Michael Wagner: Ein Frühwarnsystem ist weder in den Schulen noch sonst wo politisch gewollt

Die Schulen stehen nicht außerhalb der Pandemie. Im Gegenteil: Kinder und Jugendliche übertragen das Virus und erkranken an COVID-19. Dies hat Michael Wagner in seiner Gurgelstudie nachgewiesen. Deshalb hatte er auch die Regierungsstrategie für den Herbst kritisiert, sich nach Krankenhauszahlen statt nach Inzidenzen zu richten. Dies sei „naiv und falsch“. Wir haben mit ihm über die Sinnhaftigkeit des Ministeriums-Konzepts der Wächterschulen plus Abwassermonitoring gesprochen. Er meint: Das hätten sinnvolle Komponenten eines Frühwarnsystems sein können. Und dann zählt er doch einige Abers auf.


Wird die Infektionssituation an den Schulen in Österreich derzeit so überwacht, dass wir einen realitätsnahen Einblick in das tatsächliche Infektionsgeschehen bekommen?

In den meisten Bundesländern wird in den Schulen 2x pro Woche ein Antigentest und 1x pro Woche ein PCR-Test durchgeführt. Wien macht es mit 2x pro Woche PCR testen besser. Dadurch bekommt man einen realitätsnahen Einblick in das Infektionsgeschehen und hat in den letzten Wochen gesehen, dass Altersgruppen der SchülerInnen besonders stark von Infektionen betroffen sind.

Dadurch, dass die wenig sensitiven Antigentests in den Schulen eingesetzt werden und bei den Alles Spült PCR-Tests (außer bei Alles Gurgelt in Wien) ohne jede Not ein wissenschaftlich nicht begründbarer Grenzwert verwendet wird, der bei vielen Infizierten zu Beginn der Infektion ein falsch negatives Ergebnis erzeugt, gelingt es mit den etablierten Testregime jedoch nicht häufig genug, Infektionsketten im Frühstadium in den Schulen zu unterbrechen. Je häufiger PCR-Tests (mit sinnvollen Grenzwerten von Ct 39-40) in den Schulen eingesetzt werden, desto früher können infizierte Kinder erkannt und Clusterbildungen vermieden werden.

Wie aufwändig ist die angedachte Verknüpfung der Daten aus den Wächterschulen mit dem Abwassermonitoring?

Das Abwassermonitoring hat nichts direkt mit den Schulen zu tun. Die Proben werden ja vor der Kläranlage und nicht an Schulen genommen. Abwassermonitoring kann interessante ergänzende Informationen z.B. über zirkulierende Virusvarianten liefern. Für den Schutz der Schulen hat es in der Realität nie eine Rolle gespielt und wird in der Risikostufenmatrix des Bildungsministeriums für die Schulen auch überhaupt nicht erwähnt. Natürlich könnte man das Abwassermonitoring als generelles Frühwarnsystem für Österreich und damit indirekt auch für die Schulen nützen, aber ein solches Frühwarnsystem ist weder in den Schulen noch sonst wo politisch gewollt, da ja alle Maßnahmen inklusive der Schulrisikostufen an die ICU-Auslastung gekoppelt sind und somit Maßnahmenverschärfungen immer viel zu spät kommen und uns gerade die vierte Welle bescheren.

Was ist eigentlich die Vorgeschichte der sogenannten Wächterschulen?

Die Idee der Wächterschulen geht auf die von mir geleitete Schulgurgelstudie zurück, in der wir anhand repräsentativer PCR-basierter Testungen an ca. 250 österreichischen Schulen das Infektionsgeschehen im letzten Schuljahr erfasst haben. Das Bildungsministerium hatte angekündigt nun in Eigenregie eine noch bessere Schulgurgelstudie an Wächterschulen durchzuführen und dabei auch die Ausbreitung des Virus in den Klassen über die Zeit etc. zu verfolgen. Wir wollten diesen wichtigen Punkt schon im letzten Jahr untersuchen, durften dies aber mit dem Hinweis, dass dies Aufgabe der Gesundheitsbehörden sei, nicht machen. Bislang sind mir aus diesem Schuljahr keine Ergebnisse aus den Wächterschulen bekannt. Eine Rolle für den Schutz der Schulen könnte ich mir hier wiederum nur in Form eines Frühwarnsystems bei Risikostufe 1 vorstellen, in denen nicht in den anderen Schulen getestet wird. Jedoch beinhaltet die Risikostufenmatrix des Ministeriums keinen Hinweis auf die Wächterschulen und basiert nicht auf frühzeitigem Handeln, sondern orientiert sich an der Auslastung der Krankenhäuser

War das gesamte System (Wächterschule plus Abwassermonitoring) eigentlich eine gute Idee?

Es hätten sinnvolle Komponenten eines Frühwarnsystems sein können, nur hätte man dann in der Risikostufenmatrix klar festhalten müssen, welche Konsequenzen aus welchen Ergebnissen aus diesen Bereichen für die Schutzmaßnahmen an den Schulen abgeleitet werden.


Michael Wagner ist Professor für Mikrobielle Ökologie an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien und leitet das Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung. 2019 erhielt er den als österreichischen ‚Nobelpreis‘ bezeichneten Wittgenstein-Preis. Wagner hat die sogenannte „Gurgelstudie“ an den Schulen durchgeführt.


Unsere Recherche zum Thema: Schlafende Wächterschulen: Das Alarmsystem war ausgeschaltet

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