„Heute gibt man sich eher mit gleicher Leistung wie von Kollege Mann zufrieden“

Rekrutierung von weiblichen Fachkräften im technischen-naturwissenschaftlichen Bereich

Ein Berufsleben in Branchen und in Ausbildungen, die nicht typisch weiblich sind: Von der Landschaftsgärtnerin bis in die Chemische Industrie. Und dort in Führungsfunktionen. Unsere Gastautorin, Stephanie, berichtet über ihren Weg als Frau in eine von Männern dominierte Welt. Ihr Bericht ist direkt geschrieben, ohne die Arbeitsrealität zu beschönigen. Er folgt somit dem Ausspruch Rosa Luxemburgs: „Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer ‚das laut zu sagen, was ist‘.


Das, was in Sachen Gleichberechtigung je errungen wurde, ist hart erkämpft

Es ist mal wieder so weit. 8.März. „Weltfrauentag“, tags drauf folgt „Weltkaninchen-“, „Weltkuss-“, „Welteisbären-“ tag“ oder was auch immer. Ich bin Frau und bin eine der bösen, die nicht weiß, warum es der 8. März ist, ehrlich. Ihn gesondert zu begehen fiele mir jetzt nicht ein, auch nicht Blumen, Pralinen oder was auch immer zu erhoffen, was eh völlig daneben wäre. Auch nicht auf eine Demo zu gehen mit all den „Kämpferinnen“ (oh sorry, gibt es vielleicht auch Kämpfer dafür? > Bestimmt). Das, was in Sachen Gleichberechtigung je errungen wurde, ist hart erkämpft. Typisch Frau sein ist heute wieder mehr „in“ als es schon mal war, so ist meine Wahrnehmung. Das bedeutet auch weiterhin klassische Frauenlaufbahnen einzuschlagen. Es bedeutet auch auf der Welle des Gendertums zu surfen. Rechte ja, aber dann…?

… oder das offene Gepinkel der Kollegen an weiß Gott welchen Stellen

Mir kommt da meine eigene Laufbahn in den Sinn, die eher frauenuntypisch ist, schon immer. Früh auf sich selbst gestellt, weder weibliche noch männliche Leitbilder im großen Stil, in den späten 1980ern doch auch auf Öko- und Emanzentrip. Landschaftsgärtnerei ist ein harter Job, die offenen Gespräche der Kollegen darüber, ob diese oder jene „die Beine breit machen würden für …“ oder das offene Gepinkel an weiß Gott welchen Stellen, schon gewöhnungsbedürftig. Doch war ich Aushängeschild, weckte Beschützerinstinkte (wer weiß was noch) und war der ganze Stolz mancher Kollegen. Zeitweilig eine schöne Zeit. Emanzipiert? Jedenfalls viel gelernt fürs Leben, auch im Umgang mit Männern.

Werbakampagne Landschaftsgärtner 2016
Werbekampagne Landschaftsgärtner 2016

Ein Job war viel wert, der Druck enorm, die geschluckten Kröten groß

Zirka 20 Jahre später – Chemische Industrie – hochtechnische Spezialchemikalien. Dazwischen lagen ein naturwissenschaftliches Studium und die ersten Berufsjahre. Die 90er und frühen 2000er waren geprägt von wirtschaftlicher Schlappe. Blühende Landschaften gab es in Deutschland ebenso wenig im Osten wie im Westen. Ein Job war viel wert, der Druck enorm, die geschluckten Kröten groß. Nach ein paar anderen Stationen hatte es mich in den Vertrieb verschlagen.
Bei der letzten Station in der Industrie machte ich dann doch noch Karriere. Heute arbeite ich also in einer Chemiebude mit spannenden Produkten zwischen Maschinenbau und Chemie. Das Umfeld Vertrieb blieb, es kam jede Menge anders hinzu, dann auch Fach- und Führungsverantwortung.

Junge Revierhengste mit Profilierungstrieb

Vertriebler sind ein ganz eigenes Volk, die Männer zuweilen unausstehlich. Junge Revierhengste mit Profilierungstrieb, zwischen (technischem) Spieltrieb der Produktwelt, Reviergerangel und Dollarzeichen in den Augen. Es hat lang gedauert, bis ich damit umgehen konnte.

Nicht, dass man mich nicht ernst genommen hätte oder sexistischen Sprüchen überschüttet hätte. Das „Rausgeben“ hatte ich ja früher gelernt. Es gab die Chefs, die offen darüber spekulierten, welche Kollegin X er als nächstes flachlegen würde, sprich: die offen und ehrliche Machos waren. Die üblichen Witze wurden gemacht, meine Kleidung, Absatzhöhen etc. wurden von manchen täglich kommentiert. Im Grunde genommen vielfach harmlos und mit Witz und Schlagfertigkeit gut zu nehmen. Eben herumblödeln, und nicht alles bierernst nehmen – das hilft. Und bloß nicht aufregen, sich gar beschweren. Über so etwas zumindest nicht.

Doch das wirkliche Problem ist das Clusterdenken

Viel schwieriger – Clusterdenken, was Frau kann oder vielleicht nicht kann z.B., was verdeckten Sexismus hervorbringt. Dem ist kaum zu beizukommen. Schwieriger auch und vielleicht in letzter Instanz, Rudelverhalten. Männer bleiben vielfach ebenso unter sich – wie Frauen. Der wichtige Informationsfluss läuft dann auf dieser Ebene. Sie gehen auch ganz anders miteinander um. Und tatsächlich können sie eines besser – Streiten und dann miteinander einen trinken und gut is es bis zum nächsten Gekloppe. Um da rein zu kommen gilt:„When in rome do as the romans“. Ergebnisse echter Integration – Dein Kollege fragt sich/dich in der Kantine verträumt, ob Kollegin X, die gerade am Fenster vorbei geht, ein Höschen unter ihrem Rock trägt oder nicht. Oder Du sitzt nach einem harten Meetingtag mit gut 10 Männern in einer rauchigen Hütte und rauchst ne echt gute Zigarre. Die Besprechung beginnt mit „Gentlemen, Lady, guten Morgen“. Gut trinken können bis in den frühen Morgen schadet zuweilen auch nicht, seine Grenze exakt kennend. Fußballfan sein ist eh gesetzt, es geht aber zur Not auch ohne.

Mit Männern zu arbeiten ist unkomplizierter, laxer und offener als mit Frauen

Warum ich eher lieber mit Männern als Frauen arbeite? Es ist oft unkomplizierter, laxer, offener (wenn auch nicht ehrlicher). Seltener dauernachtragend, neidisch oder voll-intrigant.
Auch diese Firma hat erkannt, dass sie zu wenig Frauen in wichtigen Positionen hat. Nun wird extra groß gegendert. Die Hürden werden niedriger, der Beweiszwang geringer. Man gibt sich eher mit gleicher Leistung wie von Kollege Mann zufrieden, nicht einem deutlichen Mehr.

Tränen im Büro sind heute kein Problem mehr

Die Mädels werden also im Schnitt weniger Energiecredits verbrauchen müssen, als Frau meiner Generation. Und es gibt sie nun auch, die technischen Außendienstlerinnen. Tränen im Büro z.B., früher knock-out, sind heute kein Problem, um mehr Verantwortung zu bekommen. Und es wird sich auch gern wieder an die Männer dran gehängt. Männliche Fürsprecher aus dem Management sind doch schon sehr praktisch. Angekommen. „weiter oben“, werden sie ihre eigenen Erfahrungen machen.
Ist es nun eine Errungenschaft der Frauenbewegung, dass sich die Arbeitswelt ändert? Oder der Allgemeinheit? Oder ist es eine simple wirtschaftliche Notwendigkeit, weil sich die passenden Mitarbeiter immer schwerer finden lassen? Oder sind es Einzelleistungen weniger Wegbereiterinnen, die statt zu kämpfen es einfach tun?

Madame soi-même

Das Ganze ist wie immer mehr als die Summe aus dem Einzelnen.
Für mich steht am Ende fest, tun müssen auch hier nicht nur die anderen, auch Madame soi-même.


Lesetipp: Martina Angela Friedl hat für die AK Wien eine Studie erstellt, für die sie eine Reihe von international tätigen Unternehmen in Österreich und 5 Expertinnen zum Thema Frauen in technischen-naturwissenschaftlichen Berufen befragt hat. Das Ergebnis ist bei der Arbeiterkammer Wien zum Runterladen: „Rekrutierung von weiblichen Fachkräften im technischen-naturwissenschaftlichen Bereich – Herausforderungen und Best Practices“  Das Titelbild der Studie haben wir als Beitragsbild ausgewählt.

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