Die gemeinnützige Vertreibung der Anderen

Eingangsbereich Gr. Stadtgutgasse 14

„Voll gemein“. Das waren die ersten Worte meiner 6-jährigen Tochter beim Anblick der neuen Metallkonstruktion vor der Haustüre. Das Konstrukt hat nur einen einzigen Zweck: Menschen zu vertreiben. Diese Gemeinheit ist aber auch metallenes Manifest der Kleingeistigkeit. Und jedenfalls eine Schande. Ein Kommentar von Christoph Ulbrich.


10 Jahre ist nichts passiert

Das Wohnhaus in der Gr. Stadtgutgasse gibt es seit etwas mehr als 10 Jahren. Verwaltet wird es von der GEWOG – einer gemeinnützigen Bauvereinigung. Ebenso lange trennt ein kleines hüfthohes Mäuerchen den Hauseingang von der Garagenabfahrt. Es dient der Sicherheit.
Im Lauf der Jahre haben sich zusätzliche Nutzungen entwickelt. Das Mäuerchen fungierte als Abstellmöglichkeit für Einkäufe, als schattige Sitzgelegenheit für die Mitarbeiter des Fitness Studios im Haus. Manchmal waren Fahrräder abgestellt. Hie und da saßen Personen auf dem Mäuerchen, um eine Zigarette zu rauchen oder um ein Dosenbier zu trinken. Auf der anderen Straßenseite liegt eine Penny-Filiale, in der man günstig einkaufen kann.

Offener Bücherschrank – nicht vor meiner Haustüre!

Wie in vielen Häusern üblich, entwickelte sich eine informelle Tauschbörse. Gebrauchte Kinderbücher, Musik-CDs, alte Spielsachen. Was hier abgelegt wurde, war zur freien Entnahme. Meine Tochter nutzte das, um gute Bücher zu ergattern, aber auch mal, um eine alte Puppe los zu werden. Was am nächsten Tag nicht weg war, wurde doch weggeschmissen. Ein informeller offener Bücherschrank also.

Aufenthaltsqualität verschlechtern

All das hat nun ein jähes Ende genommen. Ab sofort hat das Mäuerchen nur mehr eine Funktion: zu trennen. Die Hausverwaltung hat auf Wunsch einiger Hausparteien ein hässliches metallenes Gestell angebracht, das all diese Nutzungsvarianten verunmöglicht.

Die Aufenthaltsqualität in halb(öffentlichen) Raum hat sich – nachhaltig und für alle – verschlechtert. Aber das nimmt man in Kauf. Hauptsache alles, was nicht dazugehört, verschwindet. Das eigene – und nur das eigene – Nutzungsverhalten wird zur Norm erhoben.

Die Hölle sind die anderen

Woher kommt die Intoleranz gegenüber anderen Verhaltensweisen? Wir sind hier nicht in der spießigen Vorstadt: Die Leopoldstadt hat eine grüne Bezirksvorsteherin. Über 35% erreichten die Grünen bei den letzten Bezirksvertretungswahlen. Die meisten Menschen im Grätzl verstehen sich als offen, tolerant und progressiv.

„Die Hölle sind die anderen“, diagnostiziert Jean Paul Sartre den Zustand des spätmodernen Menschen in „Geschlossene Gesellschaft“. Folgerichtig versucht man hier – in den eigenen vier Wänden – unter seinesgleichen zu bleiben und die Hölle, die die anderen sind, zu vertreiben.

Natürlich spricht man das nicht aus. Niemand hängt eine Tafel an die Wand, auf der steht: „Alle anderen unerwünscht!“ Man bedient sich dabei der Technik. Martin Heideggers Begriff „Gestell“ passt erstaunlich gut für das metallische Ungetüm vor dem Hauseingang. Und wie bei Heidegger erfüllt auch dieses Gestell seine Funktion. Das Gestell entmenschlicht. Das Gestell erübrigt Kommunikation. Ein Verbotsschild ist – immer noch – sprachliche Kommunikation. Ein Verbotsschild erlaubt (konkludenten) Widerspruch. Das Gestell kommuniziert nicht mehr sprachlich, Widerspruch ist nicht mehr möglich. Das Gestell diszipliniert. So ist das Menschen vertreiben auch viel bequemer als jemand ins Gesicht zu sagen: „Verschwinde, ich will dich nicht sehen!“

„Die Zeit, in der es den Anderen gab, ist vorbei. (…) Die Negativität des Anderen weicht heute der Positivität des Gleichen.“ Byung-Chul Han

Der Terror des Gleichen

Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han hat vor drei Jahren ein lesenswertes Essay geschrieben: „Die Austreibung des Anderen; Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute“ Dieses Gestell bestätigt seine pessimistische Diagnose: Der Terror des Gleichen führt zur Depression. Nicht nur bei jenen, die vertrieben werden sollen, sondern auch bei den Vertreibern, den Hausparteien, die jetzt jeden Tag daran vorbei gehen müssen.

Man investiert, um die anderen zu disziplinieren, in die „Verhässlichung“ des eigenen Hauses. Und nicht in den – nach 10 Jahren notwendigen – neuen Anstrich.

Dieses Gestell ist in seiner Hässlichkeit ein ästhetischer Bombenanschlag des Gleichen. Ein Kollateralschaden im Krieg gegen das Andere. Bei der Umsetzung des Unmenschlichen geht es auch hier – um es mit den Worten von Sebastian Kurz zu sagen – „nicht ohne hässliche Bilder“.

Vertreiben und den Vertriebenen gedenken

Die Große Stadtgutgasse 14 hat eine Geschichte. In den 40er Jahren stand hier – unweit des Nordbahnhofes – ein Haus mit sogenannten Sammelwohnungen. Insgesamt 19 jüdische Bewohnerinnen des Hauses wurde vertrieben und später von den Nazis ermordet.

Seit 2010 wird den Vertriebenen vor dem Haus mit einem „Stein der Erinnerung“ gedacht. Eine Initiative der HausbewohnerInnen, per Presseaussendung inszeniert von der Hausverwaltung. Der Gedenkstein an die Vertreibung vor 70 Jahren – und das Vertreibungsgestell – sind einen Schritt voneinander entfernt.

Es ließe sich noch viel sagen: Man kann es aber auch einfach wie meine 6-jährige Tochter benennen: „Es ist eine Gemeinheit.“ Und eine Schande für alle, die es zu verantworten haben.

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