Olympische Spiele in Japan: Pandemie, Radau-Nationalismus und Korruption

Fussball-Europameisterschaft mit bis zu 60.000 Personen im Stadion, dann Formel 1 mit bis zu 100.000 Zusehenden vor Ort im österreichischen Spielberg. Und schließlich ab 23. Juli Sommerolympia in Tokyo mit rund 11.000 Athlet*innen und Hundertausenden auf den Rängen der Sportstätten [Mittlerweile nur mehr ohne Zuschauer*innen, offiziell]. Im Grunde genommen wissen wir, dass diese Events zur falschen Zeit kommen. Denn die Pandemie ist, egal was die Politik verkündet, definitiv nicht vorüber. Die Logik bei der Entscheidung, Brot und Spiele dennoch ablaufen zu lassen, lautet offenbar: Wir opfern Menschenleben für Wertschöpfung.

In Japan gibt es schon länger zivilgesellschaftliche Initiativen gegen diese Spiele. Sie richten sich gegen die Logik, dass Wertschöpfung vor Menschenleben geht. Das zielt nicht nur auf die Pandemie, da Virus-Mutationen wieder weltweit verbreitet werden, sondern auch auf die Umgestaltung ganzer Stadtteile Tokyos in den vergangenen Jahren. Für die Spiele wurden Tausende Menschen delogiert. Auch in Wien hat sich eine Gruppe gebildet, die vor der japanischen Botschaft gegen die Ausrichtung von Olympia protestiert hatte. Wir haben sie kontaktiert und um ein Interview gebeten. Mit einem der Initiator*innen, Gregor Wakounig, sprach Sebastian Reinfeldt. [Update am 20.7.2021]


Was spricht gegen die Olympischen Spiele in Tokyo?

Fast zu viel, um’s in kurzen Worten zusammenzufassen. Die Spiele starteten als ein Prestigeprojekt des ehemaligen Tokyoter Bürgermeisters und offenen Rechtsextremisten Shintarō Ishihara. Von Anfang an wollte er die Spiele als Vehikel dafür benutzen, ein seiner Ansicht nach unpräsentables Tokyo von der Landkarte zu tilgen. Dazu gehören nicht ’nur‘ die Zeltstädte der Obdachlosen in den Parks, sondern auch alles, was nicht durchmodernisiert und im Sinne der kapitalistischen Verwertungslogik funktioniert. Also auch Stadtteile mit alter Bausubstanz und ärmeren Bevölkerungsschichten, Migrant*innenviertel, Tagelöhnerviertel etc.

Tausende Menschen wurden in den letzten Jahren wegen Olympia zwangsdelogiert. Als Beispiel sei der Miyashita-Park im zentralen Ausgehviertel Shibuya genannt, der seit jahrzehnten von Obdachlosen und deren UnterstützerInnen in eine art antikapitalistische Oase mitten in Tokyo verwandelt wurde. Die hier lebenden Menschen wurden mit roher Polizeigewalt herausgeworfen, heute steht dort der
‚Nike-Park‘ [benannt nach der hippen Sportausrüsterfirma], wo man Eintritt zahlen muss, um überhaupt reinzukommen.

Man darf auch nicht vergessen, dass die Nachwirkungen der Fukushima-Katastrophe immer noch immens sind. Die Entschädigungszahlungen an die Opfer waren ein Witz, die Spiele werden unter einem plastikbunten Mantel aus touristischen Japan-Klischees als ‚Wiederaufbau-Spiele‘ beworben. Milliarden an Steuergeldern sind in unbekannten Kanälen versickert. Hält man sich die lange Geschichte der Korruption im IOC vor Augen, kann man sich denken, wo das Geld letztendlich gelandet ist. Hinzu kommen dann noch Faktoren wie etwa ein neuer ‚Olympischer Lehrplan‘ für die Schulen, welcher mit einem extrem problematischen Radau-Nationalismus daherkommt.


Wie ist die Pandemie in Japan abgelaufen?

Es ist eine Geschichte von Vertuschung und Ignoranz. Um die Spiele nicht zu gefährden, führte Japan bis vor kurzem kaum Tests durch. Ganz nach dem Trump’schen Prinzip ‚keine Tests = keine Corona-Fälle‘. Regierungsmitglieder sprachen davon, dass ‚die Ausländer‘ Corona nach Japan gebracht hätten und auch sie daran schuld seien, dass die Krankheit immer noch grassiert. Was natürlich blanker Unsinn ist. Die Impfungen starteten sowieso erst vor knapp einem Monat. Die Tatsache, dass den Olympischen Spielen und der Wirtschaft Vorzug vor Menschenleben gegeben wurde, zeugt von der Menschenfeindlichkeit des Systems ‚Olympia‘.

Lässt sich die ganze Olympia-Maschine denn noch aufhalten?

Höchstwahrscheinlich nicht. Thomas Bach, der Präsident des IOC, sprach vor einigen Wochen davon, dass es ein ‚Armageddon‘ bräuchte, um die Spiele aufzuhalten. In Brasilien setzte man ja sogar das Militär gegen Olympia-Gegner*innen ein, hunderte Leute wurden erschossen.

Lebt die olympische Idee noch?

Die ist spätestens 1936 gestorben, als die Spiele in Nazi-Deutschland abgehalten wurden und somit zu einem der wichtigsten internationalen Propagandawerkzeuge des NS-Regimes wurden. 1940 sollten sie ja im faschistischen Japan abgehalten werden, mussten wegen des Weltkrieges aber abgesagt werden. Das zeigt doch, dass das IOC schon seit Jahrzehnten überhaupt kein Problem damit hat mit blutrünstigen Regimes zu kooperieren – siehe auch die Spiele im russischen Sotschi.

Was müsste sich aus eurer Sicht generell bei Olympischen Spielen ändern?

Nichts. Die Spiele gehören abgeschafft.

Wo und wie sollte sich informieren, wer kritische Stimmen hören und lesen möchte??

Es ist relativ schwer Infos über die Kritik an den Tokyoter Olympischen Spielen zu bekommen, wenn man kein Japanisch kann. Der in Tokyo lebende Forscher und Aktivist William Andrews hat auf seinem Blog aber eine Vielzahl an englisch-sprachigen Artikeln veröffentlicht:
https://throwoutyourbooks.wordpress.com/


Gregor Wakounig ist Japanologe und Freier Journalist.

One Reply to “Olympische Spiele in Japan: Pandemie, Radau-Nationalismus und Korruption”

  1. Wir haben die Sache vielleicht halbwegs im Griff. Was passiert ? ‚Eine Fussball EM wo Tausende die so voll 3g tauglich sind durch die Gegend fliegen. Man drückt eine Olympiade aus lauter Geldgier durch, SORRY JA OHNE ZUSCHAUER: UND UNSER
    BUNDESKANZLER ERHÄHLT UNS JA DASS DIE kRISE VORBEI SEI HALLO GEHT ES EIGENTLICH NOCH ß

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