Integrationsfonds: Deutschkurse als Hort von ÖVP-Ideologie

Das kommende Jahr bringt eine Veränderung bei Deutschkursen für Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache. Nicht mehr das Arbeitsmarktservice AMS wird für die Organisation und Vergabe der Kurse verantwortlich sein, sondern einzig der Österreichische Integrationsfonds ÖIF. Bis zum 9. September läuft ein millionenschwerer Call an die Bildungsinstitute, Angebote für die Deutschkurse neu zu legen. Der Integrationsfonds macht dabei präzise Vorgaben, was und wie vermittelt werden soll. Sebastian Reinfeldt, der jahrelang Deutsch als Zweitsprache unterrichtet hat, hat sich eine solche Vorgabe, nämlich das ÖIF-„Rahmencurriculum für Deutschkurse mit Werte und Orientierungswissen auf B1-Niveau angesehen. Ergebnis: Passagenweise wird dort mit seltsamen Vorurteilen und konservativ-ideologischen Vorgaben gearbeitet. Salopp gesagt: Ab 2021 unterrichten Sprachlehrer*innen im Deutschkurs Inhalte aus dem Parteiprogramm der ÖVP.


Der Europäische Referenzrahmen für Sprachen

Das Sprachniveau B bezeichnet die mittlere Ebene zwischen A (Anfänger) und C (nahe an Muttersprache). B1 sollte genügen, um die Mehrzahl der Berufe ausüben zu können – vom Handel (Lager und Verkauf) bis hin zu handwerklichen Berufen und einfachen Pflegeberufen. Was ein Sprachniveau ausmacht, ist auf europäischer Ebene für alle Sprachen durch den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (GER) normiert. Für B1 stellt dieser die folgenden Fertigkeiten fest:

Kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht. …  Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern. Kann über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben.

Wer Deutsch-Unterricht plant, muss diese allgemeinen Vorgaben in so genannte „Lernzielbestimmungen“ für die vier Sprachbereiche Hören, Lesen, Schreiben und Sprechen auf einfache Lern-Häppchen herunterbrechen.

Lernzielbestimmungen B1

Für den schriftlichen Teil bedeutet das: Jemand kann sich über die meisten Themen des eigenen Alltagslebens schriftlich austauschen. Und für den Bereich Hören: Jemand kann auch in längeren Texten die Hauptaussagen verstehen, wenn deutlich in Standardsprache gesprochen wird und wenn es um vertraute Dinge aus Bereichen wie Arbeit, Schule und Freizeit geht. Solche Kann-Bestimmungen gehen auf Profil Deutsch zurück. Es dient als Standard im Unterricht von Deutsch für Nicht-Muttersprachler, was oft auch als DaF oder DaZ, Deutsch als Fremdsprache bzw. als Deutsch als Zweitsprache bezeichnet wird.

Dieser allgemeine Standard wird nun in den Vorgaben des Österreichischen Integrationsfonds weiter konkretisiert (zum Download den Link klicken). Dabei ist die „Übersetzung“ der sprachlichen Fertigkeiten in Alltagssituationen und Themen passagenweise voller Vorurteile gegenüber den Lernenden und verbreitet Stereotype.

Männersachen: Immer Ärger mit der Fußballmannschaft

 

 

 

Thema Familie und Hobbys: Selbstverständlich mögen auch Frauen Fußball. Allerdings ist der Fußball-Teil der ÖIF-Lernzielbestimmungen aus der Sicht eines Mannes geschrieben, der sich über die Leistungen einer Mannschaft ärgert und der einer Freundin die Zubereitung einer Speise erklärt, die „er“ schon öfter zubereitet hat. Gefühle, Träume, Ziele und Familie scheinen in diesem Abschnitt Frauensache zu sein. Sie kann über eine „ihr“ bekannte Familiengeschichte erzählen. Sport und Erklärungen zu geben sind Männersache, denn er macht „seinen“ Ärger über die Mannschaft hörbar. Auf dem Sprachniveau B1 ist es sprachlich durchaus möglich (und auch geboten) Geschlechterrollen kritisch zu hinterfragen. In dieser Sprachzielbestimmung des ÖIF-Rahmencurriculums, das ab kommendem Jahr österreichweit unterrichtet werden soll, passiert das genaue Gegenteil.

Vorurteile: Immer Ärger mit den Ausländern im Haus

Zum B1-Sprachlevel gehört es zudem, sich auf Deutsch streiten zu können. Wichtig genug, besonders für alle, die in Wien leben. Doch wer ist in der entsprechenden Passage der B1-Lernzielbestimmungen Schuld am Streit? Natürlich die Person mit nicht-deutscher Muttersprache. Denn sie hat einen Beschwerdebrief vom Nachbarn wegen Ruhestörung erhalten.

 

 

Wenn hier – im Einklang mit den Kann-Bestimmungen – stehen würde: Kann auf einen Brief eines Nachbarn in einfachen, klaren Sätzen schriftlich reagieren, dann wäre diese Passage nicht so vorurteilsbehaftet. So allerdings ist „der Ausländer“ Schuld, wenn es Streit im Haus gibt. Die Bestimmung macht ihn zudem zu einem bloß passiven Empfänger, der nur einen Briefinhalt zu verstehen hat.

Generell gilt: Wer eine fremde Sprache erlernt, ist deshalb kein Mensch mit kulturellen und sozialen Defiziten. In den Vorgaben des ÖIF wird das Erlernen einer Sprache aber mit dem Vorhandensein kultureller und sozialer Defizite gleich gesetzt. Das kommt besonders in dem Werte- und Wissensteil des Curriculums zum Ausdruck.

Allgemeines Orientierungswissen aus dem ÖVP-Parteiprogramm

Denn neben diesen Lernzielbestimmungen enthält das Rahmencurriculum einen ausführlichen Abschnitt mit dem Titel Allgemeines Orientierungswissen über Österreich. Dieses soll ab kommendem Jahr österreichweit unterrichtet werden. Es ist ein Sammelsurium konservativer ideologischer Versatzstücke. Die Aussagen erwecken zudem ein Bild von Österreich, das keineswegs der Realität entspricht. Weiterhin transportieren sie Vorurteile. Beginnen wir beim Thema Geschlechterverhältnisse.

Gewalt gegen Frauen: Immer Ärger mit den ausländischen Männern?

 

 

 

In der Passage Respekt vor den Regeln des Zusammenlebens steht viel Richtiges und Wichtiges. Gewalt gegen Frauen und die Zunahme von Morden an Frauen in den vergangenen Monaten ist ein wichtiges Thema, das im Deutschkurs besprochen werden muss. Es kommt daher zurecht in einem Werte- und Wissensteil vor. Allerdings fehlt das zentrale Wort „Patriarchat„. Ein Mann, der Deutsch lernt und aus einem anderen Land kommt, ist nicht gewalttätiger als ein Einheimischer, was dieser Abschnitt aber suggeriert.

In einer im November 2019 vom Innenministerium (!) veröffentlichten Studie zum Thema Frauenmorde heißt es zur Herkunft der Täter ausdrücklich:

Untersucht wurde auch der Faktor Herkunft. Hierbei betonte der Direktor des Bundeskriminalamts, Franz Lang, bei der Präsentation der Ergebnisse, dass man mit dem Vorurteil „fremdländischer Täter, österreichisches Opfer“ aufräumen müsse. In der überwiegenden Zahl der Fälle gelte, dass sowohl Täter als auch Opfer entweder aus Österreich oder aus dem Ausland stammen.

Arbeitslosigkeit und Trennung erhöhen für Frauen das Risiko, ermordet zu werden. Nicht die Herkunft ist dafür entscheidend, sondern einzig das männliche Geschlecht.

Gleichberechtigung: Immer Ärger mit den Standards fremder Kulturen?

Auch zum Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Arbeitswelt stehen im Curriculum korrekte Aussagen. Es fehlt lediglich der Hinweis, dass die Realität Österreichs ganz anders aussieht.

 

 

 

 

Die statistischen Daten zu Frauen in Führungspositionen in Österreich geben zu dem Thema die folgende Auskunft:

Anfang 2020 wurden 8 Prozent der Positionen in den Geschäftsführungen und 22,6 Prozent der Aufsichtsratsposten bei den 200 umsatzstärksten Unternehmen in Österreich von Frauen besetzt. Während der Frauenanteil in den Aufsichtsräten damit … ein neues Rekordhoch erreichte, ging der weibliche Einfluss in den Geschäftsführungen das zweite Jahr in Folge zurück.

Bei anderen Themen des Werte-Wissens wird ein konservatives Verständnis von Staat und Gesellschaft festgeschrieben und zugleich mit einem Generalverdacht gegen Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache gearbeitet: Sie würden Österreich ausnützen wollen.

Konservatives Staatsverständnis: Immer Ärger mit dem Staat

 

 

 

Diese Passage des Werte- und Orientierungswissens zum Thema Sozialstaat könnten die Wirtschaftskammer oder die Agenda Austria vorgegeben haben. Der Sozialstaat kommt in diesem Verständnis als „staatliche Hilfe“ vor. Im übrigens sei jeder und jede seines oder ihres Glückes Schmied. Ein anderes Staatsverständnis würde den Staat etwa als Institution des Ausgleichs für grundlegende Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft betrachten. Eine Ansicht, das es laut ÖIF offenbar in Österreich nicht gibt, mit der in den Studienbibliotheken im Land allerdings meterweise Regale der Staatsphilosophie, der Ökonomie und Politikwissenschaft gefüllt sind.

Arbeit, Arbeit, Arbeit: Immer Ärger mit den Steuern

Dieses durch und durch konservative Weltbild tritt auch beim Thema Arbeit zutage. Dort heißt es etwa:

 

 

 

 

Diese Aussage aus dem ÖIF-Rahmencurriculum ist sachlich falsch, oder zumindest irreführend. Es schreibt folgendes Wissen zum Thema AMS vor: „Weiß, dass man in Notsituationen … Hilfe vom Staat bekommt, die mit Steuergeldern aus den Pflichtversicherungsbeiträgen finanziert ist.“ 

Die Gelder des AMS stammen zum ganz überwiegenden Teil aus den Beiträgen zur Pflichtversicherung. Das sind eben keine Steuergelder und genau daraus besteht das Solidarprinzip. Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen sorgen solidarisch für den Fall einer Arbeitslosigkeit vor. Daraus erwächst das individuelle Anrecht auf Arbeitslosengeld und auf entsprechende Unterstützung durch das AMS: Eben weil man in diese Solidarversicherung eingezahlt hat.

Bildung: Immer Ärger mit den Ausländern, die nicht arbeiten wollen

Ein konservatives Staatsverständnis tritt auch beim Thema öffentliche Bildung zutage. Korrekterweise wird hier gesagt, dass der Staat Bildung für alle finanziert. Statt aber in diesem Zusammenhang auf den zentralen Gleichheitsaspekt zu verweisen – wonach der Zugang zur Bildung für alle zu gewährleisten ist, gleich welcher sozialen Herkunft, welchen Geschlechts und Glaubens – wird hier sachlich nicht korrekt behauptet, dass die Steuergelder „von arbeitenden Menschen“ bezahlt würden. Verbrauchs-, Vermögens und Körperschaftssteuern sind nicht an Arbeit gekoppelt. Es gibt in Österreich keinen Arbeitszwang, und schon gar nicht gilt Arbeit als notwendige Bedingung für Bildung.

 

 

 

 

Krankenhaus: Immer Ärger mit den ausländischen Krankenbesuchen

Was man in den eben genannten Beispielen zwischen den Zeilen lesen kann, ist eine Unterstellung: Ausländer würden Sozialleistungen und Bildung als kostenlose Geschenke wahrnehmen und damit das österreichische System ausnutzen wollen. Und es schwingt der ÖVP-Slogan von der Zuwanderung ins Sozialsystem mit.

Beim Thema Krankenhaus und Notfälle wird im Curriculum nicht der Zugang zur medizinischen Versorgung für alle hervorgehoben. Sondern die Einhaltung der Besuchszeiten und der Ruhe.

 

 

 

 

Damit  wird ein weiterer Generalverdacht ausgesprochen: Ausländer würden sich nicht an Besuchszeiten und Ruheregeln halten. Nun sind in Zeiten von COVID-19 Besuchszeiten wieder eingeführt worden. Generell galt zuvor jedoch, dass die Krankenhäuser diese eher großzügig und flexibel handhaben. Ob die Ruheregeln in erster Linie von Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache gebrochen würden, sei dahingestellt.

Grammatik: 16 Bulletpoints – keine Vorgaben, aber auch keine Anregungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So detailliert und ausführlich die Themen Werte und Wissen behandelt werden, so dürr ist der Bereich der Grammatik. Bemerkenswert für ein Deutsch-Curriculum! Der Text enthält genau 16 Stichwörter aus dem Grammatikbuch, ohne weitere Erläuterungen. Bemerkenswert ist , dass diese nicht zu den Lernzielbestimmungen der sprachlichen Fertigkeiten (siehe oben) in Beziehung gesetzt werden. So wäre der Konjunktiv 2 als Höflichkeitsform ein probates sprachliches Mittel bei einer Reaktion auf einen Beschwerdebrief.

Diese Beobachtung unterstreicht das Resultat unserer Analyse des Rahmencurriculums. Ideologie ist wichtiger als Fachwissen und Fachdidaktik. Die Vorgaben für den Unterricht Deutsch als Fremdsprache und Zweitsprache sind fehlerhaft und sie geben auch nicht die soziale, ideologische und politische Vielfalt des Landes wieder. Um ein Argument aus dem Curriculum gegen dieses zu verwenden: Wir alle zahlen den Integrationsfonds mit unseren Steuern. Somit ist eine einseitige ideologische Positionierung nicht statthaft.


P.S.: Frühere Mitarbeiter*innen beim Integrationsfonds haben dem Semiosisblog berichtet, dass man dort „ohne ÖVP-Parteibuch“ nicht weit komme. Dieses Curriculum scheint solche Aussagen zu bestätigen.

2 Kommentare

  1. Ok, aber ich brauche b2 für die Ausbildung Pflegeassistenz, ich brauche Job in Pflegebereich, aber leider ich bekomme keine Ausbildung. Jezt arbeite ich lange Monate 10 Stunde pro Woche, obwohl bin ich 55 Jahre alt. Hallo Österreich, ich würde gerne 40 Stunde pro Woche arbeiten. Bitte!!!!!!

  2. Ich habe selten so einen Blödsinn wie diese Sprachniveaus gesehen, die absolut nicht auf die Realität von Immigranten bzw auf die reale Integration eingehen.
    Ich muss sagen es zählt für mich zu den größten Peinlichkeiten, die wir zu bieten haben und frustriert so viele Menschen. Leider.

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