Interview: Die Macht des Diyanet

Das Türkische Präsidium für Religionsangelegenheiten (Diyanet İşleri Başkanlığı, kurz Diyanet) ist nicht nur eine staatliche Behörde der Türkei. Mit über 140.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und 87.000 Moscheen weltweit ist es eine der größten religiösen Organisationen.
Staat und Religion sind in ihm eng verknüpft. Im deutschsprachigen Raum betreut das Diyanet über 1000 Moscheen. In Österreich sind dies rund 60. Marina Wetzlmaier und Thomas Rammerstorfer haben nun ein Buch über diese Institution vorgelegt. Deshalb haben wir sie zu einem Interview gebeten.


Wie ist das Diyanet aus eurer Sicht eigentlich einzuordnen? Ist es mehr eine religiöse oder mehr eine staatliche Organisation?

Marina Wetzlmaier: Wenn man sich die Struktur Diyanets ansieht, ist es eine staatliche Behörde. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie die Imame sind Beamte des türkischen Staates. Ich denke, dass man aber staatlich und religiös in diesem Zusammenhang nicht trennen kann, besonders, wenn man sich die Entstehungsgeschichte ansieht.
Zunächst wurde Diyanet als Organisation gegründet, die zum Ziel hatte, Religion in der Türkei unter staatliche Kontrolle zu stellen. Das türkische Volk sollte nicht nur eine nationale, sondern auch eine religiöse Identität einen. Diese Idee sollte später auch für die Türkinnen und Türken im Ausland gelten. In der Diaspora (speziell in Deutschland und Österreich) wurde Diyanet erst relativ spät aktiv: nach dem Militärputsch 1980. Die damaligen Gastarbeiterinnen, Gastarbeiter und Migrantinnen und Migranten aus der Türkei hatten zu dieser Zeit bereits eigene Gebetshäuser und Vereine errichtet.

Die Besucherinnen und Besucher suchen religiöse Dienstleistungen

1984 gründete Diyanet zuerst eine Organisation in Deutschland, genannt DITIB. Sie brachte dafür das Argument vor, die Verbreitung islamistischer Strömungen unter die Auslandstürkinnen und -türken verhindern zu wollen. In Wirklichkeit wollte man Einflüsse konkurrierender Strömungen wie Milli Görus entgegenwirken. Diyanet stellte dem die Idee eines staatlichen, säkularen Islam entgegen. Von den Behörden in Deutschland und Österreich wurde Diyanet auch lange als Vertreterin eines „neutralen“ Islam gesehen.
Für viele Moscheebesucherinnen – und besucher spielt es aber keine Rolle, ob staatlich oder nicht, ob politisch oder nicht. Sie sehen Diyanet vor allem als Angebot religiöser Dienstleistungen, die damals zur Zeit der Gründung in Deutschland und Österreich von den türkeistämmigen Menschen ja gewünscht wurden. Für sie geht es um die Religion und um die Moschee als einen sozialen Treffpunkt.
Ob die Diyanet-nahen Vereine nun staatlich sind oder religiös, das hängt wohl von der Perspektive der Handelnden ab.

Das Diyanet agiert weltweit

Thomas Rammerstorfer: Bemerkenswert und wenig bekannt ist die weltweite Aktivität von Diyanet. Man findet deren Moscheen mittlerweile von Mali bis Haiti, in den USA oder auf den Philippinen. Also auch in Ländern wo de facto kaum TürkInnen leben. Diyanet ist ein Instrument der Außenpolitik geworden, man baut auch Schulen und Kulturinstitute. Dahinter stecken manifeste geopolitische Interessen, man hat einen Führungsanspruch, bei den Turkstaaten, aber auch in der gesamten muslimischen Welt und auch bei muslimischen Minderheiten in mehrheitlich nicht-muslimischen Ländern.

Wie wirkt sich die Verquickung von türkischem Staat und Islam in den Moscheen in Österreich auf die Inhalte der Predigten aus? Wird dort staatliche Propaganda verbreitet?

Marina Wetzlmaier: Dass türkische, nationale Propaganda in den Moscheen zum Ausdruck kommt, hat man sehr stark gesehen, als Bilder von Veranstaltungen an die Öffentlichkeit kamen, wo Kinder die Schlacht von Çannakale aufführten. Für uns verstörende Bilder, doch darüber hinaus hat die Schlacht eine große symbolische Bedeutung für die Gründungserzählungen der Türkei.

Im Zuge der Invasion der Türkei in Nordsyrien gab es Medienberichte, dass in den Moscheen Kriegspropaganda für die Türkei betrieben wurde. Könnt ihr das bestätigen?

Thomas Rammerstorfer: In der Türkei auf alle Fälle, da wurden den Diyanet-Moscheen Gebete für den „Sieg“ verordnet. Der Präsident, Ali Erbaş, hat sich zu Beginn des Angriffs auch demonstrativ im Kreis von bewaffneten Soldaten gezeigt. Auf jeden Fall versucht man den Krieg zu legitimieren, ja zu verherrlichen. Das ist zumindest die Intention von Ankara. Ob das bei den Adressatinnen und Adressaten ungeteilte Zustimmung findet, bezweifle ich. Im deutschsprachigen Raum hielt sich das ohnehin in Grenzen. Die letzten Freitagsgebete von DITIB waren nachgerade demonstrativ unpolitisch. Ich denke, man ist hier vorsichtig geworden: Zum einen beäugt die deutsche und österreichische Politik die Aktivitäten von DITIB bzw. ATIB schon sehr misstrauisch. Zum anderen gibt es auch in der Community der Gläubigen mittlerweile Stimmungen, denen die ständige Vermischung von Religion, Parteipolitik und Kriegstreiberei stinkt. Generell scheint die Begeisterung für den jetzigen Angriff deutlich geringer als noch bei der Afrin-Offensive im Frühjahr 2018 zu sein.

Wie ist das offizielle Frauenbild, das das Diyanet vertritt?

Marina Wetzlmaier: Laut den Freitagspredigten von DITIB Deutschland sind Frau und Mann gleichgestellt, Diskriminierung wird abgelehnt und sei, wenn sie vorkommt, gar ein „Überbleibsel der vorislamischen Zeit“. Allerdings vermitteln die Predigten klare Rollenbilder, wie sie auch im Gemeindeleben zu finden sind: die Frauen als Unterstützung ihrer Männer, als Mütter, Schwestern, Ehefrauen. In den Gemeinden gibt es eine geschlechterspezifische Aufgabenverteilung: Frauen sind z.B. für die Organisation von Veranstaltungen zuständig inklusive Verköstigung und Auftreiben finanzieller Mittel. Während die Männer offizielle Funktionen einnehmen, sind Frauen in „inoffiziellen“ Aufgabenbereichen zu finden.

Gibt es eine emanzipatorische Strömung innerhalb dieser Organisation, die auf eine Veränderung des Frauenbild hin arbeitet?

Marina Wetzlmaier: In Deutschland gibt es beispielsweise DITIB-Frauenverbände, die durch Bildungsprojekte, Infoveranstaltungen und Beratungen muslimische Frauen stärken wollen. Einige aktive Vertreterinnen fordern außerdem mehr Mitsprache bei ihren männlichen Kollegen. Laut den Vereinssatzungen müssen auch Frauen in den Vorständen vertreten sein. In der Praxis hat sich das dennoch wenig durchgesetzt. Bei ATIB in Österreich ist die Frauenarbeit weniger aktiv ausgeprägt. Vor allem die Vorstände und andere führende Funktionen sind nach wie vor eine Männerdomäne.

Das Diyanet verbreite antisemitische Positionen zu Israel. Würdet ihr dieser Aussage zustimmen oder sie ablehnen?

Thomas Rammerstorfer: So pauschalisierend weder noch. Aber: Israel ist wegen der Palästinenser- und Jerusalempolitik ein absolutes Feindbild, und bei der Kritik an Israel nutzt man Doppelstandards, Übertreibungen und Stereotypen. Dass man mit der Dämonisierung Israels Antisemitismus Vorschub leistet ist leider Fakt, auch wenn er an anderer Stelle dann deutlich und auch theologisch fundiert abgelehnt wird.
Weiters verbreitet man gerne Verschwörungstheorien, auch ganz offiziell. Terroristen wie den IS betrachtet man oft als Schöpfungen der USA, der EU, von Israel oder Armenien. An allem was schief geht sind irgendwelche finstren ausländischen Mächte schuld. Ungeachtet dessen gibt es aber auch Solidarisierungen mit JüdInnen, wenn diese in Deutschland angegriffen werden. Da sagt man dann sinngemäß, „wir sitzen mit den Juden in einem Boot“. Und wüste Verschwörungstheorien zählen in der Türkei leider zur alltäglichen Polit-Folklore, auch bei säkularen oder linken AkteurInnen.


Thomas Rammerstorfer und Marina Wetzlmaier

Marina Wetzmaier und Thomas Rammerstorfer sind freie JournalistInnen aus Oberösterreich. Zuletzt erschiend von Rammerstorfer das Buch: „Graue Wölfe – Rechtsextremismus aus der Türkei“ (2018). Er wurde durch die Schulaffäre bekannt, die der Sohn des FPÖ-Politikers Roman Haider ausgelöst hatte. Auf Semiosis sind zu dieser FPÖ-Aktion mehrere Texte erschienen, darunter auch ein Interview mit dem Betroffenen: „Landesschulrat und Direktion haben nicht mal meine Präsentation


Marina Wetzmaier,  Thomas Rammerstorfer: Die Macht des Diyanet. Das türkische Präsidium für Religionsangelegenheiten. Wien, LIT-Verlag, 2019

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