In bester russischer Gesellschaft. Die ÖVP-Liebe zur Macht – und ihre Fails (Teil 3)

Österreichisch Russische Freundschaftsgesellschaft

Im ersten Teil unserer Recherche zum Einfluss Russlands auf die österreichische Politik haben wir einen Blick auf die rechtsextreme Russophilie in der Österreich-Russischen Freundschaftsgesellschaft geworfen. Anknüpfungspunkt für die FPÖ und für das identitäre Umfeld ist die Ablehnung der Sanktionen wegen der Krim-Besetzung und der Wunsch nach einer geopolitischen Stärke Russlands. Nun ist die Freundschaftsgesellschaft keine neurechte Vereinigung. Offenbar hat sie aber wenig ideologische Hemmungen, wenn es darum geht, geopolitische Avancen Moskaus zu begründen. Eine andere Seite dieser Gesellschaft betrifft das Business. Geschäftliche Netzwerke in und rund um die österreichisch-russische Freundschaft gibt es reichlich. Im dritten Teil der Recherche beleuchtet Sebastian Reinfeldt einige bemerkenswerte Verbindungen rund um die ÖVP. Diese müssen allerdings nicht immer erfolgreich enden.


Österreichisch-Russische Ernst Strasser-Freunde

Die Vorstands– und Präsidiumsliste der Gesellschaft vermittelt das Versprechen: Hier begegnen sich Menschen, die Erfolg haben und die über Einfluss und Macht verfügen. Ihre beruflichen Funktionen werden penibel aufgeführt. Sie sind Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer, Vorstände, Politikerinnen und Politiker. Nicht immer wird dieses Versprechen von Erfolg und Macht gehalten. So kommt der Generalsekretär der Gesellschaft, Florian Stermann, aus der Sphäre des ehemaligen ÖVP-Innenministers und EU-Abgeordneten Ernst Strasser. Dessen Geschäftsmodell der Politikberatung und des Lobbyings war allerdings nicht ganz legal und hat ihn ins Gefängnis geführt. Ernst Strasser war bei Tatbegehung noch Präsident dieser Freundschaftsgesellschaft, übrigens.

Expertenberatung mit Hintergrund

Sein Netzwerk ist bis heute dort aktiv. Auf der Homepage des Freundschaftsgesellschaft wird Generalsekretär Stermann als Geschäftsführer der EMB GmbH vorgestellt.

Firmensitz EMB
Firmensitz EMB

EMB ist die Abkürzung für Expert Management Beratung. Bemerkenswert ist, dass zumindest laut Internetadresse eine weitere EMB-Stermann-Firma noch aktiv zu sein scheint, die EMBR, wobei das angehängte R für Russia steht: Expert Management Beratung Russia also. Im Firmenbuch findet sich diese Firma allerdings nicht mehr. Sie wurde in EXPERT Managementberatung Real Estate GmbH umbenannt. Bei gleicher Firmenbuchnummer, aber unter neuer Adresse, und zwar in der Oppolzergasse 6/10 im feinen ersten Bezirk, unweit des Cafés Landtmann und der Gazprom-Niederlassung.

In Strassers Netzwerk: Ex-Firmen des jetzigen Geschäftsführers der Freundschaftsgesellschaft

Als Geschäftsführer der Firma Beratung Russia und Real Estate ist ORFG-Generalsekretär StermannStermann Geschäftsnetzwerk aufgeführt. Bis zur Umbenennung war eine weitere Person aus dem derzeitigen ORFG-Präsidium in diesem Geschäft verantwortlich: nämlich Svetlana Derbicheva als zusätzliche Geschäftsführerin. Sie wurde mittlerweile aus dem Firmenbuch gelöscht. An ihre Stelle ist Rechtsanwalt Markus Stender getreten. Die neue Firmenadresse ist praktischerweise gleich seine Kanzeleiadresse an der Tür 10 in der Oppolzergasse. Neben seinem Expert-Engagement übt Stender noch 13 weitere Funktionen als Geschäftsführer, Gesellschafter oder Vorstandsmitglied aus. Natürlich hat auch er Sitz und Stimme im Vorstand der Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft.

Fraglich ist, ob die Umbenennung von Russia zu Real Estate mit einer neuen Geschäftsausrichtung zu tun hat, oder eher damit, dass Spuren verwischt werden sollten.

Präsident und Lobbyist von Beruf

Diese führen ins Jahr 2011 zurück. Damals kam nämlich die Managementberatung Russia in die Schlagzeilen. Und das negativ. Denn Stermann und seine Firma gehörten zum Netzwerk von Ernst Strasser. Der frühere ÖVP-Europaparlamentarier wurde in der so genannten Cash-for-Law Affäre mittlerweile wegen Bestechlichkeit verurteilt. Er kam in Haft und zu einer Fussfessel. Während er als Lobbyist tätig war, übte Strasser auch sein Amt in der Freundschaftsgesellschaft aus. Diese Funktion nutzte ihm beruflich. Die Zeitschrift Trend berichtete etwa aus dem Prozess gegen Ernst Strasser, dass dieser den Österreichischen Lotterien ein Zusammentreffen mit dem damaligen russischen Finanzminister Alexei Kudrin vermittelt hat. Dafür habe er Kontakte über die Freundschaftsgesellschaft einsetzen können.

Österreichisches Lotto in Baschkortostan

Von Sommer 2009 bis ins Jahr 2016 durfte also auf Vermittlung von Strasser ausgerechnet am Ural „6 aus 40“ gespielt werden. Lizenzhalterin war die „Russisch Österreichische Lotterien Holding Gesellschaft m.b.H.“, mehrheitlich eine Tochter der Österreich Lotterien. 34 Prozent der Russisch-Österreichischen Lotterien gehören der „VPB Beteiligungs GmbH“. Deren Co-Geschäftsführer war Florian Stermann, der jetzige Generalsekretär der Freundschaftsgesellschaft. Mittlerweile ist auch diese Firma umbenannt worden, und zwar in VP Beteiligung & Investment GmbH. Stermann ist ausgeschieden, Vadim Pletnev führt die Geschäfte alleine. Österreichisches Lotto wird in Baschkortostan übrigens aufgrund einer Gesetzesänderung nicht mehr gespielt.

Wiener Privatkindergarten Multika, powered by Freundschaftsgesellschaft

Ein weiteres gescheitertes Geschäftsmodell mit Beteiligung von Vorständen der Freundschaftsgesellschaft ist ein multikultureller Kindergarten und eine Wochenendschule. In der Kelsenstraße im dritten Bezirk wurde neben Deutsch auch Russisch gesprochen und unterrichtet. An weiteren, ursprünglich einmal sieben Standorten in Wien gab es noch Englisch, Serbisch oder Ungarisch. Doch ging der private Kindergarten Multika mit seinem vielsprachigen Angebot mehrfach insolvent. Unter dubiosen Umständen. Die Geschäftsführerin des Vereins, Alissa Baumgartner, hat Sitz und Stimme im Vorstand der Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft. Bis heute werden die Kindergärten und die Wochenendschulen von Multika auf der Homepage der Freundschaftsgesellschaft beworben.

Multika auf der ORFG Homepage. Screenshot vom 16. Mai 2019
Multika auf der ORFG Homepage. Screenshot vom 16. Mai 2019

Die Magistratsabteilung 10 schaute einfach zu

Am 3. August 2017 wurden die Familien der Kinder der Multika-Kindergärten per Insolvenzverwalter-Brief darüber informiert, dass die Sanierung des privaten Trägervereins nicht zustande gekommen ist und die übrig gebliebenen vier Kindergärten daher mit Monatsende geschlossen werden müssten. Rund 150 Kinder sowie 50 Mitarbeiter seien betroffen. Kritik gab es damals an der MA 10, die gar nicht, beziehungsweise zu spät, reagiert hätte. Auf die Schnelle gab es natürlich keinen Ersatz für die Kleinen. Sie hatten also plötzlich keinen Kindergartenplatz mehr, berichtete der Standard.

Anfang 2017 war ein zweites Mal Konkurs angemeldet worden. Zuvor waren Vorwürfe der MA 10 bekannt geworden, der Verein hätte Gehälter nicht ausgezahlt und zu wenig Personal eingesetzt. Die Stadt stoppte die Förderungen von etwa 1,3 Millionen Euro pro Jahr. Und fordert nun rund 100.000 Euro für den beanstandeten Zeitraum zurück.

Multika: Mangelhafte Ausstattung und schwarze Pädagogik

Für Multika war dies das also zweite Insolvenzverfahren. Das erste wurde im Vorjahr erfolgreich abgeschlossen. Doch nicht nur die geschäftliche Seite dieses Untenehmens ist seltsam. Die Kindergärten waren, so berichteten Eltern, mangelhaft ausgestattet. In ihnen wurde zudem Schwarze Pädagogik betrieben

Eltern berichten über ihre Multika-Erfahrungen

Im Forum parents&more finden sich einige erschreckende Erfahrungsberichte mit den Kindergärten. Sie zeichnen ein skurilles Bild von Inkompetenz und seltsamen Praktiken in den einzelnen Einrichtungen.

„Nicht gehaltene Versprechungen des Trägervereins“

Ein „loving parent“ berichtet:

Den Kindergarten durften die Eltern vor der Eröffnung nicht besuchen, am ersten Tag hat es sich herausgestellt, dass der Kindergarten ohne notwendige Einrichtungen in Betrieb übernommen wurde, die Eltern haben noch zwei Monate lang um verschiedene Dinge z.B. Betten für die Kinder kämpfen müssen. Es gab sonst für die Kinder keine Schlafmöglichkeiten. Und das Spielzeug, und das Geschirr usw. mussten die Eltern ebenfalls selbst bringen. Der Kindergarten war sehr laut, mein Kind war dauernd krank, viele Versprechungen, die der Verein den Eltern gegeben hat, wurden nicht eingehalten, dies hat zu dauernden Konflikten mit den Eltern geführt. Also, dort muss man auf jeden Fall alles schriftlich haben, die Worte zählen nicht und es wird genug geschummelt… Nach kurzer Zeit haben wir diesen Kindergarten verlassen, mein Kind besucht seitdem einen guten privaten Kindergarten im 2. Bezirk. Ich bin nun überrascht, wie gut ein Kindergarten sein kann, wenn ich an unseren heutigen Kindergarten denke und ihn mit MULTIKA vergleiche. Nach meinen eigenen Erfahrungen kann ich den Kindergarten MULTIKA nicht empfehlen, nein

„Angestellte ohne Ausbildung und schwarze Pädagogik“

Und „herzschritt“ schreibt in demselben Forum:

die angestellen haben meist keine fundierte ausbildung. das ist nicht zu übersehen. ein schnellkurs von drei monaten beim AMS und man darf dort eine Gruppe leiten. bitte versteht das jetzt nicht falsch. es gibt menschen denen liegt der umgang mit kindern – mit oder ohne ausbildung. dennoch liegt es nicht jedem – viele denken das zunächts, die realität sieht dann aber anders aus und das ist dann Multika. zumindest kann ich nur davon erzählen was mir und meinem kind widerfahren ist.
die betreuerinnen sind sicherlich umgänglich wenn kinder brav sind. bieten diese aber etwas anderes an – sprich sind die kleinen mal nicht so artig, oder lebhaft dann wird dementsprechend übel reagiert…es wird einfach mal in die gruppe reingebrüllt. kinder müssen strafe sitzen, werden an den armen gerissen, werden angeschrien (in augenhöhe noch dazu) wenn sie mit zwei jahren noch nicht selbständig eine jacke anziehen können!! usw. ich war echt fassunglos wie derb und schrecklich die zu den kindern waren. es wird auch nicht gut auf die sicherheit der kinder geachtet!!
grobe worte, tadel, kein eingehen auf entwicklungsschritte der kinder sind tagesordnung.
wer mal live erleben will wie der umgang mit den kindern ist…der suche bitte mal den ortliebpark im 17. auf.
am besten vormittags. wenn man nur annähernd etwas auf guten umgangston legt – lernt man dort bei rauchenden betreuerinnen das gegenteil.
also ich hatte leider mieseste erfahrungen – und wirklich jede mami der ich davon erzählt hatte, hatte auch irgendeine schreckensgeschichte von diesem verein gehört oder selbst erlebt. die kinder verbringen in einer wirklich prägenden zeit – ihre zeit in einem zum teil sehr erniedrigenden umfeld.


Diese Recherche gehört zu einer Serie von Beiträgen zum Einfluss Russlands auf die österreichische Politik. Sie sind unter folgenden Links abrufbar:

In bester russischer Gesellschaft. Aus Liebe zur Macht (Teil 1)

Die SPÖ in bester russischer Gesellschaft. Aus Liebe zur Macht (Teil2)

In bester russischer Gesellschaft. Die ÖVP-Liebe zur Macht – und ihre Fails (Teil 3)

 

 

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