Acht rätselhafte Tode russischer Oligarchen gab es bereits in diesem Jahr. Bei einigen wurden auch Frau und Kinder mit ausgelöscht. Gemeinsam ist den (bisher) acht Männern: Sie hatten führende Funktionen bei russischen Konzernen und Banken oder wurden durch Öl- und Gasgeschäfte reich. Und: Alle sind unter seltsamsten Umständen ums Leben gekommen. Recherche von Arpad Hagyo (Mitarbeit Sebastian Reinfeldt)


Subbotin: Tod bei Besuch eines Schamanen

Es wird gefährlich für Tycoons mit Kontakten zum Kreml. Die Serie von Todesfällen unter russischen Topmanagern hört nicht auf. Der jüngste Fall scheint besonders skurril zu sein.

Dieses Wochenende wird berichtet, dass der milliardenschwere Alexander Subbotin verstarb. Er war ein ehemaliges Vorstandsmitglied von Litasco, einer Tochter des Mineralölkonzerns Lukoil. Subbotin suchte am Wochenende in der Industriestadt Mytischtschi bei Moskau einen Schamanen auf und unterzog sich einer ungewöhnlichen Heilbehandlung: einer Kur nach einem schweren Alkohol-Kater. Das Geistheiler-Ehepaar, das er länger kannte, soll ihm das Halluzinogen Bufotenin verabreicht haben, das im Hautsekret von Kröten vorkommt. Davon bekam Subbotin Herzrasen. Die Schamanen alarmierten die Rettung nicht, der Oligarch starb.

Demnach war dieser Tod also eine Art von Drogenunfall.

Gibt es Todeslisten?

Nicht erst dieser bisher letzte kuriose Fall legt nahe, dass es für die Chefetagen staatsnaher Konzerne eine Todesliste geben könnte. Die Karrieren der Russen, die „plötzlich und unerwartet“ aus dem Leben scheiden, weisen große Ähnlichkeiten auf. Ende April wurden binnen 24 Stunden zwei tote russische Oligarchen und ihre getöteten Angehörigen aufgefunden. Insgesamt sind binnen weniger Monate alleine fünf mit Gazprom in Verbindung stehende Manager verstorben. Die Umstände ihres Todes hätten auch in einem Spionageroman erfunden sein können.

Shulman: Tod im Badezimmer

Die Serie begann, bevor die russische Invasion in der Ukraine losging, am 30. Januar 2022 im Dorf Leninsky. Dort wird Gazprom-Manager Leonid Shulman, Transportleiter bei Gazprom Invest, tot in einer Hütte aufgefunden. Der 60-Jährige lag im Badezimmer seiner Datscha. An der Badewanne soll ein Zettel angeheftet gewesen sein, der sich wie ein Abschiedsbrief liest. Das hat die Polizei zu der Annahme veranlasste, er sei durch Selbstmord gestorben, so die Meldung der russischen Mediengruppe RBC.

Tyulakov: Erhängt in der Garage

Ende Februar 2022 wird die Leiche des Gazprom-Managers Alexander Tyulakov in der Garage seines Hauses entdeckt: erhängt. Laut der Zeitung Novaya Gazeta soll er Selbstmord begangen haben. Tyulyakov wurde 61 Jahre alt und war seit rund zehn Jahren für Gazprom tätig. Zuletzt übte er die Funktion als stellvertretender Generaldirektor für Unternehmenssicherheit und Personal beim Energieriesen aus. Das Blatt Novaya Gazeta hegt allerdings Zweifel an der offiziellen Todesursache.

Watford: Erhängt in der Garage

Ebenso Ende Februar 2022 wird die britische Polizei zum luxuriösen Anwesen Wentfort Estate in der Umgebung Londons gerufen. Dort findet sie den leblosen Körper von Mikhail Watford in seiner Garage. Auch er: erhängt. Gerufen hat sie der Gärtner, der den toten Unternehmer entdeckt hatte. Watford, der sich von Tolstosheya nach Watford umbenannt hatte, war ein russischer Milliardär, Öl-Tycoon, Investor und Unternehmer.

Die Umstände seines Todes seien allerdings nicht verdächtig, hieß es vonseiten der britischen Polizei.

Melnikov: Familienmord und Tod durch Erstechen

Am 24. März 2022 meldet die Zeitung Kommersant den Tod des steinreichen Oligarchen Vassily Melnikov. Der 41-Jährige wurde tot in seiner Luxuswohnung in der Großstadt Nischni Nowgorod, zusammen mit seiner Frau Galina und zwei Söhnen aufgefunden.

Den Erhebungen der Kriminalpolizei zufolge waren alle durch Stichverletzungen getötet worden. Die Tatwaffen wurden am Ort des Verbrechens gefunden. Die Zeitung Kommersant berichtete, dass die Ermittler zum Schluss kamen, dass Melnikov seine ebenfalls 41-jährige Frau und seine zehn- und vierjährigen Söhne erstach. Danach tötete er sich selbst. Nachbarn und Verwandte glauben diese Version indes nicht. Laut dem ukrainischen Medienunternehmen Glavred dürfte Melnikovs Unternehmen nach den westlichen Sanktionen in die Insolvenz geschlittert sein. Laut den zitierten Quellen entdeckten Polizisten in der Wohnung der Melnikovs keine Spuren, die auf einen Kampf hinweisen würden. Die Kinder lagen im Kinderzimmer; Melnikovs Frau im Schlafzimmer.

Nach der offiziellen Darstellung habe sich Melnikov die Schlagadern aufgeschnitten. Er war der Besitzer des Arzneimittelunternehmens MedStom.

Avayev: Familienmord und Tod durch Erschießen

Vladislav Avayev, ehemaliger Vizepräsident der Gazprombank, des drittgrößten Geldhauses des Landes, lag am 18. April 2022 tot neben seiner ebenfalls ums Leben gekommenen Frau und seiner Tochter in einer Luxuswohnung in Moskau. Ein Verwandter hatte Nachschau gehalten, weil er tagelang keinen Kontakt mit der Familie aufnehmen konnte. Er entdeckte die Leichen. Die Wohnung soll von innen versperrt gewesen sein. In den Händen Avayevs wurde angeblich eine Pistole gefunden. Das führte die Ermittelnden zur Theorie eines „erweiterten Selbstmordes“, der zufolge Avaev seine Frau und seine 13-jährige Tochter erschossen habe, bevor er sich selbst tötete. Auch hier sind Zweifel an der amtlichen Darstellung aufgekommen, die Untersuchungen dauern an.

Protosenya: Familienmord und Tod durch Erhängen?

Am 19. April 2022 wird Sergey Protosenya gemeinsam mit seiner Frau und der 18-jährigen Tochter tot aufgefundenen. Familie und Freunde des Gas-Magnaten sprechen sich eindeutig gegen die Theorie eines erweiterten Selbstmords aus. Protosenya arbeitete als Vizechef bei Novatek, einem Unternehmen, an dem Gazprom beteiligt ist. Er starb neben Frau und Tochter in Lloret de Mar bei Barcelona. Auch hier sprechen russische Stellen von Suizid. Die spanische Polizei hält allerdings Fremdverschulden für wahrscheinlich. Protosenya hing stranguliert in seiner Finca, während seine Frau und Tochter mit einer Axt erschlagen worden waren.

Sein 22-jähriger Sohn Fedor hält die Selbstmordtheorie für ausgeschlossen.

Krukowski: Sprung vom Felsen?

Anfang Mai 2022 stürzte Andrej Krukowski, 37 Jahre alt und Direktor des Skigebiets des Industrie-Giganten Gazprom von einem Felsen. Er war auf dem Weg zur Festung Achipsinskaya bei Sotchi. In Moskau spricht man offiziell von einem tragischen Unfall. Krukowski soll ursprünglich schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht worden sein, wo er nicht mehr zu retten gewesen sei. Das von ihm geleitete Skigebiet Krasnaya Polyana ist eines der berühmtesten Russlands und war Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. Das waren übrigens die Winterspiele, bei denen rund 50 österreichische Unternehmen gut verdient haben.


Arpad Hagyo ist freier Journalist

Titelbildquelle: https://www.youtube.com/watch?v=xd_M_cby5dg

Von Gastautor

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