Safari an die Grenzen unserer Vorstellung – Parndorf im Burgenland

Ein Blatt aus Simons Bestiarium. Von Simon Fisker.

Wenn wir die Linke in Österreich fragen, was ist das Ziel, wohin soll eigentlich die Reise gehen – dann wird früher oder später die Antwort sein – die klassenlose Gesellschaft. Das sagt uns jedes sozialistische Schulkind, da können wir jeden fragen. Steht bei Marx, klassenlose Gesellschaft, ist die natürliche Folge der Revolution und des Sozialismus.

Aber entfernen wir uns gedanklich einmal vom unausweichlichen historischen Determinismus und betrachten wir unsere kapitalistische Gegenwart. Ich habe in der Vergangenheit die unterschiedlichsten Formen menschlichen Zusammenlebens gefunden und glaube auch auf eine Form der klassenlosen Gesellschaft getroffen zu sein.

In den weiten unwirtlichen Ebenen der pannonischen Vorlande (auch Burgenland genannt in der Zunge unseres Volkes) bin ich auf eine Oase in der Ödnis gestoßen. Dieser Ort wird von den Reisegruppen, die sich dort versammeln, als „Designer Outlet Parndorf“ bzw. oft einfach „Parndorf“ bezeichnet. Der König dieses Stadtstaates heißt „Sir Mc. Arthur Glen“. Er ist wie Gott, von ihm gibt es kein Bildnis in der ganzen Stadt. In diesem goldenen Tempel des Konsumismus gibt es die unterschiedlichsten Waren zu erstehen und zwar um Preise, die uns wie ein Gottesgeschenk erscheinen mögen. Bspw. eine Adidas Sporttasche um unter 20€.

Nach dem ich dort einen schwarzen Kapuzenpulli und Pali Tuch um nur wenige Euro bei Esprit gekauft habe, begann ich meine Umwelt genauer zu beobachten. Anfangs ging es mir wie jedem selbstgerechten Möchtegern-Antikapitalisten: ganz dialektisch wie ich unterwegs war, machte ich mich innerlich über die Masse der konsumgeilen Zombies lustig. Es schien all diesen Menschen nur daran gelegen zu sein hier möglichst viel und möglichst billig einzukaufen. Dabei war es doch die privilegierte Klasse, die sich hier abseits von der Brutalität der Großstadt sicher wähnte und dem Konsumismus frönte. Und zwar in der reinsten Form. Aber desto länger ich zwischen diesen Menschen wandelte, umso mehr wurde mir eines bewusst: hier waren die Privilegierten einkaufen, hier waren auch Herrschende einkaufen, aber hier waren genauso auch jene einkaufen, die ja normalerweise wegen Playstation und Chips am Wahlsonntag nicht den Gemeindebau verlassen. Was sich hier traf war nicht der affluente Mittelstand wie in Boboville, oder die Schickeria in den kleinen Boutiquen der Seitengassen im ersten Wiener Bezirk. Nein, hier shoppten saudische Prinzen neben Plattenbewohnern aus Petržalka. Wohlhabende asiatische Touristen neben prekären Niedriglohn-Menschen wie mir.

In diesen Momenten, an den Kassen der Geschäfte, in den Cafés, in den Arkaden, dort vereinten wir uns alle, unabhängig von der Klasse, zu einer Masse und folgten einem gemeinsamen Sinn, unbewusst schufen wir eine klassenlose Gesellschaft, zwar nur für einen flüchtigen Moment, aber vor der Registrierkasse bei Tommi Hilfiger waren wir alle gleich.

Als ich dann abends, erfüllt von internationaler Solidarität, müde in mein Ikea Sofa fiel, blieb in mir der Gedanke verhaftet: Marx hatte Recht. Er hatte nur Konsumismus falsch geschrieben.

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