Das Schmerz-Netzwerk

Liberalisierung von Cannabis in der Medizin

Möglicherweise läuft es in Österreich auf allen Feldern der Politik ebenso ab wie in der Gesundheitspolitik. Diese jedenfalls ist besonders intensiv vermachtet. Es reden und handeln Interessensvertretungen, Verbände und Firmen-Lobbys, vor oder hinter den Kulissen der Öffentlichkeit. Wer lernen möchte, wie Netzwerke der Macht heutzutage funktionieren, hat hier bestes Anschauungsmaterial. Ein Beispiel: Das Schmerz-Netzwerk und die Diskussion um die Liberalisierung von Cannabis in der Medizin. Eine Recherche von Sebastian Reinfeldt


“Hohe Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabis in der Medizin”

Eigentlich ist es eine einfache Sache. Cannabis – genauer die mehr als 100 cannabinoiden Wirkstoffe der Pflanze – lindert Schmerzen, es hilft aber auch bei anderen Krankheiten. In einer Studie der amerikanischen Akademie der Wissenschaften von 2017 heißt es ausdrücklich, dass es “legitime medizinische Verwendungen für Marihuana und Medikamente auf Cannabisbasis” gebe. Und weiter führt das Studien-Team der amerikanischen Querschnittsuntersuchung aus:

Es gibt deutliche Beweise, dass Cannabisprodukte wirksam bei der Behandlung chronischer Schmerzen, von Muskelspasmen durch Multiple Sklerose und bei der Linderung von Übelkeit durch Chemotherapie sind.

Die amerikanische Studie verweist ausdrücklich auf eine hohe Evidenz bei den genannten Erkrankungen. Bei weiteren Krankheiten gebe es ebenfalls Hinweise auf eine Wirksamkeit, aber die müssten noch weiter erforscht werden. In vielen europäischen Staaten ist der Konsum von Cannabis für medizinische Zwecke daher – wie etwa im Falle chronischer Schmerzen oder Epilepsie – mittlerweile empfohlen und erlaubt, unter anderem in Großbritannien, Dänemark und Deutschland.

Das Geschäft mit den Schmerzen

In Österreich leben rund 1,8 Millionen Schmerzpatienten, die bislang – wenn sie legal handeln wollen – auf synthetisch gewonnene Cannabismedizin angewiesen sind. Am bekanntesten ist das Medikament Dronabinol, das den Cannabiswirkstoff THC enthält, der high macht. Er ist besonders wirksam und weist keine schädlichen Nebenwirkungen auf (im Unterschied zu anderen Schmerzmitteln). Bekannt ist noch ein weiterer, nicht-psychoaktiver Wirkstoff, nämlich CBD, der zwar für Wohlbefinden sorgen kann, aber medizinisch weniger wirksam ist.
Dronabinol kommt in Österreich legal als magistrale Rezeptur in die Apotheken, in denen das Medikament dann nach Anweisung hergestellt wird. Das Ganze ist teuer (von 300 bis zu 800 Euro monatlich, je nach Verschreibung) und aufwändig.
Produzent dieses Medikamentes ist ein deutsches Pharmaunternehmen, nämlich die Bionorica. Die ist allerdings keine Hinterhoffirma, sondern ein mittelständisches Unternehmen. Bionorica hat mit Sinupret ein in Österreich gut verkauftes Medikament für die Atemwege am Markt. Für die Herstellung von Dronabinol bezieht die Firma – was eine absurde Randgeschichte bei dieser Angelegenheit ist – den modifizierten Cannabis-Rohstoff, die Cannbis Flos, aus Österreich. Der normale Vertrieb von Blüten (im Unterschied zu Deutschland) über Apotheken ist hier bislang untersagt. Cannabis wird in Österreich unter staatlicher Aufsicht der Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) nach strikten Anweisungen der Firma Bionorica auf 3.000 Quadratmetern in der Donaustadt in Wien angebaut. 2015 beschrieb die Wirtschaftswoche dieses Geschäft mit den optimierten Blüten und berichtet dabei über den Transport von Hanfblüten von Wien nach Deutschland:

Alle paar Monate fährt bei den Gewächshäusern ein unauffälliger Speditions-Lkw vor und transportiert Tausende Hanfblüten am Mittelgebirge Wienerwald vorbei ganz legal über die österreichisch-deutsche Grenze. Nach 460 Kilometern erreicht die Ladung das oberpfälzische Städtchen Neumarkt. Rund 40.000 Einwohner, Kopfsteinpflaster, verkehrsberuhigter Marktplatz. Die Zentrale von Bionorica liegt etwas außerhalb vom Ortskern. Am Werkstor 1 ist die Fahrt zu Ende. Eine idyllische Ruhe liegt über dem Gelände.

Das Pharmaunternehmen aus der idyllischen Oberpfalz hat nach eigenen Angaben 2017 einen Umsatz von 297,6 Millionen Euro erzielt, das war ein Zuwachs um 17,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders das Geschäft mit Dronabinol boomt. Mit rund 13,6 Millionen Euro setzte die Firma 2017 mehr als das Doppelte des Vorjahres um. 2016 waren es nur 5,76 Millionen. Seit 2005 ist mit Bionorica research eine 100-prozentige Tochter von Bionorica in Innsbruck ansässig, wo 2017 34 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Arzneimittel auf der Basis von Naturstoffen forschen.

In der yellow box: Willkür bei Chefarztbewilligungen

Dronabinol ist im österreichischen Erstattungskodex in der so genannten yellow box verzeichnet. Das bedeutet, dass man das 300 bis 800 Euro teure Medikament auf Krankenkassenkosten nur mittels einer Chefarztbewilligung erwerben kann. Obwohl die Wirksamkeit nachgewiesen ist, wird auf diese Weise der Zugang zum Medikament streng reguliert. In einem aktuellen Bericht an das österreichische Parlament nennt das FPÖ-geführte Gesundheitsministerium hier Zahlen:

Für das erste Halbjahr 2018 beliefen sich nach Auskunft des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger die österreichweiten Aufwendungen für Cannabinoide (magistrale Zubereitungen und Arzneispezialitäten) bei einer Gesamtzahl von 22.337 Verordnungen auf € 4,99 Mio. Quelle der Daten ist die maschinelle Heilmittelabrechnung, die angeführten Kosten verstehen sich auf Basis Kassenverkaufspreis exkl. USt., das ist jener Preis, den die soziale Krankenversicherung bei Übernahme der Kosten zu begleichen hat. Die PatientInnenanzahl mit zumindest einer erstatteten Verordnung betrug in diesem Zeitraum (1. Halbjahr 2018) 7.325.

Da andere Medikamente wie Sativex und Canames erst gar nicht im österreichischen Erstattungskodex aufscheinen, beziehen sich diese Zahlen also fast ausschließlich auf das eine, einzig erhältliche Cannabis-Medikament Dronabinol von Bionorica. Ökonomisch betrachtet ist bei rund 1,8 Millionen Menschen, die unter Schmerzen leiden, der österreichische Markt also ein potentieller Wachstumsmarkt, da der Bericht des Ministeriums lediglich 7325 Patienten im ersten Halbjahr nennt, die in den Genuss des gut wirksamen Medikaments kommen. In der politischen Diskussion um die Liberalisierung von Cannabis in der Medizin geht es also darum, wer weiterhin wie viel Profit mit den Schmerzen der Menschen machen darf. Evidenz und Fakten scheinen dabei nur ein Spieleinsatz zu sein, um ökonomische Interessen als allgemeine Notwendigkeiten für die Gesundheit aller aussehen zu lassen.

Das österreichische Cannabis-Monopol

Die Liberalisierung von Cannabis in der Medizin würde nämlich die bisherige Monopolstellung der deutschen Bionorica am österreichischen Markt beenden. Der bearbeitete Rohstoff, die Cannabis Flos (und nicht der synthetisierte und daher teure Extrakt aus ihnen), könnte in Apotheken angeboten werden – auf Rezept und mit Dosierung. Das wäre eine einfache Lösung für ein großes Problem, die jenseits der Alpen – in Deutschland – seit 2017 genau so praktiziert wird. Dort können die Wirkstoffe etwa mittels eines Vaporisators im Wasserdampf ohne Gesundheitsschäden inhaliert werden. Die monatlichen Kosten für die Patientinnen und Patienten (wenn sie sich ihre Medizin ohne Bewilligung selbst zahlen) und für die Krankenkassen würden sich reduzieren. Zehn Gramm über die Apotheke erworben kosten in Deutschland im günstigsten Fall rund 200 Euro. Dabei wird der Preis künstlich hoch gehalten, um eine Legalisierung von Cannabis durch die Hintertür zu verhindern.

Aber: Der Zugang zu leistbarer Schmerzmedizin für alle wäre eröffnet.

Das Schmerz-Netzwerk sagt Nein!

Schmerzen sind – vom Gesundheitssystem aus betrachtet – teuer: “Die direkten Kosten infolge einer Schmerz-Chronifizierung schlagen mit 1,4 bis 1,8 Milliarden Euro zu Buche”, rechnet bei einer Pressekonferenz der Ärztekammer einer der Hauptakteure der österreichischen Schmerztherapeuten für Österreich vor: Primar Rudolf Likar. Seine Titelsammlung verrät ein gutes Netzwerk, in dem er sich zu bewegen weiß: Am Klinikum Klagenfurt ist er der Vorstand der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin und Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerztherapie und Palliativmedizin. Als Funktionär ist er zudem Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin sowie Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft.
Ein weiterer zentraler Akteur in der Diskussion um medizinisches Cannabis ist der aus Franken stammende Professor Hans-Georg Kress. Auch seine Titelsammlung lässt ein gutes Netzwerk erkennen. Er ist nicht nur Leiter der Abteilung für spezielle Anästhesie und Schmerztherapie am AKH Wien, sondern auch Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft und Past President der Europäischen Schmerzförderation.
Beide Personen, Kress und Likar, stehen zudem in einer beruflichen Beziehung zu Bionorica, dem einzigen Anbieter von Dronabinol. Und die Österreichische Schmerzgesellschaft, der sie beide vorstehen, wird wiederum von führenden Pharmakonzernen gesponsert – darunter natürlich auch die deutsche Bionorica.

Bionorica und Schmerzgesellschaft bilden aus

“Die Behandlung mit Cannabinoiden nimmt in der Versorgung schwerkranker und leidender Patienten einen zunehmend wichtigen Platz ein. Für Ärzte bedeutet die Verordnung dieser Wirkstoffe jedoch nach wie vor eine große Herausforderung”. So heißt es im Fortbildungsangebot von Bionorica ethics in Österreich. In einem E-Learning Lehrgang des mittelständischen Unternehmens können Mediziner sich weiterbilden, um – natürlich ganz wertneutral und rein auf medizinischen Fakten basierend – den Einsatz cannabishaltiger Medikamente zu erlernen. Da in Österreich einzig Dronabinol erhältlich ist, wird diese Fortbildung hier vom Marktführer angeboten. Zwei der drei Referenten des Lehrgangs sind just die Vorstände der von Bionorica gesponserten Schmerzgesellschaft, nämlich die Professoren Likar und Kress.

Das Schmerz-Netzwerk blockiert die Liberalisierung in der Medizin

Zusammengefasst ergibt sich folgendes Schmerz-Netzwerk: Die staatliche AGES produziert für Bionorica Cannabis Flos. Daraus stellt die deutsche Firma das synthetische Cannabis-Produkt Dronabinol her. Die Bionorica wiederum sponsert – im Verein mit Konzernen wie Novartis oder ratiopharm – seit Jahren die Österreichische Schmerzgesellschaft, deren Vorstände wiederum die Schmerzforscher Likar und Kress sind, die in einer beruflichen Beziehung zu Bionorica stehen. Die staatliche AGES, die Schmerzgesellschaft und die Mediziner Kress und Likar möchten offenbar, dass sich an der marktbeherrschenden Rolle von Bionorica nichts ändert, denn sie sprechen sich gegen die Liberalisierung von Cannabis in der Medizin aus. Ihre Expertise dazu durften sie jetzt exklusiv in einem Ministeriumsbericht niederlegen.

Das Schmerz-Netzwerk schreibt am Ministeriums-Bericht mit

Das FPÖ-geführte Gesundheitsministerium war im Sommer 2018 vom Gesundheitsausschuss des Parlaments damit beauftragt worden, den Stand der Dinge bei der Cannabismedizin einzuschätzen und somit eine etwaige Entscheidung des Parlaments für die Liberalisierung vorzubereiten. An dem Bericht haben die genannten österreichischen Schmerzexperten mitgewirkt, die nachweisbar in einer beruflichen Beziehung zum marktbeherrschenden Konzern Bionorica stehen, nämlich Kress und Likar. Die ablehnende Stellungnahme von Hans-Georg Kress wird im Bericht mehrfach ausdrücklich erwähnt. Professor Likar hat in seiner Funktion als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin für den lediglich 12-Seiten langen Text ebenso eine Stellungnahme beigesteuert wie die AGES, die am Verkauf der Cannabis Flos an Bionorica nicht schlecht verdient. Vereint kommt das Schmerz-Netzwerk also zu einem Ergebnis, das allen Beteiligten nützt. Sie gehen sogar so weit zu behaupten, dass der Abgabe von Cannabis-Blüten in Apotheken in Deutschland im Grunde genommen der “wissenschaftliche Nachweis” fehle, denn:

Patientinnen und Patienten in Österreich haben bereits nach geltender Rechtslage Zugang zu cannabisbasierten Arzneimitteln. Die Frage des medizinischen Einsatzes ist bei allen Arzneimitteln primär anhand der wissenschaftlichen Evidenz zu beurteilen. Für den Einsatz von Cannabis, im Sinne von getrockneten Blüten- oder Fruchtständen der Cannabispflanze, als Arzneimittel in Österreich, fehlt der wissenschaftliche Nachweis der Vorteile der getrockneten Blüten- oder Fruchtstände im Vergleich zu jenen cannabisbasierten Präparaten, die bereits der ärztlichen Verschreibung zur Verfügung stehen (z.B. Sativex oder Dronabinol).

Das Spektrum der Schmerzforschung in Österreich, Deutschland und in der Schweiz ist in Wahrheit wesentlich breiter als es sich im Ministeriusmbericht wiederspiegelt. Es gibt, auch in der Schmerzgesellschaft selbst, andere gut begründetet Einschätzungen zur Liberalisierung von Cannabis in der Medizin. Unabhängige Schmerzforschende wurden vom Ministerium aber nicht zurate gezogen.

Aber so funktionieren Netzwerke der Macht eben. Sie definieren eine Gruppe der Dazugehörigen – und sie schließen viele andere vom Zugang zur Macht aus. Der Bericht des Ministeriums dokumentiert dies ganz deutlich. Das Schmerz-Netzwerk agiert hier nicht im Verborgenen, sondern offen vor unseren Augen. Man muss nur hinsehen wollen.

Fotocredit: Hanfverband: https://hanfverband.de/nachrichten/news/abda-apotheken-riskieren-strafen-fuer-guenstige-medizinal-cannabisblueten

2 Kommentare

  1. Der Ausführungen im Artikel ist grundsätzlich richtig, greifen aber leider viel zu kurz. 1,8 Millionen Schmerzpatienten und alles was die Schulmedizin zustande bringt, ist die Bekämpfung der Schmerzen? Aber damit lässt sich ja dauerhaft viel Geld – mit und ohne Cannabis – verdienen.
    Ein Versuch die Ursache der Schmerzen zu beseitigen, wird gar nicht mehr unternommen. Selbst dann, wenn dies nachweislich möglich ist, wie zum Beispiel bei Multipler Sklerose (https://www.vitamind.net/interviews/coimbra-ms-autoimmun/). Die Behandlung ist von den Kosten her sogar erheblich günstiger, Vitamin D ist noch wesentlich billiger als alle Cannabis Produkte.
    In ähnlicher Weise trifft dies auf den Großteil der Schmerzursachen zu. Die Biochemie hat schon viele Erkenntnisse und Methoden gefunden, wie Krankheiten erfolgreich behandelt werden können, die für die Schulmedizin als unheilbar gelten.
    Die Weigerung der Schulmedizin die Erkenntnisse der Biochemie umzusetzen schadet den Patienten noch wesentlich mehr, als das was die Schmerzmediziner treiben. Und die Gewinne, die die Pharmaindustrie daraus zieht, sind um Zehnerpotenzen höher.

  2. Hallo Peter,

    das ist völlig richtig, dass die meisten Zivilisationskrankheiten wie Autoimmunerkrankungen, Demenz, Parkinson, Herz-/Kreislauferkrankungen, Diabetes 2, auch Krebs unter anderem auf Mangel an Vitamin D zurückzuführen sind. Insgesamt sind es 8 Hauptfaktoren, jeder davon erhöht einzeln das Erkrankungsrisiko um den Faktor 2,5. Sind es mehrere Faktoren, braucht man nur multiplizieren und ist bei 4 Faktoren bereits bei Faktor 40. Rauchen zählt doppelt.

    Wenn ich mich richtig erinnere, sind die Risikofaktoren:
    – Mangel an Vitamin D
    – Magnesiummangel
    – Mangel an essentiellen Fettsäuren wie z. B. Omega-3
    – mehr als 50% des Energiebedarfs Kohlehydrate in der Ernährung
    – Rauchen
    – mangelnde Bewegung
    – Stress
    – unregelmässiger Schlaf

    Leider geistern immer noch unverantwortliche Empfehlungen und Symptomtherapien durch die Gegend, wie Cortison bei Entzündungen, Verteufelung von Fett und gesättigten Fettsäuren.

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