COVID-19 in Österreich: Wir wollen uns durchseuchen

Österreich steuert auf die dritte Infektionswelle zu. Das ist zumindest meine Befürchtung. Es ist eh schon wurscht, denken viele. Die Regierung kann uns nichts vorschreiben, wieder andere. In Wahrheit duckt sich eben jene Regierung mit ihren Verordnungen weg, um nicht alles verbieten zu müssen, was die Leute gerne tun. Einkaufen, Schifahren, Eislaufen etwa. Auch beim Thema Schulbesuch führt die Regierung einen Eiertanz auf. Hier wiederum wird sie seltsam beraten. Von Sebastian Reinfeldt.


Verordnungsauslegungen

Es ist halt so, dass in Tirol extrem viele Leute professionell Schi trainieren, meint ein Kollege im Zuge einer Diskussion über die Semiosis-Recherche zum Schifahren in Kitzbühel und den Brief des Tiroler Skiverbands. Mag sein. Aber ist das eigentlich der Punkt? Nicht nur in Kitzbühel wird der Sinn der COVID-19-Verordnung umgegangen, indem man sie weit auslegt. Mein wirkliches Problem dabei ist: Sollten wir nicht weiterhin unsere sozialen Kontakte reduzieren, statt halb legal in der Schlange vor den Liften zu warten? Die Mehrheit der Menschen in Österreich scheint dies anders zu sehen. Sie wollen sich durchseuchen lassen.


Kitzbüheler Alpen, 7.12.2020


Zahlenvergleiche

Die Regierung, mit einem feinen Sensor für solche Stimmungen, führt daher einen Eiertanz auf. Sie gibt zwar vor, weiterhin das Virus bekämpfen zu wollen. Aber sie riskiert es nicht, sich mit den mächtigen Interessensverbänden und der Eh-schon-wurscht-Stimmung im Land zu verscherzen. Tatsache ist: Die Zahlen in Österreich sind weiterhin vergleichsweise hoch. Während am 10.12.2020 in Deutschland aufgrund einer 7-Tages-Inzidenz von 149 (Tendenz steigend) Alarm herrscht, lockert die österreichische Regierung bei einem weitaus höheren Wert von 220 (Tendenz sinkend). Der Wert der 7-Tages-Inzidienz zeigt die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in den abgelaufenen sieben Tagen je 100.000 Einwohner*innen an. Es ist also „der“ Corona-Vergleichswert. Wenn die Familienfeiern an Weihnachten und Silvester, der Schibetrieb für die Einheimischen ab 24. Dezember in Tirol sowie das Eislaufen in Wien so wie geplant ablaufen, dann bekommen wir eine dritte Welle. Das ist absehbar.


7-Tages Inzidenz Quelle: Erich Neuwirth (10.12.2020). https://twitter.com/neuwirthe/status/1336978978784108545/photo/1


Barrington versus Snow

Ist absehbar denn auch gewollt? In der Wissenschaft gibt es zu diesem Thema eine Mehrheits- und eine Mindermeinung. Der effizienteste Schutz der gesamten Bevölkerung sei zu erreichen, wenn ein hoher Prozentsatz einer Population bereits immun geworden ist. Das sagen jedenfalls die Vertreterinnen und Vertreter der Great Barrington Erklärung.

Der einfühlsamste Ansatz, bei dem Risiko und Nutzen des Erreichens einer Herdenimmunität gegeneinander abgewogen werden, besteht darin, denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, ein normales Leben zu ermöglichen, damit sie durch natürliche Infektion eine Immunität gegen das Virus aufbauen können, während diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, besser geschützt werden. Wir nennen dies gezielten Schutz (Focused Protection).

Diese Strategie einer gewollten Durchseuchung (ohne Impfung) repräsentiert die deutliche Mindermeinung der Infektiolog*innen und Virolog*innen. Denn Barrington bedeutet im Endeffekt Sozialdarwinismus: Survival of the fittest! Die Mehrheitsmeinung der einschlägigen Expert*innen findet sich im halbwegs humanistischen John Snow Memorandum wieder. Es schlägt harte und zeitlich begrenzte Einschränkungen vor, um die Infektionen in den Griff zu bekommen. Denn ein Virus lässt sich nicht gezielt so verbreiten, so dass es nur die Gesunden und vorgeblich Starken erwischt.

Once again, we face rapidly accelerating increase in COVID-19 cases across much of Europe, the USA, and many other countries across the world. It is critical to act decisively and urgently. Effective measures that suppress and control transmission need to be implemented widely, and they must be supported by financial and social programmes that encourage community responses and address the inequities that have been amplified by the pandemic.

Es ist ernst

In Deutschland haben sich zu Beginn dieser Woche die wissenschaftlichen Expert*innen zu einem drastischen Schritt entschlossen. In einer gemeinsamen Erklärung aller wissenschaftlicher Fachgesellschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina formulieren sie: Es ist ernst. Diese Aussage ist der Kontrapunkt zum österreichischen Wir müssen mit dem Virus leben lernen. Daher drängt die Leopoldina die politisch Verantwortlichen auch dazu, alles zu tun, um soziale Kontakte drastisch einzuschränken. Sie folgen damit dem Grundtenor des Snow-Memorandums.

Aktuell kann die Ausbreitung des Virus in vielen Regionen von den Gesundheitsämtern aus Kapazitätsgründen nicht mehr adäquat nachverfolgt werden. Um diese Nachverfolgung wieder zu ermöglichen, müssen Kontakte, die potentiell zu einer Infektion führen, systematisch reduziert werden. (…) Je früher und konsequenter alle Kontakte, die ohne die aktuell geltenden Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen stattfinden, eingeschränkt werden, desto kürzer können diese Beschränkungen sein.

In Österreich passiert derzeit das genaue Gegenteil. Wir provozieren soziale Kontakte: in den Einkaufszentren, am Schilift, am Eislaufplatz, in den Schulen und in den Kindergärten. Daran scheint auch die hohe Zahl der Corona-Toten nichts zu ändern. Am 10.12. waren bereits 4.158 Menschen an den Folgen von COVID-19 gestorben. Das sind 125 Personen mehr als am Vortag. Die sozialen Medien sind mittlerweile voll von erschütternden Berichten, die den Toten ein Gesicht verleihen. Haben wir dafür nur ein resigniertes Ackselzucken übrig?


Der Thread mit der gesamten Leidensgeschichte findet sich hier: https://twitter.com/duloxetin/status/1336744479173308416


Schlüsselfrage: Kinder und Jugendliche

Die einen meinen so, die anderen so. Mit diesem Satz drücken wir aus, dass ein Thema umstritten ist. Das ist in den vergangenen Wochen und Monaten besonders bei der Schulfrage so. Sind Schulen und Kindergärten nicht auch Orte, an denen sich das Virus munter verbreitet?  In Deutschland werden Kinder und Jugendlichen daher wohl früher in Winterferien geschickt und erst am 10. Januar 2021 wieder zurückgeholt werden. Und in Österreich?

Das große Ausblenden

In Österreich erklärt der zuständige Bildungsminister Heinz Faßmann noch am 24.10.2020 in einem Interview: Die Schule ist kein Ort der Infektionen. Außerdem meint er:

So sagt man jetzt, das Recht auf Bildung wiegt mindestens genau so wie vielleicht ein Gesundheitsschutz und eine Infektionsverhinderung.

Er liege damit auf einer Linie mit führenden Virologen, ergänzt er. Was er nicht dazu sagt: auf der Linie von denjenigen, die in Richtung Barrington beraten. Denn bereits zu dieser Zeit hat etwa Christian Drosten, das Sprachrohr der deutlichen Mehrheit der deutschsprachigen Virolog*innen, eindringlich vor Infektionen in Schulen gewarnt.
Tatsächlich ist die Rolle von Kinder und Jugendlichen am Infektionsgeschehen in Österreich systematisch ausgeblendet worden. Eine zweifelhafte Rolle dabei spielt die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Sie kann für sich in Anspruch nehmen, das Modell der „plausible Alternativdiagnose“ erfunden zu haben. In einer ÖGKJ-Empfehlung vom 17. Mai 2020 legt sie nahe, Infektionen bei Kindern und Jugendlichen nicht ganz so ernst zu nehmen:

Leider gilt gemäß der neuen Falldefinition des BM praktisch jeder kranke Patient als COVID19 Verdachtsfall (…) In Abstimmung mit der AG Infektiologie der ÖGKJ wird zur Zeit vorgeschlagen, die Falldefinition NICHT so zu interpretieren, dass jedes respiratorische oder GI-Symptom mit oder ohne Fieber auf SARS-CoV-2 untersucht und gemeldet werden muss, sondern den Passus „KEINE ANDERE PLAUSIBLE ERKLÄRUNG“ unter Anwendung unserer Ausbildung und klinischen Erfahrung zu Hilfe zu nehmen. Wenn also Verdacht auf eine typische (Rhino-,Parainfluenza-, Adeno-, Noro-, EBV-, ab Herbst Influenza-) Virusinfektion besteht und auch kein COVID-19-Kontakt erhebbar ist, sind Diagnostik und Meldung aus unserer Sicht nicht zwingend erforderlich.

Diese Ansicht wurde auch vom zuständigen Bundesministerium übernommen, wie dieser Auszug aus den Empfehlungen belegt.


Auszug aus den Empfehlungen der ÖGKJ und des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz


Die bekommen eh nur einen Schnupfen

Mit seriösen Studien waren und sind solche Empfehlungen nicht abzusichern. Es gibt schlicht keine. Jedenfalls waren damit Kinder und Jugendliche sowohl als potentiell Erkrankte als auch als potentielle Virenüberträger*innen medizinisch aus dem Blickfeld. Die bekommen eh nur einen Schnupfen, heißt es bis heute, salopp formuliert, in Österreich. Drosten hingegen mahnt bereits im Oktober 2020:

Jeder sollte sich klarmachen: Es gibt auch in den jüngeren Altersstufen diese plötzlichen, sehr schweren Verläufe. Es gibt den 25-jährigen Fußballspieler, der innerhalb von drei Tagen auf der Intensivstation liegt und zwei Tage später tot ist.

Ist Sport an der frischen Luft wirklich bedenkenlos?

Damit schließt sich der Kreis zu den für mich problematischen Empfehlungen des Tiroler Skiverbands. Ist Sport in Trainingsgruppen an der frischen Luft wirklich unbedenklich? Ich frage mich das. Wie ist es denn zu erklären, dass trotz ausgeklügelter Sicherheitskonzepte in den europäischen Fussball-Profiligen mitunter halbe Fussballteams in Quarantäne gehen? Oder ein anderes, dem Schifahren näher liegendes Beispiel: Wie kann es sein, dass derzeit die österreichischen Skispringer isoliert am Boden bleiben müssen? Und das aufgrund von massiven COVID-19-Infektionen im A- und im B-Kader. Wahrscheinlich ist es so, dass auf der Piste oder auf der Schanze selbst nichts passiert. Aber davor und danach. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es  gut gehen wird, wenn sich Hunderte oder Tausende zum Schifahren in die Berge begeben. Nicht jetzt, aufgrund von Privilegien. Und nicht ab 24. Dezember, dann mit dem Segen der Regierung.


Semiosis-Recherchen zum Thema

Schifoan in den Kitzbüheler Alpen: Wenn man es sich richten kann (9. Dezember 2020)

Dazu: Der Brief des Tiroler Skiverbands (11.12.2020)

Tirol: Triage ist kein Fremdwort mehr (19. November 2020)

Falsch beraten? Das Netz der Corona-Verharmloser*innen (15. November 2020)


Das Titelbild dieses Beitrags zeigt das Gemälde von Pieter Aertsen, Der Eiertanz (1552). Pieter Aertsen – www.rijksmuseum.nl : Home : Info

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