Deutsch-Unterrichtende in AMS-Kursen kämpfen um menschenwürdige Arbeitsbedingungen

AMS-Deutschkurse in der Diskussion

“All diese Umstände führten dazu, dass nun ein Kern von KollegInnen sich dazu entschlossen hat, den Kampf für gesellschaftlich akzeptable Arbeits- und Lebensbedingungen aufzunehmen.” Dieser Satz stammt aus einem Dokument, das Deutsch-Lehrende verfasst haben. Sie arbeiten in einem Wiener Institut der Erwachsenenbildung, das im Auftrag des Arbeitsmarktservice AMS Deutschkurse anbietet. Die Kolleginnen – und die wenigen Kollegen – haben sich organisiert, sie haben zudem einen Forderungskatalog erarbeitet, in dem sie festhalten, was sie unter diesen “gesellschaftlich akzeptablen” Arbeitsbedingungen verstehen. Im Falle dieses Institutes wird derzeit wöchentlich 36 Stunden unterrichtet (4 Tage, 9 Stunden täglich, ohne eine wirkliche Mittagspause). Hinzu kommen die weitgehend unbezahlten zusätzlichen Aufgaben, wie die Verwaltung der Kurse, Kontakt zum AMS und viele mehr. Die Initiative der Beschäftigten könnte ein Weckruf auch für die Unterrichtenden anderer Institute sein. Sebastian Reinfeldt hat die AktivistInnengruppe getroffen.


Simone, Gregor und Heidrun reden immer wieder aufgeregt durcheinander, wenn sie über ihre Situation sprechen, in der sie sich seit Monaten befinden. Sie haben im Laufe des Jahres 2016 begonnen, in einem Institut in der Erwachsenenbildung zu arbeiten, das mit öffentlichen Geldern finanziert wird und das im Auftrag des AMS Deutschkurse für Migrantinnen und Migranten abhält. Im Deutschprojekt arbeiten rund 60 Unterrichtende und 20 in der Verwaltung und im Facility Management. Die Drei gehören zu der AktivistInnengruppe, die begonnen hat, für die Rechte der Unterrichtenden zu streiten.

Als einer der größten Deutschschulen für MigrantInnen in Wien sind wir einem enormen Arbeitspensum ausgesetzt: meist neun Stunden pro Tag Unterrichtszeit, das sind 3 Kurse in Gruppen von durchschnittlich 10 Personen pro Tag, also 36 Stunden pro Woche reine Unterrichtszeit! Branchenüblich werden wir dafür in unserem Betrieb nach dem kollektivvertraglichen Mindestlohn bezahlt, der 1.500 bis 1.600 Euro netto ausmacht – und das trotz akademischen Abschlusses und meist einer Fachausbildung. Die Erwachsenenbildungsinstitute, die vom AMS projektorientiert über Ausschreibungen beauftragt und bezahlt werden, sind in privater Hand und arbeiten somit profitorientiert.

Dabei ist das Thema nicht neu. Angestoßen durch einen Artikel in der Wiener Zeitung  vom Januar 2016 und einem ZiB2-Bericht sind die Arbeitsbedingungen in der Branche seit Anfang des Jahres immer wieder in der Diskussion. Gegenüber der Wiener Zeitung sprachen die Lehrenden schon damals über schlechte Bezahlung, unsichere Dienstverhältnisse, mangelnde Unterrichtsqualität und enormen zeitlichen und psychischen Belastungsdruck. Für die Beschäftigten dieses Instituts hat sich offenbar nichts geändert. Jetzt werfen die AktivistInnen noch eine gesellschaftspolitische Frage auf: Warum eigentlich werden öffentliche Gelder weitgehend unkontrolliert in private Hände gegeben, um ureigene Aufgaben der öffentlichen Hand zu erfüllen?

Sie kämpfen auch für menschenwürdige Arbeitsbedingungen

Wir sind jene Menschen, die mit körperlichen Beeinträchtigungen, Traumata und psychologischen Problemen der Flüchtlinge, subsidiär Schutzberechtigten und MigrantInnen umgehen. Wohnungssuche, Behördengänge und Geldprobleme sind ebenfalls Themen, die im Unterricht oft zur Sprache kommen, weil die SozialarbeiterInnen im Haus ebenfalls überlastet sind. Dem gegenüber steht: die Teilnehmenden haben ein Recht auf eine hohe Qualität des Unterrichts, der nur durch entsprechende Bedingungen ermöglicht werden kann.

Zu den “entsprechenden Bedingungen” eines guten Unterrichts gehörten ordentliche Arbeitsbedingungen für die Lehrenden entscheidend dazu. Denn mit Deutsch am Fließband sei niemand geholfen, meinen Gregor, Simone und Heidrun. In den konzentrierten Minuten unserer Zusammentreffens berichtet die Gruppe von den andauernden Auseinandersetzungen in ihrer Firma. Dass die Lehrenden – als Integrations-ExpertInnen sozusagen – selbst formulieren wollen, was für einen qualitätsvollen Unterricht nötig ist, sollte verhindert werden. Sie stehen dabei nicht nur der Geschäftsführung und ihrer Projektleitung gegenüber, sondern auch dem eigenen Betriebsrat.

Wir haben leider das Problem, dass der Betriebsrat behauptet, auf unserer Seite zu stehen, allerdings nur unter Druck der Gewerkschaft gewillt war, unsere Forderungen schriftlich an die Geschäftsleitung weiterzuleiten und Versprechungen nicht eingehalten werden. Insofern sind Hoffnungen, sich auf ihn zu verlassen, verblasst, da er sich unsere, wie er es formuliert, „Sorgen anhört“, sich aber gleichzeitig von der Geschäftsleitung korrumpieren lässt.

Gelten demokratische Grundrechte auch für Deutsch-Unterrichtende ?

Konkreter Anlass war der Wunsch der AktivistInnengruppe, eine Teilbetriebsversammlung nur in ihrem Deutschprojekt abzuhalten, um mit allen KollegInnen über die Arbeitsbedingungen und die Probleme in der Branche reden zu können. Und auch um darüber zu sprechen, wie sich diese Probleme lösen lassen. Es gehe ihnen ja nicht darum, Kritik um der Kritik willen zu äußern. Diese Sitzung musste förmlich erzwungen werden. Etwa die Hälfte der Beschäftigten des Deutschprojektes nahmen schließlich daran teil. Sie wurden aber im Verlauf der Versammlung massiv unter Druck gesetzt:

Nach eineinhalb Stunden ist die Projektleitung in Gefolgschaft hereingekommen und hat die Versammlung de facto dadurch aufgelöst, dass sie eine Trainerin aufgefordert hat, in die Klasse zurückzugehen, da sie ihre Betreuungspflicht verletze. Es wurde seitens der ArbeitnehmerInnenvertretung kein Einspruch erhoben.

Diese Kollegin sei nun nicht mehr im Betrieb. Worin die hier zur Begründung angeführte “Betreuungspflicht” bei erwachsenen Menschen besteht, ist allerdings unklar. Weder der Betriebsrat noch der anwesende Gewerkschaftssekretär habe gegen dieses Vorgehen in der Versammlung Einspruch erhoben, so berichten die drei AktivistInnen. Demokratische Grundrechte, die gesetzlich festgeschrieben sind, scheinen für die Unterrichtenden in dieser Firma nur eingeschränkt zu gelten. Wer sie einfordert, wird mit Verlust des Arbeitsplatzes bedroht.

Was wollen die AktivistInnen konkret?

Das genannte Papier, das an die Geschäftsführung weitergleitet werden sollte, enthält die wesentlichen Forderungen der Unterrichtenden für menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Diese sind:

  • 30 Stunden in der Klasse, 8 Stunden Vor- und Nachbereitung, keine Übernahme von fachfremden Tätigkeiten,
  • bessere Finanzierung für SozialarbeiterInnen im Haus,
  • eine systematische, psychologische Betreuung der Lernenden und SchülerInnen,
  • bezahlte Weiterbildungen während der Arbeitszeit entsprechend unserer beruflichen Herausforderungen in der Klasse
  • Offenlegung der Geschäftsbücher der Firma: Wie viel Profit machen sie mit unserer Arbeitskraft?
  • Die Eingliederung unserer Tätigkeit in den staatlichen Sektor unter demokratischer Mitbestimmung der Teilnehmenden, der Unterrichtenden und der Gesellschaft

Das wäre doch eigentlich eine vernünftige Diskussionsgrundlage. Oder?

Diskussionsveranstaltung zum Thema am 21. September 2016

Am Mittwoch, 21. September 2016 findet in der IG Architektur, Gumpendorferstraße 63b, eine öffentliche Diskussion zu diesem Thema statt. Sie wird vom Grünen Rathausclub veranstaltet. Es nehmen teil:

GRin Maga. Barbara Huemer, beschäftigungspolitische Sprecherin der Grünen Wien diskutiert mit:
– Maga. Petra Draxl (Geschäftsführerin AMS Wien)
– Dr. Sebastian Reinfeldt (Deutschtrainer und Betriebsrat, Mentor)
– Klaudia Paiha (Grüne und Alternative GewerkschafterInnen/UG)
– Dr. Maga Karin Willinger-Rypar, MSc (ÖDaF – österr. Verband für Deutsch als Fremd-/Zweitsprache)
– Mag. Reinhard Weidinger (stv. Vorsitzernder BABE-Arbeitgebervereinigung)

Einladungsflyer zum Download: Einladung_DaZ_DaF.

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