Hallo, hier spricht Peter L. Eppinger …

Wer in Wien wohnt, könnte dieser Tage einen Anruf bekommen. Am anderen Ende der Leitung spricht die ÖVP Wien (die „neue Volkspartei Wien“) und bietet Unterstützung bei der Briefwahl an. Sie sagen nicht nur, wie dies technisch geht, sondern auch, wen man dabei ankreuzen soll. Dubios ist, woher sie die Telefonnummern haben, die sie im Rahmen der Aktion anrufen. Fix ist jedenfalls: Die Ausgangsnummer stammt nicht von der Neuen Volkspartei. Und auch nicht von der alten. Das hat Sebastian Reinfeldt recherchiert.


Können wir Ihnen eine Wahlkarte zukommen lassen?

Es ist Freitag, der 21. August 2020. Um 12 Uhr 29 läutet das Mobiltelefon von Frau B.. Am anderen Ende meldet sich jemand von der ÖVP Wien, verweist auf die kommende Wien-Wahl und fragt, ob sie der Frau B. eine Wahlkarte zukommen lassen sollen.

Sie verneint. Sie will am Wahltag persönlich wählen. Und die ÖVP entspricht so gar nicht ihrer politischen Richtung. Ganz im Gegenteil kommentiert sie deren Ansinnen so:

Ich geh ins Wahllokal mit meinem schönsten Sonntagsgewand und schau, dass sie ned zu stark werden. 9,3% müssten reichen.

Damit spielt sie auf das letzte Wahlergebnis der ÖVP bei den Wiener Landtagswahlen an. Nach dem Anruf tauchen aber Fragen auf: Woher hat die ÖVP Wien ihre Telefonnummer? Was genau kann diese Partei dafür tun, dass sie eine Wahlkarte zur Briefwahl erhält? Das sind Fragen, die wir gerne den Anrufenden stellen möchten. Also rufen wir zurück.

Ein Tonband unter dieser Nummer

Der Anruf erfolgte unter einer scheinbar normalen Wiener Telefonnummer. 01-35850… Wenn man diese Nummer wählt, meldet sich ein Tonband, das ÖVP-Kandidat und -Sprecher Peter L. Eppinger besprochen hat:

Hallo, hier spricht Peter L. Eppinger vom Team türkis für Gernot Blümel und der neuen Volkspartei Wien. Ich habe mich gemeldet, weil die Wienwahl vor der Tür steht und ich gerne auf die Möglichkeit der Briefwahl aufmerksam machen möchte. Ich melde mich in Kürze wieder.

Ein weiteres Tonband unter einer anderen Nummer

Wobei er die Worte Wienwahl und Briefwahl eigens mit einer kleinen Sprechpause betont. So wie er das im Sprechtraining für das Ö3-Studio gelernt hat. Bekanntlich war dies Peter L. Eppingers Beruf, bevor er in die Politik gewechselt ist. Das Tonband meint außerdem noch: Wer vorab Fragen zur Briefwahl habe, könne ja die Nummer 0800 40 48… wählen. Dort bekomme man Antworten.

Nun. Unter dieser Nummer meldet sich wiederum ein Tonband mit der Stimme von Peter L. Eppinger. Wer einen Rückruf möchte, könne auf die „1“ drücken, dann melde er sich, heißt es. Informationen zur Briefwahl erhält man hier auch nicht. Beide Male hat man aber seine Telefonnumer hinterlassen.

Der Anruf kommt gar nicht von der ÖVP Wien

Die Rufnummernsuche ergibt, dass beide Telefonnumern (die des ersten Anrufs und die angebliche Servicenummer) auf die MASS Response Service GmbH verweisen. Diese sitzt in  der Wiener Donaustadt im DC-Tower. Laut Firmenprofil ist sie spezialisiert auf individuelle Kommunikationslösungen (Internet, Telefonie, Call & Contact Center Lösungen, medienübergreifende Massenkommunikation und M2M Kommunikation). 2013 wurde die frühere Tochterfirma der Telekom Austria verkauft, berichtet der Standard. Nunmehr verweist die Eigentümerstruktur auf den Mobilfunkanbieter SPUSU. Da also beide angegeben Telefonnummern keine Antworten bereit halten, haben wir im Internet recherchiert und eine Medienanfrage direkt an den Pressesprecher der Neuen Volkspartei Wien gesendet.

Türkise Briefwahlhilfe im Internet

https://www.briefwahl.wien/

Die zweite Telefonnummer taucht nämlich nochmals auf. Sie steht mit einer Wahlkampf-Internetseite in Verbindung. Im türkisen Anstrich bietet sie Hilfe beim Beantragen einer Wahlkarte an, ohne sofort als Wahlwerbung erkennbar zu sein. Spätestens beim Punkt „Stimmzettel ausfüllen“ wird dann klar, dasss man „ÖVP“ ankreuzen und „Gernot Blümel“ hinschreiben soll. Die Domain www.briefwahl.wien wurde übrigens laut Who is von der ÖVP-Medienagentur Alpha Medien angemeldet.

Insgesamt schaut diese Aktion nach einer kleinen türkisen Wahl-Schummelei aus.

Fragen an die ÖVP Wien

Also fragen wir nach: Im Detail wollen wir erfahren, welcher Service zur Briefwahl denn nach dem Telefonkontakt konkret angeboten wird? Außerdem interessiert uns, woher die Neue Volkspartei die Telefonnumern hat, denn Frau B. ist ja offensichtlich keine ÖVP-Sympathisantin. Warum sie für die Kontaktaufnahme keine Telefonnummern verwenden, die der ÖVP Wien gehören und welche Geschäftsbeziehungen mit der Mass Response Service GmbH unterhalten wird, wollen wir ebenso wissen.

Bislang kam keine Antwort. Weder von den Tonband-Nummern, auf denen ein Rückruf „in Kürze“ angekündigt wurde, um die Unterstützung für die Briefwahl zu bieten. Noch vom Pressesprecher der Wiener Neuen Volkspartei. Sobald sie reagieren, werden wir dies hier in die Recherche einfließen lassen. Aber: Sollten noch mehr Personen einen unerwünschten Briefwahl-Anruf bekommen haben, dann kann man den Inhalt über unseren anonymen Briefkasten mitteilen. Oder direkt per Mail.


Titelbild: Screenshot der Homepage der Neuen Volkspartei Wien. Frau B. ist der Redaktion namentlich bekannt. Auf Ihren Wunsch hin haben wir sie anonymisiert.

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