Wünscht man sich in Wien das Burgtheater vor Peymann zurück?

Anlässlich der Fernsehübertragung von Die Bakchen aus dem Burgtheater wurde
unsere Autorin an ihren letzten Theaterbesuch vor dem ersten Lockdown des Vorjahres erinnert. Sie hat die Aufführung noch kurz vor der ersten Schließung des
Burgtheaters live erlebt. Die heimischen Kritiken waren eher mäßig bis schlecht. Sie werden der Aufführung aber in keiner Weise gerecht. Ist der Grund dafür vielleicht, dass man sich in Wien das Burgtheater vor Peymann zurück wünscht? Unsere Gastautorin Julia Pecile macht dem Stück daher eine Liebeserklärung.


Condition humaine: auf zwei Beinen und unentwegt redend

Ulrich Rasche bringt das, was uns als Menschen ausmacht, auf einen einfachen Nenner. Wir sind Wesen, die sich auf zwei Füßen fortbewegen und unentwegt reden. Oft nah am Abgrund, ohne es zu merken. Unwillkürlich musste ich beim Anblick der auf Rollbändern gehenden Schauspieler an das Rätsel der Sphinx aus der ÖdipusSage denken. „Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig.“ Ödipus weiß als Einziger die Antwort, es ist der Mensch. Das Gehen ist immer noch die elementare Fortbewegung, darin haben wir uns seit der Antike nicht verändert. Mit welchem Aufwand, mit wie viel Können diese simple Ausgangslage, eine Condition humaine, auf der Bühne des Burgtheaters umgesetzt wurde.

Der Rhythmus des Gehens

Das Stück beginnt mit dem Trommelschlag einer Pauke, so leise, dass man glaubt, den eigenen Puls zu hören, während man im Dunkeln auf eine überdimensional große Maschine schaut. Sind Schritte der Taktgeber der Sprache oder ist es der Herzschlag? Rasche fühlt dem schwierigen und sperrigen Text von Euripides, in hervorragender Bearbeitung, auf den Puls. Der Rhythmus der Trommel, Taktgeber des unaufhörlichen Gehens und chorischen Sprechens, knüpft an den Sinn der Worte und setzt Sinn frei. Er geht synchron mit dem Puls des wachen, offenen Zuschauers und treibt ihn durch alle Höhen und Untiefen des unerbittlich grausamen Inhalts. Die Musik, die Stimmen der Sänger und Schauspieler verbinden sich zu einem verstörenden und beglückenden Ganzen.

Das Maschinen-Theater der Burg

Wow, es ist eine völlig neue Art des Hörens und Schauens, der räumlichen Wahrnehmung und des Zugangs zur Sprache. Dass das Burgtheater das größte Theater des deutschen Sprachraums ist, weiß man nach dieser Aufführung buchstäblich, man sieht und spürt es bis in die Knochen. Ohne die gigantischen Maschinen wäre ein Raumerlebnis wie dieses kaum möglich. Rasche erschafft einen Bühnenkosmos, der die Größendimension des Hauses durchmisst und sich zu eigen macht. Es ist, als hätten die Architekten des Burgtheaters zukünftige technische Möglichkeiten mitgedacht und vorweggenommen.

Synchronisierte Schauspieler*innen

Die Schauspieler*innen agieren in schwindelnder Höhe, es ist atemberaubend, ihnen zuzuschauen. Sie gehen auf mehreren Rollbändern auf einen ca. 30 Meter tiefen Abgrund zu, sind von allen Seiten von Abgrund umgeben. Ohne bedingungsloses Vertrauen in die Technik wären sie vermutlich nicht in der Lage, auch nur einen Schritt zu tun. Bei solchen Herausforderungen den schwierigen Text zu memorieren, mit den Bewegungen und dem Rhythmus der Trommel zu koordinieren und wie aus einem Mund zu sprechen, ist eine handwerkliche und artistische Leistung par excellence. Und eine Ensembleleistung, die ich so im Theater noch nie gesehen habe.

Fernsehkamera zeigt Spucke und Schweiß

Der Chor setzt sich aus jungen Schauspielstudent*innen des Reinhardt-Seminars und der Privatuniversität Wien zusammen, sie sind der eigentliche Star des Abends. Das muss gesagt werden, ohne die Leistung der wunderbaren Hauptprotagonist*innen mindern zu wollen. Die Fernsehkamera zeigt erbarmungslos den Schweiß, die Spucke, die den vor Anstrengung verzerrten Gesichtern entweicht, sichtbare Zeichen immenser Verausgabung und Selbstüberwindung, die der Eleganz und Schönheit der agierenden Personen keinen Abbruch tun. Aber auch Zeichen von Entgrenzung und destruktiver Energie, die fanatisierte Massen entfalten. Das Transzendieren dieser Energie verleiht der Aufführung ihre immense politische Dimension. Die Ästhetisierung von Gewalt gilt seit jeher als problematisch und wurde schon Akiro Kurosawa, Sergio Leone und anderen legendären Filmregisseuren vorgeworfen.

Warum Wien ein exklusiver Ort ist

Ulrich Rasche kommt ganz ohne Theaterblut aus, die Erzählung wird durch Gehen auf der Stelle zur Handlung und steigert sich zu einer Kraft und Eindringlichkeit, der man sich nicht entziehen kann. Ist es die Spannung sich widerstrebender Sichtweisen, die Brecht meinte, wenn er von epischem Theater sprach? Und ist es die Ambivalenz, der man als Publikum ausgesetzt ist, die manche Kritiker zur Häme veranlasste?

Es ist kaum vorstellbar, dass das Bühnenbild mit den schweren Maschinen transportiert werden kann. Und so vermute ich, dass wir hier in Wien in der glücklichen Lage sind, am exklusiven Ort zu sein, an dem diese Aufführung gesehen werden kann. Nirgendwo sonst.


Titelfoto: Burgtheater, https://www.burgtheater.at/en/events/die-bakchen/2019-09-12

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