Geehrt und im Parlament gewürdigt: Der antisemitische “Baumeister der Republik” Dinghofer

Am 8. November 2018 wollte Anneliese Kitzmüller (FPÖ) die Zeitung “Zur Zeit” im Parlament ehren lassen. Mit dem Franz Dinghofer Preis. Dieses Vorhaben musste sie nach Protesten fallen lassen. Dinghofer und besonders “Zur Zeit” erschienen als anrüchig. Nun kehrt Dinghofer zumindest zurück ins Parlament. Präsentiert wird eine ORF-Dokumentation über den “Baumeister der Republik“. Zur Veranstaltung bitten, neben Kitzmüller auch Vizekanzler Strache und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Ein Kniefall  des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Vielleicht. Aber sicher ein ideologisches Meister- und Schurkenstück. Eine Recherche zu den deutschnationalen Wurzeln der Kurzschen Republik von Sebastian Reinfeldt.


Die Dritte Präsidentin des Nationalrates, Anneliese Kitzmüller, Vizekanzler Bundesminister Heinz-Christian Strache und ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz laden gemeinsam zur Präsentation der ORF-III-Dokumentation BAUMEISTER DER REPUBLIK – FRANZ DINGHOFER am Montag, dem 18. Februar 2019, um 18:30 Uhr in das Palais Epstein ein.” So steht es in der offiziellen Einladung zu diesem denkwürdigen politischen Ereignis. Zu dem es eine skandalöse Vorgeschichte gibt.

Rückblende: Die abgesagte Preisverleihung im November 2018

Das FPÖ nahe Dinghofer Institut wollte die Zeitschrift Zur Zeit, ein (laut DOEWVorfeldorgan des Rechtsextremismus” am Vorabend des Gedenkens an das Pogrom 1938, am 8.November, im Parlamentsgebäude mit einem Preis auszeichnen. Dieser ist nach Franz Dinghofer benannt und wird vom gleichnamigen Institut verliehen. Als dagegen protestiert wurde, sagte Nationalratspräsidentin Anneliese Kitzmüller die Veranstaltung im Parlament ab. Der Preis wurde außerhalb verliehen. Im Zuge dieser Absage höhnte FPÖ-Klubobmann Walter Rosenkranz in einem Interview mit der Kleinen Zeitung, dass die Israelitische Kultusgemeinde doch bitte eine Liste vorlegen solle,

welche Tage für die jüdische Gemeinschaft in Österreich besonders schicksalhaft und von großer Bedeutung sind. Und ich will wissen, wie viele Tage davor und danach hier noch zu berücksichtigen sind.

Diesmal kein “schicksalshafter” Tag

Montag, der 18. Februar 2019, ist also kein “schicksalshafter Tag”. Es soll ein Tag wie jeder andere werden. An solch einem Datum werden einige “Höhepunkte” aus der  ORF-Dokumentation zur Person Franz Dinghofer im Parlament gezeigt werden. Darauf folgt eine moderierte Gesprächsrunde. Im Anschluss laden die Gastgebenden zu einem Empfang. Im Einladungstext wird Dinghofer als Lichtgestalt des dritten Lagers charakterisiert:

Er war der „Verkünder” der Republik: Am 12. November 1918 rief Franz Dinghofer unter dem Jubel der versammelten Masse vor dem Parlament die Republik Deutschösterreich aus. Der ehemalige Richter,der nach seiner politischen Karriere 1928 als Präsident des Obersten Gerichtshofs wieder in den früheren Beruf zurückkehrte, war aber vor allem eines: Mitbegründer und bedeutende Führungspersönlichkeit des dritten großen politischen Lagers der Ersten Republik.

Das Wirken Dinghofers

Mit historischen Aufnahmen und Interviews soll das Wirken dieser besonderen “Führungspersönlichkeit” des dritten Lagers gezeigt werden. Jenen dritten Lagers, das nunmehr in Gestalt der FPÖ sichtlich stolz ist, im Machtzentrum der Zweiten Republik zu stehen. Soll sein. Tatsächlich rief Dinghofer am 12. November 1918 als Präsident der provisorischen Nationalversammlung “die Republik Deutschösterreich” aus. Genauso tatsächlich gehörte Dinghofer 1920 zu den Gründern der Großdeutschen Volkspartei, einem Sammelbecken deutschnationaler Gruppierungen, dessen Obmann er wurde. In ihrem Parteiprogramm äußerten sich die Großdeutschen völkisch und hetzend antisemitisch. 1933 schlossen sie dann eine Kampfgemeinschaft mit der NSDAP.

… “die Anerkennung Adolf Hitlers als des Führers des gesamten Deutschen Volkes”

Dieser Kampfbund, die nationale Einheitsfront, hatte eine bedeutende politische Ausrichtung: nach Deutschland hin und damit zu dem damals neuen deutschen Führer, Adolf Hitler.

“In ernster deutscher Schicksalstunde tritt die nationale Einheitsfront in den Kampf gegen alle Feinde der deutschen Einheit, Freiheit und Größe, entschlossen, auszuharren und durchzuhalten bis zum Siege. […] Der unbedingte Abschlusswille an das heutige Deutschland ist ein Bekenntnis der Grossdeutschen Volkspartei zum neuen Deutschland, dieses aber schliesst in sich die Anerkennung Adolf Hitlers als des Führers des gesamten Deutschen Volkes.” (zitiert nach Richard Voithofer, Drum schließt Euch frisch an Deutschland an …« Die Geschichte der Großdeutschen Volkspartei in Salzburg 1920-1936, Wien 2000)

Antisemitische Tradition

Die Großdeutschen bereiteten nicht nur Hitler den Weg nach Österreich, sie waren glühende Antisemiten. In Wahlreden und Parteiprogramm wurde diese überdeutlich ausgedrückt. Der “Judenfrage” wurde im Salzburger Programm von 1920 ein eigenes Kapitel gewidmet. Ganz im Stile antisemitischer Hetze ist darin von Juden als Parasiten die Rede:

Der Parasit kann eben in einer auf sich selbst gestellten Gemeinschaft nicht leben, er braucht einen fremden Körper, auf dem er wuchern kann.

Die deutsche Volksgemeinschaft

Dem als parasitär bezeichneten Judentum steht die organische deutsche Volksgemeinschaft gegenüber. Sie wurde als homogene, rassisch bestimmte Einheit bestimmt. Wenn dieses deutsche Volk zu sich selbst findet, dann werde dies automatisch das Ende einer vermeintlichen jüdischen Herrschaft bedeuten.

Je mehr die Volksgemeinschaft erstarkt, desto mehr wird die Machtstellung des Judentums geschwächt. Die vollendete Verwirklichung der Volksgemeinschaft würde das Ende der jüdischen Herrschaft bedeuten. Darin erblicken wir eine bedeutsame Bestätigung für die innere Folgerichtigkeit der Richtlinien unserer Politik. (aus: Das „Salzburger Programm“ der Großdeutschen Volkspartei )

Eine Vorhersagte, die sich in den folgenden Jahrzehnten in der Shoah durchaus bewahrheitet hatte.

Ein ideologiepolitisches Meister- und Schurkenstück

Wer durfte in der Republik, die Dinghofer verkündet und gebaut hatte, noch leben? Bereits 1923 fand der großdeutsche, völkische Antisemitismus seinen parlamentarischen Ausdruck in einem Gesetzentwurf, die Volks- und Rassezugehörigkeit bei der Volkszählung verpflichtend festzuhalten. Einen Repräsentanten dieser rassistischen Strömung zum “Baumeister der Republik” zu erklären, kann sich nicht auf eine zweite Republik beziehen, die in den Gängen der Konzentrationslager errichtet wurde. Die, neue, Kurzsche Republik versteht also die Macher des Nationalsozialismus als ihre “Baumeister”. Dass dies in den Räumen des “Hohen Hauses” und unter aktiver Beteiligung des ORF passiert, ist ein ideologisches Meister- und Schurkenstück zugleich. Schurkenhaft daran ist die ihr implizite Verhöhnung der Opfer der Shoa.


Zitatnachweise:

Richard Voithofer, “Drum schließt Euch frisch an Deutschland an …” Die Geschichte der Großdeutschen Volkspartei in Salzburg 1920-1936, Wien 2000

Kathrin Hechenberger, „Das Frauenbild in der Wochenbeilage „Die deutsche
Frau“ des „Vorarlberger Tagblatts“ von 1932 bis 1933“, Magisterarbeit (darin Auszüge aus dem Salzburger Programm von 1920)

Juden als Parasiten
Auszug aus dem Salzburger Programm

 

Regina Fritz, Großdeutsche Volkspartei (Österreich), in: Wolfgang Benz, Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Berlin/Boston 2012, S.295


Bildnachweis: @OENB: https://www.parlament.gv.at/WWER/PAD_00219/lightbox.shtml?backurl=https%3A%2F%2Fwww.parlament.gv.at%2FWWER%2FPAD_00219%2Findex.shtml%23tab-Fotos#

Sitzend v.l.: Viktor Kienböck, Iganz Seipel, Michael Hainisch, Karl Hartleb, Karl Vaugoin; stehend v.l.: Franz Dinghofer, Richard Schmitz, Josef Resch, Hans Schürff, Andreas Thaler.

2 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Landeshauptmann!
    Als ehemaliger untriebiger Landeshauptmann von Niederösterösterreich reichen Ihre Zeitressopurcen keineswegs, um mein Mail – gesendet an den Zukunftsfonmds der Republik Österreich zu beantworten. Die Sekretärin dieser Institution hat mir die Weiterleitung zumindest zugesichert.
    Ich habe in diesem Mail meine Verärgerung über die Ausstrahlung der Dokumentation “Franz Dinghofer, Baumeister der Republik” kunbd getan.
    Franz Dinghofer war neben Georg von Schönerer einer der Wegbereiter für das weitere Wirken von Adopplf Hitler. Die Mitgliedschaft bei der
    Burschenschaft “Ostmark” war mehr als Programm. Sein freiwilliger Beitritt bei der NSDAP war keine Zwangmaßnahme wie im Film angedeutet.
    Die Enteignung seines “Sacherls” in Linz war keineswegs eine Arisierung. Keine Stadt in Österreich erhielt so viel Unterstützung wie die “Führerstadt Linz (Hermann-Göring, Werke, Stickstoffwerke, 11.000 Wohnungen,…) für den geplanten Krieg. Der Vorort St. Peter verschwand gänzlich von der Landfläche. Als begheisterter Radfahrer kennen Sie sicher den Reschensee am Reschenpass. Ein ganzes Dorf verschwand in den Fluten. Als Landeshauptmann begleiteten Sie wohl oder übel Enteignungen für Stromtrassen, Bundesstraßen und Autobahnen. Es ist schlichtweg naiv, diese Enteignung mit einer etwaigen Verfolgung Dinghofers durch die Nazis gleichzusetzen. Die Präsentation im Palais Epstein war die reinste Werbeverstandung für eine politische Partei im Lande. Während die Dokumentation über die Burschenschaften in Österreich wohl für immer auf Eis gelegt wurde, war HC Strache und Jungmädel Kitzmüller begeistert über die Kehrtwendung von General Wrabetz. Der dreht sich schneller wie eine Windfahne bei Sturm. Die Ansprache des LR KR Elmar Podgorschek in Thüringen hat Herr Wrabetz als Aussagen eines viertklassigen Politikers abgetan. Sie haben sicher ihre Landesräte als Landeshauptmann als .viertklassig angesehen. Gastgeber war übrigens Björn Höcke, Rechtaußen innerhalb der AfDt. Während die Historikerkommission dieser Partei bei der Vorgeschichte (Dipl. Ing. Anton Reinthaller, Endzeitverbrecher Dr. Lothar Rendulic, Friedrich Peter, Jörg Haider) kaum vom Fleck kommt, war der ORF wieder einmal erfolgreicher und betrieb Geschichtsverfälschung auf höchstem Niveau. Ihr ehemaliger Kollege LH Mag. Stelzer zog sich geschickt aus der Affäre. Er delegierte den “Sachverhalt Dinghofer” an das Lanesarchiv. Zeit genug, damit Gras über die Sache wachsen kann.
    Es war natürlich ein Anliegen des Zukunfsfonds der Republik, dieses filmische Pamphlet finanziell zu unterstützen. Als Neo-Kurator waren Sie bei der Entscheidungsfindung noch nicht dabei, sollten aber trotzdem eine Meinung zu Dinghofer & Co. haben.
    Meine Bitte um finanzielle Unterstützung für mein Projekt “Gefangenes Licht, Märtyrer im Führergau” wurde aus finanziellen Gründen abgelehnt. Allerdings hat mein Projekt eine tolle Bewertung durch den Pressesprecher Dr. Langer in der Hofburg erhalten, demnach hat unser Staatsoberhaupt mit “Interesse Einblick” genommen. Herr Prof. Högele sollte den Herren van der Bellen und Mag. wolfgang Sobotka mitteilen, war diese meine Arbeit für gut halten und er dagegen für schlecht.
    Anscheinend geht bei diversen Zuteilungen von Subventionen weniger um Qualtität, sondern um Seilschaften und Freundlwirtschaft. Natürlich gilt aber für Prof. Högele die obligate Unschuldsvermutung. Er hat sicherlich mit bestem Wissen und Geissen entschieden. Ein Zehntel der Förderung, den die Dokumentation über die Person Dinghofer erhielt, wäre anscheinend der Ruin für diesen vom Steuerzahl finanzierten Verein gewesen.
    Der Herausgeber und Besitzer des Verlages “Bibliothek der Provinz” in Weitra hat durchaus ähnliche Erfahrungen mit dem Förderwesen gemacht. Während engagierte Jungverlage bei der Förderung durch den Rost fallen, erhalten “etablierte Verlage” 150.000 € im Jahr. Er erhält übrigens nach dreißig Jahren des Bestehens immerhin 10.000 € im Jahr.
    Herr Mag. Richard Pils hat mir zugesichert, dass er demnächst mein Buch veröffentlichen will. Vom Nationalfonds würden wir 1000 € erhalten, vom Land OÖ. wohl die obligaten 10 % fürt Buchprojekte.
    Die von mir 100 aufgezeigten Einzelschicksalen von Oberösterreichern, die im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben verloren haben, haben wohl auch dafür gekämpft, dass der Antisemitismus und der Rechtsextremismus in Österreich wieder fröhliche Urstände feiern kann. Ich bedaure, dass Sie Entwicklung als Kurator beim Zukunftsfonds noch unterstützen.

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