Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im ICE 228 nach Dortmund. Mit mir reisen Menschen, die vor dem mörderischen Krieg in der Ukraine flüchten. Sie sind müde, erschöpft – aber in Sicherheit. Eine Frau, die mit einem Baby unterwegs ist, hat eine Verletzung im Gesicht, verursacht durch Splitter einer Granate.

Russlands Armee, die die Ukraine überfällt, wurde über Jahre hinweg hochgerüstet. 2020 stand sie laut dem Globalen Militarisierungsindex auf Weltrang acht, gemäß des Global-Firepower-Index verfügt Russland über die zweitstärksten Streitkräfte und das stärkste Heer weltweit. In dieser Recherche in österreichischen und russischen Firmenbüchern und Geschäftsberichten zeigen wir auf, dass ein Teil der russischen Waffenproduktion im Verantwortungsbereich eines „österreichischen Managers“ lag: Die Rede wird von Siegfried Wolf sein.

Öffentlich dementiert Wolf, jemals mit Militärproduktion zu tun gehabt zu haben. Auf Semiosis-Nachfrage bei seinem Mediensprecher Josef Kalina erhielten wir keine Antwort. Andere schon.

Eine Recherche von Tano Bojankin und Sebastian Reinfeldt. [Update 18. März 2022 mit Antworten Wolfs und Präzisierung seiner Funktionen bei Russian Machines; 20. März 2022 mit Details zur militärischen Produktion bei GAZ]


In russischen Diensten

Siegfried Wolf (* 31. Oktober 1957 in Feldbach) ist ein österreichischer Manager.

https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Wolf_(Manager)

So lautet der erste Satz des Wikipedia-Eintrags über den österreichischen Geschäftsmann, der wohl am intensivsten von allen hiesigen Geschäftsleuten in Diensten mächtiger russischer Firmen steht. Bekannt sind seine Aktivitäten für die Sberbank (deren europäischen Vorstandsvorsitz er mittlerweile zurückgelegt haben soll), für Russian Machines und für die GAZ-Group. Was aus dem Wikipedia-Eintrag nicht so richtig klar wird: dass Siegfried Wolf qua Ämtern nahe am militärisch-industriellen Komplex Russlands war. Sehr nah dran sogar. Es scheint schwer vorstellbar, dass die Produktion militärischen Geräts in den Firmen, bei denen er Verantwortung trug, an ihm vorübergezogen ist, ohne dass er davon etwas mitbekommen hat.

Eine österreichische Vorgeschichte: Waffenhandel unter der Tuchent

Die österreichische Rüstungsfirma Hirtenberger geht auf das sogenannte Munitionsdreieck zurück, das unter Kaiserin Maria Theresia im Wiener Becken entstanden ist. In den 1980er Jahren war die Firma als Teil der verstaatlichten Industrie in den Noricum Skandal verwickelt. Während des ersten Golfkriegs (1980 bis 1988) wollte diese die Feldhaubitze GHN-45 (Gun Howitzer Noricum) an beide Seiten, also an den Irak und an den Iran, verkaufen. Laut kolportiertem Statement des damaligen Kanzlers Bruno Kreisky sollte der illegale Waffenhandel unter der Tuchent abgewickelt werden.

Der Skandal flog aber auf und führte zu einem langen Gerichtsverfahren und zu parlamentarischen Untersuchungen. In diesem Unternehmen begann Siegfried Wolfs Karriere: Von 1983 bis 1995 arbeitet er sich bei Hirtenberger vom Abteilungsleiter über Bereichsleiter und Werksdirektor bis zum Prokuristen hoch.

Auszug Firmenbuch Hirtenberger Aktiengesellschaft, Hirtenberger Holding GmbH, Astotec Holding GmbH

Die nächste Station auf seiner Karriereleiter, die Firma Magna Steyr, stand auf Liste für ominösen Gegengeschäfte beim Eurofighter.

Auszug auf der Liste der Gegengeschäfte.

Russian Machines ist ein Basic Element

Im November 2010 schied Siegfried Wolf bei Magna aus. Sein nächster Karriereschritt führte ihn direkt nach Russland, und zwar gleich zu einem Riesenkonzern. Denn er wurde Vorstandsvorsitzender von OAO Russian Machines, des Mischkonzerns des mächtigen Oligarchen im engsten Umfeld von Putin, nämlich von Oleg Deripaska. Über diesen Konnex kam er von 2007 bis 2015 in den Aufsichtsrat der STRABAG, an der Deripaska ebenfalls beteiligt ist.

Die Russian Machines Webseite vom 16. Oktober 2012. Siegfried Wolf ist Vorstandsvorsitzender mit allen exekutiven Befugnissen

Was produziert Russian Machines eigentlich? Der Mischkonzern stellt in derzeit 27 Fabriken Industrieprodukte her. Russian Machines tut praktisch alles, was direkt oder indirekt mit der Ausbeutung fossiler Rohstoffe zu tun hat. Unter anderem kontrolliert sie drei Flughäfen. Zur Produktpalette gehört auch militärisches Gerät in angelagerten Tochterfirmen.

Die Firma Russian Machines wiederum hat selbst eine Elternfirma, die sich Basic Element nennt und die in Deripaskas Besitz ist. Zum Bereich der Russian Machines gehören dann noch die oft ungenau als Autokonzern betitelte „GAZ Group“ und die Military Industrial Company (MIC) – eine ebenso 100 prozentige Tochter von Russian Machines. Dass die Military Industrial Company vorwiegend Militärgerät herstellt, darauf weist ja bereits der Name hin.

Verzweigungen der Oleg Deripaska-Firmen. Erstellt mit Miro.

Aufsichtsratsvorsitz bei einem Produzenten militärischen Geräts

Siegfried Wolf hat auf allen Ebenen mit den Firmen auf dieser Skizze zu tun. Mal mehr, mal weniger.

Am 20. August 2018 meldet die russische Agentur Interfax ein außerordentliches Meeting der Teilhaber der GAZ Group. Sie haben den Mitinhaber (er besitzt daran rund 10 Prozent, so der ORF in der Zeit im Bild 2 am 15. März 2022) und Vorsitzenden der Russian Machines, Siegfried Wolf, zum Aufsichtsratsvorsitzenden der GAZ Group bestellt. Mit ihm wurde gleich ein neuer Aufsichtsrat eingesetzt.

Im Juni 2021 berichten die Vitesco Technologies, dass Siegfried Wolf auch bei ihnen in den Aufsichtsrat gewählt worden ist. Im Anhang der Meldung veröffentlichen sie seinen Lebenslauf. Darin heißt es:

Außerdem war er Vorstandsvorsitzender der OJSC GAZ Group (2010-2019). Von 2011 bis 2014 beaufsichtigte er auch die Bauanlagen der Basic Element Gruppe. Professor Wolf sitzt in den Aufsichtsräten mehrerer führender internationaler Unternehmen (Porsche SE, Continental AG, Schaeffler AG, MIBA AG, CMBlu Energy AG) und ist Vorstandsvorsitzender der Sberbank Europe AG. Im Juni 2020 wurde Professor Wolf als Mitglied des Aufsichtsrats der OJSC GAZ Group wieder bestellt.

https://www.vitesco-technologies.com/getmedia/3fb7e03f-6a73-45bc-b357-7526c60386f7/211004-PM_Sitzung-Aufsichtsrat-VT.pdf

Niemals im militärischen Bereich tätig gewesen?

In Österreich übernahm Wolf Mitte 2021 das MAN-Werk in Steyr und hat es in Steyr Automotive umbenannt. Sein Übernahmeangebot war politisch und wirtschaftlich umstritten. Unklar bleibt, was in dem Werk, das zuvor schwarze Zahlen schrieb, in Zukunft tatsächlich hergestellt werden sollte. Bis Mitte 2023 produziert Steyr noch für den deutschen MAN-Konzern. Der Kurier meldet nun, dass ab Mitte 2023 eine Zusammenarbeit mit der russischen Wolf-Beteiligung GAZ geplant sei.

In demselben Artikel findet sich eine spannende Ansage Wolfs:

Wolf ließ ausrichten, dass er bereits seit mehr als drei Jahren alle Funktionen im russischen Unternehmen „Russian Machines“ zurückgelegt habe. Er verwies darauf, „dass er auch davor niemals im militärischen Bereich tätig gewesen“ sei.

Damit bezog er sich auf einen Bericht des Handelsblatts. Die Wirtschaftszeitung hatte darauf hingewiesen, dass Russian Machines unter anderem die russische Luftwaffe beliefert habe.

Ein ständiger Vertreter in Wien

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Zweigniederlassung der GAZ Group in Wien. Laut aktuellem Firmenbuchauszug ist ihr Geschäftsziel die „Erforschung der Marktkonjunktur und der öffentlichen Meinung.“ Ständig vertreten wird sie von: Siegfried Wolf.

Im Portfolio der Produktion der GAZ Group in der Zeit vor diesem Krieg befinden sich Modelle, die jetzt in der Ukraine eingesetzt werden. So der GAZ „Tigr“. Wikipedia nennt acht Quellen, die die folgende Aussage belegen:

Russland – Ab dem 22. Juli 2019 befinden sich mindestens 169 „Tigr STS“ und 107 „Tigr-M“ im Dienst des russischen Heeres.[11][12][13][14][15][16][17][18]

Ein Modell aus dessen Produktion wurde bereits 2016, zu Beginn der hybriden Aggression Russlands gegen die Ukraine, im Donbass gesichtet. Mit Kennung des russischen Militärs.

Auf Twitter, aber auch über die Agenturen tickern derzeit ständig Bilder von zerstörten Tigr-Fahrzeugen, die in der Ukraine verlassen am Straßenrand stehen.

Siegfried Wolf ist an der GAZ-Group nicht nur beteiligt, er ist ihr ständiger Vertreter und der Aufsichtsratsvorsitzende. Ist es dann glaubhaft, dass er niemals im militärischen Bereich tätig war?

Fortschrittliche Modelle des Weltwaffenmarktes

Noch enger angebunden an die Produktion militärischen Gerätes ist die Military Industrial Company, eine Tochter von Russian Machines, deren Vorstandsvorsitzendef Siegfried Wolf ja war. Aus deren Bereich stellen wir eine Fabrik vor, die nach eigenen Angaben

fortschrittliche Modelle des Weltwaffenmarktes

https://web.archive.org/web/20201031034215/http://www.amz.ru/o-predpriyatii/

anbietet: Arzamas Machine-Building Plant JSC. Sie gehört direkt zur Military Industrial Company. Ein Blick in die von ihr angebotenen Modelle offenbart wichtige Gerätschaften des russischen Waffenarsenals, das derzeit in der Ukraine zum Einsatz kommt. Dieses Arsenal ist ja nicht in den vergangenen Wochen und Monaten produziert worden, sondern es reicht Jahre zurück. Gleich sehen wir einen Ausriss aus dem Katalog der Firma, den wir über eine Wayback-Maschine sichtbar gemacht haben. Ihm ist das für uns titelgebende Zitat Wladimir Putins vorangestellt:

Diese Technik ist der Stolz Russlands, und dies ist ein sichtbarer Beweis für das enorme Potenzial unseres militärisch-industriellen Komplexes – wissenschaftliches Potenzial, Personal und Produktion.

https://web.archive.org/web/20201101120957/http://www.amz.ru/bez-rubriki/produktsiya/

Die folgenden Militärfahrzeuge sind demnach dort in der Herstellung:

Im Angebot finden wir also auch den Schützenpanzer BTR 80. Hier sehen wir ein Modell, das von russischen Truppen in der Ukraine verlassen wurde.

Wikipedia listet mit Verweis auf mehrere Quellen auf:

Heer – Am 5. Juni 2019 befanden sich mindestens 1499 BTR-80, 100 BTR-80A und 1080 BTR-82A/M im Dienst.[7][8][9][10]
Marineinfanterie – Seit dem 19. September 2019 befinden sich mindestens 760 BTR-82A/M im Dienst.[11][12][13][14][15]
Luftlandetruppen – Januar 2018 befanden sich mindestens 20 BTR-82AM im Dienst.[6]:200
Raketentruppen – Ende Dezember 2017 befanden sich mindestens 26 „Taifun-M“ auf BTR-82-Basis im Dienst.[16]

https://de.wikipedia.org/wiki/BTR-80

Diese Zusammenhänge werfen eine Reihe von Fragen auf. Einige haben wir an den Medienvertreter Wolfs gerichtet. Ohne Antwort.


Unsere unbeantworteten Fragen an Siegfried Wolf

Abgesendet am Freitag, 11. März 2022 an den Medienvertreter Wolfs, Josef Kalina:

1) Ist Siegfried Wolf aktuell Mitglied des Aufsichtsrates der OJSC GAZ Group? Falls nein: Wann hat er diese Funktion und wie zurückgelegt?

2) Die GAZ-Gruppe hat, neben den Nutzfahrzeugen, ein umfangreiches Angebot von militärischem Material (von LKWs bis zu Panzern). Ich würde gerne wissen, wie sehr Herr Wolf in diesen Geschäftszweig involviert war.

3) In diesem Zusammenhang stellt sich eine Frage auf die mittlerweile beendete Tätigkeit als alleiniger Executive für Russian Machines. Auch diese Firma ist, über das Tochterunternehmen Military Industrial Company (ООО Военно-промышленная компания), direkt an der Entwicklung von Panzerfahrzeugen beteiligt.
Inwieweit hat Herr Wolf diesen Geschäftszweig mit aufgebaut bzw. daran mitgearbeitet?

(Hinterfragenswerte) Antworten

[Update 18. März 2022] Die Kollegen der Fachzeitung Traktuell hatten mit ihren Fragen an den Mediensprecher offenbar mehr Glück.

Auf Nachfrage bestätigt Wolfs Sprecher Josef Kalina, seinerseits ehemaliger Bundesgeschäftsführer der SPÖ, die Existenz solcher Fahrzeuge. Eine mögliche Beteiligung des damals im Verantwortungsbereich von Wolf agierenden Unternehmens GAZ weist Kalina dennoch zurück. Die Militärproduktion sei in einem Tochterunternehmen organisiert gewesen und man hätte dieses um 2011 aus dem Konzern abgespalten. Die heutige GAZ produziere ausschließlich zivile Fahrzeuge, dass der Name GAZ noch immer in der Modellbezeichnung der Panzerfahrzeuge auftauche, hätte nichts mit einer Beteiligung von GAZ an der Produktion dieser Fahrzeuge zu tun.

Quelle: https://traktuell.at/news/war-die-russische-gaz-in-die-ruestung-involviert/

Diese Ausführungen sind allerdings hinterfragenswert, weil sie a) die Tätigkeiten Wolfs bei Russian Machines außer Acht lassen. Es scheint wenig realitätsnah, dass der Vorstandsvorsitzende eines solchen Konzerns nichts mit der Militärproduktion in seiner hundertprozentigen Tochterfirma zu tun hat. Hinzu kommt, dass diese Abspaltung ja in seiner Ära und unter seiner exekutiven Verantwortung durchgeführt wurde.

Und dass die Militärfahrzeuge aus der Produktionslinie der GAZ Group nur noch aus Traditionsgründen die Firmenbezeichnung führen würden, erscheint uns als billige Ausflucht.

Die GAZ bestätigt der GAZ an keiner militärischen Produktion beteiligt zu sein

Noch interessanter sind dann die Ausführungen Wolfs in einer Presseaussendung via des österreichischen Pressekanals APA-OTS ( = Originaltextservice). Hier präsentiert er einen Persilschein, den ihn das Mitglied des GAZ Verwaltungsrates Alexander Gorlow ausgestellt haben soll. Der Wortlaut laut Aussendung:

Ich schreibe Ihnen, um zu bestätigen, dass die GAZ – Group keine militärischen Fahrzeuge, Maschinen oder andere Arten von militärischen Produkten herstellt. Es war die Strategie der GAZ-Gruppe beginnend mit dem Ende der Sowjetzeit zu Beginn der 1990er Jahre, sich von der Erzeugung militärischer Produkte und damit der sowjetischen Vergangenheit zu trennen. Die GAZ – Group schloss diesen Prozess Anfang der 2000er Jahre ab.

Aussendung via APA-OTS: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20220316_OTS0116/siegfried-wolf-haelt-fest-war-niemals-in-militaerische-produktion-involviert

Dieser Persilschein bezieht sich natürlich nicht nur auf die Tätigkeiten von Wolf. Ganz harmlos sei die Produktion der GAZ, bestätigt sich die GAZ somit selbst. Komisch ist nur, dass der Konzern dennoch seit 2018 (!) von US-Sanktionen betroffen ist. Die Ankündigung des US-Finanzministeriums Treasury Designates Russian Oligarchs, Officials, and Entities in Response to Worldwide Malign Activity vom 6. April 2018 liest sich da deutlich:

Erwähnung finden zwei Firmen, in denen Siegfried Wolf tätig war, nämlich die GAZ-Gruppe und Russian Machines. Über die dritte Firma, Basic Element, führt das US-Ministerium aus:

Basic Element Limited (…) is the private investment and management company for Deripaska’s various business interests.

Seit 2018 sind also diejenigen Firmen, für die Siegfried Wolf an höchster Stelle gearbeitet hat, Gegenstand von US-Sanktionen. In Österreich hat man offenbar (wieder einmal) nicht so genau hingeschaut. Wolf blieb im Lande ein well-respected man. Der, als „österreichische Lösung“, die MAN-Werke retten sollte.

Warum eigentlich?


English version: This technology is Russia’s pride

2 Gedanken zu „Diese Technik ist der Stolz Russlands“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Copy link