Ischgl: Keine Untersuchungen durch den Arzt, kein Test – und eine inszenierte Abreise unter Polizeischutz

Ein brisantes Video-Gespräch: Die Schilderungen des Silvrettaseilbahn-Mitarbeiters Daniel S. lassen Zweifel an der Darstellung der Tiroler Behörden aufkommen. Diese bestehen darauf, dass es im Februar keinen Corona-Fall in Ischgl gegeben habe. Allerdings berichtet Daniel S., dass er rund um den 20. Februar herum Symtome zeigte: Halsschmerzen, Husten, plötzliches Fieber. Und nicht nur er. Er wurde weder vom Arzt in Ischgl behandelt noch wurde er – trotz Symptomen – getestet. Somit besteht der Verdacht, dass die Aussage, es habe im Februar keine Corona-Fälle in Ischgl gegeben, fabriziert war. Mangels Untersuchungen blieben Verdachtsfälle schlicht im Dunkeln.

Am 30.3. haben die Behörden dann den Abtransport der deutschen Saisonarbeiter aus Ischgl medienwirksam inszeniert. Unter Polizeischutz fuhren vier Busse und mehrere PKWs ins bayerische Mittenwald. Die Insassen mussten dabei sogar Mundschutz tragen, obwohl sie kurz zuvor ein Dokument unterschrieben hatten, in dem sie sich selbst gute Gesundheit attestierten. In Mittenwald wurden sie am Bahnhof entladen und sich selbst bzw. der Deutschen Bahn überlassen. Interview und Recherche von Sebastian Reinfeldt (mit Video).


Zur Person: ein erfahrener Mitarbeiter der Silvrettaseilbahn AG

Daniel S. aus Osnabrück arbeitet bereits die dritte Saison in Ischgl. Im Hauptberuf ist er Kindergärtner. Diese Mal sorgt er seit November 2019 als Liftangestellter der Silvrettaseilbahn AG für die Sicherheit der Fahrgäste, räumt Schnee und führt Wartungsarbeiten durch. Er fühlt sich wohl bei seiner Arbeit. In seiner freien Zeit snowboarded er. Die Apres-Ski Bar Kitzloch ist nicht seine Welt. Sie sucht er also auch nicht auf.


Gerüchte im Ort wegen Corona

Ab 20. Februar, so berichtet er, gebe es bereits Gerüchte wegen des Corona-Virus im Ort. Es soll in Ischgl umgehen. Nicht nur er fühlt sich zu dieser Zeit nicht gut, sondern auch Seilbahn-Kollegen zeigen Symptome.


In Ischgl beim Arzt

Also kontaktiert er die Arztpraxis von Andreas Walser im Ort. Dort wurde er nicht untersucht. Lediglich am Telefon erklärt ihm eine Frauenstimme: Das werde schon wieder von alleine und er solle einfach 2-3 Tage daheim bleiben. Getestet wurde er in dieser Zeit nicht. Nach einigen Tagen fühlt er sich besser und geht auch wieder arbeiten. Ob er zu dieser Zeit ein Viren-Überträger ist, bleibt offen.


In der Gondel

Bei der Arbeit: Beim Warten auf die Seilbahngondeln stehen die Menschen dicht gedrängt. Daniel S. ist mittendrin. Eine Fahrt mit einer Gondel dauert – je nach Strecke – etwa 15 bis 20 Minuten. Zeit genug, um sich anzustecken. Die letzten Tage, als die Seilbahn noch in Betrieb ist, dürfen nur noch vier Personen in einer Gondel Platz nehmen. Plötzlich wird auf Abstandhalten geachtet.


Zwei Wochen Quarantäne in Ischgl

Auch wenn es an der Seilbahn nach dem 14. März nichts mehr zu tun gibt, muss Daniel S. in Ischgl bleiben: Zwei Wochen Quarantäne sind vorgeschrieben. In dieser Zeit wird er kein einziges Mal untersucht. Auch ein Test wird bei ihm nicht durchgeführt, obwohl er darum bittet. Seine Mutter gehört nämlich zur Corona-Risikogruppe, da sie Vorerkrankungen hat. Daher ist ihm sein Status besonders wichtig. Vor seiner Ausreise muss er dennoch ein Dokument unterschreiben, in dem er sich selbst attestiert, gesund zu sein.


30. März: Abreise um 7 Uhr 30 – ungetestet, aber gesund?

Am 30.3. endet nicht nur sein Arbeitsvertrag, da die Wintersaison ausläuft. Sondern er wird auch – zusammen mit weiteren deutschen Kollegen – in einem von vier Bussen aus Ischgl weggebracht. Obwohl alle das Dokument unterschrieben haben, behandelen die Behörden sie wie potentiell Infizierte. Die Polizei begleitet den Konvoi, in dem auch Privat-PKWs mitfahren. Auf österreichischem Staatsgebiet ist ein Zwischenstopp strikt untersagt. Zielort ist Mittenwald in Bayern. Dort werden die potentiell Infizierten, die Mundschutz targen mussten, am Bahnhof abgesetzt. Sie sind nun auf sich gestellt und reisen quer durch Deutschland nach Hause.


Möglichcherweise infizierte Leute fahren in der Regionalbahn nach München

Rückreise-Tweet der deutschen Botschaft in Wien

In Mittenwald wartet eine reguläre Regionalbahn der Deutschen Bahn nach München. Die möglicherweise Infizierten steigen dort ein. Als Daniel S. die Polizisten vor Ort informiert, zeigen sie sich überfordert, unternehmen aber nichts. In Osnabrück angekommen scheitert er wieder mit seiner Bitte, endlich getestet zu werden. Auch der Hinweis, er komme gerade aus Ischgl, nutzt nichts.



Günther Platter am 15. März 2020 im Presse-Interview: Wir hatten damals noch keine Erkrankten

Wir haben bereits ganz genau aufgeschlüsselt, wie das alles abgelaufen ist. Wir hatten damals noch keinen Erkrankten. Uns ist dann durch ein Mail bekannt geworden, dass ein Isländer, der in Ischgl auf Urlaub war, infiziert ist, dass aber mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass sich dieser im Flugzeug, bei einem aus einem italienischen Skigebiet kommenden Passagier, angesteckt hat. Deshalb auch diese Aussage unsererseits. Als dann bekannt wurde, dass auch wir den ersten Infizierten haben, haben wir sofort den betroffenen Betrieb gesperrt.

Wir waren immer die Ersten. Sobald etwas bekannt geworden ist, haben wir diese Maßnahmen gesetzt. Das Problem ist, wenn jemand infiziert ist, dann merkt man das erst einige Tage später. Deshalb bin ich der hundertprozentigen Überzeugung, dass die richtigen Maßnahmen immer so rasch als nötig gesetzt wurden. Man sieht auch jetzt, mit der De-facto-Ausgangssperre, dass wir immer jene sind, die vorangehen.


Das Gespräch mit dem Seilbahnmitarbeiter in einem Stück und ungeschnitten


 

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