich bei der F rückversichern und andere, die fatalistisch sagen, „da kann ma halt nix machen“

  2. Ich verstehe Deine Intention nicht, einerseits bist du gegen Demonstrationen, die eigentlich nur durch ein breites Bündnis von Unterstützern zustandekommen, forderst andererseits aber als Alternative mehr mit Organisationen und Gruppen zusammen zu arbeiten, die politisch ganz woanders stehen, die aber ebenso eine FPÖ geführte Regierung in Österreich verhindern wollen.

    Was verstehst du unter ganz woanders stehen? Im politischen Spektrum? Die NEOS, vielleicht die ÖVP?

    Vielleicht änderst du deine Meinung wenn du dir die Liste der Unterstützer der Plattform ansiehst:

    http://menschliche-asylpolitik.at/plattform-unterstuetzen/

    Ich den Eindruck, dass auch aus dieser aktivistischen Plattform, die sehr gut funktioniert, eine politisch schlagkräftige Bewegung entstehen kann.

    Natürlich ist es deine private Meinung, wenn ich aber deine Funktion in unserer Allianz betrachte, empfinde ich deine Stimmungsmache gegen Demonstrationen als entbehrlich.

    1. Du verstehst wirklich nicht, worauf ich hinaus will. Denn es ist keine „Stimmungsmache“ gegen Demonstrationen, sondern die Frage, wozu sie dienen. Was wir damit bewirken? Angesichts der realen Macht- und Kräfteverhältnisse und der bedrohlichen Situation erlaube ich mir, laut nachzudenken. Dass einige Leute bei Wien anders das nicht schätzen, habe ich bereits mitbekommen. Dass du dazu gehörst, erschüttert mich.

      1. Ich finde es unerlässlich und sinnvoll an Demonstrationen teilzunehmen: es stärkt das „Wir“-Gefühl, ist eine Inspiration und gibt das Gefühl, mit vielen anderen Gleichgesinnten in eine Richtung unterwegs zu sein, „weiterzukommen“. Auch letzten Samstag erfüllten sich diesbezüglich meine Erwartungen. Was ich aber schon vermisst habe, ist der Schulterschluss mit jenen Menschen um die es eigentlich geht, den Muslimen. Viel zu wenige sichtbar erkennbare (wie sonst im Stadtbild) Muslime waren dort, ich hab mich über jeden einzelnen besonders gefreut. Visionen sind angreifbar, nur gelebte Koexistenz hat die Qualität den Bestrebungen der Rechten, aber auch des IS unsere Gesellschaft zu spalten, etwas entgegenzusetzen. Privat war das für mich ganz einfach: ich ging in eine Flüchtlingsunterkunft und traf sofort auf eine afghanische Familie, zu der wir seither eine freundschaftliche Beziehung pflegen. Vor allem unsere Kinder sind mit Freude und Neugier dabei. Ich traue es WA zu, als erste politische Kraft in diesem Land Integrationsarbeit als Herzstück in ihre Arbeit zu integrieren. Es gibt keinen Bereich in unserer Arbeit, wo das nicht spürbar miteinbezogen werden kann. Konsequent und sichtbar und unverzichtbar.

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