Das Verschwinden von Kindern und Jugendlichen aus dem Infektionsgeschehen in Österreich

Es ist schon bemerkenswert. Forscher*innen aus England, Belgien, Schweiz und Deutschland entdecken die Rolle von Kindern und Jugendlichen im Infektionsgeschehen von SARS-CoV-2. “ Die Vorstellung, dass Jüngere weniger ansteckend wären, ist ein Mythos, der durch unzureichende Testungen entstanden ist “ , schreibt etwa die Forscherin Zoë Hyde. Sie verweist dabei auf eine belgische Studie, die von einer erschreckend hohen Zunahme von Infektionen bei Kindern berichtet. Die Ergebnisse kommen zustande, weil dort (jetzt) in Schulen und Kindergärten massiv getestet wird. In Österreich bemüht sich die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) seit Monaten, die Schulen und Kindergärten – und damit Kinder und Jugendliche – aus dem Infektionsgeschehen auszublenden. Belastbare Zahlen müssen sich Interessierte zusammenpuzzeln. Im Rahmen einer Recherchekooperation mit der Medizinjournalistin Anita Groß von medonline hat Sebastian Reinfeldt die Fabrikation des Bildes angeblich kaum betroffener Kinder und Jugendlicher nachgezeichnet. Fakt ist: Bislang sind offiziell 25.000 Infektionsfälle für unter 15-jährige in Österreich gemeldet. (Update am 28.Januar 2021 und am 8.Februar 2021 mit aktualisierten Zahlen)


Januar 2021: Die ÖGKJ empfiehlt das Ende der Schulschließungen

Natürlich ist es eine Abwägungsfrage. Das Wohl der Kinder und Jugendlichen bietet keinen eindeutigen Orientierungspunkt. Auf der einen Seite steht ihr Recht auf Bildung und das Bedürfnis nach Kontakten mit Gleichaltrigen. Auf der anderen Seite die Gesundheit: die der Betroffenen, aber auch von deren Eltern und Verwandten. In dieser Abwägung entscheidet sich die österreichische Fachgesellschaft fast durchgängig für die eine Seite. So im Januar 2021 in ihrer Empfehlung zu Schulschließungen:

Wir möchten mit dem Aufzeigen der wissenschaftlichen Evidenz zur Rolle von Kindern und Jugendlichen im Infektionsgeschehen darauf hinweisen, dass im Sinne der Nutzen-Risiko-Abwägung eine Verlängerung der Schulschließungen bzw. des Distanzunterrichtes nicht empfohlen werden kann!

Januar 2021: Drosten versteht nicht, warum Kinder und Jugendliche immer noch ausgeblendet werden

Dass die hier behauptete wissenschaftliche Evidenz alles andere als eindeutig ist, und eher in die andere Richtung zeigt, macht der deutsche Virologe Christian Drosten deutlich. Er schreibt nämlich:

Während im Lockdown ohne Schulschließungen zwar die Infektionsraten im Durchschnitt sanken, stiegen sie unter Kindern und Jugendlichen an. Die PCR-Nachweisraten von Kindern und Jugendlichen im gesamten Schulalter lagen dann deutlich über dem Durchschnitt der Bevölkerung.

Bestehen immer noch Zweifel an der Rolle des Schulbetriebs bei der Verbreitung von SARS-CoV-2?, fragt er. Woher kommen diese ganz unterschiedlichen Interpretationen? Sie entstehen nicht zufällig.

Denn die österreichische Fachgesellschaft weist eine längere Historie von Stellungnahmen auf, in denen sie die Folgen von SARS-CoV-2 für Kinder und Jugendliche relativiert. Hier eine Auswahl von einigen davon, sichtbar gemacht durch eine Wayback-Maschine.

17. Mai 2020: Die Erfindung der plausiblen Alternativdiagnose

In der Diagnose empfiehlt die Fachgesellschaft den Kinderärzt*innen, wann immer dies möglich ist, eine „plausible Alternativdiagnose“ anzuwenden. In diesem Fall muss nämlich weder getestet noch ein SARS-CoV-2-Verdacht gemeldet werden. In dem entsprechenden Papier schreiben sie:

Leider gilt gemäß der neuen Falldefinition des BM praktisch jeder kranke Patient als COVID19 Verdachtsfall (…) In Abstimmung mit der AG Infektiologie der ÖGKJ wird zur Zeit vorgeschlagen, die Falldefinition NICHT so zu interpretieren, dass jedes respiratorische oder GI-Symptom mit oder ohne Fieber auf SARS-CoV-2 untersucht und gemeldet werden muss, sondern den Passus „KEINE ANDERE PLAUSIBLE ERKLÄRUNG“ unter Anwendung unserer Ausbildung und klinischen Erfahrung zu Hilfe zu nehmen. Wenn also Verdacht auf eine typische (Rhino-,Parainfluenza-, Adeno-, Noro-, EBV-, ab Herbst Influenza-) Virusinfektion besteht und auch kein COVID-19-Kontakt erhebbar ist, sind Diagnostik und Meldung aus unserer Sicht nicht zwingend erforderlich.

ÖGKJ am 4. September 2020: Studien geben Grund zur Entwarnung

Nach den Ferien und den Schulöffnungen im Herbst 2020 zerstreut die Fachgesellschaft Befürchtungen. Dabei verweist sie ausgerechnet auf Schweden, deren Pandemie-Konzept ja explizit auf Durchseuchung setzt. Infizierte der jüngeren Altersgruppen müssten laut einschlägiger Great Barrington Declaration als Kollateralschäden bei der Durchseuchung hingenommen werden. Die ÖGKJ schreibt also:

Der herbstliche Schulstart sorgt bei vielen für Verunsicherungen, manche befürchten eine vermehrte Verbreitung in den Schulen. Dabei geben aktuelle Studien aus Skandinavien, Großbritannien und Australien Grund zur Entwarnung: In Schweden sind trotz geöffneter Schulen gleich wenige Kinder infiziert wie in Finnland, wo die Schulen geschlossen wurden.

Diese Studie besteht nur angeblich. Was es gibt, ist ein wenig aussagekräftiger Lagebericht, da in Schweden Schulkinder kaum getestet worden waren.

14. September 2020: Es wird empfohlen, von Routine-Symptomuntersuchungen an Bildungseinrichtungen abzusehen

Wenige Tage später schlägt die Fachgesellschaft in ihren Empfehlungen für die
Gesundheitsbehörden im Umgang mit SARS-CoV-2-Infektionen im
Kindes- und Jugendalter vor, in Bildungseinrichtungen routinemäßig gar nicht mehr zu testen. Kinder unter 10 Jahren sind generell als K2-Kontaktpersonen zu behandeln.

Das Kind sollte grundsätzlich bis 24 Stunden nach Abklingen der Symptome die Bildungseinrichtung nicht besuchen (Ausnahme saisontypische Erkältungszeichen wie z. B. Schnupfen, oder Husten, jeweils ohne Fieber, sofern dem Unterricht gefolgt werden kann). Die üblichen Vorkehrungen im Erkrankungsfall, z. B. telefonische Kontaktaufnahme mit einem Arzt/einer Ärztin falls notwendig, sind zu treffen.

Angesichts des geringen Risikos einer Übertragung durch Kinder unter 10 Jahren kann der Klassen- oder Gruppenverband bzw. die Betreuungspersonen in Bildungseinrichtungen bis zur 5. Schulstufe jedoch lediglich als Kategorie II-Kontakt eingestuft werden.

Aus den genannten Gründen wird empfohlen von Routine-Symptomuntersuchungen an Bildungseinrichtungen abzusehen.

Das hat zur Folge, dass Kinder und Jugendliche mit Anlauf aus dem Bild des Infektionsgeschehen gedrängt werden.

23. Oktober 2020: Relativer Anstieg kindlicher Fälle

Bereits einen Monat später müssen sie zugeben, dass es nun doch deutlich mehr Fälle von SARS-CoV-2 bei den 5-14-jährigen gibt.

In den letzten 6 Wochen wurden in der Österreichischen Bevölkerung mehr SARS-CoV-2 Infektionen nachgewiesen als in den 6 Monaten davor. Von den insgesamt bisher bei knapp 75.000 Personen mit nachgewiesener Infektion waren knapp über 6.000 Kinder unter 14 Jahren. Dies entspricht einem Anteil von 8,2 %, während der Anteil der Kinder an der Gesamtzahl der Infizierten Mitte Mai noch bei <3% und Anfang September bei knapp 6% lag. Dieser relative Anstieg der kindlichen Fälle beruht v.a. auf einem Anstieg der Fälle bei den 5-14-jährigen von 2,9% Anfang Juli auf dzt. 6,8% der Gesamt-Infizierten. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil der unter 5-jährigen nur von 0,9% auf 1,5% gestiegen.

Doch folgt nach dieser Passage sofort ein relativierendes “ aber . Denn:

Ob dieser relative Anstieg über die Sommermonate einer tatsächlichen Zunahme entspricht oder Ausdruck geänderter Teststrategien von Kontaktpersonen ist, lässt sich nicht beantworten.

Hier schwingt die Äußerung der umstrittenen Expertin Petra Apfalter mit, dass es sich dabei um einen „technischen Labor-Tsunami“ handeln würde. Wie wir heute wissen: eine dramatische Fehleinschätzung.

ÖGKJ: 350 stationär behandelte Kinder, davon 50 Zufallsfunde

Januar 2021. Wir möchten einen aktuellen Überblick zu den Fakten rund um die Infektionen von Kindern und Jugendlichen erhalten. Wie sieht es nun wirklich aus? Auf Semiosis-Nachfrage bei der AGES heißt es, dass solche Daten nur über die zuständigen Gesundheitsbehörden erfragt werden dürfen. Die AGES könne diese nicht kommunizieren. Das Gesundheitsministerium antwortete auf unsere Nachfrage erst gar nicht. Nach einem umfangreichen Mailverkehr von Anita Groß und mir mit Volker Strenger von der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde ergibt sich aufgrund seiner Informationen das folgende Bild:

  • Bisher in Österreich gemeldete Fälle unter 15 Jahren: zirka 25.000 (laut Dashboard der AGES).
  • Bisher in Österreich an Kinderabteilungen stationär behandelt: Zirka 350 (1,4 % der gemeldeten Fälle), mindestens 50 davon als Zufallsbefund bei Kindern, die wegen anderer Erkrankungen behandelt wurden.
Dashboard der Ages, 27.1.2021

  • Auch bei jenen Patienten, die wegen SARS-CoV-2 aufgenommen wurden, erfolgte die Aufnahme meist nicht wegen des schlechten Zustandes,

sondern aufgrund der Unsicherheit, wie sich diese für uns alle neue Erkrankung im Einzelfall entwickelt, insbesondere bei Säuglingen ist man da sehr vorsichtig und beobachtet die Kinder lieber stationär“,

erläutert Strenger.

25 kleine Intensivpatienten, davon 5 mit SARS-CoV-2-Infektion und 20 wegen überschießender Immunreaktion

  • Pädiatrische Patienten (also Kinder und Jugendliche) mit überschießender Immunreaktion: zirka 45 (0,18% der gemeldeten Fälle).
  • Pädiatrische Patienten mit überschießender Immunreaktion, die auf einer Intensivstation behandelt wurden: zirka 20 (0,08% der gemeldeten Fälle).
  • Pädiatrische Patienten mit „akuter“ SARS-CoV-2-Infektion („klassisches COVID-19“, nicht überschießende Immunreaktion), die auf einer Intensivstation behandelt wurden: zirka fünf (0,02% der gemeldeten Fälle).
  • Davon war bei zwei Patienten der Grund für die Aufnahme auf die Intensivstation eindeutig ein anderer als SARS-CoV-2, bei einem dritten wäre die Aufnahme wahrscheinlich ebenfalls ohne SARS-CoV-Co-Infektion notwendig gewesen.

Februar 2021: Aktualisierte Zahlen

Die ÖGKJ veröffentlichte am 31.01.2021 die kompletten Zahlen (in Klammer die Veränderung der bisher gemeldeten Zahlen): Seit Beginn der Pandemie wurden 360 (+10) SARS-CoV-2 infizierte Kinder und Jugendliche (<14a) mit stationärer Behandlung an österreichischen Kinderabteilungen gemeldet, mehr als 30 davon waren Zufallsbefunde (nicht „mindestens 50“). Bei 51 Kindern (+6) wurde MISC/PIMS-TS diagnostiziert, zirka 21 (+1) davon wurden auf einer Intensivstation behandelt. Insgesamt (COVID-19 und MISC) wurden 26 (+1) Kinder auf Intensivstationen behandelt. Mehr auf Stellungnahme_OEGKJ_310121.

Im O-Ton: Haben sich die Einschätzungen der ÖGKJ im Laufe der Monate seit März 2020 geändert?

Wir haben die ÖGKJ auch gefragt, ob sich die Einschätzungen bezüglich der Rolle von Kinder und Jugendlichen im SARS-CoV-2 -Infektionsgeschehen geändert hätten. Die Antwort von Strenger lautet:

Selbstverständlich muss man alle neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigen und die eigene Meinung darauf aufbauen und entsprechend adaptieren. Es hat sich aber in der grundlegenden Einschätzung in den letzten Monaten nichts Wesentliches geändert.

Es hat sich also nichts Wesentliches geändert.

Ich kann Ihnen gerne entsprechende Fach-Lit. zukommen lassen, wenn Sie zu bestimmten Themen Fragen haben. Leider zeigt sich, dass manche „Expert*innen“ offensichtlich lediglich die Zusammenfassungen der Studien lesen und nicht die gesamten Studien mit all ihren Limitationen, welche jedoch für eine seriöse Interpretation wichtig sind.

Update vom 28.1.2021: Die Daten der international beachteten zweiten Runde der Wiener Gurgelstudie (SARS-CoV-2-Schulmonitoring) sind indes eindeutig. Michael Wagner, der Studienleiter der Gurgelteststudie, meint dazu im Interview mit Anita Groß:

Es bleibt also bei den Aussagen: Kinder in Volksschulen sind nicht signifikant weniger häufig infiziert als Kinder in der Unterstufe/Neuen Mittelschule (NMS) und es gibt auch keinen signifikanten Unterschied zwischen Kindern und Lehrern. In der zweiten Runde waren sogar die Lehrer etwas weniger häufig infiziert als die Kinder, aber ohne signifikanten Unterschied.

 


Hinweis auf den Beitrag der Kollegin Anita Groß auf medonline mit noch mehr Daten und Fakten zur aktuellen Situation:

Kinder und COVID-19: Bisher 350 Kinder hospitalisiert, 20 wegen MISC/PIMS auf der Intensiv

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