Schwurbel-Propaganda in und vor Schulen?

Dass die Impfrate in Österreich so niedrig ist, hat Gründe. Neben dem Versagen der Regierung im Sommer dieses Jahres leisten auch dubiose zivilgesellschaftliche Initiativen ihren Beitrag. Eine davon ist die Plattform Respekt. Sie macht Öffentlichkeitsarbeit, produziert Videos, bewirbt Schwurbler-Konferenzen und verteilt Flyer vor Volksschulen in Wien. Ihr Inhalt: Vordergründig geht es um Kinderrechte. Diese legen die Herausgeber*innen allerdings so aus, dass sie meinen, Masken für Kinder und Jugendliche widersprächen diesen. In dem Flyer wendet sich die Plattform ebenso vehement gegen einen, wie sie es nennen, direkten oder indirekten Impfzwang für Kinder und Jugendliche. Wer steckt hinter dieser Plattform? Welche Argumentationsmuster verwenden sie? Diese Fragen wollen wir beantworten.


Corona Schwurbler auf den zweiten Blick

Wir bestreiten nicht das Vorhandensein von SARS-CoV-2 und der daraus in seltenen Fällen resultierenden schweren Erkrankung COVID-19. Wir bezweifeln die Verhältnismäßigkeit der angewandten und verordneten Maßnahmen.

So präsentiert sich die Plattform Respekt auf ihrer Homepage. Klingt seriös und nach nachvollziehbaren Bedenken. Doch ein zweiter Blick zerstreut diesen Eindruck bald. Schauen wir zuerst ins Vereinsregister. Vorsitzender – und laut Der Standard Initiator der Plattform – ist ein Udo Preis. Er sieht sich als g’standenen Linken und Musiker, macht Bioenergetik nach Wilhelm Reich und Yoga, ist also in der Esoterik-Szene verwurzelt. Im Gespräch mit dem Standard vom 14. Februar 2021 äußert er die von der Schwurbler-Szene verbreitete, falsche Ansicht, dass

eine mRNA-Impfung (..) unglaublich manipulativ in den Körper eingreift.

Das Robert Koch-Institut hält in seinem Aufklärungmerkblatt zu diesem Mythos ausdrücklich fest:

Die in den Impfstoffen enthaltene mRNA wird nach der Impfung nicht ins menschliche Erbgut eingebaut.

Der Impfstoff manipuliert also den Körper nicht.

Kein Geld für Tests und Impfungen?

Sein Stellvertreter Karl Auer vertritt in einem Beitrag auf der Vereins-Homepage die These, dass das Virus nicht so gefährlich sei, wie den Massen vermittelt werde. Er möchte nicht, dass Gelder für Impfungen und Tests ausgegeben werden, sondern:

Gelder, die zur Zeit in fragwürdige Massentestungen oder in die Herstellung von Impfstoffen im Schnellschussverfahren fließen, wären nachhaltiger im Bereich der Vorsorge eingesetzt.


Vereinsregisterauszug Plattform Respekt

Eine Frau Doktor

Aus dem Folder, der in Wien vor Schulen verteilt wurde, geht hervor, dass sich der Verein gegen Masken für Kinder wendet. Warum das? Frau Doktor Angelika Mayrhofer-Battlog, zugleich Schriftführerin des Vereins, meint dazu:

Keine Regierung der Welt ist legitimiert, Kindern und Jugendlichen das Lachen zu rauben.

Und Masken würden einen Lachraub bewirken, behauptet sie. Diese Frau Doktor ist PR- und Management-Beraterin von Beruf. Sie war Büroleiterin der ehemaligen Bezirksvorsteherin im ersten Wiener Bezirk, Ursula Stenzel – als diese noch in der und für die ÖVP agierte.

BILD zu OTS – v.l.n.r. Landtagsabgeordneter und Gemeinderat …VP Wien Mag. Alexander Neuhuber, Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel, Landtagsabgeordneter, Gemeinderat und Bezirksvorsitzender SP… Innere Stadt, Pressesprecherin BV Stenzel Angelika Mayrhofer-Battlogg, MSc, MBA.

Die Wissenschaftler der Plattform

Stellvertreter von Mayrhofer-Battlog ist ein Professor an der MedUni Innsbruck und Mitarbeiter der dortigen Klinik für Medizinische Psychologie, DDr Christian Schubert. Sein Beruf: Psychoneuroimmunologe. Schubert tritt regelmäßig beim Corona-Quartett im Servus TV auf, in der Rolle eines Corona-Verharmlosers. Dabei bezieht er sich auf die möglichen psychischen Schäden bei Kindern und Jugendlichen durch ihre Isolierung in der Quarantäne. Im Plattform-Folder spricht er sich dafür aus, dass die Jugendlichen ihren eigenen Abwehrkräften vertrauen sollten – statt sich impfen zu lassen!

Vor knapp einem Jahr, am 7. Oktober 2020, als sich die zweite Corona-Welle erkennbar aufbaute, plädierten die in diesem Folder zitierten ‚Experten‘ Christian Schubert, Christian Fiala und Andreas Sönnichsen in einer gemeinsamen Pressekonferenz dafür, sämtliche Corona-Schutzmaßnahmen fallen zu lassen. Die Angst vor Corona sei völlig überzogen, meinten sie damals. Was in der Konsequenz zu einer ungebremsten Durchseuchung der Gesellschaft geführt hätte – mit allen Konsequenzen. Trotz dieser grandiosen Fehleinschätzung unterbreiten die Herren weiterhin und auf wundersame Weise bei Talkrunden ihre Ansichten.

Die Plattform ist politisch nach weit rechts offen

Die Plattform Respekt ist gut vernetzt. Das können wir auf der Homepage gut erkennen, wenn wir unter dem Menüpunkt Videos nachsehen. Dort findet sich eine Filmchen-Sammlung mit Protagonist*innen aus dubiosen Szenen. So verlinken sie, natürlich, die ominöse Servus-TV-Dokumentation, in denen der umstrittene Virologe Martin Haditsch sich auf die Suche nach der angeblichen Wahrheit über das Virus macht.

Die Zeitung Rheinische Post bezeichnet den österreichischen Sender Servus TV als den Kanal der Corona-Schwurbler. Über die angebliche Dokumentation schreibt sie, dass darin virologische Wahrheiten verneint würden:

Wirklich beunruhigend ist, dass bei Servus TV auch virologische Grundwahrheiten bestritten werden. Von der Influenza-Grippe bekannt ist die Tatsache, dass Patienten bereits ansteckend sind, bevor sie Symptome entwickeln. Das ist bei Sars-CoV-2 nicht anders. Wenn nun mehrere Wissenschaftler den ‚Unsinn‘ beklagen, dass ‚gesunde Menschen per PCR getestet‘ werden, dann verschweigen sie die teilweise massive Anflutung der Viruslast in der Inkubationszeit. Das bedeutet für den Patienten: Er fühlt sich pumperlgesund, ist aber bereits hochinfektiös. Mike Yeadon, der früher beim Pharmakonzern Pfizer arbeitete, sagt wörtlich: „Die asymptomatische Übertragung von Coronaviren ist eine haarsträubende Idee.“ Haarsträubend daran ist, dass Yeadon das wirklich sagt.


Haben ältere Menschen überhaupt weitere Lebensjahre verdient?

Das Virus soll also, so die Konsequenz aus den Plattform-Thesen, durch die Gesellschaft rauschen. Sie förmlich durchseuchen. Die einzige Rettung im Kampf gegen die Pandemie sei eben nicht die Impfung. Dies zu meinen, sei Ausdruck eines eindimensionalen Denkens. Dies wird in einem weiteren Video erörtert. Dort spricht Doris Peczar, die auf der rechts-rechten Plattform Rubikon aktiv ist, mit dem Journalisten Gunnar Kaiser. Auch er entwickelt die für den Schul-Flyer typische Argumentation. Die Plattformer*innen geben vor, für Grund- und Menschenrechte zu kämpfen. Aus diesem Kampf leiten sie ihre Rechtfertigung ab, sich gegen jedwede staatliche Maßnahme zur Pandemiebekämpfung zur Wehr zu setzen.

Dass das Virus durch die Gesellschaft durchrauscht, hat natürlich Konsequenzen. In einem Facebook-Post dachte Gunnar Kaiser seine eigenen Thesen zu Ende. Weil beim Durchseuchen der Gesellschaft vorwiegend ältere Menschen sterben würden, stellt sich die Frage, ob diese, wenn sie die staatlichen Maßnahmen gut fänden, weitere Lebensjahre überhaupt verdient hätten.

Facebook-Posting vom 28. Januar 2020. Quelle: https://www.facebook.com/gunnarkaiserliteratur/posts/797446760867263/ (abgerufen am 19.9.2021)

Haben ältere Menschen, die klaglos hinnehmen, dass ‚in ihrem Namen‘ und ‚zu ihrem Schutz‘ Kinder und Jugendliche in Angst und Schrecken versetzt werden, sie Störungen und Neurosen entwickeln, unter Isolation und Einsamkeit so sehr leiden, dass unter ihnen die Suizidrate signifikant steigt, sie seit beinahe einem Jahr nur noch einen billigen Abklatsch von Bildung bekommen, nicht mehr unbeschwert spielen und ihren Hobbys nachgehen können, sie zu Hause vernachlässigt werden, auch kleine Kinder acht Stunden am Tag im Sommer Masken tragen mussten und eine ganze jüngere Generation für die zukünftigen Schulden und gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgeschäden wird bürgen und aufkommen müssen (…) haben ältere Menschen, die das hinnehmen und freudig akzeptieren für ein paar eigene Lebensjahre mehr, diese Lebensjahre dann verdient?

Diese Aussage reichte sogar der rechtskonservativen deutschen Die Welt. Sie kommentiert:

(M)it der Frage danach, ob ein Mensch in diesem Land „ein paar Lebensjahre … verdient“ habe oder nicht, ist eine rote Linie überschritten, die alles, was an Richtigem oder Falschem in dieser Frage formuliert sein könnte, in einem Maße in den Schatten stellt, dass eine Diskussion im Kontext dieser Frage nicht mehr möglich ist.

Das Netzwerk der Verharmloser

Die bislang genannten Personen aus dem Umfeld der Plattform stehen nicht alleine. Ihre Verbindungen untereinander und mit weiteren Verharmloser-Zirkeln macht die Netzwerkanalyse deutlich, die uns Walter Rafelsberger zur Verfügung stellt. Die Analyse ist interaktiv und mit Zitaten unterlegt. So lässt sich verstehen, auf welchen Wegen wissenschaftliche Randpositionen ihren Weg in die breite Öffentlichkeit finden. Wichtig dafür: Mediales false balancing führt zur Verunsicherung, auch wenn aus wissenschaftlicher Sicht eigentlich keine Zweifel angebracht sind.

Von der Plattform zur Zukunftskonferenz

Ein sichtbares Beispiel für die Verästlungen dieser Netzwerke in Österreich war die sogenannte Zukunftskonferenz, die vom 10. bis 12. September 2021 in Wien-Penzing über die Bühne gegangen ist. Über einige der Sprecher*innen auf dieser Konferenz hat das Medienkollektiv Innsbruck Hintergründe zusammengetragen. Dort haben sich nämlich neben Personen aus dem Umfeld der Plattform Respekt Referent*innen aus dem Bereich der antifeministischen Väterrechtler bis Vertreterinnen von Verschwörungstheorien und Esoteriker*innen versammelt. Die Plattform hat diese Konferenz auf ihrer Facebook-Seite aktiv beworben:

Facebook-Post Plattform Respekt vom 2. September 2021

Menschenverachtende Thesen

Ursprünglich sollte auch die Innsbrucker Politikwissenschaftlerin Alexandra Weiss dort sprechen. Denn sie sieht die Pandemiemaßnahmen kritisch. Als ihr allerdings aufgrund der Recherchen des Medienkollektivs klar wurde, in welcher Gesellschaft sie sich begibt, sagte sie ihre Teilnahme ab. Semiosis hat sie nach ihren Gründen gefragt. Sie meint:

Ich finde es mehr als gerechtfertigt Kritik an Maßnahmen der Pandemie-Bekämpfung zu üben. Aber wenn man meint, es hätte gar keine Maßnahmen gebraucht, oder Gunnar Kaiser etwa räsoniert, ob die paar Jahre, die die Alten durch die Lockdowns gewonnen haben, das alles wert waren – dann ist das nicht ’nur‘ menschenverachtend, sondern auch die falsche Frage.

Sie fügt die aus ihrer Sicht richtige Frage an:

Die Frage ist nicht eine zwischen den Generationen, sondern eine Systemfrage. Wer wird in der Krise unterstützt, wer bleibt auf der Strecke? Das hat sehr viel mehr etwas mit Klasse, Geschlecht und Nationalität/Ethnizität zu tun, als mit Alter.


Über den Zukunftskongress dokumentieren wir:

Zukunftskonferenz in Wien: Antifeminismus, Verschwörungstheorien und Esoterik

3 Replies to “Schwurbel-Propaganda in und vor Schulen?”

  1. Wie schafft man es eigentlich, einen Artikel so schlecht zu recherchieren? Da muss ja fast von Absicht ausgegangen werden.
    In der Journalismusausbildung wäre das eine widerholungsprüfung.
    Viel Geschwurbel, gemischt mit a bisserl Kontaktschuld und Hörensagen, null Recherche vor Ort. Also genau das, was man der Gegenseite vorwirft – nur noch zwei Etagen schlechter artikuliert.

    Gratulation zu diesem negativen Beispiel von seriösem Journalismus !

  2. Wie schafft man es eigentlich Lügenmärchenerzähler zu verteidigen und dabei gleichzeitig anderen schlechte Recherche vorzuwerfen, lieber Bobsterino?

    Bei euch Querdenkern ist das notorische Lügen bekanntermaßen Absicht, da euer ideologisches Lügengebäude einfach nicht zur Realität passen will.

    Gratulation zu diesem Beispiel von komplett unkritischen „Denken“, wobei ich nicht weiß, was der bedingslose Glauben an Lügen und Märchen überhaupt mit Denken zu tun hat!

  3. Sie unterliegen mit ihrer bedenklichen ZeroCovid Idee in Ihrer pseudo-linken Arroganz einem schweren Irrtum Herr Reinfeldt. Wenn Sie sich mit der Thematik wirklich auseinandergesetzt hätten, müssten Sie erkennen, dass es eine Chimäre ist, eine völlig unrealistische Phantasie, für deren Umsetzung Sie faschistische Polizeistaat Methoden in Kauf nehmen würden! Jedem der behauptet links zu sein und diese Idee unterstützt muss ich unterstellen er weiß nicht was links sein bedeutet. Was Ihre Hetzpropaganda gegen die Plattform Respekt betrifft, wo sie aufgrund Ihrer mangelhaften Recherche „natürlich“ das übliche Rechtsextremen Framing verwenden, muss ich Ihnen leider mitteilen dass die Mitglieder aus allen möglichen politischen Lagern stammen, mit einem sehr großen Anteil an Linken. Sie sollten sich schämen für diesen Artikel. Schade dass viele Menschen wie Sie derart verblendet sind.

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