Franz Dinghofer auf Wikipedia: Eine interessante Bearbeitungsgeschichte

Deutsches Recht in Österreich, 1/2 (1938, S.29)

Wer Informationen über eine Person oder eine historisches Ereignis sucht, schaut auf Wikipedia. Der erste Eindruck zählt. Sogar der ORF verweist in seinem Artikel zu Franz Dinghofer auf die Internet-Enzyklopädie. In den vergangenen zehn Jahren hat es dort nachweislich etliche Änderungen von Artikeln über weit rechtsstehende historische Persönlichkeiten gegeben. Sie wurden so weiß gewaschen, wie dies möglich war. Ein Beispiel dafür ist der Wikipedia-Eintrag zu Franz Dinghofer. Der „Baumeister“ der österreichischen Republik war bekennender Antisemit und NSDAP-Mitglied. Er baute eher am dritten Reich denn an einer demokratischen Republik. Eine Recherche aus dem Bauch von Wikipedia von Elektrofisch. (Anmerkung 17.3.2019: Aufgrund unserer Recherche hat Wikipedia schnell reagiert. Der Beitrag ist nun deutlich differenzierter und enthält seriöse Quellen.)


Antisemitismus ohne Antisemiten

Von 1911 bis zur Auflösung Österreich-Ungarns 1918 war Franz Dinghofer Reichsratsabgeordneter. Dinghofer war Begründer des Deutschen Volksbundes. 1919 gründete er die Großdeutsche Vereinigung, aus der 1920 die deutschnational und antisemitisch gesinnte Großdeutsche Volkspartei hervorging, deren Obmann er auch war.

Diese Passage findet sich auf der Webseite des Franz Dinghofer Institutes. Im Duktus sehr ähnlich liest sich bereits die erste ernsthafte Anlage des Artikels über Dinghofer auf Wikipedia. Geschrieben hat diesen Beitrag zu Dinghofer der heutige Wikipediaadministrator „Otto Normalverbraucher“ am 14. September 2005, also vor 14 Jahren. Und offensichtlich findet das Dinghofer-Institut die wunderbar passive Wendung, die vermeidet, Dinghofer offen einen Antisemiten zu nennen, heute noch attraktiv. Aber: Wie kann man eine antisemitisch gesinnte Partei gründen, ohne nicht auch selber Antisemit zu sein?

„The making“ eines deutschnationalen Säulenheiligen

Auf diesem Fundament wurde der Artikel auf Wikipedia ausgebaut. Und seine Bearbeitungsgeschichte zeigt, wie durch Auslassungen und Verwendung eigentlich unzulässiger Quellen das Wunschbild des FPÖ Säulenheiligen gepflegt wurde.
Ein Jahr nach dem Anlkegen des Namens hatte sich nicht viel getan, Details wurden nur etwas ausgeschmückt, wie der Vergleich mit der Artikelversion „Otto Normalverbraucher“ vom 28. Dezember 2006 zeigt.
Hinzugekommen ist ein Bild mit einer Quellenangabe: Archiv der Stadt Linz.
Es folgen kleinere Veränderungen, die unter anderem Dinghofers kommunalpolitische Leistungen aufzählen. An der grundsätzlichen Ausrichtung ändern sie nichts. Auffällig ist, dass der Text fast ausschließlich von Autoren mit Österreichbezug editiert wird. So etwa die Version vom 23. Januar 2009.

Es folgt: Die politische Verschönerung

Auf diesem Sockel vorgeblicher bürgerlicher Rechtschaffenheit baut später die politische Verschönerung auf. Der erste Schritt ist diese Änderung vom 6. Mai 2011 durch den österreichischen Benutzer Pappenheim, der sich auf seiner Benutzerseite als gedienter Kunsthistoriker mit einem Faible für Militär und Militärgeschichte präsentiert. Außerdem bezeichnet sich Benutzer Pappenheim als Gegner von Anglizismus und dem Weltbürgertum. Pappenheimer verändert den Link in der Einleitung zu „österreichischer Richter„. Dieser sollte nämlich nicht mehr auf den Staat hinweisen, sondern auf eine „Österreichische Identität“. Weiterhin fügt er einen Abschnitt „Rezeption“ ein, der als einzigen Eintrag diesen Text hatte:

Anlässlich des 92. Jubiläums der Ausrufung der Republik Österreich fand im Parlament auf Initiative des Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf ein Symposium zu Ehren Franz Dinghofers statt. Im Vorfeld dieses Symposiums kam es auch zur Gründung des “„Dinghofer-Instituts, Studiengesellschaft für Politikforschung (DI).

Die Veranstaltung im österreichischen Parlament dient als Nachweis der Seriösität der Quelle. Indessen versteht sich das Dinghofer-Institut als privater, nicht gewinnorientierter Verein mit dem „Zweck der Förderung von Forschung und Lehre in den Bereichen Rechtswissenschaften, Medizin, Theologie und Ethik sowie Philosophie, insbesondere der Rechtsphilosophie„.
Der Nachweis ist also nicht etwa eine gedruckte Quelle, oder Berichte seriöser Medien. Als Nachweis dient schlicht die Homepage des „Institutes“. Dieses Vorgehen ist meilenweit von Ausgewogenheit oder seriöser Quellenarbeit entfernt. Und diese wäre der Anspruch von Wikipedia.

Ersetzt der Jahresbericht eines Gymnasiums eine nationale Geschichtsschreibung?

Die im Eigenverlag von einem ehemaligen Schulleiter herausgegebene Festschrift: „Othmar Rappersberger: Auch sie waren einmal an unserer Schule – Dr. Franz Dinghofer, in: 118. Jahresbericht des Bundesgymnasiums Freistadt, Eigenverlag, Freistadt 1988“ wird hier von mehreren Autoren als Quelle angeführt. Diese für die allermeisten Nuterinnen und Nutzer unverfügbare Quelle ist die Basis der immer weiter ausgeschmückte Bedeutung Dinghofers bei einem nationalen Großereignis, der Etablierung der Provisorischen Nationalversammlung 1918.

Welche Quelle ist eine Quelle?

Sollte eine solche nationale Bedeutung wirklich keine Quelle in der etablierten Geschichtsschreibung haben? Oder war Dinghofers Beteiligung hier so gering, dass man sie aus abseitigen Quellen herbeizaubern muss?
Eine weitere meinungsstarke Randgruppe ist auf Wikipedia bekannt für das Schönen von Biographien rechter und rechtsextremer Persönlichkeiten: Verbindungsstudenten bzw. alte Herren. Und so ergänzt Wikipediabenutzer „Hsingham 12. November 2011 den Dinghofer-Eintrag nach Hausgeschichtsschreibung mit Daten aus dem Handbuch der deutschen Burschenschaft.
Schaut man auf andere aktuelle Artikel, an denen Hsingh arbeitet (etwa über den Bildhauer Rudolf Weyr) , so findet man auch hier Autoren, über die man schon beim Dinghofer-Beitrag gestolpert ist: Etwa Wolfgang J. Kraus. Und natürlich ist auch Rudolf Weyr eine Zierde des österreichischen Waffenstudententum. Weyr war Mitglied der Olympia Wien, wie auf Wikipedia wenig regelkonform mit einem Link auf die Homepage der Olympia belegt wird. Auch das ist wenig seriöse Belegarbeit.

Hausgeschichtsschreibung statt seriöser Quellen

Bis auf kleine Änderungen blieb der Artikel bis in den Februar 2019 gleich. Einer Retusche erfolgte durch das Hinzufügen eines biographischen Details zu seiner Entlassung 1938. Im Februar 2018 wurde die Verehrung Dinghofers durch die FPÖ kritisch diskutiert, weil wiederum eine Parlamentsveranstaltung zu seiner Weißwaschung herhalten sollte.
Seine Rolle für den Staat Österreich wird dabei betont, sein Antisemitismus wird marginalisiert. Im aktuellen Text wurde seine NSDAP-Mitgliedschaft vermekt, nachdem sie durch eine Veröffentlichung des Mauthausen-Komitees im März 2019 bekannt wurde. Aber: Eine solide Beschreibung der Person und ihrer Politik, die neue, seriöse Literatur auch über die von ihm gegründete Großdeutsche Volkspartei und deren Kampfbund mit der NSDAP berücksichtigt, fehlt völlig.

Die Hermann Göring Werke in Linz

Als kleines Schmankerl noch ein Zitat aus der aktuellen Fassung auf Wikipedia:

Zur Gründung des Linzer Betriebes der Reichswerke Hermann Göring (der späteren VÖEST), eines zu 90 Prozent im Staatseigentum befindlichen Unternehmens, wurde das Schöllergut in Linz Waldegg, das seine inzwischen verstorbene Gattin in die Ehe eingebracht hatte, 1938 enteignet.

Einen Beleg für diese These bleibt Wikipedia schuldig. Es gibt Hunderte von Biographieartikel auf Wikipedia, die so geschönt worden sind: Die auf Hausgeschichtsschreibung beruhen, die unbelegte Mythen enthalten –  alles Dinge, die eigentlich gegen die Regeln von Wikipedia verstoßen. Nur wenn eine hinreichend große Zahl von Autoren das voran treibt, ist so etwas möglich. Man wünscht sich ein ganzes Rudel von Historikern, die diese populistischen Geschichtsseifenopern gründlich auf Fakten reduziert und das Weggelassene ergänzen.

Dinghofer kämpfte stets für den Gedanken des Großdeutschen Reichs

Der Enteignung von 1938 entgegen steht folgendes Dokument aus der Zeitschrift Deutsches Recht in Österreich. Zu Lebzeiten wurde Dinghofer im Stile seiner Zeit gewürdigt. Dort heißt es:

Dr. Dinghofer war Mitglied des alten österreichischen Abgeordnetenhauses, wurde dann als Führer der Großdeutschen Partei auch in den Nationalrat gewählt, wo er – ebenso wie nach seinem Ausscheiden aus der der aktiven Politik – stets für den Gedanken des Großdeutschen Reiches mit dem ganzen Einsatz seiner Persönlichkeit kämpfte. (Aus: Deutsches Recht in Österreich, 1/2, 1938, S.29, der Auszug daraus ist das Beitragsfoto hier.)  

Er hat also weniger an einer Republik gebaut als an einem Reich.

2 Kommentare

  1. Kleiner Nachtrag. Kritik wirkt. während ein Beitrag über die politische Voreingenommenheit des Artikel den ich vor etwas Zeit für die Onlinezeitung der Wikipedia geschrieben hatte, wirkungslos verpufft ist. Wurde der Artikel am 15. und 16. März gründlich überarbeitet.
    Die Artikeleinleitung ist nun deutlicher: „Franz Seraph Dinghofer (* 6. April 1873 in Ottensheim; † 12. Jänner 1956 in Wien) war ein österreichischer Richter und deutschnationaler Politiker zur Zeit des Ersten Weltkriegs und der Zwischenkriegszeit. Er war „Ausrufer“ der Ersten Republik und hatte mehrere hochrangige Funktionen inne, wie etwa als Dritter Nationalratspräsident oder Vizekanzler. Nach seinem Rückzug aus der Politik war er von 1928 bis 1938 Präsident des Obersten Gerichtshofes. Dinghofer war bekennender Antisemit. Aufgrund seines NSDAP-Aufnahmeantrags vom 18. April 1940 war er ab 1. Juli 1940 NSDAP-Parteimitglied. “

    Nur zur Partei des Herren, deren Positionierung gut belegt in semiosis schon Thema war erfährt man nichts. Und die „Affäre Béla Kun“, ist immer noch drin. Ein Begriff der sich mit Google nur im Zusammenhang mit Dinghofer findet und in einer Publikation eines Freiburger Sektenverlages. Was nun an Béla Kun in Zusammenhang mit Dinghofer eine Affäre war verrät weder der Artikel zu Dinghofer noch zu Kun. Dabei kann die Nennung von Kun wohl alle feuchten Träume von Antisemiten initiieren, da dieser die Wahnidee des jüdisch – bolschewistischen Terror auch in der zeitgenössischen Propaganda erfüllte.

    Elektrofisch

  2. „Auffällig ist, dass der Text fast ausschließlich von Autoren mit Österreichbezug editiert wird.“

    Wow, was für eine besonderheit bei einem öst. Politiker.

    Richtiges Recherchergenie, dieser Piefke. Immer schön die Ösis anpatzen, so macht das Spaß.

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Share via
Copy link