Einfacher Mann von der Straße

Ein Lied zur Zeit. Von Richard Schuberth


Ich will nicht, dass es allen Menschen besser geht,
es reicht, wenn’s anderen schlechter geht als mir.
Und wenn euch bis zum Hals das Wasser steht,
nur bis zu meinem Arsch, da steht es mir.

Bis zum Arsch, der mir näher als das Herz ist.
Aber wo, fragt ihr euch, bleibt dann das Hirn?
Ich kann nur glauben, dass die Frage ein Scherz ist:
Nur wer Verstand hat, kann den Verstand verlieren.

(Refrain I)
Einfacher Mann von der Straße
Wer erlaubt dir verdammt noch mal, so einfach zu sein?
Einfache Frau von derselben Straße
Wann lässt du den einfachen Mann endlich allein?
Und kommst rüber auf unsere Seite?
Die Welt ist kompliziert, aber zu schön, um ein Friedhof zu sein.

Unsere leeren Köpfe sind die Steuerparadiese,
in die sie ihr politisches Kleingeld stecken,
während unterm Vorwand der Dauerkrise
sie das große Geld vor uns verstecken.

Ihre Lügen sind uns allemal näher als eure Wahrheit,
weil sie belügen uns in unserm Heimatdialekt.
Sie sind schlau, ihr Besserwisser  nur gescheit.
Ihre Folter tut nicht weh, solang ihr vor uns daran verreckt.

(Refrain II zur Melodie der “Marseillaise”)
Erniedrigt uns, und gebt uns Tiernamen
und schafft die Notstandshilfe ab.
Unsere Deklassierung bleibt im intimen Rahmen,
solange wir mit euch kuscheln dürfen im Familiengrab.

Unsren Feminismus lassen wir von Kanaken nicht schänden.
Nicht verschmutzen unsre Altpapiercontainer und Wiesen.
Das ist unser Wohlstand, den haben wir mit bloßen Händen
auf die Konten unserer Bosse überwiesen.

Schon lange habe ich die Kanaken in Verdacht,
dass sie sich auf den Müllhalden unsres Wohlstands nicht mehr richtig wohlfühlen.
Sonst hätten sie sich doch nicht zu uns aufgemacht,
um in unseren Werten, Wertpapieren und Kästen zu wühlen.

Doch unser Eingemachtes haben wir unsren Führern vermacht.
Warum quälen die Kanaken sich und lassen sich von uns quälen?
Hätten sie in Kanakistan eine Demokratie zustandegebracht,
dann könnten sie ihre Dummheit wie wir selber wählen.

Aber nein, sie glauben, bei uns sei alles besser,
Und haben damit ausnahmsweise Recht.
Deshalb fürchten wir sie als Menschenfresser
und fressen sie aus Notwehr erst recht.

(Refrain II zur Melodie der Marseillaise)
Für Freibier, Spaß und stabile Feindbilder
dürft ihr mit uns machen, was ihr wollt.
Und umso brutaler ihr es macht, umso wilder
Desto mehr hoffen wir, dass es euch gefällt.

Ich weiß ja, dass ich einzeln nur ein leerer Vollkoffer bin.
Doch im Kollektiv bin ich ein Koffer unter vielen.
Ich weiß ja, dass ich einzeln nur ein Opfer bin.
Doch im Kollektiv bin ich ein Täter unter vielen.

Meine Volksvertreter haben für meine Sorgen stets ein Ohr,
dass sie Außenseitern abgeschnitten haben.
Mit diesem blutigen Liebesbeweis in Händen stell ich mir vor,
dass ich und sie eine glückliche Zukunft haben.

Darum will ich nicht, dass es allen Menschen besser geht,
es reicht, wenn’s anderen schlechter geht als mir.
Und wenn euch bis zum Hals das Wasser steht,
nur bis zu meinem Arsch, da steht es mir.

Bis zum Arsch, der mir näher als das Herz ist.
Aber wo, fragt ihr euch, bleibt dann das Hirn?
Ich kann nur glauben, dass die Frage ein Scherz ist:
Nur wer Verstand hat, kann den Verstand verlieren.

(Refrain I)
Einfacher Mann von der Straße,
wer erlaubt dir verdammt noch mal, so einfach zu sein?
Einfache Frau von derselben Straße,
wann lässt du den einfachen Mann endlich allein?
Und kommst rüber auf unsere Seite?
Die Welt ist kompliziert, aber zu schön, um ein Friedhof zu sein.


Richard Schuberth, 1968 geb. in Ybbs an der Donau, ist freier Autor. Seine Essaysammlung „Unruhe vor dem Sturm” ist vor kurzem im Drava Verlag erschienen (Nächste Lesung: 30. 11., Lhotzkys Literaturbuffet). Er schreibt immer wieder Songs, unter anderem für Jelena Popržan und deren Band Madame Baheux. Oder etwa den „Mikl-Leitner-Blues” aus „Traiskirchen. Das Musical” (nächster Termin: 24. 11., Volkstheater).

Fotocredit: Wikimedia

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