Schlafende Wächterschulen: Das Alarmsystem war ausgeschaltet

Das an den Schulen ermittelte Infektionsgeschehen gilt als Abbild der österreichischen Schullandschaft und soll vorab anzeigen, ob es in gewissen Bezirken verstärkter COVID-19-Maßnahmen bedarf.“ Mit diesen Worten kündigte das Bildungsministerium im September 2021 die Wächterschulen an. Minister Heinz Fassmann erläuterte, dass in ausgewählten 300 Schulen durchgehend getestet werde, unabhängig vom Infektionsstand in den Bezirken. Die Ergebnisse dieser Schultest würden zusammen mit einem Abwassermonitoring ein eigenes COVID-19-Alarmsystem aktivieren.

Dieses Alarmsystem hätte seit Wochen laut aufheulen müssen. Warum es keinen Mucks gab, ist einfach erklärt: Es war nämlich niemals eingeschaltet. Eine Recherche von Sebastian Reinfeldt


Das Alarmkonzept: Wächterschulen und Abwassermonitoring

Im Detail sah das Konzept des Ministeriums vor, dass ab September 2021 zweimal wöchentlich an 116 Kläranlagen das Abwasser nach Corona-Spuren analysiert werde. Diese seien so ausgewählt worden, dass sie 75 Prozent der Population der Schüler*innen abdecken würden. Zusätzlich werde in 300 Schulen in ganz Österreich je eine Klasse herausgegriffen, die im Rahmen einer Prävalenzstudie (Stichprobenstudie über die Verbreitung von COVID-19) im gesamten Schuljahr einen PCR-Spültest pro Woche auf freiwilliger Basis macht. Diese 300 Schulen heißen Wächter- (oder Sentinel-) Schulen.

Der Mikrobiologe Michael Wagner meinte damals nach der Präsentation, dass dieses Konzept eine Maskenpflicht in den Schulklassen nicht ersetzen könnte.

Wenn wir, wie es aussieht, auch im Herbst und Winter relativ hohe Infektionszahlen haben werden, ist es sinnvoll, auf Masken zu setzen.

Nach Unterschrift nichts mehr gehört

Tatsächlich wurden 300 Schulen mit 80.000 Schülerinnen und Schülern zu Sentinel-Schulen erklärt. Einige zeigen dies stolz auf ihrer Homepage an.


Die Eltern der betroffenen Kinder mussten ihr schriftliches Einverständnis für die permanenten Tests erklären. Doch sie registrierten, dass nach Abgabe der Unterschrift eigentlich nichts mehr passierte. Eine Mutter berichtet auf Nachfrage:

Ja, mein Kind ist in so einer Wächter-Schule. Volksschule in Niederösterreich. Seit Unterschrift in zweiter Schulwoche nix Neues.

Die Schule liegt in Ebreichsdorf. Dort haben wir – wie in zwei anderen Schulstandorten auch – bei der Schulleitung über den Stand der Dinge nachgefragt. Leider erreichte uns bislang keine Antwort.

Deutlicher Anstieg positiver Schultests im Oktober

Getestet wurde indes: Am 8. Oktober meldete das Bildungsministerium beispielsweise konkrete Zahlen und Steigerungsraten der bundesweiten Gesamttests. Da ja alle Schulen in der sogenannten Stufe zwei verblieben, wurde brav flächendeckend getestet.

Konkret waren laut Bildungsministerium aus Oberösterreich diese Woche 190 positive Fälle gemeldet (Vorwoche: 138) worden, aus der Steiermark 100 (78), aus Niederösterreich 89 (77), aus Salzburg 36 (43), aus Tirol 30 (35), aus Kärnten 17 (37), aus Vorarlberg 17 (sieben) und aus dem Burgenland acht (neun). Die Zahlen der in dieser Woche positiv auf das Coronavirus getesteten Wiener Schülerinnen und Schüler sowie des Schulpersonals liegt bei 533.

Aus diesen Oktober-Zahlen geht eine deutliche Steigerung der Infektionen hervor. Offenbar ist mit diesen Daten aber nichts weiter passiert. Die Wächterschulen schliefen im September und auch im Oktober. Auch von den Abwasserdaten nahm offenbar niemand Notiz.

Nur kurze Zeit in in Vorarlberg aktiv

Wir haben beim Ministerium nachgefragt. Das erläuterte, dass die Schulen überhaupt nur in Stufe eins (bei geringen Inzidenzen also) aktiviert würden. In den anderen Stufen schlafen sie.

Die Aktivierung der Wächterschulen ist dann notwendig, wenn nicht ohnehin überall PCR-Tests durchgeführt werden. Das war bis jetzt nur einmal kurzfristig in Vorarlberg notwendig, als das Bundesland in Stufe I war und die PCR-Tests an den Schulen nicht verpflichtend waren. Damals wurden – parallel zum damals niedrigen Infektionsgeschehen – nur vereinzelt positive Ergebnisse festgestellt – die Zahlen wurden immer kommuniziert. Dann waren Herbstferien, in denen die Zahlen stark gestiegen sind. Jetzt testet Vorarlberg wieder regulär, weil das Land wieder in Stufe 2 ist.

Und auf nochmalige Semiosis-Nachfrage hieß es konkretisierend:

Über die regionale Einschätzung gibt eher das Abwassermonitoring Aufschluss.

Abwassermonitoring spielt zum Schutz der Schulen keine Rolle

Aber: Macht diese Verknüpfung (Wächterschulen + Abwassermonitoring) zum Schutz der Schulen überhaupt Sinn? Wir haben den Initiator der Gurgelstudie, Professor Michael Wagner, um ein Statement dazu gebeten. Er meint:

Abwassermonitoring kann interessante ergänzende Informationen z.B. über zirkulierende Virusvarianten liefern. Für den Schutz der Schulen hat es in der Realität nie eine Rolle gespielt und wird in der Risikostufenmatrix des Bildungsministeriums für die Schulen auch überhaupt nicht erwähnt.

300 potemkinsche Schulen

Das Beratergremium zur medienwirksam angekündigten Wächterschulen-Studie hat nach Semiosis-Informationen bisher kein einziges Mal getagt. Offenbar hat das Ministerium das Alarmsystem so konzipiert, dass es gar nicht anschlagen kann, wenn die Inzidenzen hochschnellen.

Die Wächterschulen waren also in Wahrheit potemkinsche Schulen.

Lesen Sie das ausführliche Interview mit Michael Wagner: Ein Frühwarnsystem ist weder in den Schulen noch sonst wo politisch gewollt

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