Lehrergewerkschafterin: Ich mache mir vor allem um die ungeimpften Eltern Sorgen

Heute flatterte den Lehrer*innen in Österreich eine Mail ins Postfach. Absender: ihr oberster Vorgesetzter, Bildungsminister Heinz Fassmann. Dort verbreitete er neben Optimismus die Botschaft von den Ninja-Zertifikaten. Dahinter verbirgt sich ein Schul-Testausweis, der offiziell als Covid-Testzertifikat gelten soll. Schulen können das Dokument aufgrund der Nasenbohrertests ausstellen. Wir haben Lehrergewerkschafterin Ursula Göltl gefragt, wie es ihren Kolleg*innen damit geht. Sicherfühlen kann man sich nicht mit einem Schnelltest, meint sie. Mit ihr sprach Sebastian Reinfeldt


Das Fassmann-Rundschreiben


In einem Rundschreiben von Bildungsminister Fassmann werden Lockerungsschritte auch für die Schule verkündet. Alle Schülerinnen und Schüler können ab kommendem Montag endlich wieder täglich „ihre“ Schule besuchen. Wie geht es den Lehrerinnen und Lehrern damit?

Viele Kolleg*innen sind zugleich erfreut, dass wir alle Kids wiedersehen, aber auch besorgt: In den letzten Wochen im Schichtbetrieb haben wir sehr auf Abstände zwischen den Schüler*innen geachtet, jeder zweite Platz blieb frei. Die Vorstellung, dass jetzt wieder 25 oder auch 30 Personen im Raum sind, finden viele beunruhigend. Masken, Lüften und Testen sollen die Ansteckungen reduzieren. Aber wir wissen alle, dass die Antigenschnelltests nur einen kleinen Teil, rund 20 % der infizierten SchülerInnen anzeigen. Ob dadurch wirklich genug Sicherheit gegen Clusterbildung erreicht werden kann? Vor allem um die Elterngeneration mache ich mir Sorgen, denn die sind ja zum größten Teil noch nicht geimpft.

Was machen eigentlich die Kolleg*innen, die selber kleine Kinder haben (Kindergarten/Schule)?

Wir Lehrer*innen sind jetzt bald alle zumindest erstgeimpft, die Sorge, dass wir Ansteckungen in der Familie, aber auch in der Schule weitergeben reduziert sich langsam. Lehrer*innen mit Kindergarten- oder Volkschulkindern stehen unter großem Druck, wenn das eigene Kind als Kontaktperson in Quarantäne muss oder sogar selbst erkrankt. Mit den Schulöffnungen ist zu erwarten, dass es wieder zu Personalengpässen kommt.

Schulen gelten demnach als „befugte Stelle“, Testzertifikate mit einer Gültigkeit von 48 Stunden zu erstellen. Was hört man von den Kolleg*innen: Fühlen die sich dadurch sicher beim Unterrichten und auch in der Zeit danach?

Leider kennen wir Fälle von Kindern und Erwachsenen, die beim Antigentest negativ waren, obwohl sie bereits infiziert waren. Sicherfühlen kann man sich nicht mit einem Schnelltest. Als Screening haben diese Test den Effekt, dass sie Cluster aufzeigen. Es ist so nicht mehr möglich, dass sich Infektionen unauffällig über mehrere Tage und Wochen aufschaukeln wie im Herbst. Das ist für den Schulbetrieb ein wichtiger Punkt. Als Einzelperson würde ich mich auf einen Schnelltest nicht verlassen. In Wien haben wir die Möglichkeit für Gurgel-PCRs, das gibt eine viel größere Sicherheit, im Moment nicht infiziert zu sein.

Gibt es schon Reaktionen zum Ninja-Zertifikat?

Da waren wir sehr beunruhigt, wieviel zusätzliche Unterrichtszeit das Ausstellen von Zertifikaten verbrauchen wird, die Durchführung kostet schon viel Zeit. Über den Sammelpass mit Pickerl wird das hoffentlich recht rasch gehen. Das Design ist allerdings nicht altersadäquat.

Wie wird das in den Schulen geregelt? Erstellt das wirklich der/die Schulleiter*in oder kommen da die Lehrkräfte für Biologie zum Zug?

Wir mussten schon bisher für die Bildungsdirektion Listen ausfüllen, wer getestet wurde, das macht jene Lehrkraft, die in der ersten Stunde unterrichtet und die Tests beaufsichtigt. Ich nehme an, wir werden die passende Anzahl Pickerl zugeteilt bekommen.

Wird das wirklich „normaler“ Unterricht in den nächsten Wochen?

So normal, wie es mit Dauerlüften und Masken möglich ist. Ich fürchte, es wird wieder zu vielen Ausfällen kommen, wenn Angehörige infiziert sind und die Kinder in Quarantäne sind oder selbst infiziert werden. Die Pandemie ist ja leider nicht vorbei, auch wenn wir uns das alle wünschen würden.


Zur Person: Ursula Göltl ist Chemie- und Physiklehrerin an einem Wiener Gymnasium seit über 30 Jahren. Außerdem ist sie als Personalvertreterin und Gewerkschafterin aktiv. Die Österreichische Lehrer*innen Initiative – Unabhängige Gewerkschafter*innen für mehr Demokratie ÖLI-UG ist eine Fraktion in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst.


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