“Für Verschwörungstheoretiker sind Filmchen und Youtube-Videos das Mittel der Wahl”

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Aktivisten der österreichischen Plattform “Gruppe 42” dürfen die Identität von Wikipedia-Autor “Feliks” nun öffentlich outen. Das hat das Landgericht Hamburg vor kurzem entschieden. Die “Gruppe 42” war mit seinen Artikelbearbeitungen nicht einverstanden und hatte ihn daher geoutet. Wikipedia wurde damit nicht zum ersten Mal Schauplatz einer Auseinandersetzungen um “die Wahrheit“, bei der es Verschörungstheoretiker direkt auf die Person eines ihrer Gegenüber absahen. Wir haben mit einem Wikipedia-Insider, sein Nutzername ist Elektrofisch, über diesen und andere Fälle von “Doxing” gesprochen: Wenige Stunden nach Urteilsveröffentlichung tauchten auf Twitter Nahaufnahmen von “Feliks” auf. Und auf KenFM wurde berichtet, dass “Feliks” im wirklichen Leben ein konvertierter Jude sei.


Die Plattform Gruppe 42 hat sich das Recht erstritten, den Klarnamen eines Wikipedia-Autors zu outen, mit dessen Artikelbearbeitungen sie nicht einverstanden waren. Warum wollen die das eigentlich?

Es ist nicht das erste Mal, dass Verschwörungstheoretiker die Anonymität von Wikipedia-Autoren durchbrechen. Das letzte Mal versuchten sie Druck auf einen Autor zu machen, in dem sie ihn bei seinem Arbeitgeber anschwärzten. Damals ging es um das Umfeld der Truther-Bewegung, bzw. um Anhänger von Daniele Ganser.
Auch damals wurden visuelle Medien produziert, die den Autor “enttarnen” sollten. So verbindet sich dann das Praktische mit dem generellen Ansatz von Verschwörungstheoretikern.

Waren sie eigentlich bei der ersten genannten Aktion erfolgreich? Hat der Betroffene wirklich seinen Job verloren?

Ich vermute nein. Bezeichnend übrigens, dass so etwas damals auch über Filmchen initiiert wurde.

Sind Klagen, die aus der Verschwörerszene kommen, als Einschüchterungsversuch zu werten. Wie ist aus deiner Sicht der Stand im “Kampf um die Wahrheit” auf Wikipedia”?

Es gibt jetzt eigentlich eine andere Strategie: Man klagt nicht direkt gegen Wikipedia, man versucht nicht den regulären Weg über die Diskussionsseiten der Artikel, sondern eben über Klagen oder andere Maßnahmen “außerhalb” von Wikipedia, gezielt gegen Personen.

Interessant übrigens: Auch der Filmemacher, der laut Standard und laut eigener Angabe die Recherchen der “Gruppe 42” zum Wikipedia-Autor “Feliks” mitbetrieb, war Wikipediaautor. Er hat dabei unter anderem einen eigenen Personenartikel bearbeitet. Das ist ein absolutes “No go”. Er hat also in Wikipedia munter mitgemischt und dort versucht, seine Verschwörungstheorien unterzubringen. Daran ist er allerdings gescheitert und nun mit einer unbefristeten Sperre belegt.

Apropos Sperre auf Wikipedia. Was ist eigentlich aus dem AfD Politiker geworden, der als MAGISTER im Schiedsgericht von Wikipedia saß? (Semiosis hatte den Fall damals aufgedeckt, den Klarnamen recherchiert, diesen aber nicht veröffentlicht.)

Wohl nicht viel. Er ist nach wie vor aktiv. Nachweislich hat er  dieses Jahr schon “Dschingis Kahn” bearbeitet. Aber auch den Artikel zu “Alice Weidel”. Die gewählten Funktionen bei Wikipedia ist er allerdings los und auch als Mentor im Bereich Geschichte flog er raus.
Im Bereich Militärgeschichte verlinkte er etwas in “Panzerschlacht bei Dubno-Luzk-Riwne”

Wie hoch würdest du insgesamt den Einfluss von Rechtsextremen und Verschwörungstheoretikern auf Wikipedia beurteilen?

Schwer zu sagen. Das Problem ist das schleichende Umschreiben von Geschichte. Bei Militärgeschichte etwa oder bei Burschenschaften. Teilweise ist das strukturell fixiert. Zum Beispiel durch veränderte Relevanzkriterien, die sich nicht (mehr) an wissenschaftlicher Literatur orientieren,  sorgen dafür, dass der Anspruch von Wikipedia, nur gesichertes Wissen zu bieten, mit sehr “interessenorientierter Literatur” gefüllt wird. Etwa mit Veteranenliteratur, Kameradschaftsliteratur oder der Hausgeschichtsschreibung von Burschenschaften. So zum Beispiel unlängst im Artikel zu FPÖ-Übervater Franz Dinghofer. Dieser enthält nur einen schwachen Verweis auf den Antisemitismus der Person. Da, wo es direkt politisch wird, ist Wikipedia allerdings wach. Zwar behindert der braune Flügel somit die Artikelarbeit, ganz umschreiben kann er Wikipedia aber nicht.

Also gehen sie jetzt mit anderen Strategien vor?

Ich denke Wikipedia ist ein großes metapolitisches Projekt. Der Hinweis auf Filmchen und Youtube-Videos in meinem ersten Statement kam nicht von ungefähr. Früher drückten sich Verschwörugstheorien in Büchern mit großen Apparaten an Nachweisen aus, sozusagen pseudowissenschaftlich in der Form. Heute sind Filmchen z.T. ohne solche Nachweise das Mittel der Wahl.
Der erreichte Status scheint den FPÖ-Freunden ausreichend und den Gegnern nicht verdächtig genug. Es gibt ja Leute, die ganz unterschiedlich und mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichem Können Wikipedia von rechts beeinflussen wollen. Es wird aber auch da enger.

Kannst du dafür ein Beispiel nennen?

Zum Beispiel, wenn man in das Umfeld der deutschen Verteidigungsministerin gerät, weil man an einem Artikel über einen NS-Künstler arbeitet, der zu deren Familie gehört. Da wird im vorwikipedianischen Raum mit Gutachten und Klagen gearbeitet. Die schränken einen sauberen Artikel ein – beziehungsweise kann dann Wikipedia den Konflikt nur noch im Text darstellen, weil da mit viel Geld gezogen wurde.

Zurück zum Fall “Feliks”: Teilst du die Einschätzung von Wikimedia (der Stiftung hinter Wikipedia), dass der Beklagte “Feliks” sich selbst ganz gerne öffentlich zur Schau stellt und daher Mitschuld an dem Verfahren hat?

Ich glaube, da sind Nutzen und Pflichten ungleich verteilt. Wikipedia hat einen Nutzen und sollte selbst mehr für Autoren, die ja ihr Kapital sind, tun. Wenn sich Dienste wie Alexa kostenlos in Wikipedia bedienen, dann ist andersrum nicht einzusehen, warum die Gefahren und Risiken von Wikipedia alleine auf den Autoren lasten.

Wie geht es jetzt weiter?

Nur wenige Stunden nach dem Urteil in Hamburg haben zwei Twitter-Accounts begonnen, Privatfotos mit Nahaufnahmen von Feliks zu verbreiten. Die beiden Twitter-Accounts waren als IPs bereits in Wikipedia einschlägig bekannt, und sind auf Twitter mit der Gruppe42 befreundet. Beide Accounts fallen durch Tweets auf, die gezielt die Deanonymisierung von Wikipedia-Benutzer betreiben. Zum Glück hat Twitter mittlerweile reagiert. Die Fotos sind gelöscht, die Accounts zeitweise gesperrt. Wir sollten Feliks unterstützen.

5 Kommentare

  1. Die beiden Twitter-Accounts waren als IPs bereits in Wikipedia einschlägig bekannt, und sind auf Twitter mit der Gruppe42 befreundet.

    Darf ich fragen, wie man zu dieser Erkenntnis gelangt ist? Haben diese beiden Twitter-Accounts ihre IPs als Twitternamen angegeben, oder war hier jemand am Werk, der über entsprechendes Know-How und die Software verfügt, um sich die IPs anzeigen zu lassen, mit denen man sich in Twitter einloggt?

  2. Liebe Blogger, so geht Journalismus nicht! Sie nennen uns (die Journalisten von Gruppe 42) “Aktivisten”, worin besteht Ihrer Meinung nach unser Aktivismus? Im Unterschied zu Ihnen arbeiten wir quellenbasiert und weisen alle unsere Behauptungen konkret nach, lückenlos. Und zwar so, dass selbst das ultrakritische Landgericht Hamburg dem im Wesentlichen folgen musste. Mich würde interessieren, wo Sie da Fehler in unserer Arbeit gefunden haben? Sie schreiben:
    “Die “Gruppe 42” war mit seinen Artikelbearbeitungen nicht einverstanden und hatte ihn daher geoutet.” Oh, dann waren wir von der Gruppe 42 einfach nur verstimmt, und haben aus niederen Motiven den Herrn Grünewald aka “Feliks” enttarnt. Und dieser hat gute Artikelarbeit geleistet. Denn Sie erwähnen ja nichts Negatives. Und das ist dann Ihrer Meinung nach überhaupt nicht wichtig, dass dieser Herr sich massiv an Persönlichkeitsrechten von dritten im deutlich zweistelligen Bereich vergriffen hat (darunter Parteigenossen der Linken und ihm unliebsame Kabarettisten, die gleich reihenweise unberechtigter Weise mit Antisemitismus in Verbindung gebracht wurden). Und zusätzlich wird die Wikimedia von Grünewald so manipuliert, dass Geheimdienste und Exekutive des Staates Israel möglichst im besten Licht dargestellt werden und vor allem von Menschrechtsverbrechen reingewaschen werden. Alles unwichtig für Sie. Denn Sie haben davon nichts geschrieben.
    Dass Wikipedia mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist. Unwichtig. Warum wir so argumentieren. Unwichtig. Dass in Wikipedia wesentliche Aspekte ausgeblendet werden, weil eine ganze Armada an verlässlichen Publikationen aus fadenscheinigen Gründen ausgeschlossen wird. Unwichtig. Dass wir dezidiert die Zensurmethoden nachgewiesen haben. Unwichtig. Dass nachgewiesen falsche Textpassagen nachdrücklich trotz mehrfacher Interventionen im Artikel Daniele Ganser zu dessen Diskreditierung gehalten werden. Unwichtig! All das ist Ihnen keine Erwähnung wert, noch nicht mal in der Form, dass Sie schreiben könnten, dass wenigstens die Gruppe 42 bzw. Herr Pohlmann und Herr Fiedler das so sehen. Und selbstverständlich führen wir dem Tenor Ihres Artikel nach nichts Gutes im Schilde, wenn wir solch problematische Charaktere wie Feliks offenlegen. “Verschwörungstheoretiker”, das muss natürlich immer als Kampfbegriff erwähnt werden, wenn man nichts Substanzielles vorbringen kann. Warum sagen Sie nicht gleich “Spinner”? Das wollten Sie doch sagen, oder nicht? Sie bemühen sich noch nicht einmal ansatzweise, den Fall Feliks / Grünewald korrekt zu beleuchten. Ganz schlechter Journalismus. Schon mal etwas von Sorgfaltspflicht eines Journalisten gehört? Wissen Sie was Recherche ist? Offenbar nicht.

    Mit freundlichen Grüßen, Markus Fiedler

    1. Wo hätten die Semiosis-Autoren erwähnt, sie seien Journalisten? Mir wäre das jedenfalls nicht aufgefallen. Interessant ist aber die Blattlinie dieses Blogs:
      Der Blog ist unabhängig von politischen Parteien oder Organisation. Weder der Betreiberverein noch die Autoren bekommen irgendwelche Zuwendungen von Parteien, anderen politischen Organisationen oder Medien. Er finanziert sich ausschließlich aus ehrenamtlicher Tätigkeit und Spenden. Der Blog versteht sich als Plattform für Diskurs über (linke) Politik, wobei die Verfasser equidistant zu allen Parteien sind.

      Das equidistant zu allen Parteien gilt aber wohl auch erst ab dem Zeitpunkt, als es die Blogbetreiber vermasselt haben, eine gemeinsame Linke Partei (Österreich Anders, jetzt KPÖ+) in Österreich auf die Beine zu stellen.

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