Zum Al-Quds Tag: Sie wollen den Genozid!

Im Zentrum der Republik„, also im ersten Wiener Bezirk. Am Graben. Am Samstag, den 1. Juni 2019 versammelten sich Menschen, um den„Al-Quds Tag“ zu begehen“. Der Tag wurde vom iranischen Religions- und Revolutionsführer Ayatollah Khomeini kurz nach der islamischen Revolution ausgerufen. Er versteht sich selbst als „Kampftag zur Rückeroberung Jerusalems von den zionistischen Besatzern“. In der – nach Geschlechtern getrennten – Demonstration wird Propaganda zur Vernichtung Israels verbreitet. Auf der Gegenveranstaltung sprach unter anderem Mike Moffatt für die Jüdischen österreichischen HochschülerInnen (JÖH). Wir dokumentieren seine Rede, weil sie klar begründet, warum es nötig ist, sich diesem Aufmarsch entgegen zu stellen. Der Semiosisblog positioniert sich normalerweise nicht politisch. In diesem Fall haben wir aber zur Gegenkundgebung mit aufgerufen und an ihr teilgenommen.


Was machen wir hier heute eigentlich?

Da drüben wird zur „Befreiung“ Jerusalems aufgerufen. Es geht also um Jerusalem und Befreiung. Wenden wir uns einen Augenblick lang diesem Gedanken zu. Sind wir gegen Befreiung? Nein. Ich habe sogar eine gute Nachricht für die, die Befreiung Jerusalems fordern: Jerusalem ist frei.

Jerusalem ist frei von systematischer religiöser Unterdrückung, endlich können Christen, Juden und Muslime ihre heiligen Stätten besuchen. Jerusalem ist frei von Besatzung, nach zweitausend Jahren wurde das Joch der Fremdherrschaft abgeworfen.

Assyrer, Babylonier, Perser, Ptolemäer, Seleuziden, Römer, Byzanz, Ummayaden, Kalifen, Kreutzfahrer, Ottomanen, Briten und Jordanier – für keinen von ihnen war Jerusalem zuhause. Keiner von ihnen etablierte Jerusalem als Hauptstadt. Sie alle fühlten sich einem fremden Herrschaftsverband zugehörig.

Vergesse ich Jerusalem, so verdorre meine rechte Hand

Für Juden hingegen, ist Jerusalem, Zion, der Inbegriff ihrer Religion. Kein Volk hat eine so enge Beziehung zu einem geografischen Ort. In der Thora wird Jerusalem 669 Mal erwähnt. Jedes jüdische Gebet wendet sich in Richtung Jerusalems. Bei jedem der drei täglichen Gebete, bei jeder Mahlzeit wird Jerusalem gedacht. Jedes Jahr wird ein Fasttag im Andenken an die Zerstörung der Stadt begangen. Zweitausend Jahre lang wurde der Schwur geleistet; „Vergesse ich Jerusalem, so verdorre meine rechte Hand“. Als junge JüdInnen sind wir uns des Privilegs bewusst, in einer der ersten Generationen zu leben, in der unser Volk wieder frei von Fremdherrschaft in seiner eigenen Hauptstadt leben darf. Es wäre absurd zu verlangen, dass die katholische Kirche den Vatikan räumt. Es wäre absurd zu erwarten, dass Saudi-Arabien Mekka und Medina räumt, und es ist genauso absurd zu fordern, dass Israel Jerusalem räumt.

Wer „besetzt“ denn Jerusalem?

Manche meinen Jerusalem werde heute durch Israel besetzt. Ich frage mich jedoch: vom wem? Eine Besetzung setzt voraus, dass das Gebiet eines anderen Staates okkupiert wird. Ein Staat Palästina hatte nie Souveränität über Jerusalem. Der fromme Wunsch des Teilungsplans, Jerusalem als internationale Zone zu verwalten, spricht genauso davon, Jerusalem als Gebiet eines arabisch-palästinensischen Staates zu etablieren, wie eines österreichischen – nämlich gar nicht.

Was wäre, wenn Israel sich zurückziehen würde?

Malen wir uns für einen Moment aus, was geschehen würde, wenn sich Israel aus Jerusalem zurückzieht. Die Vorstellung einer internationalen Allianz, mit Mandat, Truppen, Waffen und Opferbereitschaft, um die Unabhängigkeit der Stadt zu sichern, ist absurd. Was also würde passieren, wenn die Träume der Nachbarkundgebung wahr werden, wenn das iranische Regime, die Hezbollah, Hamas oder Fatah ihre Gewaltfantasien nach einer Eroberung Jerusalems ausleben könnten? Würde das iranische Regime Juden und Christen besser behandeln als jetzt die Bahai? Würde die Hezbollah sich auf die versprochene Ermordung aller jüdischen Israelis beschränken? Würde die Hamas sich die in ihrer Charta beschriebene Vernichtung aller Juden anders überlegen? Würde die Fatah dafür sorgen, dass heilige jüdische Stätten nicht als Latrine genutzt werden, wie es etwa beim Josefsgrab in Nablus der Fall ist?

Die freie Religionsausübung ist garantiert

Obwohl das Tempelplateau der heiligste Ort des Judentums ist, untersagt der Staat Israel jüdischen Personen dort das Gebet. Obwohl im inneren des Tempelbergs die heiligsten Artefakte des Judentums, und damit auch das gemeinsame kulturelle Erbe der Menschheit, zu Kies zermahlen werden, achtet Israel die Hoheit der Waqf. Obwohl Ritualmordlegenden über Angriffe gegen Al Aqsa verbreitet, und junge Menschen dort zu Terroranschlägen verhetzt werden, nimmt Israel umfassende Gefahren in Kauf, um die freie Religionsausübung tausender Muslime am Tempelberg zu sichern. Kein anderer Staat der Welt würde diese Zurückhaltung und Opferbereitschaft zeigen, um allen Religionen den Besuch ihrer heiligsten Stätten zu ermöglichen. Am allerwenigsten, die Regimes die nach ihrem Wunsch, Jerusalem „befreien“ sollen. Wir österreichische Jüdinnen und Juden sind froh, dass der Staat Israel die Religionsfreiheit aller Konfessionen schützt, und sehnen den Tag herbei, an welchem diese Achtung erwidert wird, und Frieden in „Ir u Shalayim“, der Stadt des Friedens, einkehrt. Ich kann Euch allerdings schon jetzt sagen, wer sicherlich keinen Beitrag dazu leisten wird.

Die drei Säulen des zeitgenössischen Judenhasses

Ich bin mir sicher, kein Teilnehmer einer Al Quds Demonstration hat etwas gegen Juden, und alle wollen nur die Politik Israels kritisieren. Weil niemand etwas gegen Juden hat, ruft man in Berlin auf ihren Märschen „Sieg Heil“ und „Zionisten ins Gas“. Weil niemand etwas gegen Juden hat, ruft man in Wien „Hitler hätte Euch alle umbringen sollen“ und skandiert die moderne Ritualmordlegende „Kindermörder Israel“. Weil niemand etwas gegen Juden hat, vereinen sich auf ihren Märschen die drei Säulen des zeitgenössischen Judenhasses: Neonazis, antisemitische Antiimperialisten und islamistisch geprägte Antisemiten. Die Hamas ist immerhin so offen, von der Vernichtung der „Yahud“ zu schwadronieren, und sich nicht hinter der Chiffre „Zionisten“ zu verstecken. Unsere Ahnen dämonisierte man wegen ihrer Religion, unsere Vorfahren wegen ihrer Ethnie. Heute bedient man sich des jüdischen Staates um seinem Judenhass innerhalb der Grenzen der Legalität Ausdruck zu verleihen. An die TeilnehmerInnen des Al Quds Marschs: Seid doch aufrichtig genug um Eure wahre Gesinnung zu zeigen, und versteckt euch nicht hinter der lächerlichen Fassade angeblicher „Israelkritik“!

Verhetzung im Zentrum der Republik

Auch wenn ein kleiner Kniff reicht, um zu gewährleisten, dass sich die dortige Kundgebung formell innerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegt, Liebe Freundinnen und Freunde, jedes Mal wenn nebenan das Wort „Zionist“ verwendet wird, stellt euch vor es werde mit „Jude“ ersetzt. Dann wisst ihr was viele nebenan tatsächlich betreiben: Übelste Verhetzung gegen Juden, am helllichten Tag, im Zentrum der Republik.

Im Ergebnis kommen wir zum Schluss, dass hier neben uns viele eine schlechtgetarnte antisemitische Farce abspielen. Jerusalem ist nicht besetzt, und kann daher auch nicht befreit werden. Jerusalem war nie die Hauptstadt eines anderen Volkes als des jüdischen. Die Forderung, Israel solle Jerusalem aufgeben ist ahistorisch, unmoralisch und vollkommen unrealistisch. Die „Befreiung“ von der nebenan geträumt wird, ist ein Euphemismus für die Abschaffung der israelisch gewährleisteten Glaubensfreiheit und meint im Sinne des Irans, der Hezbollah und der Hamas einen Gewaltexzess an allen jüdischen Israelis. Was diese Organisationen wollen ist nicht Befreiung. Was sie wollen, ist Genozid!

Danke!

Daher möchte ich mich mit einer wichtigen Botschaft von allen Anwesenden hier verabschieden: Als das letzte Mal in den Straßen Wiens zur Vernichtung von Juden aufgerufen wurde, standen uns die Wenigsten bei. Viele von den heute Anwesenden sind selbst nicht jüdisch, und nicht wenige haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Vernichtungsdrohungen des iranischen Regimes, der Hizbollah, der Hamas und anderer ernst zu nehmen. Für diese Solidarität sind wir Euch zutiefst dankbar. Während die Phrase „nie wieder“ vielen leicht über Lippen geht, zeigen die Wenigsten Euren Einsatz, wenn es darum geht, vor den heutigen Gefahren für jüdisches Leben zu warnen. Und dafür sagen wir: Danke!

1 Kommentar

  1. Alle Teilnehmer des Al-Kuds-Marsches sollten umgehend aus Deutschland/Europa ausgewiesen werden, sofern es rechtlich möglich ist. So etwas gehört nicht zu Deutschland, gehört nicht zu Europa. Und es reisen immer mehr Antisemiten als „Schutzsuchende“ nach Europa ein die hier bleiben können und dazu noch mit reichlich Sozialhilfe von den Steuerzahlern finanziert werden.

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