Weil der Krieg gegen die Ukraine von russischer Seite mit unverminderter Härte gegen die Zivilbevölkerung geführt wird, müssen Millionen Menschen aus ihrer Heimat fliehen.

Wien ist, wieder einmal, eine Transitstadt. Dort, am Hauptbahnhof, spielen sich Szenen ab, die alle Beteiligten auf ihre pure Menschlichkeit zurückwerfen, weil es um die wirklich wichtigen Dinge im Leben geht, um Überlebensfragen. Und weil sie sich auf Augenhöhe, mit Respekt und mit Seele begegnen. Mit-menschlich eben.
Ohne die Freiwilligen, die seit Tagen dort aktiv sind, wäre am Wiener Hauptbahnhof schon längst ein Riesenchaos entstanden. Tanja Maier ist eine von ihnen. Mit ihrer Erlaubnis haben wir ihre Erlebnisse aus dem Englischen übersetzt, Berichte, die man wahrscheinlich kaum lesen kann, ohne dabei Tränen zu vergießen. So ist es eben.
Wir stellen uns allerdings die Frage, warum sowohl die professionellen Hilfsorganisationen als auch die Regierung und die Stadt Wien am 18. Tag nach Kriegsbeginn so behäbig, wenn nicht sogar unwillig auf die Situation reagieren?
So bewegend die Begegnungen sind: Müssen in einem so reichen Land wie Österreich wirklich Privatpersonen die Supermärkte und Fast-Food-Stände leer kaufen, damit die Ankommenden mit dem Nötigsten versorgt werden? Ist es in Ordnung, dass die Flüchtenden oder die Helfer*innen am Hauptbahnhof für einen Gang auf die Toilette zahlen müssen?


Ich möchte nur nach Hause

9. März. Jede Person, die aus der Ukraine ankommt, hat eine Geschichte zu erzählen. Dieser Krieg, Putins Krieg, ist eine millionenfache menschliche Tragödie. Niemals werde ich den Klang von Julias Stimme vergessen, einer Mutter von zwei Töchtern, die neun und elf Jahre alt sind (eine von ihnen hat ein Down-Syndrom), als sie in Tränen ausbrach und mir gestand:

Ich möchte nur nach Hause.

Ich umarmte sie so fest ich konnte, und erwiderte, ebenfalls in Tränen, dass sie das Richtige getan habe.

Du hast das Leben deiner Töchter gerettet. Du bist nun sicher. Das hast du für sie getan.

Die Mädchen bleiben absolut stoisch. Sie konnten noch nicht fühlen, was in ihrer Mutter vorging und was sie durchmachte. Ich gab Julia etwas Geld und meine Telefonnummer. Damit sie mich erreichen kann, wenn sie irgendeine Frage bei ihrem Start in Deutschland haben sollte.

Diesen Moment am Morgen werde ich wohl nie vergessen.

Flüchtlingshelferin auf der Flucht

9. März. Eine Frau aus Poltava erzählt mir, dass sie selbst noch vor zwei Wochen Flüchtlingen aus dem Donbass geholfen hat, die aus dem Krieg dort westwärts geflohen sind.

Nun sind wir die Flüchtenden,

sagt sie ganz ruhig zu mir, und fährt fort:

Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, wenn du drei Mal in der Nacht aufwachst und aus dem vierten Stock die Treppen hinunter rennst, weil die Luftschutzsirenen losheulen.

Nein, entgegnete ich. Das kann ich mir nicht vorstellen.

Jedes Mal, wenn Ukrainer*innen mir berichen, aus welcher Ortschaft sie kommen, erscheinen all die Kriegsbilder vor meinen Augen, die ich auf Twitter mit euch teile.

Die russische Bekannte in Budapest

9. März. Ich traf eine liebreizende Familie, bestehend aus einer Mutter, zwei Kindern und einer Großmutter aus Kharkiv. Dabei half ich ihnen, ihr Gepäck einzuschließen, sodass sie sich Wien ein wenig anschauen konnten, bevor sie später am Tag den Zug nach Budapest nehmen würden. Dann gab ich ihnen den Kontakt einer russischen Bekannten in der ungarischen Hauptstadt, die ohne Pause hilft und Unterkünfte für Flüchtende bereitstellt.
Die Mutter hat mit ihrem Handy ein Foto von Anastasias Facebookseite von meinem Handy gemacht.
Kharkiv. Plötzlich tauchen Bilder der äußersten Zerstörung vor meinen Augen auf.

Ein Einkaufszentrum mit vielen nutzlosen Dingen

9. März. Da war die nette Frau, die mit ihrer Mutter, einem dünnen rötlichen Husky und einer dicken fetten Katze in einer pinken Plastikkiste nach Berlin reiste. Die Katze hatte aufgehört zu essen, der Hund trank nicht mehr. Ich half ihnen, ein kräftiges Verpackungsband zu kaufen, um damit ihr Gepäck zu sichern. Sie sah mich an und meinte:

Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf eine heiße Dusche und ein warmes Bett freue. Bald, nicht mehr lange.

Ich nickte. Und fühlte mich nutzlos, weil ich es nicht fertiggebracht habe, ihr einfach eine neue Reisetasche zu kaufen. Ein ganzer Bahnhof voll von Geschäften und Dienstleistern, aber nur wenige bieten das an, was Menschen benötigen, die gerade aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Masken auf!

9. März. Morgen komme ich wieder. Und übermorgen auch. Jeden Tag, solange ich kann und solange meine Gefühle das zulassen.

Heute brauchte es meine ganze innere Kraft, um nicht auf eine ältere österreichische Dame loszugehen, die aus einem einzigen Grund ins ÖBB-Reisezentrum gekommen war: Sie musste den Ukrainer*innen, die gerade vor Krieg, Bomben, Schüssen und Raketen geflohen waren, mitteilen, sie sollten die Covid-Masken ordentlich aufsetzen.
Ich stand dabei wie eine Idiotin, war wie taub und unter Schock wegen dieses absoluten Mangels an Empathie.

Auf der anderen Seite sah ich Polizist*innen (Polizei!), die Kaffee verteilten, den sie zuvor in einem Laden besorgt hatten – und Schokolade für die Kinder.

Frühstück, nur Frühstück hilft

12. März. Diesen Morgen haben wir Ukrainer*innen Dutzende Morgenkaffees und heiße Schokoladen gegeben, die in einer langen Schlange warten, um ein Zugticket zu bekommen: in andere Regionen Österreichs, Deutschlands und Italien.
Dazu kauften wir für den Caritas-Stand mehrere Instantsuppen – warmes Essen ist gefragt. Um 9 Uhr in der Früh gibt es da am Bahnhof keine große Auswahl.

Als wir eine erneute Runde im Hauptbahnhof drehten, bemerkte ich eine Gruppe, die aus vielen, vielen Kleinkindern und einigen Nonnen bestand. In dem Moment, als ich sie sah, wusste ich, was es mit ihnen auf sich hatte: Sie kommen aus einem Waisenhaus, das evakuiert werden musste.

Wie viele seid ihr?

Zweiundzwanzig, antwortete sie, als wir einen weinenden sehr jungen Bub vom Fußboden aufhoben.

Ich geleitete sie zum Food Court, wo es Tische im Warmen gibt. Wir kauften Kaffee, Säfte und Sandwichs für die Kinder. Sie alle waren dünn, aber die Frauen versicherten mir, sie würden alles essen. Mein Herz brach, doch hielt ich meine Tränen zurück, weil meine Tränen für sie jetzt nicht von Nutzen sind.

Frühstück, nur Frühstück hilft.

Die Nonnen, Frauen und Kleinkinder stammen aus Ivano-Frankivsk, im Westen der Ukraine.

Seit Montag sind sie unterwegs, heute ist Samstag. Sie berichteten, dass Budapest grauenhaft sei und dass sie Schwierigkeiten hatten, Tickets in Richtung Westen zu bekommen.
Während ich dies schreibe, sind sie hoffentlich auf halbem Weg in die Schweiz, wo sie abgeholt werden. Wir kauften ihnen noch Pampers und fertige Babynahrung für die lange Zugfahrt am Nachmittag.
Die Nonnen waren erstaunlich ruhig und kümmerten sich, zusammen mit einigen helfenden Frauen, um eine doch große Gruppe kleiner und kleinster Kinder.
So etwas habe ich zuvor noch nie erlebt.

Irgendwie hat es funktioniert

Das ist eine weitere Szene, die ich diese Woche erlebt habe und nicht vergessen werde: Die Nonnen sprachen Ukrainisch, ich antwortete auf Russisch. Irgendwie hat es funktioniert, irgendwie haben wir uns verstanden.

Sie waren sehr dankbar, und ich hoffe, wir haben ihnen eine kleine Geste unserer uns verbindenden Menschlichkeit gezeigt. Danke.
Viele, die meine Texte lesen und mir auf Twitter folgen, fragen, ob sie mir etwas zukommen lassen können, damit ich es dort für die Menschen ausgebe. Derzeit habe ich einiges an Unterstützung bekommen. Das werde ich mal aufbrauchen. Wenn das aus ist, lasse ich es euch wissen.
Ich kann es einfach nicht hinnehmen, wenn wir es nicht schaffen würden, den Ukrainer*innen sofort und direkt zu helfen, die durch Wien reisen.

Toilettensachen

14. März. Ich bin von der offiziellen Antwort aller Verantwortlichen enttäuscht und ich bin überwältigt von den vielen Aktivist*innen, die loslegen, um diese Lücken auszufüllen. Seid euch darüber im Klaren: Wenn ihr den offiziellen Organisationen spendet, dann zahlt ihr auch für deren Overhead.

Die Verantwortlichen haben noch nicht einmal die Toiletten am Hauptbahnhof geöffnet. Sie könnten dem Betreiber doch die Kosten ersetzen.
Nee!

Stattdessen müssen wir um diese kleinen Tickets bitten, die wir dann verteilen. Wenn wir Glück haben, bekommen wir von der Caritas eine Handvoll.
Dann müssen (uns) noch die Ukrainer*innen bitten.

Nur, um aufs Klo gehen zu dürfen.


Zum Weiterlesen: Weight of the World. Der Blog von Tanja Maier

Unser Titelbild zeigt eine Auswahl ukrainischer Süßigkeiten, mit denen sich die Flüchtenden für die Hilfe von Tanja bedankt haben.

Podcast-Tip: different city, same shit

Der Podcast von Lea Streisand

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Copy link